Reisetagebuch Motorradherbst (13): Knochensplitter

Tagebuch einer kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute wird es echt stressig und die Barocca leidet.

7. Oktober 2020, Siena

Schon wieder steht das Wasser auf den Instrumenten. Letzte Nacht hat es wieder ordentlich geschüttet, und heute morgen ist alles nass und kalt. Die Wettervorhersage sieht auch nicht gut aus. Ach, Oktober in Italien hätte ich mir etwas sonniger gewünscht.

Nachdem die Koffer am Motorrad hängen und ich mich von Cecilia verbschiedet habe, reibe ich das Cockpit und den Sattel der Barocca sorgfältig trocken, klippe Anna in ihre Halterung, stelle den Helm an und checke die Anzeigen. Alles im Grünen Bereich, es kann losgehen. Der Motor pöttert gut gelaunt vor sich hin, als ich die V-Strom aus der kleinen Straße, in der die Villa Allegria liegt, herausbugsiere.

Die Fahrt geht von Carpineto aus nach Norden, Richtung Siena, und kurz vor der Stadt auf die Westumgehung. Die Sonne kommt raus und bringt Wärme mit. Was für ein schöner Morgen!

Ich bleibe erst einmal auf der Autobahn, die Siena mit Florenz verbindet. Die vierspurig ausgebaute Straße ist zwar nicht schön, aber die Alternative wären Landstraßen, die hier durch so viele kleine Dörfer führen, dass man praktisch nicht von der Stelle kommt. Da ich heute über 400 Kilometer vor mir habe, werde ich bis kurz hinter Florenz die langweilige Autostrada fahren und dann erst den schönen Teil der Strecke auf kleineren Routen angehen.

Die Barocca gleitet über den Asphalt. Es ist nicht besonders viel los, nur die üblichen Lastwagen und einige wenige PKW. Die Strecke führt an Monteriggioni und an San Gimignano vorbei, aber von den Orten sieht man nichts hinter, denn entlang der Autobahn sind links und rechts dichte Bäume gepflanzt. Bei Poggibonsi fängt DIE Baustelle an. Ich denke davon ganz bewusst als DIE Baustelle, weil es die schon ewig gibt oder zumindest so lange, wie ich in dieser Region schon unterwegs bin. Eine Fahrbahnerneuerung, Kilometerlang, und gefühlt kommen die Bauarbeiten von Jahr zu Jahr nur wenige Meter weiter.

Die Barocca fädelt in die Baustelle ein. Die Fahrbahn ist schmal, Warnbarken schießen links und rechts vorbei, ab hier gibt es keinen Nothaltestreifen mehr und nur noch eine Fahrspur pro Richtung.

„Bing“ meldet sich Anna plötzlich in meinem Helm und sagt „Warnung“. Ich muss Grinsen. Vermutlich sagt sie gleich „Achtung, Baustelle voraus“, weil ihr jetzt erst aufgefallen ist, dass eine Fahrbahnverengung ansteht. Noch nicht ganz wach heute morgen, die Gute, was?

Ich senke dennoch den Blick und schaue kurz auf´s Display. Das orangefarbene Reifensymbol wird angezeigt. „Na, ist Ihnen der Hinterradsensor mal wieder abhanden gekommen?“, frage ich hämisch. In den letzten Tagen ist dauernd der Kontakt zwischen Navi und Hinterradsensor abgerissen, das produziert genau so ein Warnbild.

Wieder höre ich den Warnton im Helm. Ok, das passiert normalerweise nicht. „Achtung, Luftdruck am Hinterreifen zu niedrig“. Ich rufe mit zwei Tippern auf dem Display das Schema des Motorrads auf. Der Vorderreifen ist grün und zeigt 2,5 Bar an, was in Ordnung ist, aber der Hinterreifen leuchtet knallrot und hängt bei 2,7 Bar. Das ist ein kleines Bißchen weniger als Normal und unter der Grenze, ab der Anna warnen soll, und das tut sie gerade.

Meine Gedanken rasen. Es ist kalt heute morgen, ist der Luftdruck deshalb zu niedrig? Nein, das kann nicht sein. Die Reifen sind schon warm gefahren, wir sind bereits eine halbe Stunde unterwegs. Ein Messfehler? Unwahrscheinlich. Die Garmin-Reifendrucksensoren sind äußerst zuverlässig, wenn sie einmal funktionieren.
Im Display fällt der Reifendruck auf 2,6, dann auf 2,5, weniger als eine halbe Minute später auf 2,4.

Mein Hirn sucht verzweifelt nach anderen Ideen was passiert sein kann, schließt aber eine Möglichkeit nach der anderen aus und kommt am Ende nicht um die einzig übrig bleibende Schlussfolgerung herum: Wir haben einen Reifenschaden.

Ich müsste jetzt dringend anhalten und den Hinterreifen unter die Lupe nehmen, aber wir befinden uns ja mitten in DER Baustelle. Ich behalte mit einem Auge die Druckanzeige im Blick, die schon auf [2,0] gefallen ist, und suche nach einem Platz zum Anhalten.

In der Baustelle gibt es weder einen Seitenstreifen [1,9] noch Nothaltebuchten, wie es sie sonst alle 1.000 Meter gibt. Kilometer um Kilometer zieht sich DIE BAUSTELLE, und alle dreißig Sekunden fällt der Druck um 0,1 Bar [1,8].

[1,7]… Ok, so langsam wird das hier unheimlich und ich nervös. Ah, endlich sind wir um Poggibonsi rum, dann muss ja gleich die Abfahrt dafür kommen! Bei [1,3] habe ich die Abfahrt erreicht und stelle fest, das sie wegen DER BAUSTELLE geschlossen ist. Verdammter Mist! [1,1]


Oh, da! Ich traue meinen Augen kaum, wenige Kilometer hinter Poggibonsi liegt eine Tankstelle direkt an der Autobahn. Vorsichtig [0,6] steuere ich die Barocca auf den Parkplatz und halte möglichst weit vom Gebäude entfernt.

Als ich den Helm abnehme, höre ich schon ein Zischgeräusch. Bislang hatte sich ein kleiner Teil von mir noch an die Hoffnung geklammert, dass ja vielleicht doch nichts ist, nur eine Kleinigkeit oder doch ein kaputter Sensor, aber das hier ist die Realität: Am Hinterreifen ist was kaputt, und zwar mächtig.

Ich nehme beide Koffer und das Topcase ab, wodurch sich die Maschine leichter wird und sich auf den Hauptständer aufbocken lässt. Immerhin hat die Suzuki seit diesem Jahr wieder einen Hauptständer. Die letzten Jahre war der demontiert, weil er sich nicht mit der Tieferlegung vertrug. Ich drehe den Hinterreifen und finde schnell die zischende Stelle. Irgend etwas hat den Mantel penetriert und steckt tief im Reifen.

Neben dem Hinterreifen ist eine Tooltube montiert, in der Ersatzhebel und ein Teil des Werkzeugs stecken.

Ich nehme eine kleine Zange und einen kleinen Schraubendreher heraus und prokele damit in dem Loch herum. Es dauert eine ganze Zeit, bis ich den Fremdkörper herausgehebelt habe und mit der Zange greifen kann. Ich hatte mit einer Schraube gerechnet oder mit einem Nagel, aber es ist ein… Knochensplitter?! Tatsache. Ein winziger Knochensplitter. In der Gegend um Carpineto gibt es viele Hunde, vielleicht ist das hier ein Splitter von einem erlegten Kaninchen.

Seufz. Ich habe mich immer gefragt, wann mich mal eine Reifenpanne ereilen würden. Rein statistisch gesehen musste das bei meiner Fahrleistung irgendwann mal passieren, und ehrlich gesagt: Jetzt und hier, an einem schönen Tag, an dem ich es nicht so eilig habe und mitten in einem Gebiet, was gute Infrastuktur hat, da ist eine Panne nicht so schlimm wie sie sein könnte.

Ich nehme den Sattel des Motorrads ab und wühle im voluminösen Heckbürzel herum, bis ich eine kleine Tüte mit Reifenflickzeug gefunden habe.

In der Theorie weiß ich, was man damit macht… ich musste es nur noch nie in der Praxis verwenden.

Die V-Strom fährt auf schlauchlosen Reifen, die werden anders geflickt als man das vielleicht von Fahrradreifen kennt. Zuerst nehme ich einen Bohrer und mache damit das Loch größer.

Loch größer machen hört sich widersinnig an, ist aber wichtig. Nur so wird es weit genug um es zu stopfen, und gleichzeitig werden die Ränder angeraut, damit der Flicken besser hält. Als nächstes wickele ich aus einem Ölpapier einen Flickstreifen heraus. Der besteht aus einer klebrigen Gummimasse, in die Fasern eingebettet sind, Hanf oder sowas.

Der Streifen wird in eine Ahle einklemmt und damit in das Loch gesteckt. Soweit die Theorie.
Die Praxis scheitert daran, dass der Stopfen klebt wie die Hölle und ich den nicht in das Loch bekomme.

Noch einmal gehe ich mit dem Bohrer zu Werke und schraube und feile am Loch herum, dann versuchte ich es wieder mit dem Flicken. Dieses Mal bekomme ich ihn ein wenig hinein, aber das fühlt sich nicht richtig an, der sitzt nicht ordentlich.

Man. Wo bleibt eigentlich Hilfe? Normalerweise kommt immer, wenn ich Hilfe brauche, von irgendwo her eine Person und kann genau das, was gerade erforderlich ist. Warum lässt sich die Person gerade so viel Zeit? Hm?

Ich versuche den Flicken noch etwas tiefer rein zu bekommen, dann hole ich die Luftpumpe raus. In den Reifenpannensets sind immer so kleine Druckluftpatronen…

… aber denen mißtraue ich und außerdem eignen die sich auch nur für den einmaligen Noteinsatz. Wenn ich lange unterwegs bin, will ich aber auch ohne Panne mal den Luftdruck kontrollieren oder ändern. Für Motorradreisende gibt es dann zwei Möglichkeiten, entweder einen Mini-Kompressor mitführen, was bequem ist, der aber eine Stromversorgung benötigt, sehr laut ist und auch mal überhitzen kann, oder die kleine und leichte Luftpumpe aus Alu, die ich immer im rechten Koffer spazieren fahre:

Zum Test pumpe ich ein wenig Luft in den Reifen, aber sofort ist wieder das Zischen zu hören. Nee, das ist noch nicht dicht.

Wieder bohre ich am Loch rum, dann setze ich mit einem neuen Flicken an. Auch der geht wieder nicht vernünftig rein. Ich drücke und presse und merke, wie die Ahle gegen die Karkasse des Reifens stösst, aber ich bekomme den Flicken nicht hindurch.

Schwitzend und fluchend lehne ich mich auf den Griff der Ahle und drücke immer heftiger, und plötzlich ist der Widerstand weg. Ich strahle über das ganze Gesicht, aber das breite Grinsen erlischt augenblicklich wieder, als ich merke, dass das nicht daran liegt, dass ich den Flicken durch die Karkasse bekommen habe. Ich habe so stark gedrückt, dass ich die V-Strom vom Hauptständer geschoben habe.

„NEIN!“ rufe ich noch und springe aus dem Weg, als das Motorrad in Zeitlupe umkippt und auf die Ecke eines der Koffer fällt, die am Rand des Parkplatzes stehen. „SCHEIßE“ brülle ich laut und greife nach Lenker und Gepäckträger, um die Maschine wieder aufzuheben. Das ist das zweite Mal auf dieser Tour, das ich die Karre auf die Seite schmeiße. Immerhin denke ich dieses Mal vorher daran, den Seitenständer auszuklappen.

Ich habe die Maschine gerade zur Hälfte hochgewuchtet, als ein paar Hände sich die andere Seite des Motorrads greifen und beim Aufrichten helfen. Als die Suzuki wieder sicher steht, sehe ich, dass zu beiden Händen ein sonnengebräunter Mann gehört, der erst das Motorrad, dann mich mustert. „Mensch junge, musst vorsichtig sein“, sagt er dann. „Reifenschaden?“

Ich nicke. „Gib mal her“, sagt der Mann, „Ich bin Gianni, ich fahre LKW.“ Na endlich, denke ich. In der Not bekommt man ganz oft einen Helfer geschickt. Das hier ist offensichtlich meiner, er hat sich nur ein wenig Zeit gelassen.

Er nimmt sich die Ahle, setzt sie am Loch an und drückt nicht einfach, er dreht den Flicken in das Loch hinein! Das ist der Trick!

„Du machst das aber nicht zum ersten Mal, oder?“, frage ich. „Nee“, sagt Gianni, „dauernd, der Chef spart immer an den Reifen.“ Gianni holt eine Zange aus seinem LKW. Die Ahle nervt ihn, weil der Werkzeugaufsatz sich dauernd aus dem Griff herausdreht. Mit gemeinsam Anstrengung und unter Fluchen und Schwitzen sitzt der Stopfen irgendwann. Mit einer Rasierklinge aus dem Flickset wird der überstehende Teil abgeschnitten, dann Pumpe ich mit der kleinen Luftpumpe den Reifen auf und Giovanni schüttet aus einer Flasche etwas Wasser auf die Stelle. Keine Blasen, allerdings zeigt der Druckmesser der Pumpe immer noch einen leichten Luftverlust. Aber das kann täuschen.

„Das hält, besser geht´s auch nicht. Ich muss weiter!“, sagt Giovanni, verabschiedet sich und eilt zu seinem LKW. Ich bringe die Koffer an und stecke die Sitzbank wieder zusammen und ignoriere dabei den anderen LKW-Fahrer, der sich herangeschlichen hat, um das Motorrad herumstolziert und dummes Zeug labert. Anscheinend hat der mir schon die letzte halbe Stunde hier zugeguckt und die Show genossen, und jetzt kommt er an und sabbelt mich voll.

Ich starte den Motor und rufe die Druckanzeige auf. [2,9] steht im Display, so soll das sein. Ich steuere die Barocca vom Tankstellengelände herunter und wieder auf die Autobahn und damit zurück in DIE BAUSTELLE.

Ok, ich habe etwas Zeit verloren, aber wenigstens weiß ich jetzt wie man Reifen flickt. Diese Gummi-Gewebe-Stopfen halten ewig, ich kenne Leute die nach einer Panne damit ihren Reifen geflickt und dann noch 8.000 Kilometer gefahren sind. Da werde ich also locker noch mit nach Hause kommen, wenn… „BING!“, macht Anna, „Warnung!“.

Nein-Nein-Nein-Bitte nicht! „Warnung! Druckverlust am Hinterreifen!“, meldet sich Anna. Ich schaue auf´s Display. Die Zahlen rasen geradezu durch. 2,7… 2,6… 2,5… 2,4… Es ist schlimmer als vorher, der Reifen verliert jetzt alle 5 Sekunden 0,1 Bar! Ach Du Schande, das hat jetzt gerade fünf Minuten gehalten.

Zum Glück ist DIE BAUSTELLE jetzt vorbei, aber die nächste Ausfahrt ist noch drei Kilometer entfernt. Schaffe ich das noch? Es ist ein Wettlauf Zeit gegen Reifendruck, und ich verliere ihn. Fünfhundert Meter vor der Ausfahrt beim Ort Sambuca hat der Reifen noch 0,6 Bar. Das wird so nichts, wenn ich so weiter fahre eiert es gleich ganz heftig und dann fahre ich die Karkasse kaputt.

Zum Glück gibt es jetzt wieder Nothaltebuchten, und in eine sehr große davon ziehe ich jetzt hinein und stelle den Motor ab.

Dann sehe ich mir den Hinterreifen an. Soll ich nochmal versuchen den zu flicken? Hat beim ersten Mal ewig gedauert und war nicht so supi erfolgreich, deshalb hält sich meine Motivation da in Grenzen. Ich wische kurz auf Google Maps herum, wo der nächste Gommista ist. Solche Läden gibt es in jedem Dorf, und auch in dem Gewerbegebiet, das ich von der Autobahn schon sehen kann, ist so einer. Hm. Falls ich einen neuen Hinterreifen brauche, wäre ein Gommista mit Motorraderfahrung nicht schlecht. Aber so einen sehe ich auf der Karte nicht.

Ich hole die Luftpumpe raus und versuche wieder ein wenig Luft in den Reifen zu bekommen, aber da besteht keine Chance, die entweicht schneller als ich pumpen kann.

Ich seufze und tue das, was bequeme Deutsche in solchen Situationen immer tun. Ich rufe den ADAC. Eine freundliche Dame, die deutsch und italienisch spricht und die in München arbeitet, hört sich meinen Fall an, dann fragt sie, ob sie mir einen Link schicken darf um genauere Daten abzufragen und meinen Standort zu ermitteln. Als wir das Gespräch beenden kommt schon eine SMS mit einem Link auf eine WebApp an.

In der trage ich meine Mitgliedsnummer und die Motorradmarke ein, dann lasse ich den Zugriff auf meine Standortdaten zu und schon kommt eine Nachricht, dass der Pannendienst unterwegs ist und ca. 60 Minuten brauchen wird. Wunder der Technik.

Ich klappe den Topcasedeckel mit dem Warndreieck drin hoch, setze mich auf die Leitplanke und gucke den vorbeirauschenden Lastwagen zu.

Dann fällt mir ein, dass ich ja eigentlich eine Warnweste anziehen könnte. Die ist im Boden des Topcases eingelassen und dient als Polsterung.

Aber kaum habe ich die da rausgefummelt und gerade über einen Arm gezogen, da kommt schon ein Abschleppwagen, sieht mich, wird langsamer und zieht in die Haltebucht. Er setzt ein Stück zurück, bis die Ladefläche noch zwei Meter vom Motorrad entfernt ist, dann öffnet sich das Fahrerhaus und ein Mann springt heraus. Er geht grußlos an mir vorbei und guckt auf das Kennzeichen des Motorrads, macht ein kurzes Geräusch durch die Nase und zieht sich dann Handschuhe über.

„Ey“, sage ich. „Guten Tag! Sie können ruhig mit mir reden, ich spreche ein wenig italienisch!“ Sofort guckt der Mann hinter seiner OP-Maske sehr viel freundlicher. „Oh, T´schuldigung. Guten Tag! Sorry, ich dachte… naja, mein Deutsch ist nicht so dolle“. „Hmhm“, sage ich, und „Das Motorrad hat einen Platten.“

„Kann ich hier auch nichts dran machen“, sagt der Mann, der sich als Leonardo vorstellt. Er ist in den 20ern, braungebrannt und stämmig. Er mustert das Motorrad, als wäre ihm das irgendwie unheimlich. Dann zieht er eine Fernbedienung aus der Tasche und stellt damit die Ladefläche des Wagens erst schräg, dann fährt sie aus, bis sie den Boden berührt. Auf diese Rampe schieben wir gemeinsam die Barocca, dann fährt die Rampe wieder zurück auf den Wagen.

Leonardo rollt das Vorderrad des Motorrads in die Halteklaue hinter dem Führerhaus.

Die Maschine steht etwas schief auf der Ladefläche, und Leonardo geht zum Heck und fängt an sich am Gepäckträger zu ziehen und zu ruckeln. Er bedeutet mir zu helfen. „Was wird denn das?“, frage ich. „Die steht schief, wir heben sie ein wenig rum“, sagt er. „Nein, machen wir nicht“, sage ich. „Die wiegt 250 Kilo, die heben wir nicht einfach so rum“. „Okay, sagt Leonardo und zuckt die Schultern.

„Soll ich die Koffer abnehmen?“, frage ich. Ist ja nicht mein erster Ausflug mit dem Abschlepper. Die Maschine muss längs gesichert werden, das geht einfacher ohne Gepäck dran. „Ja, nee“, sagt Leonardo und steht nachdenklich vor dem Motorrad, dann fummelt er Spanngurte um das Schutzblech des Hinterrads. „Sag mal, was soll denn das?!“, frage ich. „Sicherung“, brummt Leonardo. „Ja, aber doch nicht so! Das Schutzblech besteht nur aus Plastik, das hält doch nichts! Lass uns mal die Gurte an den Kofferträger und über den Sattel machen! Oder um den Lenker!“. So wurde das Motorrad beim ersten Mal gesichert, als sie auf einen Schlepper musste. Damals wurden die Gurte so angezogen, dass das Fahrwerk in die Knie ging und alles unter Spannung stand. DAS war sicher!

„Beh“, macht Leonardo und knotet Spanngurte an den Kofferträger, spannt die aber wieder nicht quer, sondern längs ab. Ich bin kein Besserwisser und wage es nur sehr selten, anderen ihren Job zu erklären, hege aber mittlerweile den Verdacht, das Leonardo noch nicht lange in der Branche arbeitet und gerade zum ersten Mal ein Motorrad abschleppt.

„Hast Du vor keine Kurven zu fahren oder warum sicherst Du die nicht zur Seite?“, frage ich. „Machen wir immer so, das hält schon“, nuschelt Leonardo. „Mach doch bitte noch einen über den Sattel“, sage ich. „Nicht nötig“, sagt Leonardo und springt von der Ladefläche. Ich bin skeptisch. Wenn ich das richtig sehe, wirken jetzt alle Querkräfte direkt auf das Vorderrad in der Halteklaue. Wenn ich am Ende der Fahrt ein verbogenes Rad oder eine kaputte Gabel habe, werde ich hier zum Tier. Aber andererseits, ich bin hier nicht der Abschlepper.

Als wir im Führerhaus sitzen, guckt Leonardo und sagt „Und, wo soll ich dich hinbringen? Wo gibt es hier eine Reifenwerkstatt für Motorräder?“ Jetzt fällt mir die Kinnlade runter. „Alter, bin ich hier der Abschleppdienst oder Du?“, sage ich. „Hör zu, Ich bin hier nur der doofe Tourist, DU musst hier eigentlich Eure Vertragswerkstätten kennen!“ „Grmpf“, macht Leonardo, zieht sein Handy raus und googelt nach „Gommista Moto“. Das habe ich nun auch schon selbst gekonnt und nichts gefunden. Leonardo geht das ähnlich. Schließlich steckt er das Handy weg und startet den Schlepper. „Ich bring Dich nach Florenz, da ist ´ne große Reifenwerkstatt.“ „Machen die auch Motorräder?“, frage ich. „Die machen ALLES“, sagt Leonardo.

Wir fahren die Schnellstraße weiter. Ich werfe immer wieder sorgevolle Blicke auf die Ladefläche, wo die Barocca bei jeder Bodenwelle hin und herschwankt. Leonardo fährt vorsichtig, aber die Straße ist spätestens ab der Abfahrt nicht mehr gut. Wir fahren eine Straße entlang, die ich schon Dutzende Male gefahren bin – folgt man der weiter, kommt man zur Piazzale Michelangelo, von der aus man ganz Florenz überblicken kann.

Aber so weit fahren wir nicht, auf dem Weg den Berg hoch steuert Leonardo in der Via del Gelsomino den Schlepper in eine Einfahrt.

„Auto 3 SRL“, steht auf einem Schild über einer sehr modern wirkenden Werkstatt und „Car Center Pirelli“. „Bist Du SICHER das die auch Motorräder machen?“ Frage ich noch einmal. „Jaja, guck wie groß die sind, die machen alles“, sagt Leonardo, springt aus dem Führerhaus und eilt zur Anmeldung.

Hinter der Glasscheibe sitzt der Werkstattmeister und telefoniert. „Ich hab hier ne´n Moppedfahrer mit ne´m Platten, kann ich Euch den hierlassen?“, fragt Leonardo. Der Meister blickt nicht mal auf, sondern macht eine schüttelnde Handbewegung und nickt. „Hier unterschreiben“, sagt Leonardo und der Werkstattmensch krickelt abwesend sein Kürzel auf den Abschleppbescheid. Leonardo eilt wieder nach draußen um das Motorrad abzuladen. Ich bleibe vor der Scheibe stehen und sage „Entschuldigen sie, sie MACHEN doch Motorräder, oder?“ Der Mann guckt mich an, deutet auf den Telefonhörer und macht eine wegwerfende Handbewegung.

Draußen hat Leonardo die V-Strom vor das Gebäude gestellt und versucht seinen Abschlepper wieder vom Hof zu bekommen, was nicht ganz einfach ist. Hinter dem Laster steht jetzt ein Fiat 500, aus dessen Seitenfenster eine alte Dame schreit, dass sie da jetzt durch will und er den Weg frei machen soll. Ich gehe wieder rein und warte, das der Werkstattmann zu Ende telefoniert hat.

Das hier ist wirklich ein hoch modernes Reifencenter. Polierte Felgen hängen an den Wänden, alles ist klinisch sauber. Genau der Typ von Werkstatt, in dem ich noch NIE Hilfe gefunden habe – die Kawasakiwerkstatt in Nizza war vom gleichen Schlag. Immerhin, es ist eine Reifenwerkstatt. Auch wenn sie nicht auf Mopped spezialisiert sind, werden sie trotzdem einen neuen Reifen besorgen oder den alten flicken können. Das kann doch jede Werkstatt, oder? ODER?

Der Mensch am anderen Ende des Telefons hat Quasselwasser getrunken, das Gespräch zieht und zieht sich. Ich stehe hier rum und weiß nicht mal, ob man mir hier helfen wird, und es geht auf die Mittagszeit zu. Nach einer Viertelstunde bin ich so ungeduldig, das ich an die Scheibe klopfe. „Hey! Ich brauche mal Hilfe!“ Der Mann guckt wütend und deutet auf seinen Telefonhörer. „Sind sie denn der einzige der hier arbeitet oder was?“, frage ich laut. Der Mann setzt den Hörer ab und brüllt „Matteo!“ in Richtung der Werkstatt, dann nuschelt er „Kollege kommt gleich.“

Matteo entpuppt sich als unmotiviert guckender Träger eines blitzsauberern Overalls. Er hat rote Haare, wirkt irgendwie teigig und trägt die Augenlieder auf Halbmast, damit sieht er irgendwie aus wie Droopy der Hund.

Er marschiert aus der Werkstatthalle heraus, wirft erst einen Blick auf mich, dann auf die V-Strom. „Das ist ein Motorrad“, sagt er dann.

Ich zähle innerlich bis drei. Dann sage ich sehr ruhig: „Das ist korrekt.“

Matteo guckt immer noch auf Beweisstück 1. „Motorräder machen wir nicht“, sagt er dann.

Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Das ist jetzt eine dieser Situationen, wie man sie in Italien erleben kann. Erst grobe Ablehnung, und der muss man mit dramatischer Verzweiflung begegnen und sehr deutlich machen, dass nur noch die Person vor einem helfen kann und sonst alles verloren ist, und DANN wird einem entweder geholfen oder Hilfe organisiert, egal wie groß der Aufwand ist. Wirklich, wenn Italiener begreifen, dass sie für einen die letzte Hoffnung sind, dann reißen sie sich den Hintern für einen auf.

„Bitte“, sage ich dann. „Der Hinterreifen ist völlig hinüber, sie müssen mir bitte helfen, sonst bin ich hier gestrandet!“
„Ne. Motorräder machen wir nicht“, sagt Matteo, steckt die Hände in die Taschen, dreht sich um und geht weg. DER IST DOCH ZUGEZOGEN!

Ich eile hinterher und reden mit Mund und Händen auf ihn ein „Die Maschine fährt keinen Meter mehr auf diesem Reifen! Selbst wenn sie Motorräder nicht machen, sie haben doch alle nötigen Werkzeuge hier! Reifen von der Felge, Bißchen vulkanisieren oder sowas, fertig!“
„Wir. Machen. Keine. Motorräder“, sagt Matteo betont langsam, als würde er mit einem Kind sprechen. Jetzt platzt mir der Arsch.

„Ja, und nun? Soll ich jetzt hier auf ihrem Parkplatz ein Zelt aufbauen oder wie stellen sie sich vor dass das hier weitergeht? Sie müssen mit wenigstens ein Bißchen helfen!“, sage ich wütend. Matteo guckt und sagt „Nein“.

Jetzt bin ich sprachlos. So wenig guten Willen habe ich noch nie erlebt.
„Es gibt eine Werkstatt für Motorräder, da hinten den Berg runter, im nächsten Stadtviertel“, sagt er dann. Na endlich! „Können Sie mich da hinbringen? Sie haben doch sicher einen Abschlepper hier“, sage ich . „Nein, machen wir nicht“, sagt Matteo.

„Können Sie mir dann das Hinterrad ausbauen?“ frage ich. „Nein. Wir machen keine Motorräder“, sagt Matteo. „Können sie die Werkstatt dann bitte anrufen und fragen ob die mich holen können?“
„Nö, sagt Matteo, „die haben jetzt Mittagspause“. Tatsächlich, wir haben hier so viel Zeit verplempert, dass es nach 12:30 Uhr ist.

Jetzt bin ich der echten Verzweiflung nahe. „Und wie soll ich dann da hinkommen?!“, sage ich.
Matteo zuckt die Schultern und sagt „Hinfahren. Ich gebe Dir Luft, mehr kann ich nicht machen. Roll mal die Maschine in die Werkstatt, dann pumpen wir den Reifen auf. „WIE SOLL ICH DIE IN DIE WERKSTATT ROLLEN?“, frage ich. „Ich krieg die nicht von der Stelle, der-Reifen-ist-platt!“ Und das stimmt. Die Frau in dem Fiat Panda hat auch mit mir geschimpft, aber das Motorrad bekomme ich keinen Zentimeter mehr bewegt.

Matteo macht „Grmpf“ und steckt Verlängerungsschläuche zusammen, damit die Luftleitung aus der Werkstatt bis zum Motorrad reicht, dann macht er sich am Hinterreifen zu schaffen.

„Wie heißt die Straße, in der diese Werkstatt ist“, frage ich währenddessen.
„Keine Ahnung welche Straße“, sagt Matteo.
„WIE HEISST DENN DIE WERKSTATT!!!“, rufe ich. Gleich trete ich hier alles zusammen.
„Pecchioli. Fährst hier den Berg hoch, an der Ampel links, dann ist das nach 500 Metern auf der linken Seite.

Ich google nach „Pecchioli“ und finde die Werkstatt, aber noch bevor ich Anna auf die Adresse einstellen kann, sagt Matteo „Mach Dich fertig, ist gleich voll“. Ich stecke das Handy weg und setze den Helm auf.
„Und los!“, ruft Matteo“, „In Bocca del Lupo! Fly like the Wind!“

Arschloch, denke ich und lege einen Blitzstart hin. An der Ausfahrt zum Reifencenter ist eine Schranke, davor stehen quatschende Fußgänger. Ich habe keine Zeit zu warten, kurve deshalb um die Schranke rum und hupe die Fußgänger aus dem Weg. „Imbecile!“ schimpft mir einer hinterher. Vor lauter Adrenalin rauscht mir das Blut in den Ohren. Der Reifen ist so kaputt, dass er in rasendem Tempo Luft verliert. Ich habe vielleicht zwei Minuten, maximal drei, dann bleibe ich liegen und komme nicht mehr von der Stelle. Gut, bei freier Fahrt ist das viel Zeit für 500 Meter. Aber das hier ist Florenz, der Stadtverkehr hier ist sehr dicht und oft geht es hier nur im Schritttempo voran.

Gleich die erste Ampel ist natürlich rot und bleibt das auch sehr lange. Ich rufe den Reifendruck auf Annas Display auf. Matteo hat den Reifen auf über drei Bar aufgepumpt, und alle paar Sekunden sinkt der Druck um 0,1 bar. Wie ein Countdown, der bis zum Stillstand runterzählt.

Endlich wird die Ampel grün, ich biege in die Viale del Poggio Imperiale ein, eine breite und viel befahrene Straße und behalte den Tacho im Auge. Nach 500 Metern sehe ich… keine Werkstatt. Bin ich schon daran vorbei?

Ich halte an und hole das Handy raus. Nein, bin noch nicht da. Ich warte und zirkele dann wieder in den Verkehr hinein. Der Reifendruck liegt schon wieder bei nur noch 1,6 Bar, und ich habe noch drei Viertel der Strecke vor mir. 5oo Meter? AM ARSCH DIE WALDFEE, MATTEO! Pecchioli ist fast zwei Kilometer weit weg!

Ich spüre das Eiern und Rumpeln am Hinterreifen, aber noch hält das Motorrad die Spur. Da vorne ist ein Kreisel mit mehreren Abzweigen, Einfahrten und einem Stadttor. Scheiße, wo geht es jetzt hier weiter? Ist das da die Ausfahrt? Oder die Straße daneben?? Jetzt bräuchte ich Anna!

In völlig gerader Linie, weil Schräglage nicht möglich ist, rumpele ich in den Kreisel hinein.

Ich entscheide mich und biege in eine breite Straße ein. Au man, ich habe bei so 50/50 Wahlen NIE Glück, und wenn das jetzt die verkehrte Straße war, dann habe ich nicht mehr genug Luft um umzudrehen. 0,9 Bar, gleich ist´s vorbei. Ich halte noch einmal an und schaue auf´s Handy. Ich bin auf der richtigen Straße, aber es ist noch ein Stück hin. Kurz vor der nächsten Kreuzung muss es sein.

Der Stadtverkehr ist jetzt superdicht, keine Lücke zum Einfädeln. Ich fahre einfach los und ernte dafür ein Hupkonzert. Ich zittere vor Aufregung und Schweiß läuft mir über die Brust, und dann sehe ich ein auf der linken Straßenseite ein Schild: „Pecchioli“. Erleichtert sauge ich die Luft durch die Zähne und ziehe die Barocca mit eierndem Reifen in die Mitte der Fahrspuren. Auf die andere Straßenseite komme ich aber wegen des heftigen Gegenverkehrs nicht.

Eine halbe Minute stehe ich da, dann habe ich die Nase voll. Der Gegenverkehr hört nie auf, er wird nur weniger dicht. Kurzentschlossen schalte ich die Warnblinkanlage ein und fahre dann langsam und hupend und blinkend quer über die Fahrbahn. Die Autos stoppen, nur eine Vespa drängelt sich vorbei und streift fast mein Vorderrad. Dann bin ich auf der anderen Seite und halte die V-Strom auf dem Bürgersteig, direkt neben einem geschlossenen Tor in der Fassade eines Stadthauses. An allen Hauswänden steht „Zu vermieten“ und an dem geschlossenen Tor hängt ein Zettel. Oh nein, die haben doch wohl nicht geschlossen? Hat Matteo mich am Ende verarscht und zu einer stillgelegten Werkstatt geschickt?!

Nein, sieht nicht so aus. Auf dem Zettel stehen Öffnungszeiten.

Immerhin. Aber an dem Tor steht „Pecchioli Auto“. Ich sehe mich um und entdecke ein Stück die Straße runter ein zweites Tor, darüber steht „Pecchioli Moto“ – verdammt, ich bin an der verkehrten Werkstatt? Komme ich noch bis zu „Moto“? Dafür müsste ich wenden. Ist das wohl noch drin? Nein, meint Anna. Der Hinterreifen ist jetzt restlos leer.

Ich gehe zu der Moto-Filiale und stelle zu meinem erschrecken fest, dass die eine Baustelle ist. Die ganze Inneneinrichtung ist herausgerissen, ein Pappschild verkündet „Wegen Renovierung geschlossen“. Ich lasse die Schultern hängen und fühle mich plötzlich leer und sehr müde.

„Die ham zu“, sagt eine Stimme hinter mir. Als ich mich um drehe sehe ich zwei Bauarbeiter mit Schiebermützen und in Feinrippunterhemden, die an einem Tisch am Straßenrand sitzen und Tramezzino, belegte Brote, essen. „Wir renovieren das gerade, aber die Autofiliale von denen, da hinten, die hat auf“. Mir fällt ein Stein vom Herzen. „Machen die auch Motorräder?“, frage ich. Der Bauarbeiter zuckt die Schultern und beisst in sein Brot.

Nun heißt es warten. Es ist erst kurz nach 13 Uhr, die Werkstatt macht erst in eineinhalb Stunden wieder auf. Der Adrenalinrausch hört auf und ich werde müde, mir fallen fast die Augen zu.

Ich setze mich neben dem Motorrad an die Hauswand, hole den Kindle heraus und lese ein wenig.

Ein älterer Herr geht zwei Mal um die V-Strom herum und mustert die Maschine mit interessiertem Blick.

Eine Alte Dame schimpft, warum ich den Weg zuparke und hier herumlungere.

Eine Polizistin kommt vorbei und zückt ihren Block. Ich deute auf den Hinterreifen, sie nickt, steckt den Block wieder weg und geht weiter.

Mein Telefon klingelt. Der ADAC ist dran und fragt, ob jetzt alles OK sei oder sie noch etwas tun können. Ich schildere die Ereignisse der letzten zwei Stunden, worauf die Dame in München wütend wird und ihr italienisches Temperament durchschlägt.

„Ich schicke ihnen jetzt sofort noch einen Wagen! Dass kann doch nicht sein, das unser Abschlepper sie sonstwo abliefert wo ihnen nicht geholfen wird und sie dann noch mit plattem Reifen durch den Stattverkehr eiern müssen! Madonna mia che Sciocchi!“
„Sie kommen aus Sizilien, oder?“, frage ich und sie lacht und sagt „Aufgewachsen in Palermo“. Wir einigen uns darauf das wir in zwei Stunden noch einmal sprechen, so lange macht sie erst einmal nichts.

Ein Auto hält in der Einfahrt. Ein Kunde mit Termin um 14:00 Uhr, der sich zusammen mit zwei anderen Wartenden fürchterlich darüber aufregt, dass die Öffnungszeiten anscheinend gerade geändert wurden. Immerhin, die Werkstatt wird heute noch öffnen.

Um Viertel nach zwei kommt Bewegung in die Sache. Ein junger Mann in einem schwarzen Mechanikeroverall schließt das Tor auf und öffnet die beiden große Flügeltüren, die in eine höhlenartige Anlage im Erdgeschoss des Wohnhauses führen. Überall stehen Autos, an den Wänden hängen polierte Felgen. Die wartenden Autofahrer stürmen hinein.

Ich spreche den Overallträger an. „Entschuldigung, ich habe eine Panne, könnten Sie…“ Der Mann sagt „jaja“, dreht sich um und geht weg. Das gibts doch nicht!
Ich laufe ihm hinterher und rufe „Hey, ich brauche bitte Hilfe, könnten sie…“
Der Man stutzt und sagt „Das ist ein Motorrad“.

Ich atme tief ein und zähle innerlich bis drei. Immerhin, direkt neben der Werkstatt gibt es ein B&B mit freien Zimmern. Wenn die Werkstatt nicht helfen will oder kann oder der Reifen nicht reparabel ist, dann übernachte ich einfach hier und mache mir eine schöne Zeit in Florenz.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf sage sehr ruhig: „Das ist korrekt“.

…und weil der Text schon wieder so absurd lang geworden ist, findet dieser Tagebucheintrag am kommenden Samstag seine Fortsetzung.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 13 Kommentare

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13 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradherbst (13): Knochensplitter

  1. Daniel

    Tolle Geschichte heute (für mich als Leser zumindest). Wüsste ja zu gerne wie sie ausgeht. Aber da muss ich mich nun gedulden, aeh. auf nächste Woche freuen 🙂

    PS: Ich lese weiterhin im Feed. Da bleibt mir dann manchmal sowas wie „Italierner:innen“ erspart (du siehst, ich habe es versucht).

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  2. rudi rüpel

    Neeeeeeiiiiiiiiiiinnnnnnnnnnnnnnn!?

    Mittendrinn? Einfach Schluß? Wie in einer Seifenoper? Das gibts doch nicht!?
    Kommt jetzt Werbung? Oder was?
    Siiiiiileeeenceeeer, weißt Du wie weit es bist nächsten Samstag ist?
    Das halt ich nicht aus!

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  3. zimtapfel

    Alteeeeer, was soll der Cliffhanger, sowas kannste doch nicht machen!

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  4. zwerch

    Ich hasse Cliffhanger!!! *grummelt vor sich hin!

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  5. Sehr großartig. Spannendste Folge seit der Sache mit dem Regen uns der vollkommen kaputten Straße, nein, spannender und zugleich, nun ja, auf eine Art auch witziger (natürlich nur rückblickend).
    Und der Cliffhanger ist super! Als alter Serienfan mag ich das, die Spannung auch mach (auszu)halten.

    Dazu noch so viele neue Worte gelernt: Ahle, Karkasse …

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  6. „Bocca del Lupo“, klar werden Sie hier geholfen ; – )))

    Gruss

    Lupo

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  7. »insalata mista« <- Ausruf italienischer Küchenmitarbeiter wenn der Wurm im Salat ist.

    😉

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  8. ROTFL – super Cliffhanger. Und bei „Knochensplitter“ dachte ich, du hast dich lang gemacht 😛
    Du solltest Drehbuchautor werden 😉

    Was die Panik angeht, kann ich dich beruhigen.
    Das Motorrad fährt auch ohne Luft eine ganze Strecke. Habe ich mehrfach selbst gehabt, vorne wie auch hinten. Das fährt sich natürlich nicht toll und eiert arg. Mit etwas Geschwindigkeit stabilisiert sich die Fuhre. Die Karkasse leidet natürlich sehr, den Reifen würde ich dann nur als Notlösung weiter fahren.

    Letztes Jahr in MeckPomm hat mich die Polizei die letzten paar hundert Meter zur Tanke schieben lassen, nachdem sie es sich innerorts eine Stück weit angeschaut haben. gut, dass sie die paar Kilometer davor Offroad und auf der Hauptstraße nicht gesehen hatten 😉

    Auch das Flicken ist eigentlich kein Problem, man muss das Loch aber großzügig aufreiben, sonst quält man sich unnötig. Ich habe inzwischen auch bei kleinere Touren i.d.R. Flickzeug dabei und das selbst aber auch für andere schon gebraucht.
    Ich fahre geflickte Reifen auch weiter, wobei es da derbe Diskussionen gibt. Ok, ich habe auch keine 200 PS Raketen… 😉

    Die Streifen gefallen mir dabei gut, die Vulkanisierlösung muss man regelmäßig tauschen. Die ist sonst immer dann in der geschlossenen Tube ausgehärtet, wenn man sie braucht. Wie beim Fahrrad 😉

    Bin auf Folge 14 gespannt 😉

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  9. Ali

    So eine Lese-weiter-Pause trifft mich auch, da möchte ich es JETZT wissen, wie es weiter ausgeht.
    Panne am Reifen: Hatte ich noch nicht, wenn aber der Reifenwulst vom Felgenhorn wegen Druckverlust springt, hat sich die Nachpumperei gegessen. Speichenradbesitzer haben meist Schlauchreifen, da muss erstmal das ganze Rad raus und der Mantel ab.
    Das muss man erst mal können! Vor allem mit Bordwerkzeug.
    Nach deiner Schilderung habe ich mir meine Ahle (Reibewerkzeug) angeschaut: genauso lummeliger Griff. Hat ein EisenT-Stück draufgebraten bekommen und tut hoffentlich beim Reifenstech.i
    Seit mehreren Jahren fahre ich Grobians in „Dakar“ Ausführung…..gerade wegen der verstärkten Karkasse. Bei den jetzigen Neureifen meinte ich, darauf verzichten zu können. Hoffentlich bereue ich das nicht.

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  10. Suse

    Eyyyy… das geht so nicht!!! dagegen ist ja ne Werbepause wellnessverdächtig… einfach so aprupt, menno :-O und dann auch noch so spannend… Du weißt ja, was solche Aktionen machen: sie schrauben die Erwartungshaltung ganzganzganz hoch!!!

    Ich kann echt mitfühlen… mal wieder sehr unterhaltsam geschireben 🙂
    In Irland hatte ich auch mal eine solche Eierei, zwischen diversen Wolkenbrüchen… dachte erst, dass es das Vorderrad ist, welches eiert. War aber dann ein Loch im Hinterreifen, wovon auch immer. Pfffft… Irgendwo im Nirgendwo auf kleinen Sträßchen Richtung Nordostküste. Gut, dass ich damals nicht alleine war beim „ersten Mal“. Das mit der Ahle haben wir noch einigermaßen hinbekommen, ja ein echt lummeliges Ding. Und man muss wirklich robust zu Werke gehen. Nur die Kartuschen sind eine Katasprohe, da hast du wirklich keinen Schuß frei… nach zwei Versuchen hatten die – pfffft – schon Flasche leer, obwohl sie alles gegeben haben. War aber nicht viel davon zu merken im Reifen. Das war der Moment über die Anschaffung der Fußpumpe nachzudenken. Die hat dann in nachfolgenden Reisen anderen Gestrandeten sehr geholfen… z.B. als wir in Italien einen Rumänen mit einem Platten „fachmännsich“ retten konnten. Er hatte schon riesige Schweißperlen auf der Stirn vom Kampf mit der Ahle…
    Achja… Irland… weit und breit keine Tankstelle, bin dann bis zur nächsten ca 15 km geschlichen… an der war die Luftpumpe im Eimer, hat nur ein paar Puster von sich gegeben, dann wars vorbei. . Irgendwie haben wir es dann aber doch noch zur nächsten geschafft. Den Reifen mit dem Flicken bin ich dann noch bis zum Ende gefahren… ca. 3 tsd. km, ohne auch nur ein Millibar zu verlieren.

    Übrigens: Morgen ist Samstag 😉

    ungeduldige Grüße
    Suse

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  11. Ha, Sorry, ich wollte Euch nicht leiden lassen – ich dachte nur, dass niemand so ewig lange Texte lesen möchte, so lange dauert kein Frühstückskaffee… 🙂

    Kradblatt: Ich hatte das mal beim Auto: Ein Reifen platt, ich habe es nicht mal gemerkt. Von daher hätte ich fast vermutet, dass man auch mit plattem Reifen noch ein wenig weiterzuckeln kann – ich hoffe nur, ich muss das nicht wirklich nochmal testen. Ich habe übrigens Flicken dabei, die gleich mit so Gummizeugs beschichtet sind. Ich dachte das wäre sinnvoller, weil man dann nicht noch mit einer separaten Tube rumhantieren muss… aber vielleicht war das (neben zu wenig Aufweitung) jetzt auch mein Problem, denn die 98 Jahre alten Streifen klebten so schon wie Sau.

    Ali: draufbraten sehr sinnvoll. Bei mir hat sich wirklich das Werkzeug beim Versuch den Flicken in den Reifen zu drehen aus dem Griff raugedreht, völlig Banane.

    Suse: Du hast ja auch schon einige Erfahrung mit kaputten Reifen 🙂 Die Schweißperlen auf der Stirn des armen Kerls kann ich völlig verstehen, ich war nach kurzer Zeit auch völlig eingeölt. Das bei Tankstellen entweder die Luftpumpen kaputt sind, oder die Anschlüsse nicht passen, oder die Anzeigen nach dem Mond gehen haben mich auch dazu bewogen die kleine Fußpumpe zu nehmen. Und die ist völlig super, auch wenn die Bosch Easypump, die sich Blindschleiche gerade zugelegt hat, schon sehr charmant ist.

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  12. Ali

    @Silencer
    Solche „Perlen“ würden mich auch nicht freuen.
    Mag sein, daß ich das als Kleinstkind hatte, denke aber eher an die, welche mich im ungünstigen Augenblick gewickelt haben.🚼

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  13. Ali: Niemand wird je verstehen was Du meinst. Unterschätze nie die Macht des Admins alte Beiträge zu korrigieren 🙂

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