Ich will nicht mehr duften

Neulich, vor der Pandemie: Ich sitze im ICE, neben mir eine junge Frau. Durch den Gang gockelt eine Teenagerin und zieht eine Spur aus Vanille-Gurken-Geruch hinter sich her, der in der Nase beißt. Vermutlich der Duft „Donut“ von irgendeiner Influencerin. Meine Sitznachbarin verzieht das Gesicht und meint: „Das war wohl früher nicht so heftig.“ Ich muss lächeln und denke: Du hast ja KEINE AHNUNG. Früher war die olfaktorische Belästigung schlimmer. VIEL schlimmer.

Bis Mitte der 80er stanken die Straßen stanken vor Abgasen, außerdem wurde überall geraucht – in Restaurants, Kneipen, zu Hause, im Zug. Um all diese Stinkerei zu überdecken, und weil es Mode war, benutzten die Frauen neben einem Deo auch Eau de Toilette oder Parfüm, die Männer Deo plus mindestes After Shave. Letzteres gerne mit Moschus, dass sind schwere, alles erstickende Gerüche.

Ich weiß noch, dass mein erstes Deo „City Man“ war, ein „Axe“-Abklatsch, weil ich die Verpackung toll fand. Als dann nicht nur die Schweißdrüsen, sondern auch der Bartwuchs seine Arbeit aufnahm, wurde „Tabac“ mein bevorzugtes After Shave.

Zum Glück ist der massenhafte Gebrauch von so vielen Düften stark zurückgegangen. Gerade als Mann noch Eau de Cologne oder After Shave oder gar Parfüm zu benutzen, das verbietet sich im Alltag. Das macht man einfach nicht mehr. Tatsächlich riecht man heute so wenig, dass es Ausreisser extrem auffallen – wie etwa der Teenager, der getan hat, was ihm die Werbung beigebracht hat: Dass man sich Deo MINUTENLANG unter jede Achsel sprühen muss, aus einem Meter Entfernung.

Mittlerweile will ich gar nicht mehr „duften“.

Wie bei so vielen Dingen war auch meine Entscheidung, nicht mehr nach künstlichen Düften riechen zu wollen, keine bewusste, sondern ein schleichender Prozess. Erst verzichtete ich auf After Shave, einfach weil es nicht mehr zeitgemäß war und ich den Duft eh´ über hatte. Dann wurden die Deos immer dezenter, weg vom krassen Billigdeo á la Axe und Konsorten, hin zu sanfteren Nivea Roll-Ons.

Auch die dezenten Düfte wurden mir irgendwann zu viel, also bin ich zu etwas gewechselt, das ich aus meiner Veganer-Studienzeit kannte: Deokristalle. Sie bestehen aus Aluminiumsalz und werden wie ein Roll-On verwendet.

Die Bezeichnung „Deo“ ist eigentlich falsch, die Kristalle sind Anti-transpiranzien und unterscheiden sich damit von normalen Deos, die den Köpergeruch durch Duftstoffe überdecken. Stinken tut ja nicht der Schweiß, sondern die Ausscheidungen der Bakterien auf unserer Haut, die den Schweiß verdauen.

Diese Bakterienpupse kann man nun entweder versuchen mit Duftstoffen zu überdecken, was die klassischen Deos tun, oder man verwendet ein Antitranspiranz, um das Schwitzen zu vermindern. Das tun diese Kristalle, die aus Alaun bestehen, das sind Aluminiumsalze in Kristallform. Dieses Aluminiumsalz verstopft, vereinfacht ausgedrückt, die Schweißporen. Kein Schweiß = Keine Baktierenpupse = Kein Schweißgeruch. Das funktioniert supergut, zumindest bei mir, und duftet halt überhaupt nicht.

Nun stand Aluminium zwischenzeitlich in dem Verdacht sich im Körper anzusammeln und Hirnschäden zu verursachen. Das wurde mitlerweile von höchster Stelle widerlegt, trotzdem habe ich eine Zeitlang auf Deokristalle verzichtet – zumal Schwitzen ja auch natürlich und notwendig ist und es vielleicht nicht so die ganz supergute Idee ist, die eigenen Schweißdrüsen dauerhaft lahm zu legen.

MaxED09 hatte mich auf ein Mittel aufmerksam gemacht, das ebenfalls keine Duftstoffe enthält, aber anders funktioniert. „Nuud“ ist eine Art Paste, die auf der Hautoberfläche ansetzt und dort die Ausbreitung der Schweißfressenden und pupsenden Bakterien verhindert. Das tut es mit einer Mischung aus Mandel- und Kokosöl und Silberpartikeln. Die Silberpartikel sind antibakteriell und nicht groß genug um in den Körper zu gelangen oder Poren zu verstopfen. Die Öle sorgen dafür, dass das Silber wirklich dort bleibt wo es wirken soll und auch mehrere Duschen übersteht.

Die Dosierung und der Wirkzeitraum ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei mir ist die Wirkzeit recht lang, ich muss pro Achsel nur ca. alle drei Tage eine linsengroße Menge auftragen. Der geringe Verbrauch ist auch gut so, denn eine kleine Tube von dem Zeugs kostet satte 13 Euro. Die hält bei mir zwar 7 Monate, aber so ein Nivea-Rollon für 3,99 Euro hält halt auch 9 Monate, und ein Deokristall für 10 Euro fällt eher runter und zerbricht, als das er aufgebraucht ist.

Abgesehen vom Preis ist der einzige Nachteil von „Nuud“ tatsächlich der Marketingbullshit. Vom unerträglich fröhlichen Newsletter über knallige Nullnummern Website inkl. esoterischer FAQ ist alles dabei, was in Agenturkreisen gerade hip ist.

Für völligen Quatsch halte ich die Info aus der FAQ, dass zu Beginn der Nuud-Benutzung der Körper „entgiften“ muss und man deshalb am Anfang der Nuud-Benutzung erstmal andere riecht als sonst. Richtig ist, dass – falls man vorher ein Deo mit Duftstoffen genutzt hat – man sich erst an deren Abwesenheit gewöhnen muss. Das die Nuud-Website dagegen davon fabuliert, dass erst die Poren des Körpers befreit werden und darin angestaute Giftstoffe in den ersten Wochen für einen stärkeren Körpergeruch sorgen, das halte ich schlicht für eine Erfindung. So funktioniert der menschliche Körper nicht.

Sei´s drum. Lange Rede, kurzer Sinn: Man muss heutzutage nicht mehr nach Parfüm, After Shave oder Deo duften, das sich die Nasen von Personen in der Nähe zusammenrollen. Man muss gar nicht mehr duften, ohne das man stinken muss. Und das ist ein großer Fortschritt, denn früher war eben nicht alles besser.

Kategorien: Meinung, Service | 19 Kommentare

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19 Gedanken zu „Ich will nicht mehr duften

  1. Lieb mich auch wenn ich stinke, sonst sag‘ ich winke, winke … 😀

    Herzliche Grüsse
    Der halbharte Mann

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  2. Da sind wir auf genau dem gleichen Trip (bei mir ist das allerdings Kristalldeo in flüssiger Form, eben auch geruchlos). Das letzte Mal, als ich versehentlich (in Griechenland!) ein Deo mit Geruch gekauft habe, musste ich mich danach dann fast von meinem eigenen Geruch übergeben,

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  3. Thomas: Argh, jetzt habe ich einen 👂 🐛

    Modnerd: Ist nicht mehr zeitgemäß, oder? Andere Leute vollstinken ist wie sie anschreien, nur über die Nase.

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  4. Thom

    Hm, da sind aber viele Menschen in meinem Umfeld noch unwissend und duften vor sich hin. Und wenn meine Liebste zu ihrem kleinen Schwarzen etwas neckischen Duft aufträgt, mag ich das auch.

    Das die Unschädlichkeit der Aluminium auf den Körper nun erwiesen ist, habe ich noch garnicht mitbekommen. Man sollte aber mal hinterfragen, wer entsprechende Studien bezahlt. Nicht dass das die aluminiumverarbeitende Industrie ist. Am sichersten ist man wohl, wenn man sich einfach regelmässig wäscht.

    Was ich an deiner Werbung für dieses maßlos überteuerte Produkt nicht verstehe, wieso sind die Aluminiumsalze nicht groß genug, um vom Körper aufgenommen zu werden? Sind sie zu groß, passen sie nicht durch die Poren, aber zu klein? Da ja ungefährlich, wäre es ja auch egal, wenn sie in den Körper kämen, oder? Warum weißt man nochmal darauf hin?
    Dann, warum nicht der Stick mit den Aluminiumsalzen? Ist doch viel günstiger und auch effektiv.
    Insgesamt liest sich das wie ein Influenzerbeitrag mit Werbung für ein überteuertes Produkt.

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  5. rudi rüpel

    Hei Silencer,

    Thomas hat recht, im Körpergeruch stecken wichtige Informationen, die das Paarungsverhalten stark beeinflussen können. Aber danke für die Info mit dem Bakteriendriss, jetzt weiß ich daß es nicht an mir liegt falls ich mal abgewiesen werde. hahahahaha!

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  6. Thom: Ich spreche ja ausdrücklich nur vom Alltag, zum Kleinen Schwarzen gehört definitiv Chanel No. 5 😉

    2019 gab es zwei große Humanstudien der EU, genauer deren „Wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit“ (SCCS). Der hat keine signifikante Erhöhung der Alu-Konzentration festgestellt und hält fest, dass Alu aus Antitranspiranzien über die Haut in viel geringeren Mengen aufgenommen wird als gedacht. Das hat auch dazu geführt, dass das Amt für Risikobewertung seine Warnung vor Alu in Deos zurückgenommen hat.

    Warum ich dennoch Alternativen (vor 2019 schon) gesucht habe, habe ich hergeleitet: Das permanente Verstopfen von Schweißdrüsen ist ein Eingriff in die Körperfunktionen, den ich vermeiden wollte. Alusticks benutze ich noch, aber nur im Hochsommer.

    Es gab mal eine Zeit, da konnte man einfach mal seine Meinung zu etwas schreiben ohne in den Verdacht zu geraten dafür Geld zu bekommen – das ist ja das, was Du mit „Influencerbeitrag“ meinst. Dem ist nicht so, ich nehme kein Geld, von niemandem. Ich halte dieses Influencergehabe sogar für nachhaltig schädliche, siehe hier: https://silencer137.com/2018/01/03/monetarisierungsverdacht/

    Dass das Kram was kostet, habe ich geschrieben. Ob es „überteuert“ ist, muss jeder für sich entscheiden – gerade bei Körperpflegeprodukten sind da die Grenzen, glaube ich, doch sehr individuell und flexibel.

    Rudi: Das ist jetzt aber keine Ausrede um sich nicht mehr zu waschen! 🙂

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  7. Ali

    Die sinnigste Kombi mit Parfüm geht einher in Verbindung mit Mensensgeruch.
    Ich selbst wasche oder dusche mich ausschließlich mit unparfümierter Kernseife, weil sehr viele andere Produkte auf dem Markt Hautirritation bei mir hervorrufen.
    Ich meine als Feststellung, daß es noch einen Unterschied im „Stinkanfang“ gibt, ob man sich z.B. unter den Achseln enthaart.
    Für „Duft“ benutze ich Massageöl, oder auf Reisen Klosterfrau, ansonsten hilft sich regelmäßig zu waschen.

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  8. Thom

    Ich wollte dir keine Moniterisierung unterstellen. Ich finde deine Meinung sogar gut. Sonst würde ich hier nicht regelmäßig lesen. Du lieferst immer gute Hintergrundinfos mit. Influenzergehabe war vielleicht etwas überspitzt geschrieben. Also schreibe so wie bisher, aber öfters! 😉

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  9. Thom: Danke! Ich geb mir Mühe, das hier mal wieder mehr passiert 😉

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  10. lukra

    Ein ebenso wirksames Mittel, um Bakterien am Verdauen von Schweiß zu hindern, ist Natron.
    Enthalten in einer Deocreme namens „Wolkenseifen“. Die gibt’s mit sehr dezenter Parfümierung oder auch ganz ohne. Nutze ich schon ein paar Jahre und bin sehr zufrieden.

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  11. Oh, das kannte ich noch nicht. Danke für den Hinweis, Lukra.
    (Beim Lesen dachte ich nur: „Natron. Gibt es irgend etwas, was dieses Zeug nicht kann!?“) 🙂

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  12. lukra

    Ja, das Zeug ist ein Tausendsassa. :-))
    Nur leider ziemlich in Vergessenheit geraten, seitdem Henkel, Unilever & Co. den Leuten vermeintlich Besseres suggerieren.

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  13. Ali

    Nach dem Ablaugen von alten Schränken hätte ich das Zeugs besser unter den Armen verteilt statt das relativ teuer zu entsorgen.

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  14. rudi rüpel

    So nachdem ich nun genau weiß, wer was und wie anwendet, freue ich mich schon auf Teil 2: Ich will nicht mehr putzen, mein neues Mundwasser und besonders auf Teil 3: Geht mir am Arsch vorbei, Klopapier überbewertet Wasser tut’s auch. hahahahaha!

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  15. Teil 3 gibts schon, oder hast du meine Liebeserklärung an japanische Toiletten verpasst?!?

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  16. lupo631

    @Thomas: Hach, die CD habe ich auch, lange ist es her….

    Es ist alles eine persönliche Einstellung und die Einstellung der Massen ist halt leider werbebeeinflusst.

    Ich gestehe: Ich liebe gute Düfte, aber nicht jeder passt zu jeder Person. Es gibt welche, da wird mir schlecht.

    Mal ein Beispiel für einen Deo-Verweigerer: In meinem Bekanntenkreis habe ich jemanden, der Deos ablehnt und leider beim Schwitzen sehr penetrant riecht, so penetrant, dass mir dabei übel wird. Man hat ihm schon mal zum Geburtstag ein Paket mit Deos geschenkt. leider hat er den Wink mit dem Eiffelturm nicht verstanden….

    @Silencer: Bzgl. Aluminiumsalzen in Deos habe ich eine gegenteilige Studie gelesen, weiss nur nicht mehr, ob ich die noch irgendwo habe. Dort hat man Aluminium-Isotope eingesetzt, um den Nachweis der Anlagerung im menschlichen Körper zu führen und konnte es nachweisen. Daher bin ich da sehr vorsichtig.

    Gruss

    Lupo

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  17. lupo631

    Der Artikel ist ganz interssant, mit weiterführenden Links:
    https://www.spektrum.de/wissen/wie-gefaehrlich-ist-aluminium-5-fakten/1300812

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  18. lupo631

    Habe den Artikel mit dem Isotopennachweis gefunden:
    https://link.springer.com/article/10.1007/s00204-019-02599-z

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  19. Lupo: prima, vielen Dank. Schaue ich bei Gelegenheit gern mal rein.

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