Reisetagebuch Griechenland (11): Der Scheißberg

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 15 fängt entspannt an, aber das muss ja nicht so bleiben.

Sonntag, 03. Oktober 2021, Litochoro
Die Nacht war unruhig. Nachdem ich nach dem Abendessen wie ausgeschaltet eingeschlafen war, kamen kurz vor Mitternacht gut hörbar die Zimmernachbarn nach Hause, während auf dem nahegelegenen Parkplatz – wo die Barocca stand – eine lautstarke Auseinandersetzung unter Jugendlichen begann, begleitet von der ein oder anderen Rangelei. Als endlich alles still war, bin ich nochmal aus dem Zimmer und habe nach der Suzuki gesehen. Alles Ok. Aber man weiß ja nie. Wie auch immer, heute morgen bin ich noch ziemlich verpennt.

„Gut geschlafen?“, fragt die kleine Frau im Eingangsbereich des kleinen Familienhotels. Durch die FFP2-Maske, die sie trägt, halte ich sie im ersten Moment für Ioanna. In diesem Moment guckt Ioanna um die Ecke und winkt. Ich bin wohl sichtlich irritiert es mit zwei identischen, mittelgroßen, schlanken, schwarzhaarigen und sogar ähnlich gekleideten Frauen zu tun zu haben, weshalb die zweite Ioanna fröhlich sagt: „Darf ich vorstellen: Meine Mama!“.

Verblüffend. Die Mutter sieht exakt wie ein Duplikat von Ioanna aus, gleiche Größe, gleiche Figur, nur etwas älter. Aber das sieht man durch die Gesichtsmaske halt nicht.

Die Frau winkt kurz, dann kommt sie ohne Umschweife zur Sache. „Also, ich habe Apfelkuchen gebacken und das hier“, sie deutet auf ein kleines Buffet, „sind griechische Törtchen, Bätterteig mit feta drin, hier frisch gebackene Croissants und das da sind frisch belegte Sandwiches und außerdem haben wir jede Menge Obst und ich könnte noch Eier….“
„Nein, danke, reicht“, wehre ich lachend ab. „Den Apfelkuchen bitte“.

Der Frühstücksraum des Enipeas ist gleichzeitig auch der Eingang und Windfang zu dem kleinen Hotel. Seltsame Bauform, aber der Ausblick durch die rundum laufenden Fenster ist fantastisch. Die Sonne geht gerade auf und taucht die Berggipfel links und rechts der Enipeas-Schlucht in warmes Licht.

Ioannas Mutter setzt sich an einen Tisch mir gegenüber. „Ich bin Stavroula“, sagt sie auf englisch.
„Ich bin…“, setze ich an.
„Ich weiß“, sagt sie, „ich lese die Formulare von den Menschen, die bei mir übernachten. Gefällt dir das Haus?“ „Fantastisch“, sage ich. Naja, bis auf die Schalldämmung. Man hört ALLES von den Nachbarzimmern. Also, WIRKLICH alles.

Sie nickt. „Haben wir alles neu renoviert. Familiengeführtes Haus.“
„Sowas liebe ich“, sage ich und meine es auch so. „Familienhäuser sind meist viel besser als andere Hotels, weil den Betreibern etwas an dem liegt, was sie tun. Und es gibt Leuten wie mir, die allein unterwegs sind, die Gelegenheit sich zu unterhalten und etwas zu lernen.“

Stavroula zieht die Augenbrauen hoch und sagt „Ist das nicht fein, wir ergänzen uns. Ich begreife unsere Aufgabe nämlich so, dass wir unseren Gästen immer auch etwas über unsere Kultur beibringen. Der Apfelkuchen, den Du gerade isst… der ist mit Nüssen und nach einem ganz traditionellen Rezept. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden um den zu backen.“

„Großartig“ nuschele ich mit vollem Mund.
„Ich kann Dir sagen, so ein Hotel ist viel Arbeit. Viele Gäste sind seltsam, aber man kann denen ja nicht in den Kopf gucken. Aber ich habe Hilfe. Vier Kinder, alle helfen. Ioanna hier hat Erziehungswissenschaften studiert. Nur ihr englisch… Du hast sie gestern verkehrt verstanden, du hättest Dein Motorrad genau vor dem Zimmer parken können.“
Ach. Das hätte einiges an Aufregung vermieden.

Nach der Verabschiedung belade ich das Motorrad und lasse es rückwärts aus dem Parkplatz rollen, wende und starte dann den Motor.

Die sechs Grad Außentemperatur, die Anna vermeldet, sind recht kühl, aber die Sonne scheint und ich atme die Morgenluft tief ein und genieße sie. Den Rest des Jahres habe ich in staubigen Büros verbracht, da ist so frische, klare Luft etwas, was ich bewusst wahrnehme und schätze.

Vom Bergmassiv geht es hinab zum Meer, bis mir im Rückspiegel auffällt, dass heute keine Wolken da sind. Ich wende und fahre den Berg wieder hinauf und mache ein Foto vom unverschleierten Olymp in der Morgensonne.


Dann geht es nach Süden, an der Küste entlang und über Bergkämme. Die Strecke führt über kleine, zuvor handverlesenen Straßen. Die langen Abende am heimischen Rechner, in denen ich die Route hier zusammengepuzzelt habe, zahlen sich jetzt aus.

Kilometer m Kilometer spult die V-Strom ab, und ständig ändert sich die Landschaft. Manchmal sieht sie so staubig und felsig aus wie in einem Western. Die oberirdischen Stromleitungen an Holzpfählen passen dazu. Sehen aus wie Telegraphenleitungen.

Fünfzig Kilometer weiter stehen links und rechts der Straße satt grüne, verwilderte Wälder, die fast magisch scheinen – besonders wenn mittendrin so etwas steht:

Wieder einige Kilometer später führt die Strecke direkt am Meer entlang. Männer, allein oder maximal zu zweit, sitzen an den Sandstränden und angeln. Das Meer ist aufgewühlt. Ob da wohl die Fische Lust haben zu beißen?

Als die Barocca an einer halb verfallenen Tankstelle vorbeifährt, blicken zwei alte Männer in Cordjackets und Schiebermützen kurz von dem Schachbrett auf, das sie neben den rostigen Zapfsäulen aufgebaut haben.

Meine handgeklöppelte Route führt einen Berg hinauf, aber oben angekommen wird klar: Hier geht es nicht weiter. Zumindest nicht auf einer normalen Straße, die endet in einem kleinen Dorf. Wollte ich hier weiter, müsste ich querfeldein fahren. In Anbetracht der Tatsache, dass ich hier auf einem Berg bin und solch Experimente an Klippen enden können, mache ich lieber ein Foto von der Aussicht…

…dann drehe ich um und fahre 20 Minuten den Berg wieder herab. Einer der schachspielenden Opas verzieht das Gesicht zu einem zahnlosen Grinsen und tippt sich an die Mütze, als er mich zurückkommen sieht. Vermutlich amüsieren sich die beiden. Egal. Sich einmal täglich zu verfahren ist eine Tradition, die gepflegt werden will.

Beeindruckend sind immer wieder die Stauseen, die es hier an jeder Ecke gibt. Vermutlich dienen sie der Bewässerung der vielen Felder. Die können nicht tief sein, weil sie in der Ebene angelegt sind, aber flächenmäßig sind die ganz schön groß. Wie kleine Meere wirken die Seen, auch weil sie teils Strände haben.

Gegen Mittag fahre ich über eine Bergkette, und plötzlich liegt die Hafenstadt Volos vor mir. Von meinem exponierten Aussichtspunkt wirkt die ganz schön groß. Hier werde ich heute Station machen, aber erst habe ich noch was anderes vor.

Ich tanke, dann geht es weiter und auf die Bergkette östlich der Stadt zu. Es geht den Berg hinauf, an dem kleine Dörfchen oder zumindest eine geringe Ansammlung Häuser links und rechts der Straße kleben. Die Straße führt in Kehren da hoch und ist stellenweise wirklich, wirklich steil.

Das allein wäre kein Problem, aber die Straße ist auch VOLL, und zwar mit Autos die sehr, seeeeeeeeeehr langsam fahren.

Anscheinend ist es DIE Sonntagsbeschäftigung älterer Griechen, nach dem Mittagessen die gesamte Familie ins Auto zu setzen, sich hinters Steuer zu klemmen und dann spazieren zu fahren, und zwar äußerst langsam.

Wirklich, im Schritttempo schieben sich die Rentnerkarossen den steilen Berg hinauf, und halten manchmal sogar unvermittelt an – vermutlich, wenn einer der Fahrer ein besonders schönes Stück Aussicht genießen will oder weil er sich spontan über das Auto vor ihm erschrickt oder um sich am Sack zu kratzen oder was weiß ich warum man auf offener Strecke am Berg plötzlich anhalten muss.

Für ein Motorrad ist es natürlich fatal, wenn mitten in einer steilen Kehre der Vordermann plötzlich beschließt, einfach mal anzuhalten. Auch außerhalb von Kurven ist das kein schönes Fahren, ich muss die Kupplung so häufig ziehen und schleifen lassen, dass ich meine spüren zu können, wie sie heiß wird.

Die Straße und ihre skurrilen Nutzer sind schon kurvengewordener Albtraum, und das Anna neue „Abkürzungen“ findet, macht die Sache nicht besser. In einem Bergdorf führt sie mich von der, wenigstens gut ausgebauten, Durchgangsstraße runter und in das Dorf hinein. Ich rattere wie ein Geisteskranker durch die hinterletzten Kopfsteinpflastergassen und komme dann auf ein Sträßlein, das kaum mehr ist als ein asphaltierter Pfad…

Abkürzung, Option „Kürzeste Strecke“

… bis das Navi in einem weiten Bogen wieder ZURÜCK auf die Bergstraße führen möchte. Da diese aber nun mittlerweile 20 Meter oberhalb des kleinen Pfades verläuft, stehe ich als Endgegner vor der zweitsteilsten Rampe, die ich je gesehen habe. Mit bestimmt 30 Grad Steigung UND einem Quergefälle führt die Rampe nach oben auf die Durchgangsstraße, und direkt an ihrem Ende steht ein Stoppschild.

Da oben, direkt hinter dem Stopschild, verläuft die Straße mit den langsamen Autos. Augen zu und durch. Anhalten geht auf dem Stück nicht, dazu ist das alles viel zu steil und abschüssig. Ich gebe Gas und drücke die V-Strom die Rampe hinauf, die wirklich so steil ist wie eine Treppe, und es fühlt sich für einen Moment so an, als würde ich hintenüberkippen und gleich rückwärts den Berg runterfallen.

Anhalten geht auf diesem Biest von Steigung nicht, und ohne das Stopschild zu beachten fahre ich direkt auf die Durchgangsstraße. Gut, dass in dem Moment kein Auto kommt.

Der weitere Verlauf der Straße ist ebenso steil wie zäh. Auf fast 1.000 Metern Höhe schwenkt sie dann in die Horizontale und führt am Berg entlang, nun als Portaria Zagorias, oder, wie Anna sie martialisch betitelt, als Trans-Volos-Highway. Obwohl Highway schon passt, die Straße ist ein Traum.

Der Highway ist seltener befahren von schrittfahrenden Griechen, aber hin und wieder habe ich doch wieder ein Auto vor mir, das jeder Kurve und Kehre bis auf nahe Null abbremst, um die Kurve rollt und dann wieder Gas gibt. Ätzend.

Dieses spezielle Elend ist erst vorbei als ich einen Pass quere, an dem mehrere Ausflugsrestaurants liegen, die gerade ein „Food Festival“ feiern und damit wohl an diesem Sonntag viele langsame Griechen hier hoch locken.

Die Restaurants bleiben im Rückspiegel zurück, und mit ihnen ein Großteil der nervigen Autos – und der guten Straße. Ende der Ausbaustrecke, aber jetzt wird es schlechter.

Stellenweise ist die Straßendecke durchbrochen von Schlaglochfeldern und Schotterflächen, die auch gerne mal mitten in einer Kurve beginnen. Vorsichtig fahren ist angesagt, zumal mir einige Male LKW entgegenkommen. Was machen große Lastzüge hier oben?

Noch auf dem „Highway“ begegnet mir der erste Lastzug. Mordsding.

Die Antwort bekomme ich, als ich um eine Kurve biege und das erste Mal die Ostküste des Pilion sehe. „Der grüne Pilion“, so wird die Halbinsel genannt, die hier weit ins Meer ragt.

Die steilen Hänge sind dicht bewaldet, und wo kein Wald wächst, haben die Bauern den Bergen ein wenig Land abgetrotzt und auf Terrassen befestigt. Diese Terrassen sind mit Oliven- und Apfelbäumen bepflanzt, und die Apfelernte ist gerade in vollem Gange. Immer wieder bugsieren Pickups turmhohe Stapel mit Kisten voller Äpfel über enge Straße bis zu Sammelpunkten weiter oben am Berg, wo sie direkt in die großen LKW verladen werden.

Zwei Mal wird es für mich gefährlich. Ein mal in einer Kurve, als mir ein LKW auf der ganzen Straßenbreite entgegenkommt. Ein zweites Mal als ein Mietwagen – gut zu erkennen an den Hertz-Aufklebern an der Kennzeichenhalterung – hinter einer Kehre mitten auf der Straße parkt. Die Insassen befühlen gerade Olivenbäume, wie ich grinsend zur Kenntnis nehme. Dooferweise kommt EXAKT in dem Moment, als ich den Wagen der Baumumarmer überholen will, etwas von Vorne. Nur mit Mühe und ratterndem ABS kommt die Suzuki rechtzeitig zum Stehen, Zentimeter vor dem Miet-SUV.

Immer schlechter, immer nerviger wird die Straße, je weiter hinab sie in Richtung Meer führt. Es gibt hier viele Kurven und Kehren, aber die zu fahren macht überhaupt keinen Spaß. Alles ist zu eng, zu steil und die Straße zu kaputt um hier Freude aufkommen zu lassen.

Auch im Ort Zagora ändert sich das nicht. „Der grüne Pilion“, hatte ich in einem Reiseführer gelesen, „duftet nach Wildkräutern und umfängt mit fast magischer und entspannter Atmosphäre“. Ja von wegen, Wildkräuter am Arsch. Hier duftet es maximal nach Diesel. Und grün ist es zwar, das sind halt langweilige Bäume. Entspannung will sich bei der anstrengenden Straße auch nicht einstellen.

Meine Laune wird immer übler, zumal ich irgendwann merke, dass meine ausgesuchte Route sich nicht in endlicher Zeit fahren lässt.

Statt zwei Stunden, wie Google Maps sagt, rechnet Anna mit gut acht Stunden für eine Umrundung des Pilion. Bislang hat sie recht gut gelegen mit ihren ungefähren Zeitangaben, deshalb glaube ich ihr – was aber auch bedeutet: Ich muss zu einem guten Teil genau den nervigen Weg, den ich gekommen bin, wieder zurück.

Ich fahre ein Stückchen am Meer entlang, halte aber nicht mal für eine Pause an. Ich will nur noch hier weg, mich nervt das hier alles.

Bei nächster Gelegenheit steuere ich die V-Strom wieder bergauf, nur um festzustellen, dass der Weg den ich gekommen bin anscheinend der gut ausgebaute Teil war. Diese Straße hier ist noch kleiner, noch steiler und noch kaputter. In geradezu absurder Steigung windet sie sich den fast senkrecht abfallenden Berghang hinauf.

Manche Kehren sind so eng, dass ich sie nur mit Stützgas fahren kann – Gas geben, gleichzeitig auf die Hinterradbremse steigen. Durch die Kreiselkräfte bleibt das Motorrad dann auch bei extrem langsamer Fahrt stabil. Nur so bekomme ich die Maschine die engen Serpentinen hoch. Immer, wenn wieder ein so forderndes Kurvengekröse hinter mir liegt, atme ich tief durch – und konzentriere mich dann auf den nächsten Hang.

Als die superkleine Straße endlich wieder auf die kaputte Straße unterhalb des Passes stösst, bin ich erleichtert.

Kurze Zeit später schrubbt die V-Strom wieder über den Berg-Highway, und das ist eine Wohltat. Allerdings eine, die nicht lange vorhält.

Als es wieder hinab Richtung Volos geht, ist der Verkehr wieder dicht an dicht – die Opas wollen halt auch alle wieder vom Berg runter, und weil man beim Runterfahren eine so schöne Aussicht über Volos und das Meer hat, fahren jetzt alle NOCH langsamer und bremsen noch häufiger.

Ich koche in meiner Motorradkombi und habe mittlerweile richtig schlechte Laune. Es ist heiß, die Sonne knallt mir auf den Helm, ich schwitze wie ein Üchel und weil wir hier nicht vorwärtskommen, dreht sogar der Motorlüfter der V-Strom, der sonst nur sehr selten anspringt, am Anschlag. Mal ganz abgesehen davon, das ich permanent die Kupplung ziehen oder auskuppeln muss. Sowas verschleisst die V-Strom schneller als nötig.

„Lasst mich endlich von diesem Scheißberg runter!“, schreie ich in den Helm.

In genau diesem Moment kommt der Verkehr komplett zum erliegen. Ein Reisebus und ein Apfellaster sind sich in einer Kurve begegnet die zu klein ist, als das die beiden aneinander vorbeipassen würden.

Da sowohl bergauf wie bergab lange Fahrzeugkolonnen hinter den Kontrahenten stehen, geht es nun weder vor noch zurück. Als der Apfellaster, der bergab will, anfängt rückwärts zu fahren, fährt er bald einige Motorradfahrer um die hinter ihm zum Stehen gekommen sind, und die halt nicht einfach den Rückwärtsgang einlegen können. Oh man, das hier ist wie die Amalfitana, nur noch schlimmer.

Es dauert fast eine halbe Stunde, bis die beiden großen Fahrzeuge sich auseinander- und aneinander vorbei rangiert haben. Ich habe den Motor ausgestellt und starre mit mahlenden Kiefern auf´s Meer hinaus. In mir brodelt die Wut. Auf diesen beschissenen Stau. Auf die verfickten Verkehrsteilnehmer die es nicht geschissen bekommen. Auf diese verdammte Straße. Ich versuche den weißglühenden Ball im Magen durch den Gedanken zu besänftigen, dass ich gerade absolut nichts tun kann um die Situation zu ändern. Gelingt mir nicht besonders gut. Was für ein Scheißberg. Was für eine schöne Aussicht. Was für ein Drecksstau.

Leider will die Helmkamera gerade nicht, deshalb gibt es weder von der Aussicht noch von dem Deadlock Bilder.

Als es endlich, endlich weiter geht, gebe ich richtig Gas, witsche an den schleichenden Griechen vorbei wann immer es geht, jubele, als ich endlich von dem Scheißberg runter bin, schlängele mich an roten Ampeln ganz nach vorne und mogele mich mit rasanten Spurwechseln durch den Stadtverkehr von Volos bis hinein in die Innenstadt, die erstaunlicherweise fast leer ist. Klar, es gurken ja auch alle auf dem Scheißberg rum.

Ganz so hart wie die Rollerfahrerin vor mir bin ich dann aber doch nicht, die fährt nämlich nicht nur ohne Helm und ohne Endtopf, sondern röhrt auch bei Rot über Ampeln.

Am Rande von Volos und fast direkt am Meer gelegen ist meine Unterkunft für heute.

Das „Filoxenia“ in Volos.

Ein kleines Hotel mit einem Innenhof, in dem die V-Strom sicher zu stehen kommt und der so eben ist, das ich endlich mal den Ölstand kontrollieren kann. Immerhin sind wir, die Barocca und ich, schon gut 2.500 Kilometer auf Straßen unterwegs gewesen.

Aber: Alles gut, der Füllstand ist noch exakt so wie zu Beginn der Reise. Der kleine Reservekanister mit Öl kann für heute in der Soziustasche bleiben.

Ich dusche, ziehe leichte Klamotten an und gehe ein wenig am Strand entlang. Ich habe das Hotel hier auch deswegen ausgesucht, weil es praktisch direkt am Meer liegt und ich die Hoffnung hegte, vielleicht nochmal schwimmen zu können. Aber auch heute ist es – genau wie in Vourvourou – sehr windig und mit 20 Grad Lufttemperatur einfach zu kühl dafür.

Hier sehe ich das erste Mal eine Vorrichtung, die solarunterstützt Rollstuhlfahrer:innen ins Wasser lassen und wieder zurückholen kann. Was für eine großartige Idee!

Ich wandere die Strandpromenade hinab und suche mir ein Restaurant, das mehr als nur Snacks anbietet. Viele der richtigen Restaurants haben schon geschlossen, die Saison ist hier schon vorbei.

Sieht man in Griechenland noch recht häufig.

Eines hat zum Glück noch geöffnet, und dort bekomme ich eine unfassbar belegte Pizza mit dem Namen „Sea Horse“. Das Ding ist echt völlig pervers: Ein Pizzaboden, belegt mit frittierten Kartoffelscheiben, einem Ei, Schinken, Pepperoni und ungefähr einem halben Pfund Käse. So eine Pizza enthält genug Kalorien, um einen über den Winter zu bringen! Aber sowas ist auch genau das richtige, wenn man von einem anstrengenden Tag völlig ausgehungert ist.

Das habe ich mir heute verdient. Genau wie das eiskalte Bier, das in einem mit Eis überzogenen Glas serviert wird. Sowas habe ich noch nie gesehen und finde es erst cool, im wahrsten Sinne des Wortes, dann unnötig, dann völlig daneben – der schmelzende Eispanzer des Glases setzt den Tisch unter Wasser und schmaddert alles voll.

Was für eine beschissene Tour heute. Das war nur Material- und nervenmordende Zeitverschwendung, ohne einen Funken Freude.

Todmüde vom Tag und der gigantischen Pizza wandere ich Richtung zum Hotel. Unterwegs kaufe ich in einem Minimarkt eine Flasche Wasser. Der Kasse ist das Kleingeld ausgegangen, gestikuliert die Kassiererin. Sie kann mir keine 50 cent Wechselgeld geben. Ich winke ab, aber so lässt sich mich nicht gehen. Statt einer Münze drückt mir die Kassiererin ein Bonbon in die Hand und nickt. Okay, wir sind quitt.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, und man kann über die Bucht auf die Lichter von Volos blicken. Auch auf die Dörfer, die sich den Scheißberg hinaufziehen. Im Dunkeln sieht man den zum Glück nicht.

Tour des Tages: Von Litochoro am Olymp über die Pilion-Halbinsel bis nach Volos, 281 Kilometer. Im Höhenprofil ist gut zu erkennen: Der Scheißberg in der Hin- und Rückfahrt.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (11): Der Scheißberg

  1. Bla

    Üchel und Scheißberg. Bei dir lernt man immer neue Begriffe und Orte kennen 😉

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  2. Brigitte Eckert

    Das schöne, aus gutem Grund ausser Gebrauch gekommene Wort „Sonntagsfahrer“.
    Die dazu gehörige Aktivität war „Samstagnachmittag das Auto auf der Straße vor dem Haus waschen “ (ohne eigenes Substantiv).

    Dass Sie die Staus auf den alten Straßen ärgern, verstehe ich. Aber wirklich schlimm sind die 6spurigen Autobahnen, die mit EU-Zwangskrediten vom deutschen Hoch- und Tiefbau in die griechische Landschaft gerammt wurden/werden. (Z.B. Nordküste Peloponnes.) Da gucke ich weinend aus dem Busfenster.

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  3. Bla: Das Lesen dieses Blogs lässt sich als Weiterbildung steuerlich absetzen. Ich stelle auf Wunsch gerne Bescheinigungen aus 🙂

    Frau Eckert: Auf die Europastraßen stoße ich in der kommenden Woche. Generell scheint es mir so, als hätte Griechenland ALLES an EU-Förderung in Straßen investiert. Selbst in den abgelegendsten Regionen sind die Straßen fantastisch.

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  4. lukra

    Da hast Du es im grünen Pilion ja ganz schön verkackt. Zur falschen Zeit am richtigen Ort sozusagen.
    Schade, dass Dir die (für mich) schönste Gegend Griechenlands als „Scheißberg“ in Erinnerung bleibt.
    Für eine genüssliche Umrundung des Pilion würde ich zwei (Fahr-)Tage einplanen und im Süden den Stop einlegen, schon wegen der schönen Strände.
    Gib der Halbinsel und der Barocca auf ihr eine zweite Chance! 😉

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  5. 🤨🤔

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  6. Ali

    Stundenlang im Touriverkehr festzuhängen ist auch nicht mein Ding.
    Entweder gibt es eine Abzweigung oder ich pausiere einfach bevor ich meine Nerven strapaziere.
    Schöner Strand ist nicht so entscheident für mich, eher die Wassertemperatur.
    Letzter Blog vom Olymp…..werden Erinnerungen vor fünf Jahren wach, es fehlten nur die letzten Laufmeter zum Gipfel wegen Unlust und unexistierenden Wanderschuhen. Dafür entschädigen viele Kurven.

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  7. Zum Auswendiglernen – das Gelassenheitsgebet.
    Für den nächsten Stau und das sonstige Leben … 😉

    „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

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  8. Ali

    @Marcus
    Nach dem Gelassenheitsgebet versuche ich aus gutem Grund so auch seit fast 4 Jahrzehnten zu handeln, nur mutiert das bei mir ab- und zu von Gelassen zu Verlassen.
    Dann sticht der Skorpion wieder.

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  9. Ali: Abzweigung wäre da senkrecht den berg runtergegangen 🙂

    Marcus: Danach versuche ich in der Tat zu Leben, aber manchmal ists vorbei mit der Gelassenheit 😛

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