Reisetagebuch Motorradherbst (7): Echos der Vergangenheit

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nur an ablegene Orte, am Besten ohne Menschen. Heute mit einer Spurensuche in der Vergangenheit und mit Kühen. VIELEN Kühen.

Dienstag, 29. September 2020, Bauernhof La Vecchia Fontana, Roccafinadamo

Signora Anna, die Besitzerin von La Vecchia Fontana, werkelt an den Tischen im Gastraum und erzählt dabei vor sich hin. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Zum einen, weil ich ihren abruzzesischen Dialekt nicht gut verstehe, zum anderen, weil ich gerade versuche einen Löffel Apfelgelee vom Glas zu einem recht mürben Keks zu balancieren ohne dabei Schweinerei anzurichten. Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Vor Konzentration klemmt mir die Zungenspitze im Mundwinkel.

„Hm?, mache ich, ohne die Augen von der Wabbelmasse zu lassen, als ich meinen Namen höre. Die Signora spricht mich direkt und deutlich an und deutet dabei auf ein Bild an der Wand. „Ob Du was von der Tragödie mitbekommen hast, will ich wissen“, sagt sie.

Ich werfe einen flüchtigen Blick in die angezeigte Richtung. Das Bild ist eine Collage und zeigt ein großes Gebäude. Mit Weichzeichner ist das Portrait eines Mannes in seinen 50ern darübergelegt. Er lächelt mild in die Kamera. Daneben ist ein Hund eingefügt und in einem dieser typischen 3D-Fonts aus der Word-Billigkiste steht „Robertos Traum“ darunter.

„War dass das mit dem Hotel? 2017?“, frage ich. Großartig, jetzt habe ich es geschafft mir den Apfelgelee gleichzeitig an die Finger und in den Bart zu schmieren. Muss man auch erstmal hinkriegen.

Anna nickt. „Roberto del Rosso war der Besitzer. Wir kannten ihn gut, meine Nichte hat am Empfang gearbeitet. Sie hat überlebt, aber Roberto hatte nicht so viel Glück“. Anscheinend hat sich das Unglück wie ein kollektives Trauma bei den Leuten hier eingegraben, Mauro hat es gestern auch schon erwähnt.

Draußen scheint die Sonne, und der Berghang wirkt wieder so perfekt und grün, dass ich ganz genau hinhöre, ob nicht doch irgendwo die Startmelodie von Windows XP ertönt.

Anna, die Motorrad-KI, hat ebenfalls gute Laune. „Keine Verzögerungen auf Ihrer Route“, sagt sie. „Na, das is´ ja toll“, sage ich, während ich die V-Strom für einen Tagesauflug bepacke. Die Route, das ist heute nur ein kleiner Ausflug durch die Berge, würde mich wundern wenn Anna überhaupt Infos über diese Region hat. Aber vielleicht ist ihr einfach nach reden.

„Hit the Road, Jack“, rufe ich, aber Jack interessiert das nicht wirklich.

Die Barocca pflügt durch die schlammigen Passagen des kaputten Wegs, klettert dann das steile letzte Stück bis zur Straße hinauf und steuert dann Richtung Süden.

Über die kleinen Bergstraßen zu kurven macht einen diebischen Spaß, auch wenn die hier unheimlich schlecht sind. Egal. Der Ausblick entschädigt ohnehin für alles. Meist ist der Ausblick weit, über Felder und Berge. Und da wo er nicht weit ist, blickt man auf das Massiv des Gran Sasso, das schon mit Schnee bedeckt ist.

„Warnung“, sagt Anna und schreckt mich auf. Schnell checke ich die Reifendruckanzeige. Auf dem Display leuchtet das Hinterrad der V-Strom rot. Aber nicht weil der Luftdruck nicht stimmt, sondern weil die Verbindung zum Reifendrucksensor schon wieder weg ist. Ach je, wenn es weiter nichts ist. Ich habe sogar Ersatz für den dabei, aber ob ich Lust habe den zu montieren und dann den ganzen Firlefanz mit der Kalibration zu machen, das muss ich mir noch überlegen. Derweil genieße ich weiter den Ausblick und die Straße.

Eine halbe Stunde später signalisiert Anna, dass wir an einem besonderen Ort angekommen sind. Ich halte an und bugsiere die V-Strom an der Zufahrt zu einer Weide hinter die Leitplanke, dann hänge ich den Helm an den Lenker und inspiziere eine Einfahrt, die auf der anderen Straßenseite in den Wald hinab führt.


„Contrada Scorranesi“ steht auf einem Wegweiser. Der ist neu. „Contrada“ bedeutet „Gasse“ oder „Gebiet“ und wird in Italien in ländlichen Regionen gerne synonym für „Irgendwo da hinten, im Umkreis von 10 Kilometern, einfach mal den Feldweg langfahren und dann nochmal fragen“ genutzt. Wenn eine Adresse mit „Contrada“ beginnt, braucht man da eigentlich keine Post hinschicken, die kommt in 8 von 10 Fällen nicht an, wenn nicht noch eine Straße mit Hausnummer dabei steht. Hat man eine Unterbringung „in Contrada“ sollte man sich im Vorfeld am Besten die GPS-Koordinaten raussuchen und auf Satellitenkarten nachgucken wo das Gebäude steht, sonst kann es sein, dass man vom Navi irgendwo in die Pampa geführt wird und ein Quadratkilometergroßes Gebiet absuchen muss.

Der kleine Weg, der in die Contrada Sorranesi hinabführt, sieht ordentlich und befestigt aus. Das war beim letzten Mal ganz anders. Ich gehe den Weg hinab und wundere mich, dass das hier alles wie ein gemütlicher Wanderweg wirkt. Zu beiden Seiten des Weges ist Urwald, mit dichtem Unterholz und efeuumwucherten Bäumen. Rechts geht es fast senkrecht die Bergflanke hinab.

Schon nach wenigen hundert Metern hat der Weg Schlaglöcher, in denen das Wasser steht.

Ich laufe den Weg zwei Kilometer hinab, immer auf der Suche nach einer bestimmten Stelle. Ich meine sie zu finden, aber sicher bin ich nicht – das sieht hier alles anderes aus als vor sieben Jahren. Ich drehe um und laufe zurück, den Berg hinauf.

Vor sieben Jahren, 2013, da war ich das zweite Mal auf großer Tour, damals mit der ZZR. Ich hatte eine Nacht in „La Vecchia Fontana“ verbracht und wollte über die Gran Piana nach Amelia fahren, aber dann führte mich das Navi, damals ein TomTom Urban Rider, in die Contrada Sorranesi und damit geradewegs in die Hölle.

Im Winter 2012/13 hatte es hier oben so heftige Regenfälle gegeben, dass die gesamte Deckschicht des Wegs weggeschwemmt war. Binnen kurzer Zeit hatte sich der Zustand von „Ist zwar Schotter, aber fahrbar“ verwandelt in „unbefestigte Scheiße aufs der Hölle“.

Wirklich, der Weg hier bestand praktisch nur noch aus kopfgroßen Findlingen und Kieseln, über die ich mit dem Sportmotorrad hoppeln musste. Ein Umkehren war nicht möglich, weil der Weg zu schmal zum Wenden war.

Als ich dache es könnte nicht mehr schlimmer werden, kam ich an eine Stelle, an der der Weg zur Hälfte weggebrochen war. Rechts war eine senkrechte Böschung, links 50 Meter senkrechter Abhang. Das war der Moment, wo ich nicht mehr weiter wusste und die Bergwacht rufen wollte, aber hier oben, mitten in den Abruzzen, gibt es kein Mobilfunksignal. Ich habe dann all meinen Mut zusammengenommen und bin mit der Renaissance über den schlammigen Rest von einem Weg gefahren und habe dabei gedacht „Wenn Du das hier überstehst, hast Du eine gute Geschichte zu erzählen“.

Dieses Ereignis hat mich nie losgelassen, und obwohl ich es damals gleich aufgeschrieben habe, stellte ich mir mit den Jahren ab und an die Frage, ob es wirklich so schlimm war, oder ob ich das heute anders beurteilen würde. Deshalb bin ich jetzt wieder hier.

Die Wahrheit ist: Es war so schlimm, auch wenn ich es heute anders bewerten würde. Damals hatte ich schon Bedenken vor dem Fahren auf Schotter, heute habe ich damit überhaupt keine Probleme und scheue auch vor Feldwegen und Schlamm nicht zurück. Ich bin halt in der Zwischenzeit ein besserer Fahrer geworden, und die Renaissance war einfach nicht für diese Art Touren gemacht. Aber nichtsdestotrotz ist der Weg hier kein guter, selbst mit einer neuen Deckschicht ist er steil und steinig, und wenn damals diese ganze Kiesschicht weg war, dann WAR es wirklich so schlimm wie ich es hier notiert habe.

Ich blicke noch einmal zum Gran Sasso hinauf, der weit über der Contrada Sorranesi leuchtet. Währenddessen kurven über den Weg gleich zwei mal hintereinander uralte Männer in Fiat Pandas. Erstaunlich, Italien hat einen unendlichen Vorrat an sonnenverbrannten, zerzausten Männlein in Fiat Pandas. Und an Frauen die gucken wie eine Eule.

Ein Stückchen weiter fahre ich den Engel. Im Ernst, sieht diese Straße nicht so aus wie ein Engel?

Vom Engel aus hat man einen fantastischen Ausblick über die zerklüftete Hügellandschaft der Abruzzen. Heute Morgen reicht die Sicht sogar bis zum Meer.

Am Wegesrand warnt ein Schild vor Kühen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das eine ernstzunehmende Warnung ist. Und da ist schon die erste:

Zehn Minuten später komme ich an eine Einfahrt, die mit einem Bauzaun versperrt ist.

Ich halte an und werfe einen genaueren Blick darauf, auch wenn ich schon genau weiß, was das hier ist. Das hier sind die Überreste des Hotels, von dem Signora Anna gesprochen hat.

Das Schild zum Hotel steht noch. „Hotel Rigapiano am Gran Sasso“ steht darauf. Darunter ist ein Schaukasten angebracht mit den Bilder von 29 Menschen, die hier am 18. Januar 2017 gestorben sind. Ganz unten rechts ist auch das Bild von Roberto, das auch Teil der Collage im Gastraum von Vecchia Fontana ist. Das Hotelschild ist ein Gedenkstein für diese Menschen.

Wäre ihr Tod vermeidbar gewesen? Das „Rigopiano“ war ein 4-Sterne-Luxushotel mit Wellnessbereich, Tennisplatz und Hallenbad, das Roberto hier 2007 aus einer Berghütte gebaut hatte. Mit der Lage hier hatte es einen fantastischen Ausblick über die Berge und zog sogar Promis wie George Clooney an, der hier während der Arbeiten an „The American“ wohnte, der auf der anderen Bergseite gedreht wurde.

2017 sorgte eine Kältewelle in Kombination mit Regenfronten im Apennin für ungewöhnlich starke Schneefälle von deutlich mehr als zwei Metern. Bergdörfer in dieser Region waren über Straßen teils nicht mehr erreichbar, und auch der Strom fiel immer wieder aus.

Im Hotel führte das zu Besorgnis. Roberto del Rosso kannte seine Berge und wusste, das sich weiter oben viel Schnee ansammelte und der auf den steilen, nackten Hängen über dem Hotel ins Rutschen kommen konnte. Das war auch kein Geheimwissen, im ganzen Gebiet war schon am Vortag die höchste Lawinengefahrstufe ausgerufen worden.

Der Schneefall hörte nicht auf, und am 17. Januar 2017 ordnete del Rosso die Evakuierung des Hotels an. Da die Straßen nicht passierbar war, informierte er den Räumdienst der Region und betonte die Dringlichkeit, aber die Behörden vertrösteten ihn – das schwere Räumgerät war anderswo im Einsatz.

Erst einen Tag später kam der erlösende Anruf: „Schneefräse ist auf dem Weg, 15:00 Uhr ist sie da“. Die rund 30 Gäste und 12 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machten sich abreisebereit, packten ihre Sachen, gruben die Autos aus und stellten die startbereit in die Hoteleinfahrt. Dann setzten sie sich in die Hotelhalle, um auf den Räumdienst zu warten.

Der Nachmittag verging, doch der Räumdienst kam nicht. Stattdessen donnerte um 17:30 Uhr eine Lawine vom Nordhang des Gran Sasso in das Tal hinab. Der Schnee gewann weit oben schon eine solche Geschwindigkeit, dass er in wie ein Bulldozer durch die Wälder weiter unten am Berg fegte.

Später hat ein Physiker ausgerechnet, dass die Wand aus Schnee und abgerissenen Bäumen mit einer Wucht auf das Gebäude traf, die der Masse und Energie von 4.000 voll beladenen LKW bei Tempo 100 entsprach. Das Hotelgebäude, hatte dieser Wucht nichts entgegenzusetzen und wurde erst in sich zusammen und dann über das Plateau geschoben, auf dem es gebaut und von dem es seinen Namen hatte.

Das Hotelgebäude wurde durch die Wucht des Einschlags über das Plateau geschoben. Bild: TVsei, wikimedia, CC BY

Zwei der Hotelgäste hatten sich zum Zeitpunkt des Lawinenabgangs auf dem Hotelparkplatz befunden und konnten sich selbst aus dem Schnee befreien. Was dann geschah, hört sich an wie aus einem schlechten Film.

Die beiden bekamen eine löcherige Mobilfunkverbindung und informierten darüber einen Bekannten. Der rief sofort die Polizei im nächstgelegenen Ort an. Dort glaubte man an einen Scherz und legte einfach auf. Der Dorfpolizist hatte ja zwei Stunden vorher noch mit Roberto del Rosso telefoniert, da musste also alles in Ordnung sein.

Der Bekannte rief nacheinander sämtliche Behördennummern an, aber überall hielt man seinen Notruf für einen Prank. Als endlich jemand das Ganze Ernst nahm, stellte sich heraus, das immer noch kein Räumgerät verfügbar war.

So erreichten die ersten Retter auf Skiern und erst gegen 04:00 Uhr morgens, also satte 11 Stunden nach dem Abgang, die Unglückstelle. Viel mehr tun als mit bloßen Händen graben konnten sie freilich nicht, und es dauerte bis zum nächsten Vormittag, bis sich endlich eine Schneefräse bis hierhin vorgearbeitet hatte.

Luftaufnahme der freiwilligen Feuerwehr. Das Ausmaß der Zerstörung ist unter dem ganzen Schnee nur zu erahnen.

Ein Überlebender berichtete, wie er die Hand seiner Frau gehalten hat, bis sie immer kälter wurde.

Dieses Video ist nach der Katastrophe entstanden. Das Kamerateam von Kanal 6 bewegt sich durch die Ruine, Luftaufnahmen zeigen, wie sich der Räumdienst vorarbeitet.

In den folgenden zwei Tagen konnten noch neun Menschen lebend geborgen werden, darunter alle Kinder, die noch im Hotel gewesen waren. Aber 29 Menschen waren ums Leben gekommen, und die Frage, ob ihr Tod zu verhindern gewesen wäre, beschäftigt offiziell bis heute eine Untersuchung, die aber – typisch Italien – verschleppt und ohne Ergebnis bleiben wird.

Satellitenbild von 2017. Deutlich zu sehen die Baumstämme, die die Lawine mitgerissen hat.

Roberto del Rosso trifft sicher zumindest eine Mitschuld. Er hatte eine Berghütte aus den 50ern zum Luxushotel aus- und umgebaut, und diese Hütte hatte auf einem jahrzehntealten Schuttberg gestanden. Dieser Schuttberg wiederum kam daher, dass an genau dieser Stelle im Jahr 1936 eine Lawine eingeschlagen und hier einen halben Wald abgeladen hatte. „Robertos Traum“ war also genau in einer bekannten Lawinenschneise gebaut worden, wo bis heute weiter Lawinen abgehen.

Einer derjenigen, die den Bau des Hotels genehmigt hatte, ein General der Forstwache, fühlte sich so schuldig, dass er sich ein Jahr nach dem Unglück das Leben nahm.

Dieses Satellitenbild ist aus dem Jahr 2017, man sieht dort die Straße und das Gelände des Hotels, wie sie mit Baumstämmen und Schlamm bedeckt sind.

Ich laufe ein Stück am Bauzaun entlang. Das Gelände wurde geräumt, es gibt keine Trümmerhaufen oder Schutt. Das hier mal Gebäude standen, sieht man nur noch an Bodenplatten der gegossenen Fundamente.

Interessant: Wenn man im Dezember 2020 Google Streetview anwirft, dann sieht man für diese Stelle Aufnahmen aus 2011. Darauf steht das Hotel noch. Google als Zeitmaschine, die einem die Echos der Vergangenheit zeigt.

Ich steige wieder auf die V-Strom und fahre vorsichtig weiter, denn wenn ich mich richtig erinnere, standen hier beim letzten Mal Kühe auf der Straße. Ah, da sind sie schon: Eine ganze Herde Rindviecher steht auf der Straße rum, begutachtet Verkehrsschilder und knabbert an Bäumen.

Ich fahre die Serpentinen durch den Wald hinauf bis über die Baumgrenze und dann über den Grat, den der Gran Sasso um die Gran Piana, die Hochebene, bildet.

Wie beim ersten Mal verschlägt mir auch heute noch die Aussicht fast den Atem, so schön ist das hier. Die Landschaft beeindruckt mich immer noch, und das, obwohl ich seit 2013 schon ein paar Mal hier oben war. Das hier ist einfach einer der schönsten Orte der Welt.

Ich habe das borstige Gras, dass die Hochebene bedeckt, schon im Mai und Juni und im September gesehen. Manchmal war alles sattgrün, manchmal goldgelb, einmal sogar rötlich. Heute präsentiert sich das Land ausgeblichen und trocken, wie eine Steppe.

Nicht umsonst wird die Hochebene von manchen mit der Steppe der Mongolei verglichen oder von anderen „Little Tibet“ genannt. Tatsächlich wurden hier auch schon Filme gedreht die in Tibet spielen. Und Science-Fiction Filme, so unwirklich ist die Landschaft.

Ich grüße einen Schäfer, der seine Herde für mich zur Seite treibt.

Auf 1.500 bis 1.700 Metern verläuft die Straße ein Mal über die Hochebene. Nicht viel los hier oben, sieht man von dem Wohnmobilcamp an Muccis Grillhütte und einigen PKW ab.

Bei Fonte Cerreto kommt die Straße aus der Gran Piana heraus und schlängelt sich dann an der Südseite des Gran Sasso entlang. Die Barocca fliegt über die leere Straße und taucht durch die fantastischen Kurven hier oben. Ich fahre mich in eine Art Trance hinein. Eins werden mit dem Motorrad, die Maschine als Verlängerung des eigenen Körpers, die Ideallinie fühlen, den Asphalt durch das Fahrwerk zu spüren. Ein entspannender und meditativer Zustand.

Ich halte ein paar Mal an und genieße die Stille und die völlige Abwesenheit von Menschen hier oben. So weit ich gucken kann sehe ich über eine Welt, die praktisch ohne Menschen ist. Nur ganz weit hinten und unten im Tal ist wieder ein Dorf zu sehen.

Die V-Strom möchte tanken, und ich erfülle ihr den Wunsch und steuere sie vom Passo delle Capanelle in Richtung L´Aquila die fantastische Kurvenstrecke ins Tal hinab. Hier finde ich auf Anhieb eine Tankstelle der Marke Q8. Das ist super, denn Q8 sind reine Automatentankstellen, die auch Kreditkarten nehmen. Die Maske wäre also gar nicht nötig gewesen.

Motorradreisen in Pandemiezeiten.

Hier im Tal ist der Autoverkehr dicht. Kleine Orte bilden den Speckgürtel von L´Aquila, der Hauptstadt der Region. Ich wende das Motorrad und fahre zurück in die Berge, auf dem gleichen Weg den ich gekommen bin.

Auf dieser Reise ist das jetzt das dritte Mal, das ich am Passo delle Cappanelle vorbeikomme. Das erste Mal war vor drei Tagen, im eisigen Regen bei Temperaturen um die Null Grad. Heute ist Sonnenschein und fast 10 Grad, das ist viel angenehmer, aber trotzdem muss ich ab und an die Griffheizung einschalten, um die Kälte aus den Fingern zu vertreiben.

Kurz bevor es wieder auf die Gran Piana geht halte ich an. Am Fuß des Monte Christo lasse ich die Barocca zurück und gehe an der Bergflanke entlang.

Der Hang fällt hier bis zur Hochebene steil ab. Die Landschaft ist hier so weit und offen und so karg, dass man an den Schatten sehen kann wie schnell die Wolken über sie hinwegziehen.

In der Ferne kann ich einen See erkennen, um den herum weiße Kügelchen hoppeln. Eine Schafherde.

Unter mir liegt etwas, an dem ich schon einige Male vorbeigefahren bin und von dem ich immer wissen wollte, was es ist und welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Hier, mitten in der „Contrada Fossa di Paganica“ steht ein Gebäudekomplex, den man von der Straße aus sehen kann. Aber was ist das? Ein großer Stall? Ein verlassenes Hotel?

Stellt sich raus: Beides! Beim Näherkommen kann ich sehr deutlich sehen, dass das hier ein Hotelkomplex gewesen sein muss. Es gibt ein großes Hauptgebäude, das aussieht wie ein mittelgroßes Hotel. Dahinter ist ein Gebäude, das einen Viertelkreis beschreibt. Sieht ein wenig nach Motelzimmern aus. Dem vorgelagert ist ein achteckiger Bau, der nach Restaurant aussieht. Woah, wie toll muss das sein, in dieser Landschaft – und vielleicht sogar noch im Winter! – hier zu übernachten und mit Blick auf die verschneiten Berge zu dinieren!

Ich sehe aber auch sehr deutlich, dass der Komplex nie über den Rohbau hinausgekommen ist. Der Bau wurde offensichtlich nie fertiggestellt, es fehlen Putz, Fensterrahmen oder Geländer.

Was von meiner Beobachterposition auf einem Felsvorsprung am Berghang auch deutlich zu sehen ist: Der Bau ist bewohnt. Direkt vor dem Hauptgebäude und vor den Motelzimmern ist die Erde aufgewühlt, dort werden anscheinend Schafe gehalten. Der oder die Schäfer übernachten in einem Wohnwagen, der in Endstation eines Sessellifts geparkt ist.

Zu gerne würde ich diesen Lost Place da unten erkunden, aber in der Ruine kläfft ununterbrochen ein dem Volumen nach recht großer Hund, und dort hinab zu klettern ist erstens anstrengend und zweitens würde mich der Schäfer, der seine Herde gerade vom See auf das Gebäude zutreibt, sehen.
Ach, verdammt. Fliegen müsste man können.
Eine fliegende Kamera, das wär´s jetzt.

Und dann haue ich mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Ich doof!

Ich habe doch eine fliegende Kamera dabei! In einer Tasche im Topcase der V-Strom steckt die Pica, die Elster, eine Mavic Air. Laut Verordnungen darf ich sie zwar in Italien nicht fliegen, aber pfeif drauf, hier oben ist das egal. Ich will gerade umdrehen und die Drohne holen, als ich unten im Hotelgebäude eine Stimme rufen höre. Der kläffende Hund verstummt kurz, dann bellt er weiter.

Ich überlege kurz. Soll ich wirklich mit der Drohne zum Gebäude hinüberfliegen? Also wenn ich da unten wohnen würde, ich würde mich nicht unbedingt freuen, wenn so ein Ding um mein Heim kreisen würde. Außerdem weiß ich, dass Schäfer hier manchmal Flinten mit sich rumtragen. Wegen der Wölfe, die Lämmer reißen und wegen der Diebe, die sogar über Nacht ganze Kuhherden stehlen und abtransportieren. Fehlt mir noch, dass ein verärgerter Schafhirte die Pica mit einer Ladung Schrot aus dem Himmel holt.

Ich bin hin- und hergerissen, als mir das Wetter unerwartet die Entscheidung abnimmt. Ein steifer Wind frischt auf. Damit hat sich das Thema Drohne dann ohnehin erledigt, die Brise ist so steif, da fliegt es sich nicht gut. Ich werfe einen letzten Blick auf das Hotel, dann kehre ich um und kraxele zurück zum Motorrad.

Später werde ich rausfinden, dass das Gelände hier am Monte Christo schon Anfang der Sechziger an einen Unternehmer namens Vittorio Rimondi verkauft wurde. Der wollte hier einenen Touristenort nach Vorbild der mondänen Wintersportorte in den Dolomiten bauen, die mit Geschäften, Skiliften und weiteren Hotels. Das erste Gebäudes sollte ein Hotel mit dem schönen Namen „Vaiparaiso“ werden, und 1969 wurde der Bau daran mit viel TammTamm begonnen.

„Campo Nevada“ hieß das Projekt, dem allerdings schon kurz nach Baustart der Stecker gezogen wurde. Nach einem Rekordwinter im Jahr 1971 stellte sich raus, dass es nicht möglich war die Straßen in der Region befahrbar zu halten. Dazu kam, dass das Lawinenriskio in der gesamten Region als zu hoch eingestuft wurde. Aha, guck an. Damit ist Campo Nevada an dem gescheitert, was Roberto del Rosso ingnorierte und das letzlich zur Zerstörung des Rigopiano geführt hat.

An der Straße parkt ein Traktor. Aus dem Anhänger mäht es laut.

Das Hotel Valparaiso kam in der Folge nie über den Rohbau hinaus. Die Firma hinter dem Projekt, die Montechristo SPA, ließ einfach alles stehen und liegen und baute das Wintersportressort an die Nordseite des Gran Sasso, behielt aber das Grundstück in der Fossa di Paganica.
Anfang der 90er reichet das Unternehmen die Bodenrechte an eine Tochterfirma mit dem Namen „Campo Nevada“ weiter, die 1999 das Grundstück an das Gran Sasso Tourist Centre, eine Einrichtung der Gemeinde L´Aquila, veräußerte.

Unmittelbar danach meldete sich Montechristo SPA wieder und behauptete, Campo Nevada hätte gar nicht das Recht gehabt, das Gebiet zu veräußern. Um das Kuddelmuddel komplett zu machen, legte Campo Nevada zwischenzeitlich Pläne zur Bebauung des Grundstücks vor, das ihnen gar nicht mehr gehörte.

Damit startete ein jahrzehntelanger Rechtsstreit. Gerichte arbeiten langsam in Italien, und deshalb wurde erst 2018 entschieden, dass der Grund und Boden wieder der Gemeinde gehört. Nun hat L´Aquila aber kein Geld und nach den verheerenden Erdbeben 2007 auch ganz andere Probleme als Hotelruinen im Naturpark rück zu bauen, und deshalb freuen sich derweil die Schafe über eine mondäne Unterkunft.

Ich fahre zurück zur Vecchia Fontana, wo Jack schwanzwedelnd vor dem Haus rumliegt und mich erwartungsvoll ansieht.

„Na“, sage ich zu dem Hund. „Lust auf einen Spaziergang?“ Jack springt auf und begleitet mich bei einer kleinen Tour über die Ländereien, die zur Vecchia Fontana gehören.

Gemeinsam kraxeln die Berge hoch. Ich schnaufe und fluche dabei, denn die Pfade sind steil und vom Regen durchweicht. Dicke Lehmklumpen bleiben an meinen Stiefeln kleben. Jack hat dieses Problem nicht und springt behände um mich herum, während ich mich von Baum zu Baum den steilen Bergpfad hinaufhangele.

Mauro und seine Frau haben zusammen mit Schwiegermutter Anna den Hof in den letzten Jahren zu einem Agriturismo gemacht, auf dem insbesondere Stadtkindern das Landleben erklärt werden soll. Überall sehe ich liebevoll handgemalte Tafeln mit Erklärungstexten.

Ein Lernpfad führt in den Wald hinein. Jack springt vorweg, ich stapfe durch regenweichen Matsch hinterher. Überall gibt es was zu entdecken, mal ein Indianerzelt auf einer Lichtung, mal Holztiere auf einer Bank, mal beklebte und bemalte Steine. Schon fast magisch.

Auf der Spitze des Bergs, an dem La Vecchia Fontana liegt, wird gerade aufgeforstet. Mit Laubbäumen, wie ich wohlwollend registriere. Aber gut, in Zeiten des Klimawandels kommt in Südeuropa eh´niemand mehr auf die Idee Nadelgehölz zu pflanzen.

Was Jack und ich heute leider nicht finden sind die beiden Esel, die es hier auch gibt. Ich liebe Esel. Stattdessen finde ich ein paar Kaninchen, die in einem großen Gehege untergebracht sind, aber die gucken so herzzereissend traurig, dass ich Mitleid mit ihnen habe.

Am Abend machen Anna und Mauro wieder ein unfassbares Abendessen, ganz für mich allein. Habe ich es gut!
Anna brutzelt etwas im Kamin, und dann gibt es als Vorspeise übriggebliebene Salsicce von gestern auf Brot, dazu Käse und Feigen.

„Hmm“, mache ich. „Reife Feigen, sowas bekommt man in Deutschland gar nicht!“ „Ach, nicht?“, wundert sich Mauro, dann überlegt er laut „Ist eigentlich auch klar, reife Feigen halten sich nur ein, zwei Tage. Also muss man die grün pflücken, wenn man sie exportieren will. Aber dann schmecken sie nicht“.

Als Primo, als ersten Gang, gibt es selbstgemachte Ravioli. Jeder, der schon mal Ravioli selbst gemacht hat weiß, was das für eine Arbeit ist.

Als Secondo gibt es… öh. Lamm? Schwein? Keine Ahnung. Vergessen.

Ich fresse mich in ein veritables Koma, bis ich wirklich nicht mehr kann. Man, geht es mir hier gut.

Tour des Tages: Von Roccafinadamo über die Gran Piana und Fonte Cerreto bis nach Cermone zum Tanken und genau so wieder zurück, insgesamt 192 Kilometer.

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