Reisetagebuch Griechenland (13): Wunderblumen

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 17 mit nassen Füßen, Orangenhainen, verschwundenen Gräbern und einem ausgemachten Otto.

Dienstag, 05. Oktober 2021, Delfi
Es ist erst kurz vor Sieben, als ich im Halbdunkel und auf dem Bett sitzend die Socken anpfriemele, die Beine aus dem Bett schwinge und IEH! KALT UND NASS! WAS IST DAS DENN?

Ich knipse das Licht an und begutachte den Boden. Vor dem Bett steht eine Pfütze, und in der stehe ich jetzt, mit klitschnassen Socken. Wo kommt denn das Wasser her?!

Dann sehe ich es. Der Bungalow hat einen Kühlschrank, der gestern laut gebrummt und geklappert hat. Sowas kann ich nicht in dem Raum haben in dem ich schlafe, genauso wenig wie tickende Uhren. Also habe ich dem Kühlschrank den Stecker gezogen.

Dooferweise, und das habe ich übersehen, hat der ein Tiefkühlfach. Das habe ich offensichtlich fachmännisch abgetaut, und das Wasser hat sich über die Fugen der Bodenfliesen im ganzen Bungalow verteilt. Suuuper. Fluchend hole ich einen Lappen und beginne aufzuwischen.

Aus dem Wasserhahn im Badezimmer kommt kochend heißes Wasser, damit mache ich mir einen Instantkaffee. Mit dem dampfenden Becher in der Hand stehe ich auf der Terrasse vor dem Bungalow und blicke über die Ebene vor dem Golf von Korinth.

Das Morgenlicht ist hier fast genauso magisch wie das Abendlicht. Das Sonnenlicht ergießt sich in großen, deutlich sichtbaren Strahlen in die dunklen Ebene, in der die Autos noch mit Licht fahren.

Es wirkt, als habe das Licht Substanz. „Volumetrisches Licht“ heißen solche Lichtbalken in Computerspielen. Vermutlich kommt dieses Phänomen, dass die Lichtstrahlen hier Masse zu haben scheinen, einfach von dem Dunst über dem nahegelegenen Meer.

Ich finde eine andere Erklärung aber schöner. Terry Pratchett hat mal geschrieben, das Licht stark abgebremst wird, wenn es auf ein thaumaturgisches Feld trifft. Da Energie nicht verloren gehen kann, wandelt sich die Geschwindigkeit in Masse um. Das finde ich die schönere Erklärung: Dieser Ort hier ist magisch, und dadurch gewinnt das Licht an Substanz.

Ich sattele die V-Strom und manövriere vom Gelände des Campingplatzes. Zu meinem großen Erstaunen sind die Terrassen in den Berghängen, die zum Abstellen von Wohnmobilen gedacht sind, leer.

Die deutschen Camper, die hier gestern Abend standen, sind verschwunden. Oberanführer Rolf und seine Gruppe müssen also schon lange vor dem Sonnenaufgang das Feld geräumt haben. Und zwar generalsstabmäßig und so leise, das ich nichts davon mitbekommen habe. Selbst Revoluzzer Wolfgang ist weg. Cool. Rücksichtnahme von Deutschen im Ausland, das ist unerwartet.

Ich fahre über die Olivenbaumebene in Richtung des Golfs von Korinth, biege kurz vor dem Küstenort Itea nach Osten ab und scheuche die V-Strom über die Küstenstraße, die dicht am Wasser entlangführt.

Die Sonne schiebt sich hier gerade über die Berge und wirft diese Lichtbalken in die Landschaft, die auch von Nahem so dreidimensional wirken, als könne man sie anfassen.


Die Straße schwingt sich hinauf in die Berge, weg vom Wasser und bis in eine Höhe von 450 Metern, dann über eine Landzunge und auf der anderen Seite wieder hinab zum Meer.

Die V-Strom gleitet über die Straße und duckt sich in die Kehren und Kurven, während ich dieses Gefühl der Freiheit aus Sonne, Fahrtwind und der Weite der Landschaft über mich hinwegrollen lasse, dass mein Herz zum Hüpfen bringt.

Das Wasser dampft in der Morgenluft:

Viel zu kurz ist der Trip am Wasser entlang, danach geht es aus den Bergen raus und mehrere Stunden über eine eher langweilige Landstraße. Die führt über Ebenen voller Felder. Das Land hier ist so platt, das war bestimmt mal ein großer See. Wie passend, dass Hügel voller Olivenbäume wie Inseln aus dem Feldermeer ragen.

Erst hinter dem Ort Thivas wird es wieder interessanter. Eine Bergkette begrenzt die Ebenen im Süden, und hier wird die Straße wieder kleiner und kurvenreicher. Alles hier ist dicht bewaldet und wieder sehr einsam. Das ist schön. Griechenland, das ist auch ein Blick in eine Zeit, bevor die Landschaft mit Autos verstopft wurde.

Zum ersten Mal sehe ich auch die Spuren der Waldbrände, die hier in den vergangenen Monaten schlimm gewütet haben. Die Bäume stehen zum Teil noch, sind aber schwarz und verkohlt.

Hinter den Bergen führt die Straße wieder dicht am Wasser entlang. Die Fahrbahn ist mir nicht geheuer. Links ist eine senkrechte Felswand und die Fahrbahn liegt stellenweise voller Felsschlag, rechts schwappt das Meer gegen eine niedrige Befestigung. Das Wasser hat die Straße stellenweise unterspült. Woher ich das weiß? Weil die Fahrbahndecke am rechten Rand teilweise eingebrochen ist, und durch die Löcher im Asphalt kann ich das Wasser herumschwappen sehen.

Da Löcher.

Hm. Links von Felsen erschlagen werden oder rechts durch die Fahrbahn brechen und untergehen? Eine Wahl wie zwischen Skylla und Charybdis.

Wie passend. Die griechische Redensart bezeichnet die Wahl zwischen zwei gleich großen Übeln, und obwohl der Ort dieser Sage heute in Italien verortet wird (in der Meerenge von Messina), so gehen manche Historiker davon aus, dass damit ursprünglich eine Meerenge in Griechenland gemeint war, und zwar die zwischen dem Golf von Patras und dem Golf von Korinth. Genau dem Golf von Korinth, an dem ich hier gerade entlangfahre.

Ich entscheide mich für die Mitte zwischen Felsen und Wasser. Kommt eh´ kein Auto, da kann ich auch mitten auf der Fahrbahn rumeiern.

Ein weitere Bergkette, dann durch den Ort Megara (in meinem Kopf läuft „Captain Future“ Musik) und auf eine weitere Küstenstraße. Zwanzig Kilometer östlich von hier liegt Athen, aber schon wegen der Pandemie möchte ich nicht in die Großstadt. Mich zieht es in die Leere, und diese Straße bringt mich weg von Athen und weiter in Gebiete, die weniger besiedelt sind.

Ich könnte ewig so weiterfahren. Der V-Twin grollt leise vor sich hin, der warme Fahrtwind streicht mir übers Gesicht und die Barocca gleitet geschmeidig über den Asphalt, der frei von Autos an Meer und Bergen vorbeiführt.

Diese Fahrt dürfte nie enden. Dabei ist die Straße nicht mal besonders aufregend, und ich bin hier auch nur mit gemütlichen 80 km/h unterwegs, aber es ist gerade die Kombination aus allem, die mich gerade sehr, sehr zufrieden macht. Vielleicht sogar ein wenig glücklich. Bin ich nicht ganz sicher. Ist schon zu lange her, dass ich dass das letzte Mal gespürt habe.

Nachdem ich es geschafft habe mich auf der Suche nach einer bestimmten Brücke grandios zu verfahren, quere ich schließlich gegen Mittag den Kanal von Korinth, der den Golf von Korinth und den Saronischen Golf verbindet und den Peloponnes von Festland-Griechenland absäbelt und so zur Halbinsel macht.

Der Kanal ist ein senkrechter Einschnitt im Fels, schnurgerade, über sechs Kilometer lang und bis zu 80 Metern tief.

Schon Cäsar, Nero und Caligula wollten hier ein Schiffdurchfahrt haben. Gebaut wurde der Kanal aber erst 1881, unter der Aufsicht eines ungarischen Architekten gegraben. Zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten.

Genauso lang dauerte es, den Kanal wieder fit zu bekommen, nachdem die Nazis dort rumrandaliert hatten. Bei ihrem Abzug sprengte die Wehrmacht einen Teil der Felswände, zerstörte alle Brücken und warf ganze Eisenbahnzüge in den Kanal. Das US Engineer Corps brauchte selbst mit schwerem Gerät bis 1948, bis der Kanal wieder nutzbar war.

Früher war der Kanal eine wichtige Verbindung, heute wird er nur noch von ca. 30 Booten pro Tag genutzt. Er ist zu schmal für moderne Schiffe und außerdem stellenweise arg baufällig. Das weiche Gestein müsste dringend mal wieder stabilisiert werden, sagen Experten, sonst brechen die Wände ein. Manch einem Schiff mit wertvoller Fracht mag das zu gefährlich sein, folgerichtig besteht ein Großteil des Verkehrs im Kanal aus Booten voller Touristen.

Der Kanal ist eine Attraktion und eine Skurrilität, schon für sich selbst, aber auch in Details. Die Brücken über den Kanal sind interessant anzusehen, noch cooler sind aber die an der Ein- und Ausfahrt: Die werden über Motoren im Wasser versenkt, wenn sich ein Schiff nähert.

Westlich des Kanals liegt das heutige Korinth, das sich im Vorbeifahren als uniforme, gesichtslose und moderne Planstadt präsentiert. Der Eindruck täuscht nicht, denn dieses Korinth existiert erst seit 150 Jahren und wurde hier nach einem Erdbeben hingestellt.

Das antike Korinth liegt etwas weiter landeinwärts, aber viel ist davon nicht übrig. Zwei Hügel voller Ruinen, das ist alles.

Ich finde die erstaunlicherweise wenig interessant. So geht es mir mit vielen Ruinen in Griechenland. Ein Stückchen weiter liegt zum Beispiel das antike Mykene, das finde ich auch recht unspannend. Seltsam, wo ich doch sonst stundenlang verfallene Tempel und Brücken angucken kann.

Aber vielleicht ist mein Problem, das griechische Ruinen einfach meist so alt sind, das echt nichts mehr davon übrig ist. Sicher, da liegen dann drei Steine am Boden und Historiker sind völlig aus dem Häuschen, weil das früher mal ein riesiger Palast oder sowas war, aber ich sehe halt nur drei alte Steine. Das ist so spannend wie bei uns im Harz das Harzhorn. Das liegen drei Nägel aus Römersandalen im Waldboden und daraus leiten die Archäologen gewaltige Schlachten ab. Alles begründet und sicher relevant, aber auch fürchterlich unspektakulär.

Über dem Antiken Korinth erhebt sich ein großer Tafelberg, der fast 600 Meter in die Höhe ragt. Dort oben thront das dritte Korinth: Akrokorinth.

Das ist eine 1.300 Jahre alte Festung, und von der ist mehr erhalten als nur drei Steine. Als die Barocca auf dem Sand vor der Festung zum stehen kommt, bemerke ich, dass der ganze Gipfel des Bergs überbaut zu sein scheint. Zahllose Treppen führen in verschlungenes Mauerwerk, aus dem wuchtige Wehrtürme ragen.

Der Ausblick von da oben muss irre sein. Aber will ich da hochstiefeln? In voller Montur und bei mittlerweile fast dreißig Grad? Nee, will ich gerade nicht. Zu anstrengend.

Ich fühle mich ein wenig schlecht dabei mir das einzugestehen, aber ich bin erstens faul und zweitens vermutlich auch einfach gerade zu schwach für die Anstrengung. Zwei Jahre Pandemie ohne groß Sport zu machen, das bereitet nicht auf solche Kraftsportaufgaben vor wie die Besteigung von Akrokorinth.

Ich wende die V-Strom und tuckere den Berg wieder hinab. Die Aussicht bei der Abfahrt ist auch schön und völlig frei von Anstrengung.

Den Beginn des Peloponnes markiert wieder eine Bergkette. Hier liegt auch das schon erwähnte Mykene, aber da war ich schon mal und deshalb fahre ich ich heute daran vorbei. Die kargen Bergen öffnen sich rasch wieder zu einer Ebene, die voller Orangenhaine steht.

Aus denen ragt ein eigentümlich geformter Berg heraus. Ich habe ihn gefunden, den Arsch der Welt!

In der Ferne sehe ich das Meer schimmern und fahre darauf zu. Eigentlich sollte hier, zwischen den Orangenhainen, noch irgendwo das Tholos-Grab von Tiryns liegen, aber als ich an den angegebenen Koordinaten ankomme ist da nichts, außer Orangenbäumen*.

Ich fahre einen staubigen Wirtschaftsweg weiter, und ehe ich es mich versehe, bin ich aus der Ebene der Orangenbäume heraus und die V-Strom rollt in eine Stadt, die zwischen zwei Bergen direkt am Wasser liegt. Auf jedem der Berge erhebt sich eine große Festung. Das hier ist Nafplio, eine der schönsten Städte Griechenlands.

In einem Neubauviertel unweit der Hafenstadt finde ich meine Unterkunft für heute. Was ich nicht finde, ist ein Parkplatz. Das Hotel selbst verfügt nur über fünf schmale Parkplätze direkt am Haus. Das entspricht in der Breite den zwei BMW X5, die gerade darauf thronen. Arschlöcher.

So muss ich die V-Strom eine Straße weiter, zwischen verbeulten Autos und einem Sperrmüllcontainer, abstellen und meine Koffer einige hundert Meter weit schleppen. Das ist nicht nur schweißtreibend, sondern auch deswegen ein wenig doof, weil ich extra diese etwas abgelegene Unterkunft gewählt hatte weil ich gehofft hatte, dass es hier mehr Parkmöglichkeiten gibt als in der engen Altstadt.

Das Hotel selbst ist mit fast 80 Euro für eine Übernachtung meine teuerste Unterkunft auf dieser Reise, es ist neu und modern eingerichtet, und ich kann es sofort nicht leiden. Das Zimmer selbst ist nett, aber…

Auch das kennen alle Motorradreisenden: Binnen Minuten ist ein aufgeräumtes Zimmer zugerümpelt mit unserem Kram und gleicht einem Schlachtfeld.

Nicht nur, dass man für den Bezug des Schreibtischstuhls offensichtlich Totoro erschossen und gehäutet hat…

Im Bad befindet sich eine offene Urwalddusche. Ich hasse die Dinger. Man kann sie nicht anstellen ohne kaltes Wasser abzubekommen, und diese offenen Duschen ohne Kabine oder Glaswand sind oft so schlecht gemacht, dass man das ganze Badezimmer unter Wasser setzt.

Am Schlimmsten aber: Am Wasserhahn steht „Kein Trinkwasser“. Also, SOWAS habe ich echt noch nie erlebt. Wenn ich unterwegs bin, decke ich nahezu meinen gesamten Flüssigkeitsbedarf durch Wasser aus dem Hahn.

Und nun? Tja. Nun kommt mir zugute, dass ich hier schon einmal gewesen bin. Damals, mit Modnerd, hatte ich ein Zimmer in einem Motel, das hier zwei Ecken weiter, am Ende einer SEHR steilen Straße, liegt. So steil, dass ich nicht sicher war, ob ich die mit der V-Strom fahren wollte, zumal es oben dann auch nicht wirklich Parkplätze gibt. Anyway, DamalsTM haben wir entdeckt, dass ein Stückchen weiter ein LIDL liegt.

Ich ziehe leichte Klamotten über und wandere bis zum Freund aller Reisenden und kaufe Wasser, ein fertiges Abendessen und ein paar Backwaren ein. Zurück im Hotel verzehre ich die voller Heißhunger. Es gibt fertiges Pastitio, das ist griechischer Hackfleich-Makkaroni-Auflauf. Das sieht schlimm aus, schmeckt aber super.

Nach dem frühen Abendessen geht es mir besser und ich bin bereit, die Stadt zu erkunden. Ich werfe mir den Rucksack über die Schulter und wandere los.

Nafplio ist keine große Stadt, und die Altstadt liegt zwischen dem Meer und den Festungsbewährten Bergen auf einer Landzunge, die ihrerseits einen kleinen Bergrücken hat.

Um dieses natürliche Kap herum führt ein wunderschöner Wanderweg, der am Wasser entlangführt und der gesäumt ist von Kaktusfeigen, die bereits reif und essbar sind.

Leider ist das Tor zum Rundweg verschlossen – Gefahr von Steinschlag, ist die Begründung.

Ach menno. Na gut, dann wandere ich eben auf der anderen Seite um den Bergrücken herum und strolche dabei durch die Altstadt. Kleine Geschäfte und Restaurants reihen sich hier aneinander, alle ganz auf Touristen eingestellt. Am Wasser sehe ich die Dritte Festung, die Nafplio schützt. Die liegt aber nicht auf einem Berg, sondern auf einer Insel im Hafen.

Neben dem Yachthafen sind gemauerte Becken ins Meer gebaut, in dem Rentnerinnen gemütlich ihre Bahnen schwimmen. Ach, wenn ich das gewusst hätte! Hätte ich Badesachen dabei, ich würde jetzt auch nochmal ins Wasser springen. Mein Bedarf nach Baden im Meer ist deutlich unterdeckt. Aber gut, eine Gelegenheit zum Baden werde ich auf dieser Reise noch haben.

Der Rundweg ist auch von dieser Seite gesperrt, sogar noch ein gutes Stück weiter vorne als noch 2015. Schade, dieser Weg ist ein Juwel. Ich könnte natürlich um das Tor herumklettern, aber ach, ich habe heute weder Lust auf Sport noch auf Stress mit dem Ordnungsamt.

Ich wandere ein wenig durch die Altstadt, die einfach nur mit „schmuck“ zu bezeichnen ist. Gepflegte Häuschen, Mosaike in Gehwegen und Plätze, verwinkelte Gassen zwischen neo-klassizistischen und venezianisch anmutenden Stadthäusern.

Der venezianische Eindruck täuscht übrigens nicht, Nafplio ist als Hafenstadt im Laufe der Zeit sowohl von venezianischen als auch von osmanischen Einflüssen geprägt worden. Das passierte aber nie friedlich.

Sowohl Türken als auch Venezianer balgten sich Jahrhundertelang um Nafplio. Mal besetzte die eine Seite die Stadt, 100 Jahre später die andere.

Die Venezianer wurden dabei immer frecher und hängten am Ende sogar ein Schild an´s Stadttor, auf dem Sie Nafplio „Napoli di Romania“ nannten, das rumänische Neapel. Das ärgerte Sultan Ahmed den III. so dermaßen, dass er sich die Stadt wieder unter den Nagel riss und ein Massaker an Zivilisten und Soldaten veranlasste, um ein Exempel zu statuieren.

Während der griechischen Revolution im Jahr 1822 wurde Nafplio ein ganzes Jahr belagert, schließlich von griechischen Revolutionstruppen eingenommen und die Hauptstadt des, vom osmanischen Reichs unabhängigen, Griechenlands. Diese kleine Stadt! Hauptstadt! Das erklärt auch, warum es hier einen Syntagma-Platz gibt, genau wie vor dem Parlament in Athen. „Syntagma“ bedeutet „Verfassung“.

Spannend, oder? Ich wusste gar nicht das es einen Befreiungskrieg gab, um Griechenland aus dem osmanischen Reich zu lösen. Heck, ich wusste nicht mal, das Griechenland früher praktisch zur Türkei gehörte! Das erklärt vielleicht auch, warum beide Nationen bis heute nicht so gut aufeinander zu sprechen sind.

Was nach der Unabhängigkeit was als nächstes geschah, wusste ich noch weniger. Als wäre die Stadt nicht genug gestraft worden, fielen 1833 auch noch die Bayern hier ein!

Nachdem Griechenland nämlich raus aus dem osmanischen Reich und international als eigenständig anerkannt war, wussten die Griechen nicht so recht, was sie nun anfangen sollten. Also taten sie das, was alle erfolgreichen Revolutionäre tun: Sie fingen an, sich untereinander in die Klötten zu kriegen.

Um die Lage zu stabilisieren schlugen die Signatarmächte Großbritannien, Frankreich und Russland vor, einfach irgendeinen europäischen Adligen zum Herrscher vom Griechenland zu machen. Also fragten sie mal rum, wer wohl Bock auf den Job als König von Griechenland hätte, aber jeder, der noch bei Trost war, winkte ab.

Also machten die Mächte unter sich aus, wer es werden sollten, und guckten sich jemanden aus, der sich nicht wehren konnte, weil er noch minderjährig war – und schwuppdiwupp, bevor er es sich versah, war der 16jährige Otto von Bayern griechischer König und saß in einer Residenz in Nafplio. Aber nur ein Jahr lang, dann zog er mitsamt Hofstaat nach Athen um, das seitdem Hauptstadt ist.

Das erklärt den großen, bayerischen Löwen, der in einen Felsen gegenüber dem Parkplatz von LIDL eingelassen ist:

Noch etwas hat Spuren hinterlassen. Unter Ottos Regentschaft – immerhin 30 Jahre, von 1833 bis 1863 – kamen viele Deutsche nach Griechenland. Beamte, Künstler, Handwerker, Akademiker. Das erklärt die besondere Verbundenheit Griechenlands und besonders Athens mit Deutschland – auch, wenn Schäuble und Merkel alles getan haben, um dieses Band mit ihrer Austeritätspolitik zu zerschneiden.

An einem Berg entdecke ich eine große, doppelflüglige Tür, die in den Fels eingelassen ist. Sieht aus wie von einer Kirche. Was ist denn das bloß?

Vorsichtig gehe ich hindurch und entdecke einen modern gestalteten Tunnel. Er ist leer, Grafitti ziert die Wände.

Am Ende des Tunnels befinden sich drei Türen. Sieht hier alles aus wie eine Kulisse in einem Matrixfilm.

Das sind Aufzugstüren. Eine ist ohne Strom, bei einer ist der Rufknopf herausgerissen, aber eine funktioniert. Ich betrete eine enge Aufzugskabine und drücke auf „Nach oben“. Rumpelt setzt sich der Aufzug in Bewegung und fährt aufwärts. Und fährt. Und fährt. Ich blicke auf die Uhr. 40 Sekunden ist das Ding unterwegs, dann kommt die Kabine mit einem Grollen zum Stehen und die Türen öffnen sich mit einem Quietschen. Ich stehe vor dem Eingang eines Hotels. „Nafplia Palace“ steht in großen Lettern an einem nobel aussehenden Gebäude. Von hier hat man bestimmt einen tollen Blick über die Bucht von Argolis.

Ein Wachmann guckt mich aufmerksam an. Ich grinse, mache einen Schritt rückwärts in die Aufzugskabine und drücke auf dem „Abwärts“-Knopf.

Bei der Wanderung durch die Altstadt komme ich auch am besten Gyrosrestaurant der Stadt vorbei.

Verdammt, hier hätte ich die Gelegenheit Gyros zu futtern, warum habe ich nur vorhin soviel Fertigkram eingekauft?

Was übrigens ganz besonders ist, sind die Bougainvillea-Stöcke, die hier an vielen Häusern emporwachsen und geradezu Bäume bilden. Die Blüten haben einen ganz intensiven Violettton mit rosa Nachglühen, das wirkt geradezu Ultraviolett. Bilder können das kaum einfangen.

Bourgainvilleen sind in Südeuropa weit verbreitet, aber so gehäuft und so schön wie hier in Nafplio habe ich sie noch nirgendwo gesehen. Hier wird die Drillingsblume ihrem zweiten Namen, „Wunderblume“ mehr als gerecht. Überall wachsen die Blumen an den Hauswänden empor, und oft sind die Stöcke so alt, das sie wie Bäume wirken. Ganze Straßenzüge sind davon gesäumt.

Als die Sonne langsam untergeht und die Schatten länger werden, laufe ich zum Hotel zurück. Fünfzig Meter von meinem Zimmerfenster entfernt ist nun am Straßenrand ein Parkplatz frei, und dorthin parke ich die V-Strom um. So habe ich sie wenigstens im Blick.

Als es dunkel wird, kommen Eltern mit ihren Kindern in den beleuchteten Park vor meinem Zimmer. Die Kleinen Juchzen und toben im Dunkel auf leuchtenden Rollern, blinkenden Laufrändern oder mit beleuchteten Sneakern um die Erwachsenen herum, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und quatschen. Die Nacht ist mit 16 Grad angenehm warm, eine leichte Brise weht vom Meer und über der Altstadt wird die mächtige Palamidi-Festung festlich angestrahlt.

Zum ersten Mal auf dieser Tour habe ich dieses mediterrane, sommerliche Gefühl in meiner Brust. Ich genieße diesen Moment und die warme Nachtluft und versuche den Gedanken zu verdrängen, dass dieser Abend vermutlich der letzte Schöne sein wird, bevor morgen eine gewaltige Unwetterfront Griechenland treffen wird.

Tour des Tages: Von Delfi über Korinth nach Nafplio, 326 Kilometer.

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*) Was auch durchaus korrekt war, das Grabmal liegt mitten in einem Orangenhain, am Fuß eines Berges. Ich habe nur den Fußweg dahin nicht gefunden.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (13): Wunderblumen

  1. Ach Nafplion … den Ort werde ich wohl nie vergessen.

    Mit dem Hotel hast du übrigens ein besonderes Juwel entdeckt: Das war ein ehemaliges Regierungshotel und wurde 1975 gebaut. Inzwischen muss es wohl als eines der schlimmsten Hotels überhaupt bewertet werden (mindestens das Preis-Leistungs-Verhältnis): Zimmer kosten schon mal 600 € die Nacht aber der ganze Laden ist komplett verfallen. Es gibt zwar einige „renovierte“ Zimmer, die aber auch aus den 90ern stammen. Der Rest ist Originalzustand 1975 und es mangelt überall an Wartung und Pflege, Kakerlaken zahlen dort jedenfalls deutlich weniger.

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  2. Oh, das ist eine interessante Geschichte! Aber du sprichst es nicht von dem Hotel, in dem ich untergebracht war, oder? Das ist nämlich neu gebaut. Auf Street View Aufnahmen von 2015 sieht man noch den Rohbau.

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  3. Ach, Du meinst das Nafplio Palace! Ja, das passt. Der Zustand des Tunnels und der kaputten und verfallen in Aufzüge wollte auch gar nicht so richtig passend zu diesem Nobeleindruck, den die Fassade gemacht hat.

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  4. Ja, genau. Den Bezug hatte ich vergessen zu schreiben. Die negativen Kommentare bei booking.com sind Gold!

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  5. Danke für den Hinweis, die werde ich mal mit Genuss durchschmökern!

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  6. Zur Leibesertüchtigung in Pandemiezeiten (oder auch so), kann ich RingFit auf der Nintendo Switch nur empfehlen. Mache ich seit fast zu Beginn von Corona und im Schnitt fast 5x die Woche vor der Arbeit.
    Wirkt echt gut 😎

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  7. Brigitte Eckert

    Ich sage auch „ach Nafplion…!“ . Vielen Dank wieder für diesen schönen Bericht! (Und auch für den Link zum 2015-Bericht, ich war blöderweise noch nie auf Ihrem Reiseverzeichnis, das ändert sich gerade!)
    Darf ich mich wieder ein bisschen ausbreiten?

    1. Das „Tholosgrab von Tiryns“ ist nicht so weltbewegend, aber die mykenische Burg von Tiryns bringt es wirklich. https://goo.gl/maps/JjKw3iNj3EFULw9m6. Da haben Sie bedauerlicherweise was übersehen. Andererseits sind Restbrocken ja nicht so Ihr Ding. Aber die Aussicht von diesem (nur) 30 m hohen Klotz über die dichten Zitrusplantagen, die Bucht von Argos und Nafplio mit dem Palamidi ist einzig.

    2. „Napoli die Romania“ ist keine Frechheit, sondern „Romania“ war der offizielle (griechische) Name des oströmischen Reiches. Nach der Zerbröselung des (west)römischen Reiches und der Umsiedelung des/der römischen Kaiser in die kleine Stadt Byzanz am Bosporos, die Konstantin I als Konstantinopel ausbauen ließ, war dieses Reich weiter „römisch“ (und wurde historiker*innenseits irgendwann „byzantinisch“ genannt), das Volk hieß Romäer, sprach aber nicht mehr Latein sondern griechisch und war jetzt CHRISTLICH. Alles was mit Hellas, hellenisch, Hellenen zu tun hatte, war laut Kirchenmacht die böse alte heidnische Zeit, damit hatte man nichts mehr zu tun.
    Napoli di Romania war der italienische Name von Nauplia, sozusagen das oströmische Neapel. Auch die Türken haben während ihrer ganzen gut 400jährigen Herrschaft den Wortstamm „rom“ übernommen, als „rum“ (mit Akzent Zirkumflex). Der heutige Name Hellas, Ellada, Ellin*ides wurde erst NACH der Revolution von 1821-27 wieder eingeführt und die heidnische Zeit revolutionar positiv bewertet (warum? wegen der für Griechen überraschenden Begeisterung der europäischen Philhellenenbewegung für die griechische Antike!), auch z. B. in der Namensgebung von Städten, Menschen etc.. Z. B. der alte Name Peloponissos „Insel des Pelops“ wurde wieder eingeführt statt des Namens „Morea“ („Maulbeerinsel“) der jahrhundertelang die Peloponnes bezeichnete.

    3. Die Fotos vom Nafplia Palace sind toll, danke! Ein bisschen SF im historischen Mischmasch von Nafplio. Ich stand auch vor der Tür zum Tunnel, traute mich aber nicht rein, weil meine Information war, das sei die Rezeptionshalle zu den Ultraluxuseigentumsapartments (Hotel wusste ich nicht), die sich ja quasi den ganzen Hang entlangziehen. Ultraluxus ist nicht mein Segment, neugierig war ich schon, und wenn ich gewusst hätte, dass hinter der Tür erstmal ein Tunnel kommt… Es gibt einen Fahrweg oberhalb der Anlage, und dort kann man auf den Flachdächern große Schilder sehen, die das Betreten (was nur ein Schritt über ein Mäuerchen wäre) mehrsprachig und strengstens verbieten. Also jedenfalls 2010, als ich zum letzten Mal in Nafplio war.

    Ich habe im Dez 2010 und Februar 2011 einen Nafpliobericht geschrieben, der ein paar Jahre online stand, jetzt veraltet und nicht mehr aufrufbar ist, außer man hat den Link.
    Durch den Jahreswechsel ist die Reihenfolge bei Blogger chaotisch. Falls Sie in der ursprünglichen Reihenfolge der Texte gucken wollen, gehen Sie zuerst auf den 2010-Teil, https://gr10-ebbonn.blogspot.com/2010/, scrollen nach unten und lesen Sie, angefangen mit dem Eintrag „Griechenland 09 fiel aus“ die Einträge nach oben weiter. Danach im 2011-Teil, https://gr10-ebbonn.blogspot.com/2011/, wieder runterscrollen, von „Herbsttag in Tripolis“ wieder weiter nach oben bis zum letzten (elften) Eintrag. Durcheinander geht natürlich auch…

    Ich freue mich auf Ihren nächsten Eintrag, schöne Grüße!

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  8. Marcus: Führe mich nicht in Versuchung. Das wäre nach „Bayonetta“ der zweite Grund eine Switch zu kaufen… ich halte schon die Augen nach einer gebrauchten offen 🙂

    Frau Eckert: Mit schönen Ausblicken kriegt man mich immer! Wäre ich in der Vorbereitung auf 1. gestoßen, ich hätte sie mir angesehen! Danke auch für die Erklärung in 2. Den Fußweg haben Modnerd und ich, meine ich, 2015 auch genommen – zumindest sind wir dort oben herumgelaufen und haben Bilder von der Draufsicht auf Nafplio gemacht. Ebenfalls vielen Dank für den Hinweis auf ihr Backlog! Da schaue ich sehr gerne mal rein!

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