Reisetagebuch Griechenland (14): DAS! IST! POTTENHÄSSLICH!!

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 18 mit den merkwürdigen Bauten seltsamer Einsiedler, einer überaus hässlichen Stadt und ikonischen Momenten.

Mittwoch, 06. Oktober 2021, Nafplio
Schnorchelgrhmwas schon Zeit zum Aufstehen? Noch im Halbschlaf zerre ich das Handy vor die Nase, dann schließe ich beruhigt noch einmal die Augen. Die Barocca steht noch dort, wo sie sein sollte.

Ich lasse die Kiste nicht gerne in städtischen Gebieten rumstehen. Zwar habe ich die V-Strom auch deswegen gewählt, weil sie nichts hermacht und kein profesioneller Dieb mit einem Funken Stolz das alte Modell klauen würde (die osteuropäischen Banden, die auf Bestellung im Mittelmeerraum stehlen, stehlen hauptsächlich neue BMW GS), aber man weiß ja nie.

Die Barocca verfügt über gleich zwei Trackingsysteme, deren Position sich per App abrufen lässt. In der Frontverkleidung steckt ein normaler GPS-Tracker, der die Position über das Mobilfunknetz sendet. Der ist präzise, braucht aber viel Strom. Die Batterie hält bestenfalls drei Tage, deshlab mache ich das Ding nur an, wenn ich wirklich mal an seltsamen Orten parke.

Am Rahmen verborgen ist ein Lora-Tracker, der das Low-Power-Internet of Things nutzt, um unauffällig und energiesparsam seine Position mitzuteilen. Der aktualisiert sich weniger häufig und braucht länger um seinen Standort zu bestimmen, dafür sendet er drei Monate am Stück.

Beide Systeme melden: Das Motorrad steht noch an der Straße unter dem Hotelfenster. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass das stimmt. Nicht geklaut, und kein Auto hat es beim Ein- und Ausparken umgerammelt. Was auch zu sehen ist: Die mächtige Palamidis-Festung, die auf dem Berg über Nafplio in der Morgensonne leuchtet. Beides sehr schön.

Ich verlasse Nafplio in Richtung Westen. Erst bleiben die Gewerbegebiete zurück, dann die Felder, und schließlich geht es in die Berge auf einer der vielen Halbinseln Griechenlands.


Es ist, als hätte ich die Zivilisation jetzt gänzlich hinter mir gelassen. Hier gibt es keine Orte, auf den Straßen sind keine Fahrzeuge. Hier gibt es nur mich, das Motorrad und jede Menge Landschaft. Sehr dreidimensionale Landschaft übrigens. Griechenland ist zwar von der Grenzen her kein großes Land – würde man es nach Deutschland tragen, wäre es gerade mal so große wie Mecklenburg-Vorpommern, NRW und Niedersachen zusammen.

Quelle: Truesizeof.com

Aber: Das tut dem Land unrecht, denn wo unsere nördlichen Bundesländer eine ziemlich platte Sache sind, besteht Griechenland zu gefühlt 50 Prozent aus Bergen. Würde man es platt klopfen, wäre Griechenland vermutlich so groß wie Frankreich.

Inmitten der Berge, durch die ich gerade fahre, befindet sich eine große Senke. Von oben sieht die aus, als hätte sich da Staub angesammelt, und so ganz falsch ist der Eindruck auch nicht.

Auf dem sandigen Boden wachsen Olivenbäume, und vor dem Dorf Didyma biege ich ab und fahre einen Feldweg entlang.

Das Motorrad zieht eine Staubwolke hinter sich her. Zwei drahtige Hunde, die im Schatten unter den Olivenbäumen gedöst haben, fühlen sich davon offensichtlich gestört und heften sich laut bellend an das Hinterrad der Suzuki. Ich ignoriere die beiden, das Motorrad ist schneller als die Vierbeiner.

Schon von Weitem kann ich sehen weshalb ich hier bin: Ein großes Loch in einer Bergflanke.

Das sieht aus, als sei hier ein Meteorit eingeschlagen. Direkt vor mir im Boden, verborgen hinter einer Baumreihe, befindet sich ein zweites Loch von ähnlicher Größe. Vom Boden aus ist es wegen der Bäume nicht zu sehen, aber von Luftaufnahmen weiß ich, wo es sein muss.

Ich stelle die V-Strom vor der Baumreihe ab und gucke mir das genauer an.

Ein Zaun verhindert den Zugang bzw. das jemand versehentlich in das Loch fällt, aber den haben andere vor mir schon überwunden.

Ich klettere durch das Loch im Zaun und stehe am Rande eines Abgrunds. Kreisrund ist das Loch, so um die 100 Meter im Durchmesser und bestimmt 40, 50 Meter tief. Die Ränder und der Boden dicht mit Pflanzen bewachsen.

Das hier ist kein Meteoritenloch, das ist ein Naturphänomen, das „Doline“ genannt wird. Dabei wird Karstgestein unterirdisch ausgehöhlt, bis die Höhlendecke irgendwann einbricht. Das passiert schon hier und da mal, aber so symetrisch wie bei den Dolinen von Didymas sieht man das sehr selten.

Ich hätte nicht übel Lust da mal mit der Drohne rein zu fliegen, aber wenn die sich dort unten erschrickt – z.B. weil sie kein ausreichendes GPS-Signal mehr sieht und dann anfängt komische Sachen zu machen, bekomme ich sie da nie wieder raus.

Ich gehe zum Motorrad zurück, wo gerade die beiden Hunde angewetzt kommen. Sie halten Abstand und bellen. Ich bin mit Hunden aufgewachsen und sehe sofort, dass die nicht wirklich auf Ärger aus sind. Sie wollen nur klar machen, dass das hier ihr Land ist und außerdem wissen, wer sich hier rumtreibt.

„Ist okay, ich bin gleich wieder weg“, sage ich, gehe mit einem Knie in den Staub und halte eine Hand ausgestreckt vor mich hin. Die Hunde bellen noch einen Moment weiter, dann verstummen sie. Der Mutigere der beiden senkt den Kopf, wedelt mit dem Schwanz und kommt vorsichtig näher, dann schnüffelt er an meiner Hand und sieht mich hechelnd an.

Plötzlich wirft der Hund den Kopf zurück und flitzt zu seinem Kumpel. Die beide beginnen sich zu balgen und jagen sich dann gegenseitig durch die Bäume. Den Eindringling haben sie anscheinend einfach vergessen. Na, geht doch.

Ich will schon wieder aufsteigen und weiter fahren, als ich zwischen den Bäumen ein schmiedeeisernes Gitter sehe. Neugierig gehe ich näher und sehe, dass das eine Absperrung ist, die rund um ein Loch im Boden gezogen ist. Treppenstufen führen dort hinab und verschwinden in einem weiß getünchten Tunnel.

Neugierig wie ich bin, muss ich da natürlich runtersteigen. Der weiße Gang führt ein Dutzend Meter durch die Erde und endet im Inneren der Doline auf einer Terrasse. Von hier aus lässt sich noch besser die Größe des Lochs erkennen. Ein Stückchen weiter ist eine Kapelle ins Gestein gehauen. Was Einsiedler halt so machen, wenn sie Langeweile haben.

Ich verabschiede mich von meinen neuen Freunden…

…dann geht es über den Feldweg wieder auf die Landstraße und von dort wieder in die Berge und in einer weiten Schleife zurück nach Westen. Unwichtig zu erwähnen, das die Straßen hier wieder absolut perfekt sind – es ist, als hätte Griechenland jegliche EU-Förderung der letzten 20 Jahre in Asphalt investiert. Traumhaft, ein echte Paradies für Motorradreisende.

Noch einmal geht es durch Nafplio, aber anstatt wieder durch die Ebene voller Orangenplantagen zu fahren, halte ich mich jetzt an die Küstenstraße und fahre am Golf von Argolis entlang und quere dann eine Bergkette in Richtung Landesinnere. Auch hier bin ich wieder beeindruckt von der Landschaft und freue mich, dass außer einem schweizer Wohnmobil niemand hier unterwegs ist.

Als ich aus den Bergen herauskomme, liegt ein langgezogenes Tal vor mir. Das hier ist Arkadien.

Die Stadt Tripoli liegt direkt vor mit, aber die interessiert mich nicht. Ich fahre nach Norden. Zwischen Feldern und vereinzelten Bauernhöfen liegt hier ein seltsames Bodenmuster, das aus der Luft aussieht, als sei hier früher mal eine befestigte Stadt gewesen.

Der Eindruck täuscht nicht, vor 2.500 Jahren befand sich hier die Stadt Mantineia. Von der weiß man noch, weil sie hier die Spartaner mit den Athenern kloppten und davon bis heute erzählen.

Von der Stadt ist nichts mehr übrig außer einigen Steinen, die von einer archäologischen Grabung ausgebuddelt werden. Aber hier befindet sich ein seltsames Bauwerk, mitten zwischen den Feldern.

Das ist die Agia Fotini Mantineias. Eine sehr seltsame Kirche, weil sie ein Flickwerk aus Baustilen darstellt. Christliche und byzantinische Merkmale stehen hier praktisch nebeneinander, und genauso ein Mischmasch wie die Architektur ist auch das verwendete Baumaterial. Als ich näher rangehe, mache ich Marmorplatten, Backsteine und Naturstein aus, dazu geschliffene und behauene Säulen. Alles ist ziemlich wild und im Detail unsymmetrisch zusammengebaut – Mr. Monk würde beim Anblick dieses Gebäudes einen Nervenzusammenbruch bekommen.

Angeblich ist das alles hier ohne Zement und ohne Mörtel gebaut, was sehr offensichtlich gelogen ist. Geschaffen hat die Kirche ein Architekt namens Konstantinos Papatheodorou im Jahr 1973. Architekten werden im Alter manchmal seltsam, und eine Kirche zu bauen ist sicherlich sinnvoller als sich eine eigene Ministadt zusammenpuzzlen zu wollen, wie der verrückte Tomaso Buzzi mit seiner „La Scarzuola“ in Italien.

Hinein komme ich leider nicht, die Türen sind verschlossen und durch die Fenster ist nur ein kleiner Kirchenraum zu sehen. Um die Kirche herum stehen noch weitere Bauwerke in der Landschaft, die ich mittlerweile als unterschiedliche Formen griechischer Tempel identifizieren kann.

Als andere Besucher ankommen, schwinge ich mich wieder auf das Motorrad und fahre weiter. Jetzt wieder nach Süden, an Tripoli vorbei und noch einmal über eine Gebirgskette, dann liegt eine sattgrünes, fruchtbares Tal vor mir, das sich vor einem majestätischen, schroff aufragenden Hochgebirge abhebt. Meine Güte, was für eine Landschaft!

Mitten in der Landschaft liegt ein sagenumwobener Ort, dessen Ortsschild die V-Strom jetzt passiert: Sparta!

Ich brauche auch gar nicht lange zu fahren, unmittelbar hinter dem Ortseingang und einmal Verfahren später finde ich das Denkmal für den legendären Spartanerkönig Leonidas. Wieder ist das etwas… ernüchternd.

Die Statue scheint eine Kopie derjenigen zu sein, die an den Thermophylen etwas einsam an der Landstraße steht und dort an die Schlacht der 300 Spartaner gegen die Perser erinnert.

Dieser Leonidas hier guckt zumindest genauso dullig, und sein Standort ist genauso wenig glorreich wie sein Bildnis an der Schnellstraße. Er steht neben einigen Müllcontainern und inmitten von Werbeaufstellern mit dem Rücken zu einem kleinen Sportstadion und überblickt eine Kreuzung in einem Wohngebiet. Tja.

Das heutige Sparta, so hatte man mich vorgewarnt, hat nach zig Erdbeben nichts Historisches mehr. Das stimmt tatsächlich, ich sehe hier nur neue und schmucklose Plattenbauten. Spartanisch, aber nicht auf eine gute Weise.

„Das! Ist! Sparta!!“ ruft im Film „300“ der Bauchmuskel-Leonidas. Würde er das hier sehen, würde er laut brüllen „Das! ist! POTTENHÄSSLICH!!“

Die drei Steine, die vom historischen Sparta noch übrig sind, liegen ein Stück den Berg hoch. Ich überlege erst dort hochzufahren, habe dann aber spontan keine Lust. Es ist heiß, und wieder stundenlang auf Berge klettern für drei mit Flechten bewachsene Steine… nee.

Kurzentschlossen wende ich die V-Strom und versuche aus Sparta herauszukommen. Das ist aber gar nicht so einfach, obwohl die Stadt selbst sehr klein ist. Sie ist aber in Quadrate aufgebaut, und in der Theorie herrscht hier wohl überall rechts vor links. In der Praxis ist der Straßenverkehr eher Anarchie, und an vielen Kreuzungen geht es weder vor noch zurück. Vermutlich, weil es denn Leuten hier genauso geht wie mir gerade: Ich habe auch keine Ahnung, wer hier gerade Vorfahrt hat!

Als das Motorrad endlich aus dem letzten Gewerbegebiet herausrollt, bin ich erleichtert. Nicht, dass man mich nicht vorgewarnt hätte. Ein Arbeitskollege kennt sich hier gut aus und gab mir mit auf den Weg: „Sparta ist hässlich, da gibt es auch nichts zu sehen. Wenn Du übernachten willst, mach das in einem kleinen Ort in der Nähe. Und wenn es heiß ist: Ich habe einen Geheimplatz entdeckt, ganz in der Nähe von Sparta. Wunderschön, Quellwasser, Schatten, und auf 1.000 Metern gelegen. Dort ist es wunderschön, das musst Du Dir mal ansehen!“

Das will ich jetzt machen. Der Kollege hat mir Koordinaten mitgegeben, und Anna hat daraus eine Weg in die Berge gerechnet. Die Straße ist mehr ein wenig und klein und verschlungen, und mehr als einmal frage ich mich, wie der Kollege mit einem Wohnmobil die steilen Kurven wohl hochgekommen ist oder ob es noch eine andere Zufahrt gibt.

Nach mehr als einer Stunde Geruckel und Gehoppel durch Schlaglöcher an der Flanke des Berges Ilias und der wiederholten Frage, ob der Kollege mich wohl verarscht hat, komme ich tatsächlich an den Ort, den er beschrieben hat. Der „Geheimtipp“ hat sich aber wohl in den letzten Jahren rumgesprochen: Nicht weniger als vier Wohnmobile und ein halbes Dutzend Autos stehen hier oben, alle mit deutschen Kennzeichen. Zwei der Familien bauen gerade Grills auf und schnippeln Gemüse.

Der letzte Schrei bei mittelalten deutschen Männern mit zu viel Taschengeld sind übrigens so Prepper-Wohnmobile, mit denen man auch mal eine Zombieapokalypse überstehen kann. Gerne auf der Basis von MAN-Lastern oder, wie in diesem Fall, einem Geländewagen:

Ich seufze und drehe wieder um. Zumindest die Aussicht hier ist nett. Übrigens, der Tagetyos, diese Bergklippe, von dem die Spartaner angeblich kranke und schwache Kinder warfen, die ist genau auf diesem Berg, an dem ich gerade herumkurve. Nur noch viel weiter oben, die Ruinen dort sind nur zu Fuß zu erreichen.

Ich fahre zurück Richtung Sparta, aber kurz vor der Stadt biege ich wieder in die Berge ab. Nach 20 Minuten erreiche ich Mystras, einen kleinen Bergort. Hier habe ich eine Unterkunft für heute Abend gebucht. Der Ort selbst besteht nur aus drei Straßen und einem lauschigen Platz aus Natursteinen in der Ortsmitte.

Tatsächlich standen in diesem Ort zwei Unterbringungen zur Auswahl. Ein großes Hotel und eine kleine Pension. Vor zwei Jahren hatte ich das Hotel gebucht, wegen der Pandemie wurde dass dann aber nichts. Dieses Mal für die Pension entschieden, und in dem Moment, in dem die Barocca auf den gepflasterten Innenhof rollt weiß ich, dass das die richtige Entscheidung war.

Eine Frau mit blonder Dauerwelle erhebt sich aus dem Schatten eines Orangenbaums, der hier im Hof Schutz vor der Sonne bietet, und weist mir einen Parkplatz zu.

Als das Motorrad zu ihrer Zufriedenheit abgestellt ist, lacht sie und sagt auf englisch „Willkommen, schön, dass Du uns gefunden hast! Komm, setz Dich!“

Ich tue wie mir geheißen. Unter dem Orangenbaum sitzt ein Grieche in den 40ern und eine hagere Frau, die um die 70 sein muss. „Ihr seid heute alle meine Gäste. Ich bin Elena“, sagt die dauergewellte Elena, und dann erfahre ich, dass ihr russisch klingendes Englisch da her kommt, dass sie Russin ist. „In Mystras hängengeblieben, wegen der Liebe“, lacht sie und stellt ihren Ehemann vor, einen hageren und drahtigen Marineoffizier a.D.

Von den beiden Gästen ist die alte Dame am interessantesten. Sie heißt Rebecca, spricht englisch mit amerikanischem Akzent und ist anscheinend schon ordentlich in Europa und der Welt rumgekommen. „Früher bin ich mit meinem Mann gereist. Zusammen waren wir in 86 Ländern. Seit seinem Tod reise ich allein, nur mit Bus und Bahn“, sagt sie. Eine Amerikanerin, die sich mit Geografie auskennt… „Sie müssen Lehrerin sein, oder?“, frage ich.

Sie sieht mich erstaunt an. „Sieht man das?“. Naja, irgendwie liegt es auf der Hand. Die einzigen Amerikaner, die wissen, dass es andere Länder auf der Welt gibt, sind diejenigen, die Geografie unterrichten. Zumindest ist das mein Klischee von Amerikanern, und da es empirisch immer wieder bestätigt wird, pflege ich das gerne.

Elena unterbricht uns, in dem sie jedem von uns ein Bier in die Hand drückt. „Willkommenstrunk“, sagt sie „Service für Deutsche“ und lacht.

Ich zögere. Eigentlich wollte ich heute noch die Ruinen oben am Berg besuchen, da ist ein altes Kloster und ein Friedhof, der interessant aussieht… aber um das alles zu schaffen, muss ich mich sputen, das Ruinengelände macht in einer Stunde zu.

Aber andererseits… ich habe jetzt die Wahl zwischen Stress und Hektik, und das bei ziemlicher Hitze und, mit etwas Pech, einem Gewitter und Regen, was beides für die nächsten Stunden angesagt ist… oder ich kann einfach mit den netten Leuten hier ein Bier trinken, quatschen und dann gemütlich ein wenig durch den Ort strolchen.

Ich entscheide mich für letzteres und bereue es nicht. Die Gespräche sind interessant, und am späten Nachmittag beziehe ich erst mein Zimmer, dann mache ich mich nach einer ausgiebigen Dusche auf die Suche nach einem Abendessen.

Das Mystras nur aus drei oder vier Straßen besteht und die Pension direkt am zentralen Platz liegt, macht die Sache einfach. Anscheinend ist man hier auf Tagestouristen ausgerichtet, es gibt einige Souvenirbuden und ein halbes Dutzend richtig große Restaurants mit vielen Plätzen.

In dem Moment fährt ein polnischer Reisebus vor. Die Reisegruppe ist offensichtlich in dem Hotel abgestiegen, das eigentlich meine erste Wahl war, und flockt jetzt sofort in die großen Restaurants. An einem der Tische sehe ich Rebecca, die freundlich winkt. Ich winke zurück, beschließe aber, das ich keine Lust auf Gesellschaft habe und ihr auch keine leisten möchte.

Stattdessen besuche ich einen kleinen Laden, der Ikonen verkauft.

„Die male ich selbst“, sagt Maria, die Ladenbesitzerin und zeigt mir dann ihr kleines Atelier und die Arbeitsschritte, die von der ersten Grundierung bis zur Rahmung nötig sind, damit eine Ikone bereit ist in einer Kirche aufgehängt zu werden.

Bild: Maria Tsiboka, porfyraicons.gr

Die Bilder gefallen mir sogar, auch wenn ich mit Ikonen sonst nichts am Hut habe und die meist pottenhässlich finde. Einen Eindruck von Maria Tsibokas Arbeit kann man sich hier verschaffen. Außerdem erklärt sie mir, was die Stickerei „Molon Labe“ auf dem Aufnäher mit dem Spartanerhelm bedeutet – angeblich hat Leonidas das gesagt und es bedeutet so viel wie „Komm und hol´s Dir!“.

Ein andere Motto lautet angeblich „Sic Pacem, para bellum“„Wenn Du Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor“. Okay, jetzt wird mit klar, warum Rechtsextreme auf der ganzen Welt den Spartanerhelm oder den Winkel auf den spartanischen Schilde in den Vorrat ihrer Codes aufgenommen haben.

Ich ignoriere die großen Restaurants mit den dutzenden Tischen und den romantischen Aussenbereichen, die mittlerweile von polnischen Touristen gefüllt sind. Stattdessen suche ich gezielt nach einem Laden vor und in dem Einheimische sitzen, und werde schnell fündig.

Das kleine Bistro ist, haha, spartanisch einrichtet und die Beleuchtung abweisend kalt und weiß, aber die Außentische direkt am zentralen Platz wirken einladend. Hier bekomme ich ein fantastisches Moussaka zu einem Viertel des Preises, den die Touri-Restaurants aufrufen, und zum Nachtisch schenkt mir die Wirtin einen Apfel. Das ist schön.

Tour des Tages: Von Nafplio nach Osten bis zur Doline von Didymas, von dort wieder zur und am Golf von Argolis entlang bis nach Arkadien, an Tripoli vorbei bis nach Sparta und Mystras. 319 Kilometer.

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Nächste Woche in Teil 15: Abgewrackt

Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (14): DAS! IST! POTTENHÄSSLICH!!

  1. Daniel

    Aus Interesse: Wie gut funktioniert denn Lora in der Praxis in ländlichen Gebieten bzw. generell im Ausland?

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  2. lukra

    Epidaurus bewusst ausgelassen?

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  3. Daniel: In Europa ganz ausgezeichnet, wenn Du nicht gerade in den tiefsten Alpen rumgurkst. Hier mal zwei Bilder. Das eine zeigt, dass man recht gut den Weg nachvollziehen kann – während voller Fahrt kommt mindestens alle 30 Minuten ein Datenpunkt an, und das funktionierte selbst in den abgelegensten Gebieten von Italien und Griechenland, Wenn der Tracker ein wenig Zeit hat sich zu orientieren, dann ist die Ortung auch sehr genau.

    Lukra: Nee, nicht bewusst. Das ist mir bei der Vorbereitung schlicht nicht über den Weg gelaufen. Ich bin später erst darüber gestolpert und was von DEN Ruinen schon sehr angetan. Naja, so habe ich wenigstens einen Grund noch einmal hinzufahren 😀

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  4. Tja, das mit den Amis ist leider nicht von der Hand zu weisen.
    Der Tellerrand ist oft sehr hoch… 😜

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  5. Brigitte Eckert

    Arrrgghh muss ich jetzt eine Woche warten bis Sie endlich in die Oberstadt von Mystra gehen?! (Ich hoffe doch, Sie fahren morgen früh nicht einfach weiter, weils bequemer ist.)
    Ich war eine Zeitlang alle paar Jahre dort, weil es so viel zu sehen gibt und weil ich den Wiederaufbau des byz. Despotenpalastes, neben dem, was im www davon zu verfolgen war, miterleben wollte. Eine sehr ambivalente Geschichte, eine völlige Ruine als wissenschaftliches (und touristisches) Projekt wieder hinzustellen. Aber ich lasse mich trotzdem sehr davon beeindrucken. Die Arbeiten sollen 2023 fertig sein. https://www.thebyzantinelegacy.com/palace-mystras. Ich finde das alte Mystras angefangen oben bei der Kreuzritterburg bis runter ins Museum und zum letzten Brunnen einzigartig wunderbar! https://whc.unesco.org/en/list/511/

    Was die Hässlichkeit Spartas angeht: das war mal eine schöne neue Stadt, die die Griech*innen in nur gut 150 Jahren runtergewohnt und umgebaut haben. Erst 1834 gründete nämlich König Otto I (der bayerische Jüngling), zu Ehren des anktiken Sparta eine neue Stadt zwischen den paar vorhandenen antiken Restruinen. Quasi eine Stadt aus der Retorte, wie das ähnlich zunächst ja auch in Athen ging. Die hat mit klassizistischen Gebäuden und wunderbar großzügigen Straßen der Architekt Baumgarten entworfen und gebaut. Ohne Griechischkenntnisse 🙂
    (Reisebericht 1836 von Fürst Pückler http://www.reiseliteratur-weltweit.de/index.php/artikel/1842-1836-fuerst-pueckler-disteln-in-sparta)

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  6. Markus: Sie geben sich immer wieder Mühe den Klischees zu entsprechen 🙂

    Frau Eckert, vielen Dank für die zusätzlichen Infos! Ich hatte tatsächlich das relativ vollständige Gebäude nach bloßem Anschauen von Satellitenbildern als Kloster eingeordnet. Und allein daran merken sie schon, das ich vermutlich nicht mehr dazu gekommen bin, der Anlage einen Besuch abzustatten :-/

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  7. Brigitte Eckert

    Seufz. Da Sie schon demnächst auf Leserwunsch nach Epidauros müssen, sollten Sie vielleicht Ihre Reisepläne künftig der Leser*innenschaft vorstellen und abstimmen lassen…

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  8. Eine sehr gute Idee! 😀

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  9. lukra

    Sehe ich auch so.
    Wo wir gerade beim MÜSSEN sind: Pilionumrundung bitte nicht vergessen!
    Die Liste wächst… 😉

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