Reisetagebuch Griechenland (12): Strauchwatte & Donnerfurz*

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit einer Elster, Ziegenregen, bildungsfernen Amerikanern und den Verschwörungen deutscher Impfgegner im Ausland. Und es passiert Magie.

04. Oktober 2021, Volos
So doof der gestrige Tag mit dem Scheißberg auch war, der heutige schickt sich schon früh an für die Quälerei zu entschädigen. Gleich nach dem kleinen Frühstück geht es wieder in den Sattel des Motorrads und dann los, raus aus Volos, die Morgensonne im Rücken.

Sobald die Barocca den Speckgürtel der Hafenstadt hinter sich lässt, wird alles sehr ländlich. Felder, soweit das Auge reicht. Bereits umgepflügte Getreidefelder, aber auch immer wieder Baumwollfelder. Die finde ich ja völlig faszinierend und muss anhalten, um die angemessen zu bestaunen. Die V-Strom bleibt an der Straße stehen, während ich neben den Pflanzen knie, um sie zu betrachten.

Bike for Scale

Der Name „Baumwolle“ ist eigentlich gelogen. Baumwolle, zumindest in der Form in der sie hier wächst, ist gar kein Baum. Es ist nicht mal ein hüfthoher Busch, wie ich das aus Filmen in Erinnerung habe. Nein, das hier ist nur ein kniehoher Strauch. Die Wolle selbst fühlt sich an und sieht aus wie Watte. Aber der Name „Strauchwatte“ hat sich wohl nicht durchgesetzt.

Ich pflücke ein wenig Baumwolle. Fühlt sich echt exakt an wie die Watte, die man in der Drogerie kaufen kann. Ob die natürliche Baumwolle hier wohl schimmelt, wenn man sie nicht behandelt? Ich beschließe Wissenschaft zu machen und stecke aus Erkenntnisinteresse den Wattebausch in eine Tasche der Motorradkombi. Mal gucken, ob der in ein paar Tagen zu gammeligem Matsch wird.

Es geht nach Nordwesten, und dieses Mal versuche ich nicht clever zu sein und die Route auf kleinste Nebenstraßen zu zwingen. Ich folge Annas Berechnungen und genieße es, über die breiten und doch kurvigen Straßen zu cruisen. Hier ist superwenig los, man kann kilometerweit über die Felder schauen, und ich habe echt das Gefühl allein auf der Welt zu sein.

Ich halte am Straßenrand und lasse zum ersten mal auf dieser Reise die Pica aufsteigen. Die Mavic Air ist eine nette Ergänzung der Reiseausrüstung, und der Namen ist gut gewählt. Er erinnert an „Pico“, also etwas sehr kleines (ein Billionstel, um genau zu sein), und La Pica bedeutet auch „Elster“ im italienischen, was passt, weil die Mavic Air schwarz und weiß ist.

Ich schleppe die Drohne schon seit Ende 2019 mit mir rum, jetzt benutze ich sie zum ersten Mal im Ausland. Sie summt davon in den Morgenhimmel und macht nette Bilder von der Landschaft.

Weiter geht es über Landstraßen ins Landesinnere, durch eine endlose Aneinanderreihung kleiner Felder. Die V-Strom brummt vor sich in, und meine Seele baumelt im Fahrtwind.

Beim Ort Domokos biegt Anna nach Süden ab, Richtung Lamia.

Die Straße führt in malerischen Kurven über eine Bergkette und wird plötzlich sehr breit. „Europastraße“ nennt sie sich hier und führt teils vierspurig durch die Landschaft, was sich irgendwie falsch und fremd anfühlt – zumal hier superwenig los ist. Auf den ersten Blick wirkt es auch absurd, dass man hier meist nur 50 fahren darf, und das auch durch zahlreiche Blitzer überwacht wird. Andererseits: Die originären griechischen Autobahnen kosten Maut. Dürfte man auf den qualitativ mindestens gleichwertigen EU-Straßen auch Tempo 90 fahren, würde sich hier der ganze Schwerlastverkehr drüber quälen.

Es geht auf eine mächtige Gebirgskette zu. Das müssen die Thermophylen sein!

Hier liegen die Thermophylen.

In einer Klamm dieser Bergkette hat Spartanerkönig Leonidas der Sage nach mit seinen 300 Spartanern die Stellung gegen die vom Meer angreifenden Perser gehalten. Seitdem ist Leonidas für die Zentralgriechen sowas wie August der Starke für die Sachsen.

Ich fahre auf die Bergkette zu, dann ein Stück an ihr entlang.

An einer als „historische Sehenswürdigkeit“ gelabelten Stelle kommt die V-Strom in einer Staubwolke zum Stehen.

Auf einem kleinen Hügel ist ein Epitaph eingelassen, ein leeres Grab, als Gedenkstätte für die gefallenen Spartaner.

Von dem Hügel aus kann man auch das Denkmal für den großen Leonidas sehen, das irgendwie traurig unter einem Hochspannungsmasten und an einer Schnellstraße steht.

Ein Stückchen die Straße hoch, kur vor dem Ort Thermophylae, liegt auch noch ein Museum, das über die Schlacht informiert. Das besuche ich aber nicht, es soll unspektakulär sein, bemängeln Besucher. Es gibt wohl nur einen Film zu sehen und einige interaktive Kartentische, das war´s. Eine etwas…. spartanische Ausstellung (Badumm-Tsss).

Anna versucht mich auf eine mautpflichtige Schnellstraße zu lotsen, aber das treibe ich ihr durch eine Umgebungssperre von einem Kilometer aus. Nach einer Denkpause führt sie mich auf eine alte Passstraße, die die Thermophylen hinaufführt. Trotz wahnwitziger Kehren lässt sich die gut fahren – anders als dieser Dreck am Scheißberg gestern. Ebenfalls anders als gestern ist hier exakt gar nichts los.

Rasch schraubt sich die Straße von Null auf 450 Meter hoch, dann trifft sie wieder auf die Schnellstraße – die hier, auf diesem Abschnitt, nicht mautpflichtig ist. Könnte sie aber sein, so breit und ausgebaut, wie die hier durch die Landschaft schneidet – Oh, anscheinend ist das schon wieder eine Europa-Straße. Eine Autobahn mit Geschwindigkeitsbegrenzung, mitten in der Landschaft.

In der Ferne taucht ein großer Berg auf. Das muss der Parnass sein, an dessen Flanke ich beim Zusammenstellen des heutigen Tages eine vielversprechend kurvige Straße gefunden habe.

Als die Straße wieder als schlaglochbewährter Weg zwischen Wohnhäusern in einem kleinen Dörfchen beginnt, bin ich erst skeptisch und beschließe sofort umzudrehen, wenn das hier wieder so ein Scheißberg wird. Aber der krumpelige Anfang ist kein Vorspiel zu einer weiteren Quälerei, sondern die Auffahrt zu einer wirklich guten Straße mit perfekten Kurven und weitern Kehren – und ich bin ganz allein hier oben! Freude!

Perfekter, neuer Asphalt, gelbe Fahrbahnmarkierungen und viele Nadelbäume… so stelle ich mir Straßen in Alaska vor. Oder Kanada.

Ich meine, seht Euch diesen Asphalt an! Das ist ein verdammter Traum!

Irgendwann ist das Ende der Ausbaustrecke erreicht. Ein großer Parkplatz liegt an ihrem Ende und dahinter ein Skilift, der jetzt natürlich außer Betrieb ist. Hier oben ist kein Mensch. Schuttberge und Teerbrocken auf dem Parkplatz verraten, das hier den Sommer über gebaut wurde.

Hinter dem Parkplatz führt eine kleine und ziemlich kaputte Straße in in den Wald. Weiterfahren? Eigentlich soll man ja aufhören wenn es am Schönsten ist, und die Straße bis hierhin war schön, was jetzt noch kommt kann nur schlechter werden. Hm. Aber aufhören hieße auch den ganzen Weg, den ich hier hochgefahren bin, wieder zurück müsste. Nee. Wer nicht wagt…

Der Weg ist voller Schlaglöcher und Abschnitten ohne Fahrbahndecke, aber weiterhin gut fahrbar. Es geht immer weiter den Parnassus hinauf. Ich lasse die Baumgrenze hinter mir, und jetzt sind die Berge karg und felsig, lediglich gelbes Gras wächst hier noch, auf dem vereinzelt Ziegen weiden.

Ich genieße die Kurverei über die kleine Bergstraße, auch wenn ich langsam kalte Finger bekomme. 1.750 Meter, sagt der Höhenmesser, und das ist zu spüren – die Temperaturen hier oben sind einstellig, und die Kälte kriecht in die Knochen.

Aber dann quere ich einen Pass, und die Straße führt wieder bergab und es wird wärmer.

Auf 1.200 Metern Höhe führt die Straße über eine Hochebene, über die in weitem Abstand Häuser und Häusschen verteilt sind.

Etliche sind nicht mal fertig gebaut und stehen als fensterloses Gerippe oder ohne Dach in der Landschaft. Allen gemein ist: Die haben keine Gärten. Selbst die größeren Häuser stehen einfach so auf fast farblosem Gras herum, Zäune gibt es so gut wie gar nicht. Das man sich keine Mühe mit der Außengestaltung gegeben hat, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das hier vermutlich alles Skihotels und Ferienhäuser für Besucher des Skigebiets am Parnass sind. Und die kommen nun mal nur wenn Schnee liegt, und unter einer Schneedecke sieht dass hier dann alles gut aus und Gartengestaltung wäre sinnlos.

Hinter der Hochebene geht es 600 Meter in Serpentinen den Berg hinab.

Plötzlich liegt Delfi auf einem Berg vor mir. Huch? das ging jetzt aber schnell.

Delfi, die berühmte Stadt des Orakels. Der Ort, an dem sich der Sage nach der Nabel der Welt befindet, was Zeus persönlich ermittelt hat, indem er von den entgegengesetzten Enden der Welt je einen Adler aufsteigen ließ, die sich dann hier trafen. Vermutlich ist das noch heute eine Rechenaufgabe im griechischen Mathematikunterricht.

„Punkte A und B liegen an entgegengesetzten Enden der Welt. Zeus lässt von Punkt A Adler 1 aufsteigen, der mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h gen Westen fliegt. Zeitgleich steigt von Punkt B Adler 2 auf und fliegt mit 40 km/h gen Osten. Wo liegt Delfi?“

Kurz vor dem Ort suche ich einen Parkplatz, der nicht total abschüssig ist, und parke die V-Strom sorgfältig ausbalanciert zwischen „fällt nicht um“ und „bekomme ich später wieder vom Seitenständer hoch“ am Straßenrand.

Die Sonne brennt, und als ich aus dem Sattel steige, merke ich schlagartig wie heiß es ohne Fahrtwind ist. Ich ziehe eine der Feldflaschen aus dem Topcase und gönne mir einen Schluck Wasser, als neben mir ein faustgroßer Steinbrocken auf dem Boden landet.

Ich setze die Flasche ab und Blicke die Felswand neben der Straße empor. Weiter oben stehen zwei Ziegen im senkrechten Fels und gucken mich dullig an, dann klettern sie weiter und lösen eine Kaskade an kleinen Steinen aus, die den Berg runterkollern und neben dem Motorrad einschlagen.

„Schu! Schu! Arschlochziegen! Haut ab!“ rufe ich laut. Die eine Ziege ignoriert das, die andere quittiert mein Rufen mit einem weithin hörbaren, donnernden, sekundenlangen und sehr feuchten Furz. Ich meine Niesel zu spüren.

Zwei amerikanische Touristen, die ihren Mietwagen neben der V-Strom geparkt haben, sehen mich groß an, dann ruft einer der beiden „AMAZING! Can you do that again?!“. Anscheinend glauben die allen Ernstes, ich könnte griechische Ziegen auf Zuruf zum Furzen bringen. Meine Güte, diese Bildungsferne.

Ich ignoriere die „Please? Please??“-Rufe der Amerikaner und marschiere die Straße hinab. Eigentlich bin ich nur hier, um ein unfinished Business zu erledigen. Wenn wir gemeinsam auf Reisen sind, haben Modnerd und ich eigentlich ein ganz gutes Händchen dafür, die großen Sehenswürdigkeiten eines Landes mitzunehmen. 2015 waren wie in Delfi waren und sind hier durch die Ruinen des Orakelbergs gestromert, aber dabei haben wir ein Bauwerk, das praktisch auf der Rückseite jedes Bildbands über Griechenland ist (auf dem Cover ist die Akropolis) nicht gefunden: Die Ruinen des Tholos-Tempels im Heiligtum der Athena Pronaia. Ich war damals leicht enttäuscht, das wir anscheinend Tomaten auf den Augen hatten, aber im Nachgang stellte sich raus: Der Tholos-Tempel ist gar nicht auf dem Orakelberg. Er befindet sich unterhalb davon, einen Kilometer die Straße hinunter.

Diese Straße laufe ich gerade herunter und finde zwischen wild umherparkenden Wohnmobilen einen recht steilen und unbefestigten Weg. Bin ich hier wirklich richtig?, denke ich, als ich den staubigen Pfad herunterkraxele. Die Zweifel verfliegen, als ich um eine Kurve komme und das Bauwerk vor mir sehe.

„Tholos“ bezeichnet die architektonische Rundform. Wozu das runde Gebäude, das zwischen den eigentlichen Tempeln und einem Schatzgebäude steht, wirklich gedient hat, weiß niemand so genau. Was man aus den Tagebüchern alter Historiker weiß: Es wurde ca. 380 vor Christus gebaut und im ersten Jahrhundert v.C. bei einem Brand zerstört.

Aber warum stehen dann noch drei Säulen? Haben die als einzige einen Brand und 2.000 Jahre überstanden, während alles andere zerbröselt sind?

Stellt sich raus: Die Säulen sind Restaurierungsversuche aus einer Zeit, als sich Kunsthistoriker nicht als Entdecker und Bewahrer begriffen, sondern als diejenigen, die Vergangenes wieder zu alter Größe aufleben lassen wollten.

Ich erinnere in dem Zusammenhang nur an den Großvandalen aller Brachialrestaurateure, Violett-Le-Duc, der mit einer Bande marodierender Kunsthistoriker durch Frankreich zog und alles, was nicht bei drei auf dem Baum war restaurierte, wie es ihm gerade gefiel. Echt, von ihm „restaurierte“ Objekte konnten in einem Zustand enden, den sie früher nie hatten.

Wenn Viollett-le-Duc anfing etwas zu „retten“, dann konnte man nicht sicher sein, was am Ende dabei rauskam. Aus seiner Hand stammen die Dächer auf der Burg von Carcassonne oder die Gargoyles an der Fassade von Notre Dame. Ob es dafür historische Vorbilder gab, war ihm relativ egal – er hatte Bock auf Gargoyles, also gab es Gargoyles.

Weil Viollet-le-Duc sich selbst als Künstler und überaus wichtig betrachtete, verewigte er sich auch gerne in seinen Werken. Auf Notre Dame z.b. stellte er eine Statue von sich auf, auf einem von ihm dorthin gebastelten Holzturm auf dem Dach der Kathedrale. Eben jenem Turm, der 2019 Feuer fing und zur teilweisen Zerstörung des Bauwerks führte.

Ähnliche Ambitionen wie der Krawallrestaurator aus Frankreich hatten auch die „Kunsthistoriker“, die 1938 hier drei Säulen hinrestaurierten. Die machen was her, sicher, aber alt sind die nicht.

Ich wandere ein wenig zwischen den Tempelruinen herum, dann mache ich mich auf den Rückweg und steige den staubigen Pfad wieder nach oben, zurück zur Straße. Das Motorrad steht noch, die furzende Ziege hat es nicht zwischenzeitlich mit einem Felsbrocken erschlagen.

Ich steige wieder in den Sattel und fahre die Straße weiter den Berg hinauf. Den Orakelberg mit seinen vielen, prächtigen Ruinen lasse ich rechterhand liegen.

Den haben Modnerd bereits erkundet. Wir waren damals praktisch allein auf dem Gelände. Heute wäre das nicht so, dutzende Reisebusse und Autos parken am Eingang zum Gelände.

Hinter dem Orakelberg liegt das heutige Delfi. Die Kleinstadt ist praktisch nagelneu, sie wurde erst 1892 gegründet, als wegen Ausgrabungsarbeiten die Bewohner eines Dorfes in der Nähe hierhin umgesiedelt wurden. (Muss auch geil gewesen sein: Klopft eines morgens ein Archäologe an deine Tür und sagt: „Moin, wir würden gerne mal gucken aus was für Steinen ihr Keller besteht, würden sie mal bitte ausziehen?“). Das neue Delfi besteht aus wenig mehr als zwei Straßen und lebt vom Tourismus, weshalb hier Hotel an Hotel und Souvenirbude an Souvenirbude steht.

Schnell ist der Ort gequert, und auf der anderen Seite führt in weiten Kehren eine breite Straße den Berg hinab. Die V-Strom legt sich elegant in die Kurven, während sie über den Asphalt gleitet. In der Ferne schimmert das Meer.

Seht Euch diesen Asphalt an!

Auf halber Höhe biege ich von der Straße ab, lasse die V-Strom einen buckeligen Kopfsteinpflasterweg hinunterfahren und stehe am Ende vor der Zufahrt zu einem Campingplatz.

Kurzentschlossen fahre ich direkt auf´s Gelände. Der Weg schraubt sich den Berg hinauf und endet vor einem großen, mehrstöckigen Wirtschaftsgebäude aus Beton. Als ich das betrete, finde ich fast sofort das Büro des Managers.

Kostas sieht aus wie Danny Devito und trägt eine Brille zur Korrektur von Weitsichtigkeit. Wenn er etwas lesen möchte, setzt er eine Lesebrille auf, ohne die erste Brille abzunehmen. Das beide Sehhilfen fettverschmierte Gläser haben, wie ich im Gegenlicht sehen kann, macht es für ihn nicht einfacher, Dinge zu erkennen. Vermutlich ist er blind wie ein Maulwurf, das würde zumindest erklären, warum er auf seinem Handy rumdrückt, als das Festnetztelefon klingelt, und sich wundert, dass daraufhin nichts passiert.

Kostas führt mich zu meiner heutigen Unterkunft. Zelten möchte ich nicht, und die Hotels in Delfi haben alle einen Nachteil: Es gibt keine Parkplätze im Ort. Aber hier, auf dem Campingplatz unterhalb Delfis, gibt es etwas, was viel besser UND günstiger ist: Bungalows! Mein Bungalow ist ein kleines, rundes Gebäude (ein Tholos!), das Innen mit allem ausgestattet ist, was man sich wünschen kann: Ein Doppelbett, ein großes Badezimmer mit Dusche und sogar einem Kühlschrank!

Nachdem das Gepäck verbracht ist, werfe ich mich in Zivilklamotten und erkunde das Umfeld. Der Campingplatz liegt an einem Berg, in den Terrassen gegraben wurden. Auf denen wachsen Bäume und spenden den darunter parkenden Wohnmobilen Schatten. Es sind nur wenige Stellplätze belegt, vielleicht ein Dutzend Wohnmobile, mehr nicht. Die Saison ist halt vorbei.

Vor einem Wohnmobil liegt schweigend ein älteres Ehepaar in Klappstühlen und lauscht einem Radio, das… Helene Fischer spielt? Im Weitergehen schaue ich auf das Kennzeichen. Argh, tatsächlich, Deutsche. Das nächste Wohnmobile auch. Und das nächste. Hier sind nur Deutsche auf dem Platz!

Okay, das erklärt vielleicht auch, warum man eigentlich selbstverständliches nochmal extra hinschreiben muss. Zum Beispiel, dass es verboten ist, Wasser aus dem Pool zu rüsseln, um sein WoMo damit sauber zu machen.

Überhaupt, ein Pool! Der Campingplatz hat einen richtig großen Pool und eine Liegewiese! Hier schmort auf Sonnenliegen Teutonenfleisch in der Sonne. Das will ich auch! Schnell eile ich zurück zum Bungalow, und Minuten später steige ich in den Pool hinab – und gleich wieder raus. Auch wenn die Sonne scheint und die Luft bestimmt 25 Grad hat, das Wasser im Schwimmbecken ist eiskalt. Entweder es wurde gerade frisch eingelassen, oder eine natürliche Quelle dient der Einspeisung. Egal, in jedem Fall ist es viel zu kalt um darin gemütlich zu schwimmen. Also lege ich mich in die Sonne, genieße die tolle Aussicht über die Ebene zwischen dem Orakelberg und dem Golf von Korinth. Auf dieser Fahrt habe ich noch eine Gelegenheit zum Baden. Das klappt bestimmt noch. Genauso wie Gyrosessen oder noch einmal die Drohne benutzen.

Zwischendurch komme ich nicht umhin, Gespräche meiner Landsleute zu hören. Anscheinend sind alle Wohnmobile zusammen hier, und jemand namens Rolf sagt, wo es lang geht. Das führt unvermeidlich zu Gruppendynamiken, und anscheinend bildet sich gerade Widerstand um einen Wolfgang herum, der mit Rolfs Plänen nicht einverstanden ist.

Wolfgang ist, wie alle anderen hier auch, ist um die 70 und tuschelt eine gefärbte Blondine in ähnlichem Alter voll, um sie davon zu überzeugen morgen nicht Rolfs Besuchsprogramm mitzumachen. Weil, für diese Fährüberfahrt, so erläutert er mit schwäbischem Dialekt, da müsse man ja geimpft sein. Das käme für ihn, Wolfgang, ja nicht in Frage. Seine Tochter hätte ihm da ja Informationen geschickt, wenn die nur jeder kennen würde, dann würde sich keiner mehr dieses Gift in die Adern spritzen lassen! Das wird er heute noch allen sagen, in großer Runde! Und dann wird er, Wolfgang, dem Rolf richtig die Meinung sagen was die Diskriminierung von Ungeimpften angeht und dann, dann wird er auf eigene Faust mit seinem Wohnmobil losziehen, ob die Blondine sich ihm nicht anschließen wolle?

Einmal mehr bedauere ich es, dass die Evolution mich noch nicht mit verschließbaren Ohren ausgestattet hat. Un-Er-Träglich dieses Gelaber. Wolfgang wähnt sich im Widerstand gegen die Diktatur von Rolf und plant eine Meuterei.

Am Abend sehe ich dann Diktator Rolf im Restaurant sitzen. Er ist bestimmt 80 Jahre alt und sieht aus wie George R.R. Martin, mit einem dicken Bauch und einem weißen Bart. Um ihn herum sitzen vielleicht 25 Rentner:innen, dem Aussehen nach zwischen 70 und 100 Jahre alt. Im Befehlston legt Rolf das Programm und die Marschroute der nächsten Tage dar. Wolfgang sitzt stumm daneben und nickt.

Ich höre amüsiert zu, während eine nette Bedienung mir Gulasch mit Nudeln vorbeibringt. Zum Nachtisch gibt es in Honigsirup eingelegte Zitrusfrüchte.

Das ist lecker, und von meinem Sitzplatz auf der Terrasse habe ich einen schönen Blick über die Landschaft. Der Campingplatz liegt leider recht weit unten am Berg, aber noch hoch genug, um über die Olivenbaumfelder sehen zu können.

Dann passiert: Magie.

Das Licht in Delfi ist magisch, besonders beim Sonnenauf- und -untergang. Vielleicht liegt es am Dunst vom nahegelegenen Golf oder am Staub in der Luft. Für mich liegt es an der Magie dieses Ortes, dass das Licht hier dickflüssig wirkt wie goldener Sirup.

Langsam versinkt die Sonne hinter den Bergketten neben dem Golf, und während schon Finger aus Schatten über die Landschaft tasten, tauchen Balken aus Licht und Magie die gegenüberliegenden Berge in goldenes Licht. Schön sieht das aus.

Es dauert nur wenige Minuten, dann verwandelt sich der magische Moment zu einem normalen, aber immer noch schönen Sonnenuntergang.

Tour des Tages: Von Volos über die Thermophylen und den Parnass nach Delfi, rund 260 Kilometer.

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*) Ja, ist halt wieder so eine Ali-Gedenk-Überschrift

Kategorien: Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (12): Strauchwatte & Donnerfurz*

  1. Ich gründe mal den Club „Für noch mehr Geschichten von doofen Deutschen im Urlaub“ 🙂 Ging es danach noch weiter? Die Geschichte endet da, wo es interessant wird!

    Gefällt 1 Person

  2. lukra

    Derartige Begegnungen mit zipfelmützigen Oberlehrern aus Γερμανία hatten wir glücklicherweise bisher eher selten in Ελλάδα. Deine Schilderungen dazu gereichen aber zu deitailreichem Kopfkino. 🙂
    Diese (fast) leeren Landstraßen und die Ausblicke dazu sind schon g**l, oder?

    Gefällt 1 Person

  3. Hach ja, Griechenland wäre auch mal was. So viele Dinge zu entdecken und immer nur so wenig Zeit. Aber ich ja hab ja demnächst mehr Urlaubstage, mal sehen, was sich daraus machen lässt. 😀

    Gefällt 1 Person

  4. Modnerd: Hehe. Aber die Geschichte ist durchaus schon in sich abgeschlossen: Der sich selbst als lautstarker Rebell sehende Möchtegern-Revoluzzer saß am Ende nur passiv daneben und traute sich nicht den Mund aufzumachen… Ob er morgen noch einmal Mut finden wird? Mal schauen.

    Lukra: Absolut geil, ja. Ein echter Traum.

    Max: Neuer Job, mehr Urlaub? Sehr gut!

    Gefällt 1 Person

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