Familiäre Dialoge -XVI-

Telefon.

Ich: „„Ja hi, ich bins. Ich wollte nur mal fragen ob Du bei der zweiten Impfung warst und wie es Dir jetzt geht.“

Vater: „Was soll denn die dumme Frage, Du weißt doch genau, das es mir beschissen geht, mit dem Knie kann ich doch nicht auftreten, deshalb nehme ich doch dauernd die starken Schmerzmittel.“

Ich: „Nee, ich meinte wegen der Impfung. Beim Knie erwarte mal kein Mitleid, das hättest Du vor acht Jahren machen lassen können, mit dem anderen zusammen, dann wärst Du heute schmerzfrei. Dazu müsstest Du nur mal zum Arzt gehen.“

Vater: „Die haben doch am wenigsten Ahnung, die Ärzte! Aber zweite Impfung war ich. So eine Impfung, weißte, die geht ganz schnell. Man fährt nur zu dem Termin und dann warten die schon auf einen…“

….Was nicht so wirklich ein Wunder ist, mein Vater kommt zu jedem Termin mindestens eine Viertelstunde zu spät…

Vater: „…und schon ist man damit fertig. Ist ja hier auf dem Dorf auch nicht so einfach, mit Impfung! Kommste ja nicht ran, als Normalsterblicher. MIR hat niemand ein Impfangebot gemacht. (Stolz:) Aber ich sage ja immer: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Und ICH bin ja jetzt geimpft“

Heldenhaft. Ein Jahr hat er sich mit Händen und Füßen gewehrt, aber nun fühlt er sich wie der Ritter, der den Drachen erlegt hat. Belassen wir es dabei.

Vater: „Zum meinem Achtzigsten habe ich übrigens von der Gemeinde einen Gutschein über 10 Euro bekommen. Muss man sich mal vorstellen, 10 Euro, was soll man sich denn dafür kaufen?“

Ich: „Was hast Du denn erwartet?“

Vater: „Wer nicht frech. Ich kauf mir da jetzt Lübecker Marzipan für. Das ist das Beste. Kann man ja auch kaum was anderes mit anfangen, mit 10 Euro.“

Ich: „Ja, nee. Und Marzipan als Geldanlage, das ist schon gut. Aber denk an Dein Diabetes.“

Vater: „Ach Diabetes, so ein Quatsch. Da hat die Ärztin auch keine Ahnung.“

Ich: „Deine Diabetesberaterin, die beruflich nichts anderes macht als Diabetes, die hat keine Ahnung?“

Vater: „Die erzählt nur Quatsch! Ich soll morgens 49 und abends 29 Einheiten nehmen, das ist doch Blödsinn. Ich ess´ meine Schokolade und mein Marzipan und dann messe ich und dann schlag ich noch was drauf und das nehme ich dann.“

Ich: „Genial! Auf diese Weise kannst Du Süßigkeiten essen bis Dir schlecht wird!“

Vater: „Genau! Aber in dieses Tagebuch, ne, was ich ihr immer vorzeigen muss, da trage ich immer genau die Werte ein, die sie sehen will. “

Ich: „Die eigene Diabetesberaterin betuppen. Na, Du bist ja ein Fuchs.“

Vater: „Ja, was will ich denn sonst machen? So freut sie sich wenigstens.“

Ich: „…“

Vater: „Warum rufst Du eigentlich heute erst an? Die zweite Impfung war vor einer Woche!“

Ich: „Oh ich HABE angerufen, jeden Tag, zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Du bist nur nicht ans Telefon gegangen. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

Vater: „Ja nun, das Telefon steht in der kleinen Stube und wenn Fernsehen an ist höre ich das nicht. Tragbares Telefon habe ich ja nicht.“

Ich: „Hast Du schon, das haben wir Dir vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt. Du warst nur zu bequem es anzuschließen, und als ich das machen wollte meintest Du, ich hätte keine Ahnung davon und sollte die Finger davon lassen.“

Vater: „Braucht ja auch kein Mensch, sowas. Genauso wie Handy. Sind auch nicht zu gebrauchen, die Dinger. Die muss man jede Woche aufladen! JEDE WOCHE! Muss man sich mal vorstellen! Ich glaub´ mein Schwein pfeift!“

Immerhin hat er ein Handy. Hat lange genug gedauert ihm das aufzudrängen, damit er in Notfällen wenigstens ein Telefon in Griffweite hat.

Ich: „Ja nun. Sei froh, dass Deines eine Woche durchhält. Ich muss meins jeden zweiten Tag aufladen.“

Vater: „Was? Was ist das denn für eine Schrottkiste?!.“

Ich: „iPhone 13 Pro.“

Vater: „Das würde ich zurückbringen, das muss ja kaputt sein. Kauf Dir mal was Vernünftiges! Nokia oder so. Hatte ich ja auch.“

Ich: „Wieso „Hatte“?!“

Vater: „Ist kaputt. Aber ist ja egal, ich brauche das eh nicht.“

Ich: „Und wenn Du mal stürzt mit Deinem kaputten Knie und nicht mehr hochkommst? Wie holst Du dann Hilfe? Das kriegt ja nicht mal jemand mit wenn Du da rumliegst.“

Vater: „Ach ich telefonier doch jeden Abend mit der Dingens. Wenn ich nicht ans Telefon gehe kann die sich schon denken, das was nicht stimmt. “

Ich: „Oder das Du fern guckst.“

Vater: „Hehehe, ja genau, ne.“

Ach Ach Ach. Ich rege mich ja gar nicht mehr drüber auf.

Frühere Dialoge:

Dialog zum 80sten
Impfdialog
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Familiäre Dialoge -XVI-

  1. motorrado

    Immer wieder göttlich, diese Dialoge! 🙂
    (Ja ok, sicher nur für Außenstehende…)

    LG an Deinen Dad!

    Ps
    Wär ich Verleger, hättest Du längst ein Buchdruck-Angebot auf’m Tisch

    Gefällt 1 Person

  2. lukra

    In Lübecker Marzipan ist das Geld gut investiert, finde ich! 😛
    „Kinder waren wir, Kinder werden wir.“ Deshalb hilft hier Aufregen nicht viel.

    Gefällt 1 Person

  3. Motorrado. Danke, das ist lieb 🙂

    Lukra: Schöner Satz, den kannte ich noch nicht!

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