Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (2): Mit Gyros repariert*

Tagebuch einer kleinen Motorradtour. Heute: Gen Italien. Achtung: In dieser Episode geht weder etwas kaputt noch gibt es Gyros. Was sehr schade ist. Zumindest letzteres.

Montag, 20.September 2021
Kein Regen zu hören, stelle ich noch im Halbschlaf fest, und freue mich ein wenig. Dann fällt mir ein, dass das gar nichts bedeuten muss. Die Fenster des Zimmers im Burgblick sind fast 10 Zentimeter dick und isolieren ALLES. Ein kurzer Blick hinaus zeigt: Die Burg ist noch da, aber Wolken ziehen dicht und sehr schnell über ihr entlang, und das mit dem „regnet nicht“ war nichts. Seufz.

Kurzes Frühstück, dann trage ich die Koffer zum Motorrad. Es regnet zum Glück nicht in Strömen, wie es angesagt war. Es nieselt nur. Erhöhte Luftfeuchtigkeit, wie man in Oldenburg sagt. Dazu kommt eine steife Brise und eine Temperatur von knapp neun Grad. Alles aushaltbar, aber auch nicht besonders angenehm, deshalb zwänge ich mich noch im Hotelzimmer in die Regenklamotten.

Als ich damit fertig bin mich in die Stormchaser hineinzuwinden und zu -zwängen, läuft mir der Schweiß den Nacken hinab. Hier im Haus ist alles schon wintermäßig beheizt, und ich trage jetzt lange Merinounterwäsche, darüber einen leichten Merinopullover, darüber die Kombi aus Cordura und Leder und darüber die winddichten Regenklamotten. Wurst in Pelle, aber vermutlich bin ich gleich froh über die Wärme, die sich gerade im Inneren meiner Wursthaut staut.

Dicke Regenwolken hängen über dem Tal. Vorsichtig steuere ich die Barocca vom Hof des Gasthauses und den Berg hinab und dann auf die Landstraße nach Süden. Kurz gerate ich mit Anna in Streit darüber, ob „Straßen ohne Maut“ auch bedeutet, dass sie die A10 meiden soll, aber zum Glück fällt mir ihr Fehlgriff noch auf, bevor ich auf die Autobahn gerate. Dafür drehen wir eine launige Schleife durch kleine Dörfchen, um wieder auf die normale Straße zu kommen. Keine Autobahn heute, nur Landstraße und kleine Bummelwege, bitte. Berg hoch und Berg runter, das möchte ich gerne, keine Kilometerfresserei.

Als es den ersten richtigen Berg hoch geht, wird der Regen stärker. Es beginnt zu pladdern, Regentropfen klopfen auf´s Helmvisier, und schlagartig fällt die Temperatur auf nur noch vier Grad, sagen das Navi und das Motorrad in seltener Übereinstimmung.


Ich sitze in meinem Wurstpellen-Kokon, zehre noch von der darin eingefangenen Wärme und merke nichts von der eisigen Umgebung. Merino ist aber auch echt ein geiles Zeug. Die Schafwolle hält bei Kälte warm, kühlt im Sommer und trocknet sie rasend schnell – und das Beste: Sie ist antibakteriell und nimmt deswegen keinen Körpergeruch an.

Ich muss an Modnerd denken, der gerade mit einem Mietwagen in Spanien rumgurkt und ernsthaft überlegen musste, einen größeren Koffer mitzunehmen, weil: Er mag es nicht, auf Reisen zu waschen. Was bedeutet: Jeden Tag ein Paar Socken und Unterwäsche, das macht bei 21 Reisetagen…. VIEL ZEUG.

Ich besitze nicht mal 21 Paar Unterhosen, geschweige denn, dass ich die mitschleppen würde. Dieses Merinozeug lüftet man abends gut aus und am nächsten Morgen ist es wie neu. Und für alles andere gibt es Rei in der Tube. Auf Reisen mal die Unterbuchs´ durchwaschen, das erachte ich als zumutbar.

Durch eine Klamm geht es tiefer in die Alpen. Die steilen Felswände sind mit Flechten und Moos überzogen, und überall gluckern Bäche. Wie in einer alten Irisch Moos-Werbung sieht es hier aus. Manchmal lässt sich nicht sagen, ob der dichte Dunst, der überall in der Luft hängt, nun Nebel, Wolken oder Gischt von den kleinen Wasserfällen sind, die es hier überall gibt.

Ich folge den Tälern und fahre dabei immer wieder an der Tauernautobahn entlang oder unter ihr hindurch. Die A10 steht hier überall auf Stelzen und überspannt kleine Täler, die oft eng und schmal sind und durchzogen von Flüsschen, die durch den Regen angeschwollen sind.

Ich bin selbst schon häufig die A10 entlanggefahren, und dabei sind mit dann tatsächlich Orte mit so lustigen Namen wie „Tweng“ oder „Purn“ entgangen, über die sie hinweg führt und durch die ich jetzt gerade zum ersten Mal fahre.

Aus irgendeinem Grund finde ich die Namen gerade irre lustig. „TWENG! Twengwengwengweng“, rufe ich laut unter dem Helm und kichere. Vermutlich ein Koller. Die ganze frische Luft hier, das kann ja nicht gesund sein.

In den Tälern ist kaum zu merken wie kühl es ist, aber immer wenn es über einen Bergrücken geht, zieht jetzt die Kälte in die Hände, und ich bin froh und dankbar für die Griffheizung. Die macht selbst die zwei Grad auf den Tauern mit 1.740 Metern erträglich, und wenig später auch die Kälte auf der Katschberghöhe, einem Wintersportort auf 1.600 Metern Höhe. Hier wird gerade noch hektisch gebaut, bevor nächsten Monat die Skisaison startet. Nach der Katschberghöhe ist aber das schlimmste geschafft, es wird nicht kälter, und der Regen hört langsam auf, als ich wieder in tiefer gelegene Gefilde komme.

Zwei Täler weiter lässt sich sogar die Sonne blicken.

Wo der warme Lichtschein hin fällt, beginnt alles zu dampfen. Egal ob die Dächer der schiefen Holzhütten am Straßenrand, die Wiesen, die Bäume oder selbst die hölzernen Zäune am Straßenrand, alles dampft im hellen Sonnenschein. Das ist ein faszinierendes Schauspiel, und gerne würde ich anhalten und das filmen, aber die Straße ist schmal und kurvenreich und bietet keine sichere Möglichkeit anzuhalten.

Als die Straße breiter wird nebelt es nicht mehr, und als ich kurz anhalte, habe ich das erste Mal das Gefühl durchzuatmen und ganz bewusst unterwegs zu sein. Das Motorrad, die Straße und ich – das klingt wie der dumme deutsche Titel einer amerikanischen Komödie mit Ben Stiller, aber für mich fühlt sich diese Kombination wie ein Schlüssel an, der in diesem Augenblick etwas in mir öffnet. Ich bin unterwegs!

Nach weiteren vier Stunden, in denen ich häufiger als mir lieb ist hinter Rentnern in SUVs oder Wohnmobilen herzockeln muss, fahre ich durch die letzten österreichischen Orte vor der Grenze.

Nach Lamprecht und Mauthen kommt die Mauthner Klamm, und die führt die Berge hinauf bis zum Plöckenpass, der auch die Landesgrenze zwischen Österreich und Italien darstellt. Schilder verkünden, dass die Passstraße gesperrt wird – ab morgen! Hey, ich habe ausnahmsweise mal Glück!

Plöckenpass, das klingt schon echt eklig, so nach knorpeligen Stücken (Plocken) in fetter Wurst. Der italienische Name lautet „Passo di Monte Crocio“ und ich finde, das klingt viel schöner, so nach altem Kirchenadel. Wörtlich heißt das „Kreuzberg“, aber das hat in meinem Kopf einen ganz anderen Klang als „Monte Crocio“.

Im Topcase steckt das EU-Zertifikat, das bestätigt, dass ich gegen COVID-19 geimpft wurde. Dazu ein PLF, ein „Passenger Location Form“, auf dem ich im Netz eintragen musste wo und wann ich nach Italien einreise und wo ich mich die nächsten 14 Tage aufhalten werde. Theoretisch muss ich beides an der Grenze vorzeigen, praktisch interessiert das hier kein Schwein. Außer einer, für einen Montag erstaunlichen, Menge an Motorradfahrern und einem Bratwurstverkäufer ist hier niemand. Irgendwie erleichternd – die Grenzen innerhalb von Europa sind nach wie vor offen.

Die Südseite des Plöckenpasses weist enge Serpentinen auf, und ich muss in den unübersichtlichen und von Tunnels durchsetzten Kehren und Kurven die Barocca eng an den Felswänden halten.

Zum Glück ist die Maschine, trotz ihrer stattlichen Größe, eine wahre Kurvenkönigin. Genau so ein Modell wie meine V-Strom hat 2005/2006 das Alpen Masters von MOTORRAD den ersten Platz gemacht, und das nicht ohne Grund: Die Kiste fällt praktisch in die Kurven hinein und kommt genauso schnell wieder aus ihnen heraus. Mit der DL 650 Kurven zu fahren, teils auch mit extremen Schräglagen, ist selbst für nicht-Kurvenfanatiker wie mich eine helle Freude. Noch ein Grund, warum ich die V-Strom so mag.

Die Straße führt hinab nach Italien, und hier wird die die Sonne kräftiger und der Wind wärmer. Ich klappe das Helmvisier hoch, entledige mich der Regenkombi und freue mich über die frische, warme Luft.

Die Straße führt an Tolmezzo vorbei und über mehrere breite Sturzbachbetten. Ich bin beeindruckt, als ich mir vorstelle, wie bei der Schneeschmelze im Frühjahr Wasser und Geröllmassen durch die breiten Schneisen in der Landschaft spülen.

Das Blau von Bergseen blitzt immer wieder durch die dichten Wälder, die irgendwann zurückbleiben und Gewerbegebieten und Wein- und Obstfeldern weichen. Das war es dann mit Bergen, jetzt liegt nur noch plattes Land vor mir: Das hier ist das Veneto.

Höhenprofil der Fahrt durch die Alpen. Die Ausschläge sind zuerst Obertauern, dann die Katschberghöhe, dann der Plöckenpass.

Ich gebe ich Gas, um möglichst schnell durch die langweilige Gegend zu kommen. Daraus wird aber nichts. Es ist Wein- und Apfelernte, und überall sind Traktoren mit Anhängern unterwegs und verstopfen die Straßen. Elendig lang dauert es, bis endlich eine bekannte Offiziersvilla in Sicht kommt: Die Villa Maria Luigia, meine Unterkunft hier seit 2012.

Die Barocca rollt über einen Backsteingepflasterten Weg durch den Garten der Villa bis zu einer Terrasse mit einem kleinen Pavillon. Privileg des Stammgasts: Ich muss mich mit der V-Strom nicht durch den tiefen Kies des Parkplatzes quälen, sondern darf die Fußwege und die Gästeterrasse für das Motorrad nutzen.

Alle Türen sind verschlossen, aber einen Anruf später steht Gastwirt Francesco in der Tür und freut sich. Leider ist heute Ruhetag, und das Restaurant im Erdgeschoß ist geschlossen. Gut, das wusste ich vorher, heute ist halt Montag. Ist schade, aber kein Drama. Dann fahre ich halt gerade noch mal zu einem Supermarkt in der Nähe und hole mir für heute Abend ein Fertigessen aus der Frischetheke.

Es ist trotzdem schön hier zu sein, in diesem warmen und ruhigen und beruhigenden Haus. Links: Francescos Vespa, die er seit seiner Teenagerzeit hat.

Ruhe kann ich brauchen. Beruhigung auch. Heute ist praktisch nichts passiert, aber morgen wird es spannend und ich bin schon ein wenig nervös. Bis hierhin war alles Routine, morgen beginnt das Abenteuer.

Die ersten beiden Etappen: 703 km am ersten Tag, 349 am zweiten. Zusammen 1.052 Kilometer.


*) Die Überschrift ist völliger Quatsch, die hat sich Albrecht noch vor der Tour ausgedacht. Er wollte unbedingt mindestens einen Blogpost lesen mit einer Überschrift wie „Sturz oder blinder Furz“, „Mit Gyros repariert“, „Durch’s verkohlte Land“ oder „Mit letzter Kraft am Götterberg“. Nun, das hier ist für Dich.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (2): Mit Gyros repariert*

  1. Ali

    Danke für die hinreißerische Überschrift des Blog’s. Klingt fast so, wie wenn ich dir wünschen würde, z. B. einen Plattfuß mit Gyrospampe abzudichten, das Loch im Kühler mit Olivenkerne zu stopfen und als Straßen nur solche mit Glatteis zu fahren.
    Mitnichten. Das, was du sonst noch lockerflockig blogst mit Einwürfen – auch der italienischen Sprache – inhaliere ich liebend gerne.
    (PS) im ersten Leben habe ich in der Zeitung gelernt. Da braucht man Titelauswahl für die Schlagzeile

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  2. Viele Grüße aus Oldenburg, da freut man sich doch über die fachlich korrekte Erwähnung 😉

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