Reisetagebuch Motorradherbst (10): Delegierte Abenteuer

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nach zwei Tagen in den Marken geht es heute wieder auf Fahrt, und natürlich lässt es sich das Wetter nicht nehmen mich zu begleiten.

Freitag, 02. Oktober 2020, La Fenice, Mondaino, Marken

Noch einmal mit Marco über Motorradreisen quatschen, noch ein Mal Grazias fantastische Kuchen genießen, dann muss ich leider das Motorrad schon wieder abreisefertig machen.

Das ist sehr schade, hätte ich gewusst wie gastfreundlich die beiden sind und wie wohl ich mich auf La Fenice fühle, wäre ich länger geblieben.

Als die Koffer schon an der V-Strom hängen und ich den Helm mit Anna drin auf dem Kopf habe, kommt Marco noch einmal vor die Tür. Der große Mann hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Schultern hochgezogen. Er hat sich von der Frühstücksbuffettbedienerei davongestohlen. Das ist nicht schlimm und noch nicht aufgefallen, weil die anderen Gäste sind noch gar nicht aufgestanden sind.

„Und, wo geht´s jetzt hin?“, fragt er. „Toskana“, sage ich. „Ach ja, auch schön, Hmhm.“

Und ehe man es sich versieht, quatschen wir schon wieder über Motorradtouren, bis irgendwann Grazie energisch ans Küchenfenster klopft und Hilfe bei der Versorgung der mittlerweile eingetrudelten Gäste fordert. Marco huscht pflichtbewusst zurück ins Haus, und ich klettere grinsend auf die V-Strom und lasse den Motor an. Was für liebe Menschen, was für ein tolles Haus. Es war hoffentlich nicht das letzte Mal, dass ich hier zu Gast sein durfte.

Ich lenke die Barocca aus dem Feldweg, an dem La Fenice liegt, auf die Dorfstraße von Mondaino, dann geht es gen Südwesten. In weiten Kurven führt die Straße durch keine und kleinste Orte. Es gibt andere Wege um schneller voran zu kommen, aber schnell vorankommen ist nicht das Ziel. Langsam herumtrödeln und Landschaft angucken, DAS ist die Tagesaufgabe. Wenn ich wollte, könnte ich in drei Stunden am Ziel sein. Will ich aber nicht.

Unter einem bedeckten Himmel geht es wieder ins Landesinnere, auf den Apennin zu. Auf dem Weg dahin ist außer kleinen Örtchen nicht viel, aber die Landschaft hat es in sich. Guckt man sich diesen Teil Italiens mal auf einer topographischen Karte an, sieht man, dass das hier praktisch nur aus ausgeprägten Hügeln besteht – als hätte jemand eine Landkarte der Toskana genommen, zerknüllt und anschließen notdürftig wieder glattgestrichen, so zerknittert sieht die Landschaft hier aus.

Immer wieder sehe ich in den baumbewachsenen Berghängen Erdpyramiden und kahle Stellen, an denen der Boden einen so einen hohen Tonanteil hat, dass sich darauf keine Pflanzen halten können.

Irgendwann werden auch die Ortschaften spärlicher, und dann geht es dann so richtig in eine Bergstrecke hinein. Die Straße ist hier sehr kurvig, aber nicht schön zu fahren – der Belag ist völlig kaputt, und sie führt wirklich sehr steil aufwärts. Binnen fünf Kilometer klettert der Höhenanzeiger im Cockpit von 500 auf 1.000 Meter, dann geht es auf eine Passhöhe und wieder hinab in ein Tal.

Zwischen den Wäldern sehe ich vereinzelt Felder, aber selbst alleinstehende Gehöfte scheint es hier kaum zu geben. Andere Fahrzeuge sind auch nicht unterwegs. Keine Menschen, nirgends, nur das Motorrad und die Straße und ich und der Wind. Es stürmt nämlich mittlerweile ganz veritabel. Am Himmel, der ohnehin schon grau und bedeckt war, quirlen jetzt dunkle Regenwolken durcheinander, und ab und an fallen Tropfen.

Noch einmal geht es über einen Pass, dieses Mal den Pasa Viamaggio, und dann sehe ich unter mir schon die Toskana ausgebreitet. Direkt am Fuß der Berge lieg der Lago di Montedoglio, ein künstlicher See. Die Form mit seinen „Ärmchen“ ist so markant, dass ich den sogar schon einmal aus dem Flugzeug erkannt habe. Von oben sieht er aus wie ein Ampelmännchen aus der DDR.

Er wurde in den 70ern zuerst für die Wasserversorgung der Stadt Sansepolcro angelegt, heute hat er aber auch einen anderen Zweck. In Italien macht man sich seit mindestens 20 Jahren keine Illusionen über den Klimawandel. Seine Auswirkungen sind Realität, und deshalb wird der Montedoglio heute auch genutzt um Bei extremer Trockenheit, wie in den vergangenen Jahren eigentlich immer, die umliegenden Gegenden mit Wasser zu versorgen und Wasserstand des ohnehin flachen trasimenischen Sees auf einem Niveau zu halten, dass zumindest die Fische überleben können.

Die Route schneidet die Außenbezirke von Sansepolcro und führt über plattes Land in einem Einschnitt in den Bergen, dann geht es noch einmal über eine vorgelagerte Bergkette nach Arezzo hinüber.

Ich fahre in die Stadt hinein und will an der Zitadelle parken, um dann ein wenig durch den Ort zu bummeln. Aber als der Parkplatz schon in Sichtweite ist, stehen plötzlich Schilder im Weg. „Zona Traffico Limitato“ – Durchfahrt verboten. Na, schönen Dank auch. Wenn die das hier so streng handhaben wie in Siena oder Florenz, dann wird jeder Versuch jetzt weiterzufahren gefilmt und mit hohen Geldstrafen belegt. Oh, und da hinten steht sogar ein Polizeiauto. Na, dann nicht.

Ich tippe auf Annas Bildschirm rum. Nein, keine Chance, um zum 200 Meter entfernten Parkplat zu kommen muss ich jetzt umdrehen und ein Mal komplett um die Innenstadt herum fahren. Nein, darauf habe ich keinen Bock. Ich wende und gebe dem Motorrad die Sporen, wühle mich durch den Stadtverkehr und verlasse Arezzo Richtung Westen.

Nach einer weiteren Stunde komme ich bei Asciano aus den Bergen heraus. Das hier ist genau das Gebiet, das man immer auf Postkartenansichten der Toskana sieht: Sanfte, grüne Hügel, Sonnenschein, Bauernhaus mit Zypressen davor.

Heute präsentiert sich das alles etwas rauer: Die Hügel sind nicht grün, sondern gepflügt und grau, der Himmel ist dunkel und die Zypressen biegen sich im Sturm. Ja, mittlerweile stürmt es, und zwar so dermaßen, dass der Wind das Motorrad aus dem Gleichgewicht bringt, wenn ich nur auf einem Bergrat halte um ein Foto zu machen. Ich kann die Fuhre nur mit Mühe halten, und die meisten Bilder verwackeln. Das hier sind die einzig brauchbaren.

Ich bin viel zu früh dran, deshalb halte ich in Monteroni d´Arbia auf einem öffentlichen Parkplatz, stelle die V-Strom zwischen einigen Müllcontainern ab und schlage die Zeit tot.

Irgendwann ist aber nicht mehr spannend, Schulbussen beim Aus- und Umparken zugucken und ich fahre weiter. In einem großen Bogen geht es durch die Crete Senesi, das karge, ockerfarbene Land südlich von Siena. Auch hier sind so wenige Autos unterwegs, dass ich das Gefühl habe allein auf dieser sturmumtosten Welt zu sein.

Über kleine Straßen rollt die V-Strom durch alte Orte. Der Wind reisst an der Maschine herum, es wird immer dunkler, und irgendwann beginnt es zu nieseln. Der dunkle Himmel über den grauen Hügeln, dazu die sturmzerfledderten Zypressen, das sieht ein wenig nach Weltuntergang aus.

Am frühen Nachmittag komme sehe ich den Turm, der die Zufahrt nach Carpineto markiert, einem Dorf 10 Kilometer südlich von Siena. Hier steht das Haus von Cecilia und Francesco, dass sie „Villa Allegria“ nennen. Der Name ist etwas pompös, weil es sich eigentlich nur um eine Doppelhaushälfte handelt, aber die Lage ist toll und das Grundstück riesig.

„Na, bist Du auch mal wieder da?“, sagt Cecilia, als wir uns über das Gartentor hinweg begrüßen. Dann fügt sie auf Deutsch hinzu „Guten Tag, willkommen!“
„Was war denn das jetzt?“, sage ich und mache runde Augen.

Cecilia zuckt mit den Schultern. „Pandemie und Langeweile, da habe ich gedacht, ich fange mal an Deutsch zu lernen. Mutter Gottes, ist das eine schwere Sprache!“
„Oh ja“, sage ich. Sie wirft mir einen Schlüssel zu, und unter sorgfältiger Vermeidung der beiden Haushunde Lulu und Leopoldo, zweier hysterischer Kläffer, trage ich meine Koffer die Einfahrt hinab bis zur Einliegerwohnung. Mein zuhause in Siena, ab heute für fünf Tage.

Die „Villa Allegria“ ist in einen Hang gebaut, vor der Wohnung ist eine kleine Terrasse mit einer Außenküche und viel Grün.

Ich stelle nur meine Sachen ab, dann fahre ich gleich wieder los, in den nahegelegenen Supermarkt, Lebensmittel einzukaufen. Es hat angefangen richtig zu regnen, und wenn ich das Pflichtprogramm gleich mache, habe ich es hinter mir.

Fünf Minuten später stehe ich im COOP in San Rocco a Pilli. Brot, lokal hergestellte Wurst und Käse, ein wenig Pasta, Sternchenkekse und Weintrauben wandern in den Einkaufskorb. So, Grundbedarf gedeckt. Was ist das denn? Toastbrot, von dem die Rinde schon abgeschnitten ist? Oh man.

Zurück in der Villa Allegria trockne ich die Koffer und das Topcase sorgfältig ab und fange an mich einzurichten. Die Wohnung hier unten ist einfach völlig perfekt. Sie ist sehr groß, bestimmt 100 Quadratmeter, und nimmt das ganze Kellergeschoss des Hauses ein. Annonciert wird das Appartement für bis zu fünf Personen, aber jetzt ist das hier meine Wohnung, für mich ganz allein.

Das Schlafzimmer ist gleichzeitig auch ein Kaminzimmer.

Und das voll ausgestattete Wohnzimmer…

…geht über in eine nicht weniger komplett ausgestattete Küche.

Ich muss grinsen. Auf dem Küchentisch liegt als Begrüßungsgeschenk eine Torta alla Senese, eine traditionelle toskanische Süßigkeit. Diese hier ist aus der besten Bäckerei von Siena, von Manganelli. Die zweitbeste ist übrigens die Bäckerei Nanini, die von zwei Brüdern geführt wird. Deren kleine Schwester, Gianna Nanini, kennt man vielleicht.

Die Torta alla Senese wird als „Panaforte“ bezeichnet, dessen wörtliche Übersetzung „Pfefferkuchen“ ist – aber das trifft es nicht. Eine Sienesische Torta ist klein und fest, wie ein Brot, und besteht aus in diesem Fall aus Nüssen und Feigen und vieeeel Zucker, was ihr einen Geschmack nach Marzipan gibt. Gegessen wird das mit Puderzucker. Fürchterlich lecker aber sehr, sehr süß.

So, will ich heute noch was machen? Ich gucke aus dem bodentiefen Wohnzimmerfenster. Draußen pladdert feiner Regen auf die Terasse.

Nee, heute mache ich mal nichts mehr. Ich koche mir ein paar Nudeln, dann setzte ich mich an den Küchentisch und überlege, was ich die nächsten Tage mache. Etwas unmotiviert klicke ich im Netbook und Annas Speicher herum, während ich mir Pici, die dicken, langen Nudeln aus Siena, in den Mund schiebe. Wenn ich ehrlich bin, will ich einfach nur faulenzen. Mal gucken, was die nächsten Tage so bringen.

Es wird dunkel draußen, und finstere Wolken rasen vor einem vollen Mond über den Nachthimmel.

Ich beschließe, sofort mit dem Faullenzen anzufangen. Aus dem Gepäck ziehe ich ein dünnes HDMI-Kabel und klemme damit das Netbook an den großen Fernseher im Wohnzimmer. Zum Glück ist seit meinem letzten Besuch in der Villa Allegria das WLAN besser, und so gucke ich im Internet die neueste Folge von „Long Way Up“. Wenn mein eigener Tag schon so ereignislos war, dann müssen jetzt eben Ewan McGregor und Charly Boorman Abenteuer für mich erleben.

Tour des Tages: Von den Marken durch Umbrien bis in die Toskana, ein Katzensprung von schlappen 235 Kilometer.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradherbst (10): Delegierte Abenteuer

  1. Moin Kämpfer,

    Du gurkst ziemlich viel in Italien rum. Wie kommst Du da hin? Autobahnanreise, Landstrasse (der Weg ist das Ziel) oder Autoreisezug?

    Gruss

    Lupo

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  2. suse

    Ach wie schön… und faulenzen ist ja ganz wichtig auf so einer Reise… nur das mit dem Wetter… hahaha… da kann man direkt mitfühlen wie es fast das Moped umpustet. Ich mag die Ecke sehr, aber ich habs bisher nur bis in die Emilia Romagna und Toscana geschafft… wenn Du mal in der Südtoscana bist kann ich sehr den Tarotgarten von Nikki de Saint Phalle und Jean Tinguely empfehlen… hat aber nur bis Mitte Oktober auf. Eine meiner liebsten Routen führt durch die Südtoscana mit ein paar schönen kleinen Highlights und eben diesem Giardino dei Tarocchi… von dort dann zur Fähre in Civitavecchia und rüber nach Sardegna ;-). Ich bekomme wieder Lust zu planen.

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  3. Lupo: Immer auf den eigenen zwei Rädern. Bis Landesgrenze Deutschland auf der Autobahn, danach ist der Weg das Ziel 🙂

    Suse: Jaaaa, der ist schön. Da war ich auch schon und hätte den Garten vorvergangenes Jahr gerne noch einmal besucht, aber an dem Vormittag hatten irgendwelche ehrenwerten Geschäftsleute den kompletten Park für eine Grillparty angemietet. Geschlossene Gesellschaft. 😦 Den Tip mit der Fähre von Civitavechhia merke ich mir, ich wäre vermutlich von Genua aus gefahren. Wenn Du die Ecke der Toskana gut kennst, sind die nächsten zwei Tagebucheinträge auf jeden Fall was für Dich.

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