Stabilitätsprobleme bei Motorrädern und wie sie beseitigt werden können

Bild: Continental

Drüben im V-Strom-Forum berichtet ein Fahrer davon, wie bei Tempo 160 der Lenker seiner 2019er DL 650 plötzlich zu schlagen anfing und das ganze Motorrad binnen Sekunden so stark zu pendeln begann, dass er sie nicht mehr halten konnte und beide den Abflug machten. Der Fahrer hat´s offensichtlich und zum Glück überlebt, statt Ursachenforschung zu betreiben möchte er sich aber einfach einen Lenkungsdämpfer ans Motorrad tackern.

Lenkungsdämpfer? Sowas haben die meisten Motorräder nicht. Mit Absicht, weil eine schwergängigere Lenkung in den allermeisten Fällen mehr behindert als nützt. Ausnahmen bilden sehr starke Maschinen, aber die haben dann serienmäßig eine gedämpfte Lenkung.

Aber woher kam nur diese Pendelbewegung? Ausgerechnet der Reifenkonzern Conti hat ein lesenswertes Paper dazu veröffentlicht. Darin wird neben dem Shimmy, dem leichten Lenkerflattern in bestimmten Geschwindigkeitsbereichen, das jeder Fahrer kennt, auch erklärt, was Kick Back und Hochgeschwindigkeitspendeln sind, was die Ursachen sein können und was man dagegen tun kann.

Ursachen für all diese Phänomene können verschlissene Reifen, falscher Reifendruck, kaputte oder falsch eingestellte Lager oder Dämpfer sein. Bei einer Reisemaschine neueren Datums würde ich das ausschließen, möglicherweise reichten für das Eingangs geschilderte Unglück aber tatsächlich die Dinge aus, vor deren Verlockung kein Tourenfahrer gefeit ist: Anbauteile!

Laut Conti kann nämlich die Fahrstabilität auch durch hohe Windschilder oder Gepäcksysteme beeinträchtigt werden. Für die meisten Fahrer von Reisemaschinen ein Schlag ins Kontor, denn Koffer brauchen wir nun mal, und viele von uns LIEBEN Topcases, in die eine Einbauküche passt, oder schrankwandgroße Scheiben. Vermutlich weil sie denken dahinter werden sie nicht nass oder sowas.

Ursache kann aber auch eine ungleichmäßige Beladung sein, und das habe ich bei meiner Maschine auch schon erlebt. Bedingt durch den Auspuff auf der rechten Seite der V-Strom stehen die Koffer ungleich weit von der Fahrzeugmitte ab, der rechte 10 Zentimeter weiter als der linke. Wenn ich den rechten Seitenkoffer nicht mit genau 1 Kilogramm weniger belade als den linken, beginnt auch die Barocca bei 140 das Pendeln. Als das zum ersten Mal auftrat, hat mich das wirklich erschreckt, aber zum Glück habe ich die Kiste wieder in den Griff bekommen bevor sie unkontrolliert zu keilen begann. Das ist der Grund, warum ich nun immer eine Gepäckwaage dabei habe und allen Ernstes vor jeder Fahrt die Seitenkoffer auswiege.

Das sehr lesenswerte und kurze Paper mit dem sperrigen Namen „Stabilitätsprobleme bei Motorrädern und wie sie beseitigt werden können“ findet sich HIER und ist Pflichtlektüre für alle Tourenfahrer:innen.

Der Fall und das Paper zeigen auch mal wieder sehr deutlich die Unterschiede zwischen Motorrad und Auto. An ein Mopped kann man nicht einfach alles dranschrauben was der Zubehörkatalog hergibt und fahren bis zur letzten Rille. Teile eines Motorrads müssen genau aufeinander und auf den Fahrer oder die Fahrerin abgestimmt sein, und der ganze Kram muss gut und vorbeugend gewartet sein. Sonst passieren… Dinge.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Stabilitätsprobleme bei Motorrädern und wie sie beseitigt werden können

  1. Das Thema ist ja nicht neu, KTM war vor ein paar Jahren stark betroffen.
    https://www.welt.de/motor/news/article152306178/KTM-Pendeln.html

    Ein Punkt, den ich immer wieder anspreche: viele Motorradfahrer sind offenbar nicht in der Lage, die Federbasis (Vorspannung) dem Beladungszustand anzupassen. Alleine dadurch lässt sich schon viel gewinnen. Die packen aber lieber das Heck voll und die Karre geht wie ein Chopper ums Eck oder wackelt wie ein Lämmerschwanz auf der Autobahn … 😛

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  2. Oh ja, das stimmt. Ich finde das aber auch nicht einfach – bei meiner V-strom scheint sich durch drehen am Rad nichts zu ändern und ich bin froh, dass die jetzige Einstellung für mich plus 20 kilo Gepäck passt. Bei meiner ZZR liefert Wilbers eine Anleitung, für die man studiert haben muss um sie zu verstehen….

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  3. zwerch

    Das ist der Grund warum ich mein Topcase wieder verkauft hab. Sobald das drauf war (egal ob leer, halbvoll oder voll) hatte ich ein permanentes pendeln ab ca. 90 km/h. Das hat mich 1. verunsichert und 2. unsäglich genervt. Anscheinend biete ich selbst nicht genügend Windschatten, so dass der Fahrtwind fast ungehemmt auf das Case knallte

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  4. Zwerch: Da mag sein, ich habe da ja tatsächlich null Probleme mit. Manchmal machen auch kleine Unterschiede erheblich was aus.

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  5. Moinsen!
    Im Yamaha Handbuch steht ausdrücklich: Höchstgeschwindigkeit mit Seitenkoffern 120 Km/h.
    Maximale Zuladung pro Koffer: 5 kg!
    Topcase ist sowieso Mumpitz!
    Wenn dann Packrolle längs!
    Btw: Ich habe mal getestet und auch voll beladen je 15kg hat bei 230km/h GPS nichts gependelt.
    Bei dem was die Kiste da schluckt lass ich das aber lieber…

    Pendeln und Lenkerschlagen kenne ich nur vom Anhänger (Vollbremsung) und Baumarktroller (ebenfalls Vollbremsung). Ursache war im letzteren Fall ein extrem kaputtes Steuerlager…

    Das leichte Lenkerflattern kommt immer nur bei Sägezahn am Vorderrad oder irgendwas hinten an oder auf dem Motorrad (Luft Verwirbelung).

    Dann ist nix mehr mit freihändig fahren!

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  6. Moin Peter!

    Jo, und jeder der schon mal mit Koffern unterwegs war, weiß auch warum im Handbuch 120 als Wunschgeschwindigkeit angegeben ist. 130 geht noch problemlos, 150 für kurze Zeit beim Überholen auch, darüber bekommt man ein seltsames Gefühl.

    Max. Zuladung 5 Kilo gilt übrigens meist nicht für Koffer, die haben 10-15 Kilo, aber für die meisten Gepäckträger – wenn man dann sieht, dass manche Leute da Kindersärge mit 6 Kilo Eigengewicht draufschnallen und dann noch das gewichtsmäßige Äquivalent eines Kasten Biers reinpacken wird einem auch seltsam.

    Ich hatte Lenkerflattern eine Saison lang zwischen 130 und 140, da waren die Reifen aber auch völlig scheiße gewuchtet – sowas kann es also auch sein.

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