Frischluftlaternen

Eine der besseren Auswirkungen des pandemiebedingt eingeschränkten Soziallebens: Viele Leute haben angefangen sich Hobbies zu suchen, probieren Dinge aus oder interessieren sich einfach mal für Neues. Nicht selten führte das zu großen Mengen Bananenbrot, bei mir zu Petroleumlampen.

Keine Ahnung wann genau, aber irgendwann während der dritten Welle begann ich, Petroleumlampen schick zu finden. Ich meine diese klassischen Blechlaternen, die in meiner frühen Kindheit allgegenwärtig waren. Auf dem Dorf hatte JEDER so welche zu Hause, und teils wurden sie sogar noch bis Anfang der 80er als Baustellenbeleuchtung benutzt. Ich habe mich immer gewundert, warum in meiner Kindheit die Lampen an Baustellen nur schwach glommen, und das ist die Erklärung: Weil darin entweder ein Teelicht brannte oder ein Petroleumbrenner auf Sparflamme lief! Ernsthaft!

Petroleumlampen sehen fast alle aus wie oben auf dem Bild, und das ist das Modell 276 Baby Special des Herstellers Feuerhand. Die saßen ursprünglich mal seit 1880 als „Firma Nier“ im dunklen Erzgebirge und schraubten dort von ihnen erfundene Sturmlaternen zusammen.

Die Bauform war so erfolgreich, dass sie trotz Patents praktisch von jedem Hersteller kopiert wurde und bis heute hergestellt wird. Zum Millionenfachen Einsatz kommen diese Laternen noch überall dort, wo es keine oder nur eine lökerige Stromversorgung gibt – in großen Teilen Afrikas, etwa.

In Deutschland dienten die Laternen bis in die 80er Jahre neben der Baustellensicherung auch als Bestandteil der Katstrophenvorsorge. Die Bundeswehr hatte große Mengen davon in der „Beleuchtungskiste Standard“ eingelagert. Heute nimmt man Petroleumlaternen eigentlich nur noch als Notfall- oder als Gartenbeleuchtung. Genau für letzteren Zweck wollte ich so eine Latüchte haben, weil ich das warme, flackerfreie Licht mag.

So fing an mich damit zu beschäftigen, und stieß neben der Geschichte der Firma Feuerhand auch darauf, dass diese Lampen viel cleverer sind, als es auf den ersten Blick wirkt.

Eigentlich ist es ganz einfach: Unten ist ein Tank, in dem ist Petroleum. Kein Lampenduftöl oder sowas, sondern hochwertiges Petroleum, am Besten Paraffinöl. Das ist so rein, dass es kaum riecht, nicht rußt und der Docht nicht verschleißt.

In den Tank hängt ein Docht aus Baumwolle, der durch eine Halterung – den Brenner – in das hochhebelbare Lampenglas geführt ist. Dort ist er vor Wind geschützt und lässt sich über ein Rädchen in der Höhe verstellen. Je weiter der Docht rausgedreht ist, desto höher die Flamme und desto heller das Licht – je nach Einstellung zwischen 5 und 30 mal heller als eine Kerze.

Und nun kommt das Clevere: Damit trotz des Rundum-Schutzes Sauerstoff zur Verbrennung in das Glas kommt, gibt es eine Luftleitung, die von der Kappe an der Spitze über die seitlichen Ärmchen in den Tank und von dort in den Brenner führt. Gefördert wird das Ansaugen von Luft durch die aufsteigende warme Luft von der Flamme. Die Laterne saugt also oben Luft durch den Kamineffekt an und leitet sie nach unten, um die Verbrennung am Laufen zu halten. Durch dieses Zuführen frischer Luft heißen die Dinger auch „Frischluftlaternen“ oder „Kaltluftlaternen“.

Das wusste ich bis dahin nicht – ich hatte angenommen, die Ärmchen seien halt Deko oder so.

Der Tank einer normalen 276 Baby Special fasst etwas mehr als 300 ml Petroleum, das reicht für rund 20 Stunden Licht. Das ist recht lang, reichte aber z.B. nicht, um eine Baustellenbeleuchtung über ein Wochenende am Laufen zu halten. Aus diesem Grund gab es Sonderformen mit größeren Tanks, die für 70 oder sogar 120 Stunden Brenndauer reichten.

Das ist so eine „STK 70“, eine 276 mit einem zusätzlichen Windschutz („Sturmkappe“ oder eben abgekürzt STK) oben an der Luftzuführung und einem Tank für 1,1 Liter Petroleum. Ein Ebay-Kauf.

Doof nur: Als sie hier ankam, brannte sie nicht ordentlich und ging dauernd aus. Also mal auseinandergebaut, was schnell und ohne Werkzeug geht…

…und da haben wir den Übeltäter. Der Docht war nicht nur uralt und hart, er war auch abgebrannt und viel zu kurz.

Normalerweise verschleißen Dochte nicht, wenn ordentlicher Brennstoff verwendet wird, aber das hier ist auch definitiv nicht der richtige für eine STK 70.

Wegen des großen Tankinhalt muss der Docht länger sein, damit er bis zum Boden reicht. Zum Glück gibt es das Zeug als Meterware:

Das allein reicht aber nicht. Das Öl zieht ja durch den Kappilareffekt den Docht hoch, und das geht nur bis zu einer gewissen Höhe.

Damit die großen Sturmlaternen ihren Tank auch wirklich leerrüsseln können, braucht der Docht eine Saughilfe. Das kann einfach ein Streifen Filz sein, der an den Docht getackert wird und dabei hilft, die letzten Petroleumreste aufzusaugen und den Docht zu versorgen.

So, besser. Damit brennt die 276 wieder ordentlich und 70 Stunden lang.

Noch ein Reflektor oben druff, den Schmiedin Linda in ihrer kleinen Edelstahlmanufaktur gefertigt hat…

…und fertig ist das Gartenlicht, dass sich so hell stellen lässt, dass ich dabei sogar im Dunkeln lesen kann.

Ich freu mich über diese Antiquität. Definitiv besser als Bananenbrot.

Kategorien: Skurril, Spielzeug | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Frischluftlaternen

  1. Kannst mal sehen und ich bin ein Fan von Petromax und stolzer Besitzer und Nutzer einer originalen Petromax von Graetz, Baujahr 06/1959, die noch mit Benzin betrieben werden kann.Stammt aus einer Auflösung eines BW Feldlagers und war unbenutzt in Originalverpackung.

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  2. Ha, und da Petromax Feuerhand aufgekauft hat, sind wir beide Fan vom selben 😆

    BTW eine Moppedtour weit weg, in Magdeburg, gibt es die „Petromax-Welt“

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  3. lupo631

    Ich weiss, da ich selbst schon aus eigener Dusseligkeit das Original Glas aus 1959 und die Vergaserstange kaputt gemacht habe, kenne ich Pelam gut. Es gibt auch noch Stuga Cabana, wo man Ersatzteile günstig bekommt.
    https://hytta.de/index.htm

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