Was uns antreibt

Achtung, jetzt kommt geballte Weisheit.

Wir Menschen sind ganz erstaunliche Kreaturen. Die Welt, die wir um uns herum geschaffen haben, überflutet uns jeden Tag mit so vielen Informationen, das den meisten von uns gar nicht bewusst ist, wie wir eigentlich im Inneren ticken. Was uns im Kern nämlich antreibt und bewegt ist ein Erbe, das wir seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte mit uns herumschleppen: Geschichten.

Wir Menschen funktionieren entlang von Geschichten. Wir richten unser Leben nach den Geschichten aus, die wir uns selbst unbewusst jeden Tag erzählen. Wir lieben Geschichten, die im Besten Fall einen von uns vermuteten Sinn ergeben. Deshalb sind Märchen so tief in jeder menschlichen Kultur verankert.

Deshalb schockieren uns Ereignisse, die nicht in unsere eigenen Geschichten passen, weil sie im von uns geschaffenen Umfeld keinen Sinn ergeben. Deshalb macht uns auch die Pandemie so fertig, weil uns niemand eine passende und vor allem überschaubare Geschichte dazu erzählt. Das es ein Virus gibt, das die ganz Welt stilllegt und niemand weiß wie es weitergeht, das ist eine Geschichte die so groß und abstrakt und wenig greifbar und gleichzeitig banal ist, das viele Menschen sie ablehnen und sich lieber welche suchen, die überschaubarer und spannender sind – und zack, sind wir bei den Verschwörungsmärchen.

Wir sind krass anfällig für Geschichten, die uns andere erzählen. Nicht nur Verschwörungsgeschichten, sondern auch Geschichten wie in der Werbung, die uns Geschichten davon erzählt, wie unser Leben besser wird, wenn wir nur etwas kaufen.

Wir mögen solche Geschichten noch mehr, wenn sie von Leuten kommen, die wir sympathisch finden. Deshalb funktioniert Influencer-Werbung so gut. Die will uns weismachen, das wir weltgewandter werden, wenn wir nur den Lederrucksack in Vintageoptik kaufen, oder das wir so glücklich werden können wie das schöne Instagram-Mädchen, wenn wir uns nur eine Vase mit Pampasgras in die Wohnung stellen.

Wir Menschen werden im Kern von Narrativen angetrieben. Wir mögen Märchen, uns das macht uns anfällig für Manipulationen durch jene, die uns Märchen erzählen die in unser Weltbild, in das Gespinst unserer eigenen Geschichten, passen. Populisten wissen das, Schriftsteller auch. Schreibtischtäter sind auch deshalb so gefährlich, weil sie aus ihren Tastaturen Geschichten erschaffen können die zur Wirklichkeit werden, wenn nur genügend Menschen sie glauben und weitererzählen und teilen. Mit genügend zeitlichem Abstand können Schreibtischtäter sogar Historie umschreiben und damit die Gegenwart beeinflussen.

Diese innere Abhängigkeit von Geschichten hat noch einen anderen Effekt. Über hunderttausende von Jahren haben wir Menschen unsere Geschichten mündlich geteilt und weitergegeben, abends, mit der Sippe am Lagerfeuer. Auch wenn wir heute aufrecht gehen und in Häusern wohnen und Internet haben, so bekommen wir diese Prägung auf die Geschichten in unserer Familie nicht einfach so weg. Geschichten, die in unsere Familie erzählt und weitergegeben werden, prägen unser Verständnis von der Welt und unsere Sichtweisen. Es gibt etwas wie ein Familiengedächtnis, das jede Person in der Familie prägt.

Leider hat dieses Familiengedächtnis ein Verfallsdatum. Nach ungefähr 70 Jahren werden Geschichten innerhalb einer Familie von realer Lebenswirklichkeit zu einer abstrakten Erinnerung, die nicht mit uns als Einzelperson zu tun hat.

70 Jahre ist nämlich der Zeitraum, nach dem Zeitzeugen eines prägenden Ereignisses tot und die Geschichte von der nächsten Generation nicht mehr mit der gleichen Glaubwürdigkeit weitergetragen werden kann. Die Geschichte verblasst und wird zu einer fernen, abstrakten Erinnerung.

Es ist kein Zufall, dass für meine Generation (geboren Mitte der 70er) der Horror des zweiten Weltkriegs noch real war, einfach weil unsere Großeltern den miterlebt hatten. Auch wenn die vielleicht bewusst nicht viel über diese Zeit erzählten, so waren sie doch im Familiengedächtnis der Anker in die Vergangenheit. Kinder, die nach 2000 geboren sind, haben diesen Anker meist nicht mehr.

Es hat einen Grund, dass der Rechtspopulismus jetzt wieder erstarkt, das Rechtsextreme viel Zulauf haben: Weil die Geschichten über das Grauen des Kriegs nun nicht mehr aktiver Bestandteil des Familiengedächtnisses sind. Weil die letzten Zeitzeugen und die Erzähler dieser Geschichten tot sind oder sterben. Die Menschen verschwinden, und mit ihnen ihre Geschichten und ein Teil der Realität.

Der 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag Wir sollten diesen Teil der Historie zu einem Bestandteil der Geschichten machen, die wir uns und unseren Kindern erzählen.

Kategorien: Betrachtung | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Was uns antreibt

  1. Thom

    Es ist erschreckend geworden, wieviel Navisprache sich verbreitet oder schlimme Sachen mit läppischen Ereignissen verknüpft werden und somit in ihrer Schwere herabgesetzt und normalisiert werden.

    Gefällt mir

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