Reisetagebuch Griechenland 2021 (4): Elláda!

Tagebuch einer kleinen Motorradtour. Heute mit einem neuen Land unter den Reifen.

Mittwoch, 22. September 2021, Fähre Florencia, irgendwo auf der Adria
Um 08:00 Uhr bin ich wach. Der Schlaf war unruhig, denn die 17 Jahre alte Florencia knarzt und klappert um mich herum. Irgendwo in der Wand schwingen Stahlseile gegen eine Verkleidung. Das hört sich an, als sitze in der Wand ein sehr wütender Gnom, der mit seinem Hammer mit voller Kraft auf eine Stelle neben meinem Kopf eindrischt.

Ob das wohl ein Grund ist den „ALLARM BOTTON“ neben dem Bett zu drücken? Vermutlich nicht.

Wann muss ich wohl aus der Kabine raus und auschecken? Was ist draußen wohl zu sehen? Ich schlüpfe in Motorradhose und Stiefel, werfe die Fleecejacke über und verlasse die Kabine, wandere zu einer der Außentüren und trete in die frische Morgenluft.

Draußen scheint die Sonne, und rechts vom Schiff (Backbord? Steuerbord? Ich kann mir das nie merken) zieht in fünfzehn Kilometern Entfernung eine Küstenlinie vorbei, an der ich große Tanks und einen Turm ausmachen kann. Mein Hirn fahndet nach Informationen, die Rückschlüsse auf den Ort zulassen, und wird sofort fündig. Ich mag bloß nicht an den Fund glauben.

Ich rühme mich mittlerweile gerne damit, nach zehn Jahren Reisen durch Italien nahezu jeden Ort auf dem Stiefel schon mal durchfahren zu haben oder zu erkennen oder zumindest verorten zu können, und wenn ich jetzt nicht völlig unter Selbstüberschätzung leide, dann würde ich sagen: Das da ist das Raffineriegebiet südlich von Brindisi, der Stadt an der Ferse des italienischen Stiefels.

Brindisi?! Aber das kann doch eigentlich nicht sein! Wir sind schon gute 14 Stunden unterwegs, da müssen wir doch mehr geschafft haben als die lumpigen, was sind es, vielleicht 450 Kilometer, zwischen Ancona und Brindisi, oder?

Leider gibt es keinen Empfang, ich kann also nicht mal schnell im Smartphone nachgucken wo wir sind. Aber ich kann den kleinen GPS-Recorder einschalten und später die Aufzeichnung angucken.

Stellt sich im Nachgang raus: Das an der Küste ist wirklich Brindisi, und das Schiff ist tatsächlich nur mit sagenhaften 17 Knoten oder 32 Km/h unterwegs.

Ich setze mich mit einem Buch auf die linke Seite des Schiffs in die Morgensonne. Auf der Außenplattform. ein Deck unter mir, diskutieren griechische Lastwagenfahrer über Dinge, über die griechische Lastwagenfahrer halt so diskutieren.

Nach zwei Stunden in er salzigen Seeluft ist mir kühl, und ich ziehe mich in die Kabine zurück. Hier stelle ich erst einmal die Uhr um. Wir schippern gerade in eine andere Zeitzone, ab jetzt ist es eine Stunde später. Oh, schon 12 Uhr? Hm. Da das Frühstück ob der heftigen Preise an Bord ausgefallen ist, läute ich dann einfach mal das Mittagessen ein.

Aber nicht im Bordrestaurant, zum einen hat das noch nicht offen und zum anderen sind die Preise da unverschämt – drei Euro für einen Espresso, WTF. Wenn man Lastwagenfahrer ist, bekommt man wohl alles für die Hälfte, was dann in akzeptablen Preisregionen liegt, aber als Normalmensch wirste da arm. Nein, da bleibe ich lieber bei meinem mitgebrachten Dosenfutter. Pasta aus dem Beutel, fertiges Knäckebrot und einen Müsliriegel. Wer hätte gedacht, dass es fertig belegtes und einzeln verpacktes Knäckebrot gibt?

Dann lege ich mich auf das Bett und lese und warte, während die Florencia weiter durch die See schaukelt.


Der Tag döst vorbei. Ich wandere zwischendurch noch ein wenig auf dem Schiff herum und gucke mir die Säle mit den Sitzen für die Budgetreisenden an und halte die Nase noch ein, zwei Mal in die Seeluft.

Schlafsessel.

Jedes Schild hat eine Geschichte.

Um 15:30 Uhr, und damit eineinhalb Stunden vor der Landung, kommt die Durchsage, dass die Kabinen zu räumen seien. Ich greife meinen Rucksack, lege die Schlüsselkarten zur Kabine auf den Rezeptionstresen und suche mir einen Platz im Aufenthaltsbereich des Schiffs.

Dort lese ich und beobachte nebenbei, wie auf der Schiffsseite, auf der die Küstenlinie vorbeizieht, die Leute an der Reling stehen und mit ausgestreckten Armen ihre Smartphones gen Land halten – wie Angler. Angler, die verzweifelt nach einer Verbindung fischen. Ausgehungert nach 20 Stunden ohne WLAN oder Mobilverbindung fischen sie nach einem kleinen Balken Empfang.

Auf Toilette gehen ist jetzt nicht mehr – abseits der Kabinen hat die Florencia laut Floorplan genau zwei öffentliche Toilettenanlagen. Eine davon ist dauerhaft gesperrt und die Tür zugenagelt, die andere defekt und unter Wasser. Bedeutet: Mehrere Hundert Menschen können gerade zwei Stunden lang nicht auf´s Klo. Bei einer früheren Fährfahrt gab es einen Tag nichts zu trinken, und jetzt keine Toiletten… glaubt man kaum, wie die Zustände auf ganz normalen Fähren in Südeuropa sein können.

Als das Schiff gegen 17:00 Uhr im Hafen von Igoumenitsa dreht, um mit dem Heck anlegen zu können, stehen die Fernfahrer im Bordrestaurant auf und gehen zum Ausgang. Hier herrscht sofort fürchterliches Gedränge, und es ist, als hätte kaum einer von denen eineinhalb Jahr Pandemie mitgemacht. Dicht gedrängt stehen die Menschen. Teils ohne Maske, mit Nase aus der Maske, mit Maske am Ohr baumelnd. Highlight ist der bestimmt 65jährige italienische Trucker, der seine Maske zwar trägt, aber immer, wenn er den Umstehenden was erzählen will, sie vom Mund zieht und die umstehenden mit einer feuchten Aussprache beglückt.

Egal.
Ich rege mich da schon gar nicht mehr drüber auf. Ich bin doppelt geimpft und trage eine FFP3-Maske, die mich schützt, egal was die Typen ausatmen. Als das Signal zur Freigabe kommt, schieben sich die fast 800 Passagiere gleichzeitig Richtung Fahrzeugdecks durch enge Gänge und ein ebenso enges Treppenhaus.

Als ich auf das Parkdeck komme, wo die Barocca steht, komme ich erstmal nicht zum Motorrad durch – dicht an dicht sind LKW davor geparkt. Ich müsste schon zwischen Auflieger und Zugmaschine durchsteigen, um auf die andere Seite des Parkdecks zu kommen. Also nehme ich den langen Weg über die bereits ausgeklappte Rampe der Florencia.

Sie ist unbeschädigt! Die Barocca steht genauso da, wie ich sie verlassen habe! Hinter der Maschine wurschtelt bereits die Radfahrerin an ihrem Bike rum, und ich nehme einen Koffer des Motorrads ab, damit sie daran vorbei kommt. Sie bedankt sich und radelt davon.

Jetzt aber schnell – ich versuche rauszufinden wie die Spanngurte funktionieren und kann sie nach kurzem Rumprobieren von der Suzuki und aus den Bodenankern lösen. So, Rucksack ins Topcase, Helm auf den Kopf, Anna in ihren Sockel im Cockpit. Als meine Copilotin aufwacht, ist sie verwirrt. Im stählernen Bauch des Schiffes kann sie den Himmel nicht sehen und wähnt sich immer noch in Italien. Vor mir brettert der erste Lastzug von Bord. Los jetzt, bevor die anderen auch startklar sind und alle gleichzeitig losfahren!

Ich starte den Motor und gebe Gas, schere vom Seitenstreifen an der Bordwand auf das Fahrzeugdecke und heize vor einem gerade anfahrenden LKW die Rampe der Florencia herab.

Anna weiß immer noch nicht wo oben und unten ist, und so halte ich auf eine weit entfernte Ecke des Areals zu, die irgendwie nach Ausfahrt aussieht. Ich mogele mich an den ersten Fahrzeugen dort vorbei bis zu einer blonden Grenzerin, die angeregt in ihr Handy schnattert. Na gut, dann fahre ich halt im Schritttempo an ihr vorbei und durch die Ausfahrt, denke ich. In genau dem Moment kommt sie aber auf mich zugestürzt, zeigt mit dem Finger auf das Motorrad und ruft laut und auf englisch: „Ey! Anhalten! Motor aus! PLF und Impfnachweis, sofort!“

Mist, damit hatte ich nicht gerechnet. Die Papiere sind schon wieder im Topcase verstaut. Also anhalten, absitzen, Gurte ab, Topcase auf, Papiere zeigen, Topcase wieder zu, Gurte festziehen, aufsitzen, weiter geht´s. Ich bin mittlerweile echt schnell darin geworden. Die Kunst ist halt zu wissen, wo man den Kram hat und nicht erst auf Nachfrage mit der Sucherei anzufangen. Als ich vom Gelände runter bin, winke ich zum Abschied der Radfahrerin, die es auch aus dem Hafen raus geschafft hat.

Bis ich aus Igoumentisa raus bin dauert es eine Zeit. Überall liegt Müll, die Hafenstadt ist wahrlich keine Schönheit, zumindest nicht in den Außenbereichen.

Aber unmittelbar danach werde ich reich belohnt. Als die letzten, ausgefranzten Industriebauten zurückbleiben, öffnet sich eine fantastische Landschaft und leeren Straßen. Kennt man als Deutscher nicht mehr, so Straßen, wo einem nur alle Viertelstunde mal ein Auto begegnet.

Bergig ist es hier, und staubig. Ich fahre nach Nordosten in die Berge hinein, und dann muss ich erstmal an- und innehalten. Den Helm abnehmen, über die Landschaft gucken und dabei breit grinsen. „Wir haben es geschafft!“ sage ich zur Barocca und mir selbst und „Willkommen in Elláda“. So sagen die Griechen zu Griechenland.

Ich merke förmlich, wie jetzt die Anspannung von mir abfällt.

Für einen Moment genieße ich die Aussicht und die Sonne und die Wärme, denn sommerlich warm ist es hier. Dann setze ich schnell wieder den Helm auf und fahre weiter. Es ist 18:00 Uhr. Noch steht die Sonne hoch am Himmel, aber das bleibt nicht mehr lange so, und vor Einbruch der Dunkelheit möchte ich gerne im heutigen Quartier sein.

Die nächsten 80 Kilometer führen über eine abwechslungsreiche Route. Mal durch Täler mit Feldern, mal über Bergketten. Mittlerweile fahre ich wieder geschmeidig und habe einen Heidespaß an den Straßen und Kurven und möchte am liebsten die Ausblicke und Eindrücke und alles in mich aufsaugen.

Um 19:15 komme ich in Ioannina an und tanke erst einmal. Nötig wäre das noch nicht, die Barocca hat erst 150 Kilometer auf dem Tageszähler. Wenn ich sie bis zum letzten Tropfen leerfahren wollte, käme sie jetzt noch 400 Kilometer weiter. Aber ich bin neugierig wie Tanken in Griechenland funktioniert, und halte an einer BP. Sofort kommt ein alter Mann herbeigeschlurft. Tankstelle mit Service! Super! „Full?“, fragt er und ich sage ja. Dann frage ich was Full auf Griechisch heißt und er sagt „No speak englisch“. Okay.

Ioannina ist eine kleine Studentenstadt im Nordwesten von Griechenland. Sie liegt an einem See und wird dahinter von Bergen begrenzt. Im Norden liegt der Stadtteil Perama, und dort rollt die Barocca über die gepflasterte Hauptstraße, vorbei an eng stehenden Steinhäusern, bis sie vor einem Café zum Stehen kommt.

Sofort eilt der Besitzer, ein älterer Herr mit grauen Haaren, auf mich zu. Er wedelt mit den Armen und wirkt auf den ersten Blick wütend, als er lautstark verkündet, dass das so ja wohl gehe! Genau vor seinem Café, wo die Gäste sitzen, kann ich ja wohl stehen bleiben, das sei ja perfekt. Hier, mitten vor seinem Laden. Ich hätte voll gut geparkt und alles richtig gemacht!

Hä? Na gut, Okay. Der ältere Herr heißt Spiros und betreibt das Café im Erdgeschoss des Hauses, sein Sohn Yannis vermietet die Zimmer im ersten Stock und in einem Anbau. Ich schleppe die Koffer nach oben und lasse mich auf´s Bett fallen. Ich habe es echt geschafft! Ich bin in Ioannina! Ab jetzt beginnt Griechenland!

Dann raffe ich mich nochmal auf, dusche den Staub des Tages ab und folge dann Yannis´ Empfehlung und gehe in ein nahegelegenes Restaurant essen.

Ob die Bedienung wohl englisch spricht? „Of course I Do“. Oh, das ist super. Spricht hier am Ende jeder fließend englisch? Zu gern würde ich mir von der jungen Frau noch erläutern lassen, wie in Griechenland im Restaurant bezahlt wird und ob man Trinkgeld gibt, aber leider hat sie Feierabend, und die Kellnerin der nächsten Schicht schüttelt nur den Kopf und sagt „no speak englisch“, als ich sie nach der Bulette auf englisch anspreche. Ach, schade. Na immerhin war sie hervorragend, sehr mürbe und mit Schafskäse gefüllt. Also, die Bulette, nicht die Bedienung.

Für heute wird das korrekte Verhalten in griechischen Restaurants also ein ungelöstes Geheimnis bleiben, aber ich habe ja noch drei Wochen Zeit. Als ich durch die heimelig beleuchteten Gassen zurück gehe, ist die Luft bereits kühl, aber die steinernen Gebäude geben noch die Wärme vom Tag ab.

Ich muss schmunzeln. An jeder zweiten Ecke steht hier eine V-Strom. Das alte Modell, wie die Barocca auch eines ist. Allein in den beiden Gassen um meine Unterkunft herum stehen drei Stück.

Aber die Barocca ist natürlich die Schönste. Ist klar.

Ich kann es immer noch nicht glauben.
Ich bin in Griechenland!
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Die Reise der vergangenen 4 Tage: Von Göttingen nach Werfen in Österreich, von dort durch die Alpen nach San Biaggio di Callalta, dann nach Ancona und von dort mit dem Schiff nach Igoumenitsa, dann noch einmal 100 Kilometer bis nach Ioannina. Insgesamt ca. 1.500 Kilometer mit dem Motorrad, dazu 730 Kilometer auf dem Seeweg, zusammen also rund 2.200 Kilometer weg von zu Hause.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 11 Kommentare

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11 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland 2021 (4): Elláda!

  1. lukra

    Das Gefühl nach Ankunft und den ersten Eindrücken, das habe ich auch jedesmal, wenn ich in Ellada ankomme. Und wenn ich mit dem Auto auf den aussichtsreichen, kurvigen leeren Straße dahincruise, stelle ich mir immer vor, wie das wohl demnächst mit der GS sein wird. G**l! 🙂

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  2. Brigitte Eckert

    Ach beneidenswert. Und schön, in diesen Zeiten auf einer griechischen Fähre mitfahren zu dürfen, danke!
    „Full“ ist in Griechenland immer „full“, egal ob Tankstelle, Alkoholabfüllung jeder Art oder z. B. Tacho eines Kaiki (full – stop).

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  3. Ali

    Back-ergo Steuerbord wußte auch der Schiffsjunge nicht.
    Daher holte der Kapitän aus und schlug ihm auf die Backe.
    Seither wußte der Schiffsjunge, wo Backbord ist.
    Grün/Rotlicht als Position, was auf welcher Seite?

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  4. Auf welche Backe, links oder rechts?

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  5. Ali

    @Silencer….da du nachhakst und ich dann vermute daß die Wahrscheinlichkeit gegen Null geht weil nur ca. 10-15 Prozent Menschen „verdreht“ auf links agieren nochmal die Einnordung: es ist links, leicht zu merken, denn da wo der Daumen rechts ist, ist richtig.
    Verdrehsicherheit kann ich dir natürlich nicht garantieren, das macht die Fährübung.

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  6. Also ist der Captain Rechtshänder?

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  7. Ali

    In angenommener Erzählweise ein ja.
    In der Generation leben wir noch nicht, wo ein mutierter Tintenfisch am Ruder steht.

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  8. Das mit der Farbe ist leicht, Backbord ist rot, weil Backen ist warm. 😉

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  9. Ali

    @modnerd……ist ja „ä Käppsele“ mit den Schifffahrtzeichen.
    Dem würde ich jederzeit mit seinen nautischen Kochkünsten, mitgeführtem Kochlöffelfix und sextantischem Rühren meinen Magen mittschiffs anvertrauen.

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  10. 😵‍💫

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  11. Steuerrrrrrrrrrbord ist rrrrrrrrrrechts – das vergisst du nicht wieder 😉

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