Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr


Weltweit: 132.456.676 Infektionen, 2.873.821 Todesfälle
Deutschland: 2.909.902 Infektionen, 77.401 Todesfälle

Tag 390 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, was hier passiert.

Da warnen Wissenschaftler:innen seit Anfang des Jahres vor einer dritten Welle und sagen das Szenario ganz exakt voraus: Sobald die Alten geimpft sind, besteht die Gefahr und die Verlockung leichtsinnig zu werden, vorschnell Öffnungen voran zu treiben und DANN werden die Fallzahlen durch die Decke gehen und die medizinischen Kapazitäten überlastet sein. Genau in dieser Phase sind wir gerade, das ist die dritte Welle, weiter angefeuert durch immer ansteckendere Virusmutanten.

Aber was machen die Landespolitiker? Beschließen keine härteren Maßnahmen. Keine Homeoffice-Pflicht. Keine Mobilitätseinschränkungen. Stattdessen stellen die sich hin und handeln exakt entgegen aller Empfehlungen. Faseln trotz steigender Fallzahlen von Öffnungen und richten Modellregionen ein. Man brauche nur genug testen, dann könnte man alles wieder aufmachen. Klappt nur nicht, auch in den Modellregionen gehen die Fallzahlen hoch, stärker noch als anderswo. Ich verstehe es nicht.

Angesicht steigender Fallzahlen rudern Gestalten wie Armin Laschet nun mit den Ärmchen, machen dicke Backen und verkünden, dass mit einer dritten Welle ja niemand rechnen konnte, keiner konnte das wissen! Alle sind ja so überrascht! Und wenn ihm jetzt mal einer sagen könnte was man noch tun kann um die Pandemie einzudämmen, dann würde er, Armin Laschet, CDU-Chef und Ministerpräsident von NRW, vielleicht drüber nachdenken.

Das sorgte unter dem Hashtag #Laschetdenktnach für feinen Spott auf Twitter. Rausgekommen ist bei dem Nachdenken ohne hin nur ein neues Wort, das wohl Laschets PR-Berater erfunden haben: Brücken-Lockdown. So wie ein normaler Lockdown, nur, öhm, anders benannt. Darüber wolle er auf einer Ministerpräsidentenkonferenz sprechen, die er – MAN HALTE SICH FEST! – in Präsenz abhalten will, weil „online nicht funktioniert“. Ich verstehe es nicht.

Es ist zum Heulen. Was wir bräuchten ist ein echter Lockdown, bei dem auch Büros und Betriebe zugemacht werden, bei dem es Ausgangssperren auch tagsüber gibt. Damit könnte man die Fallzahlen runterbekommen. Dreiviertel der Bevölkerung befürworten dieses Vorgehen. Und was machen die Bundesländer? Das Saarland öffnet komplett. Niedersachsen macht nüscht. Alle anderen irrlichtern irgendwo dazwischen rum. Ich verstehe es nicht.

Über die Osterfeiertage wurde wenig getestet und vielerorts die Testzahlen nicht weitergeleitet, weil in den zuständigen Stellen niemand gearbeitet hat. Was machen Städte wie München? „Oh, die Fallzahlen sind ja voll niedrig, gleich mal Öffnungen einleiten“. Ich verstehe es nicht.

An den Wochenenden fahren immer die gleichen Esoteriker, Neonazis und Spinner mit Bussen in immer andere Städte, marodieren unter dem Deckmäntelchen einer „Querdenker-Demo“ ohne Masken und Abstand herum und die Polizei ist jedes Mal überfordert, weicht zurück, zeigt Sympathien. Die Lokalpolitik gibt anschliessend zu Protokoll, dass ja NIEMAND damit rechnen konnte, dass die Infektionsschutzauflagen verletzt oder Journalisten bedroht wurden. Ich verstehe es nicht, denn diese demoktatiezersetzenden Quatschdemos muss man nicht stattfinden lassen. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, aber es kann eingeschränkt werden – wenn die Maßnahmen erforderlich und angemessen sind, und das geben die Infektionsschutzgesetze her. Das man die nicht einsetzt sondern JEDE WOCHE WIEDER überrascht ist wie gewalttätig diese Superspreaderevents sind – ich verstehe es nicht.

Eine Krankheit verhandelt nicht. Was sagt der regierende Bürgermeister von Berlin, auf die Frage warum er sich angesichts durch die Decke knallender Infektionszahlen weigert, die zuvor verabredeten Maßnahmen umzusetzen? Er fände es nicht gut, die in den letzten Wochen so hart erkämpften Freiheiten jetzt wieder zurück zu nehmen. Ich verstehe es nicht.

Die Politik, vor allem die Konservative, scheint überall genau das Gegenteil von dem zu tun, das die Wissenschaft sagt und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würden. Warum ist das so?

Vielleicht wird tatsächlich nur ein Schuh draus, wenn man sieht, mit welcher Intensität und Lautstärke Wirtschaftsverbände in den Nachrichten vorkommen und Geld/Öffnungen/keine Maßnahmen fordern. Allein die Unverschämtheit, mit der die Vorsitzende des Gaststättenverbandes Forderungen und Drohungen ausstösst, würde jede Schuldeneintreiber rot werden lassen. Wirklich, wenn ich die Frau sehe, denke ich immer nur: Die geht über Leichen, für die sind ihre Klientel wichtiger als Menschenleben.

Man neigt dazu, schnell in den Bereich der Verschwörungstheorien abzukippen, aber angesichts der Tatsache, dass sich die Politikfamilienclans, von den Kohls über die Straußs bis hin zu den Gauweilers alle an der Krise bereichert haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Einfluss der Wirtschaft für die Politik einen viel höheren Stellenwert hat als Menschenleben. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung.

Achso, Impftechnisch geht es gefühlt auch nicht voran. Immerhin dürften jetzt Hausärzt:innen impfen, wenn sie Impfstoff bekämen. Das ist gut, Hausärzt:innen kennen ihre Patienten und können die Reihenfolge selbst am Besten festlegen. Da passt es ja voll supi, dass meine Hausärztin vorvergangene Woche beschlossen hat, dass es genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre in Rente zu gehen. Ich verstehe es nicht.

Zu Abschluss Rezo. Nicht in einem seiner legendären Recherchevideos, sondern im offenen Talk:

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 12 Kommentare

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12 Gedanken zu „Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr

  1. Leider sind die Befürworter wie immer und überall zwar in der Mehrheit, aber sie finden kein Gehör! Warum? Weil sie erstens keine Plattform finden und zweitens die Minderheit lautstark herumkrakelt und einschüchtert!
    Auch in mir ist nur noch dieses Gefühl von Ohnmacht und Verzweiflung. Oder um es mit den Worten eines Ü-50 Twitterers (hab vergessen wer) zu sagen: Die Oberen schafften es, in ihm das politische Gefühl des damals 16jährigen wieder zu erwecken.
    Vielleicht kram ich ja auch wieder die schwarzen Klamotten raus, fülle Flaschen ab und statte Hamburg (oder Kreuzberg) zum 01. Mai mal wieder einen Besuch ab. Der Druck muss ja irgendwo hin…

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  2. Brigitte Eckert

    Wenn man sich fragt, wer welchen Nutzen woraus zieht, versteht man das Meiste dessen, was seit 1 Jahr passiert. Jede*r kocht sein Kapitalistensüppchen, plustert sich auf für seine/ihre Klientel, geht jedem Konflikt aus dem Weg, tut alles für Wählerstimmen, aber nicht für Wähler*innen.
    Was ich nicht verstehe, ist das Verhalten der Leute. Ich meine nicht die Covidioten, geschenkt. Aber wenn 3/4 der Bevölkerung (!) angeblich für einen echten Lockdown sind, warum bleiben sie nicht alle einfach zuhause? Wehren sich nicht gegen asoziale Arbeitgeber*innen? Besuchen die sich seit 1 Jahr immer weiter, fahren in Urlaub, gehen in die Kirchen? Warum wollen die, dass der STAAT ihnen sagt, was sie tun DÜRFEN und was nicht? Warum tun sie nicht einfach das Richtige und Notwendige? Sind die Leute einfach nur BLÖD?

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  3. Moin Kämpfer,

    was verstehst Du nicht? Das ist doch alles ganz klar: Es geht nur um Macht und Geld und um nichts anderes. Das im Hinterkopf wird Dir alles sofort durchschaubar……und Dich wundert nichts mehr. Ich habe meinen Glauben an die Menschheit schon lange aufgegeben.

    Gruss

    Lupo

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  4. lupo631

    Selbst bei Quarks vom WDR ist das inzwischen Thema:

    Unwissenschaftliche Corona Politik: Mit Ansage ins Verderben | Quarks Kommentar

    Corona ist uns nun schon seit über einem Jahr fester Bestandteil unseres Alltags und damit auch zwangsläufig Teil der deutschen Politik. Bund und Länder tagen regelmäßig, um neue Maßnahmen zu beschließen oder auch wieder zu revidieren. Beratend zur Seite stehen ihnen dabei zahlreiche Wissenschaftler*innen, Epidemiolog*innen, Virolog*innen – aber ein Großteil der politischen Entscheidungstragenden ignoriert zunehmend die Warnungen der Expert*innen. Viele bei uns in der Redaktion macht das wütend.
    Die Corona Politik ist mit Sicherheit nicht immer leicht, zu Beginn war nicht ganz klar, wie sich das Virus entwickeln und die Pandemie verlaufen wird. Dennoch forschen, recherchieren und beraten Wissenschaftler*innen seit Anfang an, um neue Erkenntnisse über Corona zu erlangen, die von der Politik aufgefasst und genutzt werden sollten.
    Aber ist das wirklich passiert?
    Wir finden nicht! Es gab etliche Prognosen zu Corona und zum Verlauf dieser Pandemie und sie waren ziemlich akkurat, wenn man auf das Jahr zurückblickt. Dennoch hat die Politik regelmäßig Warnungen von Wissenschaftler*innen zu einer zweiten und einer dritten Welle ignoriert und viel zu langsam und schwach reagiert. All das soll laut der Politik ein Kompromiss zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sein, doch das ist faktisch falsch. Je mehr die Wissenschaft ignoriert wird, desto länger hängen wir in “Lockdown lights” oder weiteren Corona-Wellen fest.
    Das Café von nebenan wäre sicher froh über einen harten und schnellen Lockdown, um danach wieder richtig öffnen zu können, anstelle von halbgaren Entscheidungen und immer-wieder-Schließungen seit Oktober.
    Die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse sind wichtig für die Politik während Corona und die Politik im allgemeinen. Es macht uns wütend und traurig, dass wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse hinsichtlich Corona im Moment eher als Eventualität gesehen und häufig komplett ignoriert werden.
    Hinweis in eigener Sache: Bei diesem Video handelt es sich um einen journalistischen Kommentar. Das heißt: Wir äußern im Video, anders als sonst, unsere Meinung. Das Video bildet den Stand von Ende März 2021 ab.

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  5. Coronapolitik ist wie Kryptowährungen: es gibt zwar immer wieder einen Knick, die Kurve steigt aber stetig nach oben… Leider nicht die Erfolgskurve sondern die Infektions- und Todeskurve…

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  6. Ali

    Wer wirklich etwas verändern möchte, muß eben in die Politik.
    Der Weg dahin steht frei, nur…..wer möchte in diesen Zeiten wirklich verantwortlicher Politiker/In sein mit oft über 12Std.-Tag, absolut vorurteils-und bestechungsfrei?
    Polemisieren ist leichter wie Machen, oder hat z.B. Reto schon wirklich Bewegendes auf die Reihe gebracht?

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  7. Dirk Rössner

    Und ein Kollege von mir ist über Ostern nach Mallorca geflogen. 😂😂😂 Aber die deutsche Ostseeküste ist Speergebiet.

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  8. Dirk Rössner

    Und ein Kollege von mir ist über Ostern nach Mallorca geflogen. 😂😂😂 Aber die deutsche Ostseeküste ist Speergebiet.

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  9. rudi rüpel

    Hallo Brigitte,

    das sind meine Worte. Sie haben bei mir abgeschrieben. Unheimlich. Wie geht das?
    hahahahaha!

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  10. Ralfi: Ja, Einschüchterung wird vermutlich genauso dazu beitragen wie Kumpanei.

    Frau Eckert: Das frage ich mich in der Tat auch. Wenn keine Ausgangssperre ist zwingt einen niemand rauszugehen. Aber selbst in meiner Familie beobachte ich das verhalten: Es wird sich streng an Regeln gehalten, aber wenn es keine Regeln gibt, dann gibt es keine Eigenverantwortung.

    Lupo: Danke für die Links! Sehr passend.

    X-Fish: Exponentielle Geldvermehrung hätte ich auch lieber.

    Ali: Natürlich wäre ich ein besserer Politiker. Hey, im Gegensatz zu den ganzen Juristen die in der Politik hocken habe ich den Kram sogar studiert. ABER ICH KANN NICHT ALLES MACHEN.

    Dirk Rössner: Na, DAS kann man ohnehin niemandem vermitteln.

    Rudi: Frau Eckert kann Gedanken lesen. Und sie ist klug. Daran kann es auch liegen.

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  11. Moin,
    danke für Deine wie immer trefflich formulierten Gedanken, die meinen sehr ähnlich sind.
    Ich verstehe vieles auch nicht.
    Aber eines verstehe ich besonders nicht:

    Ich marschiere in den Supermarkt, in den Drogeriemarkt, in den Waschsalon…..alles ohne irgendeine Registrierung.
    Aber: Ich marschiere (wenn überhaupt) in den Buchladen und/oder in den Elektronikmarkt, nein, wenn dann eher zu Tchibo Prozente…..und werde dort um meine Kontaktdaten gebeten.

    ok, die erstgenannten Läden sind „systemrelevant“, die nachfolgenden nicht.
    Aber weiß das das Virus????

    gerne würde ich auch in den systemrelevanten Läden meine Kontaktdaten hinterlassen…..aber dort will sie niemand….und dort sind meist viel mehr Menschen.

    ich verstehe das nicht!!

    Ob ich Herrn Spahn oder Frau Merkel diese Frage stellen kann?
    ok, ich könnte, aber was würde daraus resultieren? Vermutlich bekäme ich eine eh unbefriedigende Antwort.

    ich verstehe es nicht. Ehrlich.

    Vermutlich hungert sich Corona irgendwann von alleine aus,…..es wird nur sehr viel länger dauern und uns sehr viel mehr Kosten, auf allen Ebenen, als wenn wirklich mal konsequent gehandelt worden wäre.

    Ich verstehe es immer noch nicht.

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