Winter 2020/21

Böse Zungen behaupten: Immer wenn der Silencer Urlaub hat, schaltet das Wetter spontan auf Sintflut um. Tatsächlich bieten mir Einwohner:innen der Stadt Passau mittlerweile sogar geldwerte Leistungen an, damit ich ihre Stadt nicht mehr besuche – die können sich halt so eine Nummer wie 2013 nicht dauernd leisten.

Nun habe ich gerade eine Woche Resturlaub, und was soll ich sagen… wenn meine natürliche Fähigkeit als Urlaubsregenschamane auf arktische Kaltluft trifft, dann ergibt das:

Winter! Schnee! Kälte!

Das war in meiner Kindheit die Regel. Ich kann mich sogar dran erinnern, wie ich an meinem elften Geburtstag, der auch so Mitte Februar liegt, durch hohen Schnee vom Elternhaus auf dem Berg ins Dorf hinab stapfen musste um Filme zurück in die Videothek zu bringen und mir der Schnee bis zu den Oberschenkeln reichte.

Aber das war damalsTM, und richtig echten Winter hatten wir in unserer Region seit ziemlich genau 10 Jahren nicht mehr.

Aber jetzt ging es am Samstag, pünktlich am ersten Urlaubstag, los.

In der ersten Nacht dachte ich noch, dass das nicht liegen bleiben würde und machte einen Spaziergang durch den Schneesturm und über die umliegenden Berge.

Tatsächlich hörte es aber nicht mehr auf zu schneien. Von Samstag bis Dienstag schneite es praktisch durchgehend, und die Temperaturen fielen binnen kurzer Zeit in zweistellige Minusbereiche. Das ergibt in Kombination einen sehr feinen und leichte Pulverschnee. Im Zusammenspiel mit starkem Wind und Sturmböen, wie am Sonntag, kam es dann zu Schneeverwehungen. Das sieht nett aus, wenn man im Warmen sitzt und aus dem Fenster guckt. Auf dem Dorf haben einige Leute noch Alternativen zum Auto.

Mittlerweile sind hier durchgehend 50, stellenweise bis zu 80 cm Schnee gefallen, die Temperaturen liegen nachts bei minus 18 Grad Celsius. Immerhin ist jetzt allen wieder bewusst geworden, warum die Häuser hier in der Region klassischerweise Spitzdächer haben – auch den Zugezogenen aus der Siedlung, die ihre Ecke vom Dorf mit Designerhäusern mit fancy Flachdächern oder mediterranen Zeltdächern vollgestellt haben.

Die Schneemengen sorgen auch dafür, dass die Straßen praktisch dicht sind. Links und rechts türmen sich hohe Schneewälle, weswegen es keine Parkplätze gibt, die Fahrbahnen sind von Schnee bedeckt, der so fest ist, dass er nicht mehr geräumt werden kann, und bei so tiefen Temperaturen wirkt auch kein Streusalz mehr.

Nun hatte ich mir eh vorgenommen mich im Urlaub mehr zu bewegen, und Schneeschippen ist ein ziemlich gutes Workout. Um zumindest die Einfahrten hier am Haus frei zu bekommen, habe ich allein gestern vier Stunden Schnee geschaufelt, bis die Haufen über zwei Meter hoch waren. Hat sich gelohnt, aber meine dünnen Pandemieärmchen haben jetzt einen ordentlichen Muskelkater.

Immerhin bin ich der Held bei den Nachbarinnen, weil sie wieder an ihre Autos kommen. Und noch mehr, weil ich helfen konnte sie anzuschieben, denn unter der Schneeschicht, die alle Straßen bedeckt, ist Eis. Wenn man sowas noch nie er-fahren hat, dann drehen die Reifen schneller durch als man gucken kann.

Ich bin im Harzvorland groß geworden und kenne die ganzen Tricks um bei Schnee und Eis Berge hoch- und runter zu kommen. Ich bin auch heil froh, dass ich dem Kleinen Gelben AutoTM doch noch noch einmal die besten Winterreifen spendiert habe. Heck, ich habe sogar Schneeketten für den Wagen. Aber ich fahre jetzt einfach mal nicht. Denn was nützt es, wenn ich zwar auf Schnee und Eis fahren kann, alle anderen aber nicht? Nüscht, wie der Berliner sagt, und ein Blick in die Unfallmeldungen bestätigt das.

Noch lässt es sich vermeiden das ich raus muss, denn Coronabedingt habe ich einige Vorräte zu Hause. Die wurden mit dem Ziel angelegt, nur ungefähr alle drei bis vier Wochen ein Mal einkaufen fahren zu müssen. Doof nur, dass ausgerechnet in der vierten Woche, in der wieder mal ein Einkauf angestanden hätte, diese Schneepracht hier losgegangen ist.

Aber egal, sitze ich halt hier eingeschneit auf dem Dorf und ernähre mich von Sternchennudelsuppe und Reis und den Äpfeln, die im Keller eingelagert sind. Immerhin lässt sich schön spazieren gehen und die Galloways auf der Weide um die Ecke besuchen.

Ich habe also überhaupt keinen Grund mich zu beklagen, außer vielleicht, dass ich mir das Konzept „Urlaub zu Hause“ ungefähr so vorgestellt habe:

  • Bis in die Puppen „Yakuza 7“ oder „Cyberpunk 77“ spielen
  • Bis Mittags schlafen
  • Dann Mittagsschlaf halten
  • Den Taschen-Bildband über Hieronymus Bosch durcharbeiten
  • Reiseführer wälzen
  • Reisetagebuch weiterschreiben
  • Viel Spazieren gehen
  • Bisschen mit der Drone fliegen
  • Bücherregale entrümpeln und Garage aufräumen
  • Endlich die anderen Festplatten in den Rechner einbauen
  • Mal gucken ob sich auf dem Core2Duo Macbook Pro von 2006 wohl ein Linux anstelle von Snow Leopard installieren lässt
  • Abhängen

Tatsächlich sieht Urlaub zu Hause aber so aus:

  • 06:45 Uhr aufstehen und Schnee schippen
  • Nebenbei die festgefahrenen Autos der Nachbarn freischieben
  • Bei der verbimmelten Nachbarin, die seit Wochen nicht da ist, nachfragen ob ihre Heizung auch im Wintermodus läuft
  • Erfahren, das selbige schon seit einem Monat kaputt ist (die Heizung, nicht die verbimmelte Nachbarin)
  • Um 07:00 Uhr auf den Handwerker warten, der die Heizung bei der verbimmelten Nachbarin repariert
  • Dem Handwerker einen Föhn leihen, damit er das Türschloss seines Werkstattwagens auftauen kann
  • Schnee von den Balkonen und Schuppen schippen, bevor die zusammenbrechen
  • Die Krankenschwesterhausbewohnerin trösten, weil Schnee so furchtbar ist, dafür Käsekuchen bekommen (immerhin!)
  • Dachdecker bestellen, weil bei Wasser durch die Decke der Dachgeschosswohnung tropft (vermutlich ist Pulverschnee in den Giebel geweht und schmilzt dort lustig vor sich hin)
  • Das Kleine Gelbe AutoTM ausgraben, feststellen das das Türschloss zwar auf-, aber nicht wieder zu geht und die Tür nicht mehr einrastet. Mit Föhn vor der Tür knien und komische Blicke der Wildschweinnachbarin ernten.
  • Parkplatz der schönen Nachbarin freischaufeln, dafür Dankbarkeit ernten
  • Mich an die Worte der alten Vermieter erinnern: „Bei starkem Frost frieren schon mal die Abwasserrohre ein“ und jetzt bei jeder Badbenutzung skeptisch gucken.
  • Bettzeug ins Wohnzimmer tragen und auf der Couch übernachten, denn im Schlafzimmer kommen die Temperaturen nicht mehr über 11 Grad
  • Festgestellt, dass selbst gekochte Eier ohne Schale mit einem lauten POFF explodieren, wenn man sie länger als 30 Sekunden in die Mikrowelle legt. Der Fallout ist so kleinteilig und klebrig, dass man die Mikrowelle danach wegwerfen möchte.

Mir ist ja ohnehin nie langweilig, aber man sieht: Im Moment ganz besonders nicht. Immerhin  ist Besserung in Sicht. Der strenge Frost mit zweistelligen Minusgraden und Schneefall wird noch die ganze Woche und das Wochenende anhalten, aber ab Montag aber wird es warm und sonnig.

Also genau dann, wenn mein Urlaub vorbei ist.

Kategorien: Gnadenloses Leben, kleines gelbes Auto | 12 Kommentare

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12 Gedanken zu „Winter 2020/21

  1. FrauZimt

    Das mit dem Ei und der Mikrowelle klingt jetzt aber schon so als sei dir trotz allem immer noch langweilig…

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  2. 😆

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  3. zwerch

    Öhm… du besitzt einen Föhn? 😀
    Relikt aus vergangenen Zeiten?

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  4. Über das Intro zu dem nachfolgenden Text habe ich gerade Tränen gelacht!! „(…)die können sich halt so eine Nummer wie 2013 nicht dauernd leisten.“

    Ich habe mir auch Passau 2013 mit dem Video gerade angeschaut. Echt zum Lachen!! Ich schicke Dir gleich mal ein Foto….neulich an der Ampel…

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  5. Zwerch: Ich WUSSTE dass das kommt, hätte das allerdings von Zimt erwartet. Ja, ich bin noch im Besitz eines Föhns. Den habe ich aufgehoben, weil ich ein serviceorientierter Gastgeber bin, der gelegentlich langhaarige Übernachtungsgästinnen hat 🙂

    Lupo: Chchr, cooles Bild, danke! Ich schmunzelte!

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  6. lupo631

    Stell Dir vor, das passiert Dir wirklich!!! Da guckst Du aber aus der Wäsche!

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  7. Joerg „TJ“ Wenzel

    Ohh, mit Eiern in der MW bin ich extrem VORSICHTIG geworden. Noch nicht Mal verrührt traue ich den Biestern.

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  8. Lupo: Lieber nicht 😬

    TJ: Jetzt bin ich auch schlauer… ich hatte immer gedacht flüssig+Schale ist das Problem, aber die Viecher sind noch tückischer! 🤔

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  9. Für MW-Eier gibt es so lustige MW-Eierbecher. Geschlossen. Gesichert. Und dann klappt das. Lohnt aber nicht, Eierkocher oder Topf reicht auch 😉

    Schnee habt ihr definitiv mehr, aber 10cm (übereinander) in Norddeutschland reicht auch für ein Chaos 😉

    Schöne Bilder, allerdings muss ich bei den Galloways an Steak denken, hatte heute noch nichts zu Essen 😛

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  10. KNATTY & Elchy

    Danke für die Lacher … 🙂

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  11. Kradblatt: Was sind denn bitte MW-Eier? Galloways habe ich tatsächlich auch zuerst auf dem Teller kennengelernt. Das Tolle an diesem Dorf hier ist: Du kannst auf der Weide Galloways angucken und ein Stück weiter Wildschweine und Rehe und dann die Straße einfach ein Stück weitergehen und im Dorfgasthaus genau diese Viecher essen! Gerade noch vor den Frischlingen gestanden und gesagt „Ui, wie niedlich“ und schon hat man sie auf dem Teller!

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  12. Kradblatt: ARGH! MikroWellen-Eier! Man, das hat bei mir jetzt aber gedauert…

    Nee, so Eierbecher braucht kein Mensch. Ich wollte das Ding ja auch nur aufwärmen, war ja schon gekocht und alles.

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