Familiäre Dialoge -XIV-

Am Telefon.

Vater: „Ah, Sohn.“ (Mißtrauisch) „Warum rufst Du an?“

Ich: „Ich wollte nur mal hören wie es Dir so geht. Wir haben uns dieses Jahr erst ein Mal gesprochen, da dachte ich, es wird mal wieder Zeit.“

Vater: „Ah, wie soll es gehen, beschissen halt alles, aber was willste machen, ne. Ich habe halt so Schmerzen im Knie und kann nicht mehr laufen und nichts mehr machen und Sonntags fahren wir ins Café Tulpe und dann trinken wir da Kaffee und…“

Ich: „Mit Deinem Knie willst Du nicht mal zu einem Arzt? Du weißt doch, dass man da was machen kann.“

Vater: „Ich bin doch alle drei Monate bei der Ärztin! Der sage ich das immer! Die macht da nix! Ü-Ber-Haupt-Nichts!!“

Ich: „Hast Du denn inzwischen eine Hausärztin? Oder reden wir hier immer noch von Frau Bärmann?“

Vater: „Sohn, Hör doch mal zu! Natürlich reden wir von der Bärmann! Die macht nix! Nichts macht die!“

Ich: „Vater, Frau Bärmann ist deine Diabetesberaterin, keine Ärztin! Die hat Pflege gelernt! Natürlich macht die nichts, wenn Du der was von deinen Knieschmerzen oder den Lungenproblemen erzählst. Die kann auch gar nichts machen! Warum suchst Du dir nicht endlich mal einen Hausarzt oder eine Hausärztin?“

Vater: „Warum? Ich bin doch gesund!“

Ich: „Seufz. Bist du wenigstens mittlerweile geimpft?“

Vater: „Warum fragst Du das?“

Ich: „Weil Du 80 Jahre alt bist, Herz und Lunge hast und wir mitten in einer Pandemie stecken!“

Vater: „Mensch Sohn, ich habe doch gar keinen Kontakt mit anderen Leuten…“

Ich: „…Außer bei Deinen täglichen Besuchen im Supermarkt und im Baumarkt und jede Woche im Café Tulpe oder wenn Du Leute spontan triffst.“

Vater: „Genau mein reden, ich gehe praktisch NIE unter Leute! Und impfen, wie soll denn das gehen? Die impfen doch bei uns hier gar nicht!“

Ich (fassungslos): „Die. Impfen. Bei. Euch. nicht.“

Vater: „Nee, die impfen nicht. Die fahren hier mit so einem Bus rum aber man weiß nie wo der hält. Und das Impfzentrum ist drei Orte weiter da weiß ich gar nicht wo das sein soll.“

Ich: „Vater, ich hatte Dir schon im Februar angeboten dir da einen Termin zu machen und dich da hinzufahren. Und mittlerweile impft JEDER Arzt, da braucht man nur mal kurz anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen“

Vater: „Ich habe doch einen Termin! Am 27. November habe ich wieder einen Termin! Und ich wette, die Ärztin bietet mir wieder keine Impfung an!“

Ich: „Lass mich raten, am 27. Hast Du wieder einen Diabetestermin bei Frau Bärmann?“

Vater: „Du hörst nie zu, oder? Das war ja schon immer so. Natürlich bei der Bärmann! Bei wem denn sonst! Aber die macht nichts! Nie macht die was!“

Ich: „Und die Windbeutel im Café Tulpe, sind die gut?“

Vater: „Ja sehr lecker. Am Sonntag sind wir wieder da, in großer Runde!“

Bemerkenswert sind hier mehrere Dinge. Zum einen, in welcher Geschwindigkeit der alte Mann sich noch Ausreden aus dem Hintern zu ziehen vermag und binnen zwei Sätzen von „Ich gehe nie raus“ über „die Impfen bei uns nicht“ zu „die „Ärztin“ ist schuld“ wechseln kann und das flüssig und sogar beinahe eloquent runterlügt.

Zum anderen die Feststellung, das mein Vater ein Level an Faulheit erreicht hat, dem man impftechnisch nur begegnen könnte, wenn die Zeugen Jehovas mit Impfangeboten von Tür zu Tür gingen – und selbst dann hätte er vermutlich einen Grund, warum es jetzt gerade nicht passt. „Ich muss jetzt in den Baumarkt“ oder „Barbara Salesch fängt gleich an, deshalb passt es nicht, aber sonst würde ich mich impfen lassen.“

Tja. Ich habe aufgehört mir einzubilden, dass ich daran etwas ändern kann. Man ändert keine Menschen, die acht Jahrzehnte mit ihrer Art durchgekommen sind.

Frühere Dialoge:
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Familiäre Dialoge -XIV-

  1. Also, die Situation gefällt mir natürlich nicht, aber dass du es aufschreiben kannst und magst und damit deinen Frieden gefunden hast, das schon.

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  2. Ja. Akzeptieren was nicht zu ändern ist, auch wenn es schwer fällt. Er will es so, und es geht ihm gut damit vor Problemen wegzulaufen. Also lasse ich ihn und passe auf, dass ich nicht auch irgendwann solche Muster entwickle.

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  3. zwerch

    Ohne Worte!
    Grinsen musste ich trotzdem…

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  4. 😅😅😅 Schöner Beitrag. Stimmt, man ändert niemanden der achtzig Jahre damit durchgekommen ist. 😐

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  5. Bin ich froh, dass meine Eltern (81/82) da fitter und offener sind.
    Seit letzter Woche inkl. 3. Boosterimpfung. Ganz freiwillig 🙂

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  6. Ali

    Das schlimme daran: man merkt es selbst nicht und wähnt sich in einer „allesinOrdnungssituation“.
    Ich selbst nehme auch nur schlecht Korrekturen von meinem Ableger an, die von meinem Weib geht rein…..in’s andere Ohr meist raus. Trotz allem versuche ich, mich oft zu reflektieren wo ich einfach das Lästermaul nicht halten konnte und damit auf den seelischen Fuß anderer Mitmenschen getreten bin. Würde man mich so agieren lassen ohne Gegenwehr, manifestiert sich das im Alter.
    Bis dahin habe ich noch viiiel Zeit.

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