Familiäre Dialoge -XV-

Telefon klingelt.

Ich: „Vater?!“ (Mißtrauisch) „Warum rufst Du an? Das machst Du doch nie?“

Vater: „Ah Sohn. Nee, ich wollte Dich auch gar nicht anrufen. Hab‘ ich mich wohl verdrückt.“

(Pause)

Vater: „Aber wo ich dich gerade mal dran habe…“ (stolz): „Ich bin ja jetzt geimpft, ne?“

Ich (in gespielter Überraschung): „Nein! Das ist ja was!

Ja, er ist geimpft, seit heute morgen. Weiß ich schon.

In der Vergangenheit hat er ja alle möglichen Ausreden erfunden, warum er sich nicht impfen lassen kann. Das reichte im Zeitverlauf von „Die Impfung ist Gift und unter Masken erstickt man“ über „bringt ja eh‘ nichts“ bis zu „Bei uns impfen die nicht“, „MIR hat niemand ein Impfangebot gemacht“ und zuletzt „meine Ärztin will mich nicht impfen“. Alles erfunden, alles Ausreden, aus purer Bequemlichkeit.

Dass mein Vater sich nun hat impfen lassen liegt einzig und allein daran, dass meine Schwester ein Impfangebot in seinem Dorf ausfindig gemacht hat, ohne Voranmeldung und quasi zwei Straßen weiter. Dann hat sie ihn telefonisch bekniet da hinzugehen und ihm deutlich gemacht, dass er ohne Impfung nie wieder in irgendein Restaurant oder zum Windbeutelessen ins Café Tulpe darf. Windbeutelentzug! Diese Drohung hat es dann wohl gebraucht.

Er war wirklich bei der Impfung. Das erzählt er nicht nur, damit wir Kinder endlich Ruhe geben. Woher ich das weiß?

Weil er in der Impfpraxis einen dermaßenen Aufstand gemacht hat, das er danach Dorfgespräch auf Facebook war. Lautstark und jedem der es nicht hören wollte hat er kundgetan, das ER ja die Impfung nicht nötig hätte, weil er eh nicht unter Leute ginge, die Impfung Nötigung sei und ob die Arzthelferinnen wohl wüssten, dass sie Körperverletzung begingen. Ja, mein Vater weiß, wie man sich beliebt macht.

Ich: „Ja Mensch, das freut mich zu hören. Bist ja spät dran, aber immerhin. Das hast Du sehr, sehr gut gemacht. Ich freue mich für Dich. Das ist echt super. Prima Entscheidung.“

Vater: „Was heißt da spät dran? Bei uns haben die ja bisher nicht geimpft! Und ich muss da ja auch erstmal Zeit für haben, für diesen Nonsense. Ich brauch das ja eh´ nicht, ich geh ja nicht unter Leute. “

Ich: „Aber Du bist jeden Tag beim Bäcker um seine Croissants zu bewerten und ihm Verbesserungsvorschläge zu machen, Du bist jeden Tag im Baumarkt um dem Personal die Maschinen zu erklären, die es dort verkauft, und Du bist jeden Tag im Rewe um… was machst Du eigentlich im Rewe? “

Vater: „Ja sag ich ja, in Geschäften hält man Abstand, da kann man das nicht kriegen! Wo soll ich denn dieses Corona herbekommen? Am 27. Januar habe ich jetzt meine zweite Impfung.“

Ich: „Super! Aber auch hingehen, ja? Auch wenn es Dir jetzt nach der ersten Impfung vielleicht nicht ganz so gut gehen wird. Eine Spritze reicht nicht!“

Vater: „Mal gucken. Wenn ich Zeit habe, gehe ich da hin.“


Wenige Tage später, diesmal habe ich angerufen:

Ich: „Vater! Alles Gute zum Achtzigsten!“

Vater: „Ja, ach. Das sagt sich so. Von wegen gut. Feiern geht ja nicht, die lassen mich ja nirgendwo rein wegen dieses 2G. OBWOHL ICH GEIMPFT BIN!!“

Ich: „Du hast noch keinen Impfschutz. Geimpft bist Du erst wenn Du drei Injektionen bekommen hast, nicht nur eine.“ Vermutlich fängt er sich nächste Woche Omikron und verklagt dann alle, weil die Impfung ja nachweislich nichts bringt.

Vater: „Ja völliger Quatsch. Ich kann das ja auch gar nicht kriegen. Ich gehe ja NIE unter Leute.“

Ich: „Jaja.“

Vater: „Werd´ nicht frech! Egal, ich muss jetzt los. Ich hole meine Schwester ab. Die kann ja nicht mehr selber fahren, weil die zu alt ist und die Polizei ihr das Auto geklaut hat.“

Ich: „Was?“

Vater: „Ja muss man sich mal vorstellen! Die Polizei hat der das Auto geklaut, nur weil sie in der Fußgängerzone ohne Sprit liegen geblieben ist, als sie zum Treffen vom Tierschutzverein wollte. Hat wohl vergessen zu tanken. Als ihr dass das zweite Mal passiert ist, hat die Polizei ihr das Auto geklaut. Naja, kann passieren. Die ist ja schon alt. Die ist 84, alte Leute vergessen schonmal was.“

Auch so ein Phänomen: Die meisten Männer denken von sich selbst immer als ca. 30jährige, selbst im hohen Alter. Gleichaltrige sind dann völlig überraschend „alt geworden“, vermutlich wegen „Lebenswandel“, und urplötzlich „alte Leute“, aber sie selbst fallen NIE in diese Kategorie.

Das ist übrigens auch ein Grund, warum 75jährige Männer jungen Frauen nachstellen. Die Kerle haben schlicht nicht verinnerlicht, dass sie selbst alt sind. Alt sind immer nur alle anderen.

Ich: „Und was habt ihr dann vor?“

Vater: „Naja wir fahren zu der Gitta, meinen Geburtstag feiern. Man kommt ja nirgends rein, also machen wir das bei ihr. Ich hab die Gute von Coppenrath & Wiese besorgt und die Gitta macht Kaffee und die Heidi guckt vielleicht mal vorbei, der Fritz eventuell auch und…“

(Ich schalte geistig ab)

Vater: „…als ob das ohne Mettwurst überhaupt ginge! Muss man sich mal vorstellen, ich glaub mein Schwein pfeift! Ja und deswegen muss ich jetzt los, ne. Meine Schwester, die ist ja nicht geimpft, ne. Ich ja schon.“

Ich: „Was? Warum ist die denn auch nicht geimpft?“

Vater: „Ach, die braucht das doch nicht! Was soll die denn mit der Impfung, die geht doch NIE unter Leute!“

Dieser Blogeintrag ist ein zeitgenössisches Sittengemälde alter Menschen auf dem Land und eine Teilantwort auf die Frage „Woher kommt eigentlich die Impflücke in Deutschland“.

Frühere Dialoge:

Impfdialog
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Familiäre Dialoge -XV-

  1. Oh, man..,. Wie hältst Du das nur aus!!??

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  2. Wir telefonieren meist nur 2 mal pro Jahr, das geht schon. Dauernd wäre das schwierig. 🙃

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  3. Ali

    Mit 75 jungen Weibern nachstellen……die paar Jahre halte ich noch durch.

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  4. Nun tu mal nicht so als seist du noch in Deinen Siebzigern 😂

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  5. lukra

    Junge Frauen- das ist relativ.
    Für uns sind das 30- oder 35jährige, für den 75er vielleicht 60jährige. 🙃

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  6. Nee, die Männer sehen sich selbst als 30 und die 30 jährige als gleichaltrige 🙂

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  7. Thom

    Ältere Menschen sind schon mal anstrengend und haben komische Meinungen. Zumindest andere Meinungen. Trotzdem, wenn es um Verwandte, insbesondere Eltern, geht, sollte man das eine oder beide Augen auch mal zudrücken und sich die Zeit nehmen, sich mit ihnen zu treffen. Bei über 80 jährigen weiß man nie, wie lange die noch da sind. Sei nicht so stur, nimm deinen Vater so wie er ist und verbringe möglichst noch viel Zeit mit ihm!

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  8. Thom: Hast Du absolut recht. In meinem Fall ist es allerdings so, das er mit dem Konzept „gemeinsam Zeit verbringen“ oder „etwas zusammen machen“ nichts anfangen kann und schon deshalb keinen Kontakt wünscht. Das finde ich sehr schade aber das war schon immer so, wird sich jetzt nicht mehr ändern.

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  9. Ali

    Eine 35-jährige??
    Hey, so verschlechtern wollte ich mich nicht. Da kann ich auch gleich bei der Jetzigen bleiben.

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