Reisetagebuch Griechenland (15): Abgewrackt

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 19 mit vielen Olivenbäumen, der wilden Mani, Kalliope und einem Wrack.

Donnerstag, 07. Oktober 2021, Mystras
Draußen dämmert der Tag herauf, im Inneren des Steinhauses in Mystras liege ich im Bett und lausche gebannt ins Halbdunkel.
Kein Regen zu hören.
Das ist gut, dann ist das angekündigte Unwetter noch nicht hier.

Schnell mache ich mich fertig. Frühstück bietet das Haus nicht an, ein Instantkaffee mit lauwarmem Wasser aus dem Badezimmer muss reichen.

Alle anderen Gäste im Haus schlafen noch, auch die Amerikanerin Rebecca. Die hatte ohnehin angekündigt noch bleiben zu wollen. Wenigstens so lange, bis sie sich einen Busfahrplan organisiert hat. Die Dame, die schon stark auf die 80 zugeht, ist mit Bus und Bahn unterwegs, was ich sehr lobenswert und machbar finde. Sie ist aber auch ohne Smartphone unterwegs, nutzt das Internet nicht und erledigt alles auf Papier und mit Telefonzellen – was ich für ignorant befinde.

Ob das keine Probleme gäbe, habe ich sie gestern Abend gefragt.
„Nein, das geht schon. Ich komme schon durch, irgendwie geht es immer noch oldschool. Heute hat ja jeder ein Smartphone, also außer mir, da kann ich ja jeden fragen.“ – Ok. Es geht also eigentlich doch nicht ohne Smartphone, sie lässt sich nur von anderen Leuten bedienen und verklärt das als „geht ja auch so“. Andererseits: Sie nutzt so die Gelegenheit, ins Gespräch mit Menschen zu kommen. Auch ein interessanter Ansatz. Einsamkeit auf Reisen, das kann ja auch ein Faktor sein. Ob das bei ihr der Fall sei, habe ich Rebecca gestern gefragt.

Daraufhin hat sie abgewunken. „Ach, allein unterwegs sein, das macht mir nichts. MEIN Problem ist, dass ich all diese Abenteuer erlebe, tolle Orte und wunderbare Menschen treffe und anschließend diese Erlebnisse mit niemandem teilen kann. Seit mein Mann tot ist, reise ich alleine, und zu Hause kann ich auch niemandem davon erzählen. DAS macht mir wirklich zu schaffen, ich fühle mich dann ganz einsam und elend, weil sich das alles so sinnlos anfühlt. All meine Erinnerungen werden verloren sein, wenn ich mal nicht mehr bin, und niemand weiß davon.“

Das fand ich wiederum hoch interessant, denn diese Problematik war mir bislang gänzlich unbekannt. Aber klar, ich habe nicht nur zu Hause Personen, denen ich was erzählen kann, ich habe vor allem auch dieses Blog hier. Alles was ich unterwegs erlebe, schreibe ich hier auf. Das Blog ist mittlerweile das Wertvollste, was ich besitze. Es ist meine Erinnerung, und ich teile sie mit der ganzen Welt. Also, vorausgesetzt die Welt hat Bock das hier zu lesen, aber das tun einige Hundert Leute ja durchaus regelmäßig. Aber das ist durchaus ein Faktor, den ich bislang kaum begriffen habe: Alles, was ich erlebe, teile ich mit vielen anderen Menschen, obwohl ich es im Endeffekt nur für mich aufschreibe. Aber allein die Gewissheit, dass ich es aufschreiben werde und es so nicht in Vergessenheit gerät, gibt jedem Moment eine Bedeutung im Strom der Zeit.

Ich packe meine Sachen und schleiche, um Rebecca und die anderen Gäste nicht zu wecken, leise mit den Koffern zur Haustür.

Elena und ihr Mann, der Marineoffizier a.D., sind bereits im Vorgarten und sitzen unter ihrem Orangenbaum. „Es gibt Regen“, sagt sie.
„Ich weiß“, sage ich und grinse schief.

Sie deutet in Richtung der Berge, wo auf Höhe der alten Ruinen dicke Regenwolken hängen. „Das sind Wolken die zeigen, dass sich das Wetter ändert. Das ist gut“.

Ihr Mann nickt und sagt „Θα βρέξει σύντομα. Κακό για τους μοτοσυκλετιστές“.

Ich zucke die Achseln, weil ich kein Wort verstehe. Er pflückt eine Orange vom Baum. Es ist die einzige, die zumindest zart orangefarben ist, alle anderen sind noch grün. Die Frucht ist bereits geplatzt, und der Captain zerdrückt sie mit zwei Finger. Die ist nicht mal richtig reif, aber schon total matschig und riecht vergoren.

„Η φύση χρειάζεται βροχή. Δεν έβρεξε για μήνα, οι καρποί σαπίζουν στα δέντρα“, sagt der Captain. Ich gucke fragend.

Elena übersetzt: „Es wird bald regnen, sagt er. Doof für Dich als Motorradfahrer, aber die Natur braucht das. Es hat hier seit April nicht mehr geregnet, und durch die Hitze verfaulen die Früchte in den Bäumen bevor sie reif sind. So etwas hat es hier noch nie gegeben. Bislang haben sich die Leute hier keine Sorgen wegen des Klimawandels gemacht. Jetzt schon.“

Betreten sehen wir uns an. Kein schönes Thema.
„Ich hätte eher kommen sollen“, sage ich und deute auf die Wolken, „Ich bin ein Regenbringer“.
Elena lacht, der Captain guckt fragend – jetzt hat er kein Wort verstanden.

Tatsache ist, das ich bislang verdammt Glück gehabt habe mit dem Wetter. Im Vorfeld sah es ja so aus als ob, egal wo ich hinkomme, dort immer Regen sei, und zwar für genau die Dauer, in der ich da bin. Nun, Regen gab es bislang so gut wir gar nicht – aber dafür war es kühl und stürmisch.

Aber nun scheint mich das Wetter gefunden zu haben, von Italien aus zieht ein Riesenschwung Regen und Unwetter über das Meer und wird heute ankommen. Zum Glück etwas später als befürchtet, was bedeutet: Meine heutige Tour kann ich noch wie geplant durchziehen.

Die heutige Tour, die führt von Sparta, das am Fuß der Berge liegt, in denen Mystras thront, gen Süden.


Zunächst langweilig über eine Schnellstraße, aber das gibt mir Gelegenheit, meine griechischen Lesefähigkeiten zu üben. Viele Worte kann man sich tatsächlich erschließen wenn man hört, wie sie klingen. Das geht am einfachsten, wenn man sie einfach laut ausspricht. Dafür muss man aber die Worte auch lesen können, und genau da ist Griechisch halt schwierig, denn das griechische Alphabet wirkt, als hätte jemand alle Buchstaben genommen, in einen Würfelbecher gesteckt, ordentlich geschüttelt und dann alles völlig willkürlich wieder zusammengelegt.

Natürlich war es anders herum, sowohl das lateinische als auch das kyrillische Alphabet wurden auf der Basis des griechischen entwickelt. Aber trotzdem wirkt es auf mich, als wären alle Buchstaben durcheinandergepurzelt, und ich muss im Kopf immer eine Transponierungsleistung erbringen, in dem ich die Buchstaben, die die Augen lesen, im Kopf durch die Aussprache ersetze.

P wird ausgesprochen wie R
A ist ein E
B ist ein V
ξ ist ein Ks
Φ, φ ist ein F
Y ist manchmal ein F
H ist auch manchmal F, es sei denn, es ist ein ETA
π ist manchmal ein B, wenn es kein P ist
t ist ein d

Gar nicht so einfach, on-the-fly während des Lesens eine Buchstabenersetzung hin zu bekommen. Es grenzt schon an Gehirnjogging nur die Reklameschilder am Straßenrand zu entziffern, und an manchen Worten, die ich unterwegs lese, knobele ich wirklich einige Zeit rum, bis sich ein „Ach DAS bedeutet das!! HEUREKA!“-Gefühl einstellt.

Falls sich übrigens jemand schon mal gefragt hat, warum an christlichen Kreuzen manchmal ein übereinandergelegtes P und ein X zu sehen ist, das so ausschaut: – das bedeutet nicht „Pax“, also „Friede“ im lateinischen, wie ich immer dachte, sondern das sind die griechischen Buchstaben Chi und R, die zusammen die ersten Buchstaben von Christus sind und deshalb auch Christogramm genannt werden.

Genug abgeschweift, jetzt muss ich mich wieder konzentrieren. Ich habe den Ort Skala erreicht, wo der morgendliche Autoverkehr recht dicht ist. Aber nicht lange, der Ort ist klein, und nachdem die Straße noch einmal über plattes Land mit Feldern führt, schwingt sie sich an einem Bergzug entlang, der direkt am Wasser liegt. Die Berghänge sind mit Olivenbäumen bepflanzt, und Barocca gleitet durch die Kurven, während ich auf´s Meer hinaussehen kann.

Der Peloponnes, der südliche Teil von Festland-Griechenland, ist eine Halbinsel, die nach Süden raus wiederum drei Halbinseln hat. Ähnlich wie der Chalkidiki, nur viel größer. Ich fahre gerade an der westlichen Seite des östlichen Fingers hinunter, und hier scheint es wirklich nicht mehr zu geben als endlose Olivenhaine, staubfarbene Erde und Straße. Karges Land. Viele Autos sehe ich nicht, Ortschaften gibt es auch nur wenige, meist direkt am Wasser.

Bis zur Südspitze fahre ich, bis das Land aufhört und das Wasser anfängt. Ich lasse die V-Strom auf dem Parkplatz eines Fähranlegers stehen und gehe zum Strand. Wegen dem bin ich hier. Auf Satellitenbildern sieht das hier alles malerisch aus, nach hellblauem Meer und perfektem Strand.

So ist es auch. Der Sand ist fein und weiß, das Wasser seicht und blitzeblau. Eine kleine Fähre tuckert zur Insel Elafonisos hinüber, die gerade mal 500 Meter entfernt liegt. Das Meer wirkt so seicht, als könne man hinüber waten.

Ich winke dem Kapitän der Fähre und bedeute ihm, das ich nicht mitfahren will. Es ist windig geworden, und Staub und Sand wehen durch die Luft. Ich steige wieder in den Sattel und spucke ein paar Sandkörner aus, bevor ich den Helm verriegele.

Durch die wüstenähnliche Landschaft geht es zurück nach Norden. Ich mache noch einen kurzen Abstecher ins Innere des „Fingers“, aber hier ist auch nichts außer Olivenbäumen und kleinen Orten, die nur aus wenigen Häusern mit flachen Dächern bestehen. Hier scheint wirklich außer Olivenbäumen und hartem, grauen Gras nichts zu wachsen.

Ich fahre den östlichen „Finger“ wieder bis ganz nach oben. Die Engländer sagen übrigens „Fuß“ zu den Halbinseln, aber das sagen sie auch zu knapp dreißig Zentimetern, Körperteilen und wer weiß was noch.

Eine malerische Küstenstraße schmiegt sich auch hier an die Felsen, allerdings nicht lang. Schon nach wenigen Kilometern führt sie hinab zum Meer, um weiter vorn wieder in den Bergen zu verschwinden.

Auf Höhe der See fahre ich von der Straße ab und lenke die V-Strom einen Sandweg entlang, der auf das Wasser zuführt und zwischen einigen Dünen endet. Im Schatten von einem Dutzend Bäumen stehen hier… deutsche Wohnmobile.

Oh man. Wo man in Griechenland hinguckt, selbst in den verstecktesten Ecken, stehen deutsche Wohnmobile. „Sie wollen die verborgenen Orte und versteckten Geheimtips Griechenlands finden? Folgen sie einfach den deutschen Wohnmobilen, die kennen die alle!“

Ich stelle die V-Strom vorsichtig auf dem Sandplatz ab und hänge den Helm an den Lenker, dann gehe ich zwischen den Dünen hindurch zum Wasser. Auch hier ist der Sandstrand fein und weiß, und am Ufer tummeln sich junge Leute in Badekleidung. Ich komme mir deplatziert vor, als ich mit meinen dicken Stiefeln und der Schweren Jacke den Strand entlangstapfe. Es ist heiß, Schweiß rinnt mir übers Gesicht.

Aber die kurze Strapaze lohnt sich, als ich um die nächste Biegung komme, sehe ich sie: Die Gorch Fock!

Nein, natürlich nicht. Das hier ist die Dimitrios. Das Geisterschiff ist ziemlich bekannt, schon weil es geradezu pittoresk auf dem Strand liegt.

Für Besucher dieser Region ist das Wrack geradezu ein Muss. Erik Peters, der „Motorradreisende“ war vor einigen Wochen erst hier, und kurz nachdem ich ein Bild der Dimitrios poste melden sich die „Kradvagabunden“ Pany und Simon bei mir, die gerade erst hier waren und sogar noch in Griechenland weilen. Sie sind aber gerade zu weit abseits meiner Route für ein Treffen. Schade, die beiden hätte ich gerne mal kennengelernt. Naja. Dann doch Gieboldehausen.

Die Geschichte der Dimitrios ist leicht unklar. Das 1950 gebaute Schiff legte 1980 im Hafen von Gythio, einer Stadt in der Nähe, an. Wegen eines Notfalls, der Kapitän hatte gesundheitliche Probleme und musste dringend ins Krankenhaus. Aus Gythio kam das Schiff dann so schnell nicht mehr weg, erst gab es technische Probleme mit den Motoren, dann finanzielle Verwerfungen wegen der Liegeplatzkosten. So blieb das Schiff erst einmal im Hafen liegen, bis die Behörden die Nase voll hatten und es aus Platzgründen vor die Küste schleppten und dort verankerten.

Einer Sage zu Folge legte die ehemalige Crew dann Feuer auf dem Schiff, lichtete die Anker und ließ es auf´s Meer hinaustreiben, angeblich um Spuren von Schmuggeltätigkeiten zu verbergen. Die Wahrheit dürfte allerdings trivialer sein; Laut eines Offiziers der Küstenwache riss sich die Dimitrios in einem Sturm los und trieb führungslos über das Meer, bis sie hier, wenige Kilometer nördlich von Gythio, strandete.

Wie auch immer sie hier hergekommen ist, die Dimitrios ist ein wirklich fotogenes Wrack, und mit 67 Metern Länge auch kein Kleinkaliber. Sie ist völlig mit Rost überzogen. Salzwasser hat große Löcher in den Rumpf gefressen, und die Brandung spült ins Innere des Schiffs.

Ich betrachte das Wrack einen langen Moment, dann mache ich mich auf den Weg zurück zum Motorrad. Zwar lädt der Sonnenschein und der perfekte Strand zum Verweilen ein, aber das Wetter wird nicht so bleiben, wie es sich jetzt präsentiert. Der Wind frischt bereits auf, und ich weiß, das mir nur wenige Stunden bleiben, bis eine echt heftige Tiefdruckfront mit viel Regen hier ankommen wird. Also lieber weiter.

Zunächst ist die Küstenstraße auch hier breit und viel frequentiert, aber auch das ändert sich. Nach einem Gebiet, in dem offensichtlich ein Waldbrand getobt hat, werden die Orte spärlicher und der Verkehr weniger.

Bald sind wieder nur noch wenige Trucks von Landarbeitern und einige Mietwagen mit Touristen unterwegs. Ich bin jetzt in der unteren Hälfte des mittleren Fingers des Peloponnes. Das hier wird auch „die wilde Mani“ genannt. Die Landschaft besteht nur noch aus Felsen. Ein Bergzug erhebt sich in der Mitte der Halbinsel und füllt sie nahezu aus, nur unmittelbar an der Küste ist das Land etwas flacher.

Die Straße führt an der Felsenküste entlang, dann kurvenreich in die Berge.

Hier gibt es noch kleine Orte aus Natursteinhäusern, aber viele sind leer und ganze Ortschaften wirken verlassen. Auswirkungen der Landflucht im 20. Jahrhundert. Die Bevölkerung zog in die Städte, statt arbeitslos auf diesen unfruchtbaren Felsen zu sitzen. Aber es gibt auch Neubauten, vielleicht Ferienhäuschen. Manche Menschen vergessen ihre Wurzeln nicht und pflegen sie auf diese Weise.

Sogar eine Gruppe uniformer GSen sehe ich, die meisten mit Memminger Kennzeichen.

Das Asphaltband wird schmaler, und der Wind frischt immer weiter auf. Schon seit der Dimitrios war es windig, aber nun stürmt es geradezu, und als ich über eine Bergkuppe komme, bläst es das Motorrad fast um.

Unter mir, viele Serpentinen weiter unten, liegt eine Landzunge. Der Sturm reißt und zerrt an der Barocca herum, und die Fahrt hinab zum Cap ist nicht einfach. Die Straße ist so schmal und die Serpentinen so eng, das ich ein paar mal fast fürchte, dass es mich den Berghang hinabweht – denn natürlich gibt es keinerlei Schutzplanke.

Das letzte Stück ist besonders eng, und zwei Mal muss ich anhalten und mich mit den Fahrern der entgegenkommenden Autos verständigen, wer nun an wem und wie vorbeikriecht.

Dann ist es geschafft, und am Ende der Straße ist ein kleiner Parkplatz.
Der voller Deutscher Wohnmobile steht.
Und Mietwagen, jede Menge. Ach Mensch. Keine Chance auf ein nettes Foto der Barocca vor dem Meer, ich finde nicht mal einen brauchbaren Parkplatz. Alles voll. Im Sattel sitzend mache ich ein paar Fotos.

Das hier ist Cap Tenaro, der südlichste Punkt des griechischen und europäischen Festlands. Also, der südlichste Punkt, den man mit dem Mopped erreicht. Der südlichste südliche Punkt ist der Leuchtturm des Caps, bis zu dem sind es noch zwei Kilometer Fußweg über Felsen.

Dann geht es zurück – aber dieses mal nicht wieder die steile Bergstraße hoch, sondern weiter nach Westen, zur anderen Seite der Mani.

Auf einem Vorsprung thront die Geisterstadt Vathia. Durch die kann man auch durch wandern, aber mittlerweile ist der Sturm so heftig, dass ich die V-Strom nicht einfach irgendwo hinstellen möchte. Die Windböen stark, dass sie das Motorrad problemlos umwerfen könnten. Außerdem möchte ich vor dem Regen an der heutigen Unterkunft sein. Während ich versuche die Kamera ruhig zu halten und Fotos zu machen, glotzt mich eine Herde Ziegen aus einem Gebüsch heraus an. Die Viecher werden vom Sturm so gezaust, dass es aussieht, als ob sie gleich wegfliegen.

Auch die andere Seite der Mani ist alles felsig und kahl.

Hier und da sehe ich Türme aus Naturstein. Das sind tatsächlich Befestigungstürme von Familienhäusern, denn ob man es glaubt oder nicht, um dieses kahle Hinterland hier stritten sich verschiedenen Familien bis auf´s Blut, und die Türme waren Wachtürme und Rückzugsort im Falle eines Angriffs.

Der einzige Ort, der aus mehr als zwei Häusern besteht, ist Aeropoli. Aber noch bevor ich den erreiche, schickt mich Anna von der Straße ab und auf einen Feldweg in die staubige Landschaft. Irgendwo hier liegt meine Unterkunft für heute, ich habe ein Zimmer bei einer Frau namens Kalliope. Wie die Muse der Wissenschaft und Kunst.

Das Haus ist ist erstmal nicht ganz einfach zu finden, denn es ist wirklich total abgelegen. Google Maps hätte mich jetzt drei Kilometer weiter in die Buttnick geschickt, aber Anna steuert souverän und völlig problemlos zu den angegebenen Koordinaten, an denen eines dieser mächtigen Natursteinhäuser steht – mit Türmen!

Kalliope sitzt im Garten und raucht. Die Frau ist schwer zu schätzen, vermutlich ist sie Mitte fünfzig. Aber Wetter, Rauchen und das Fehlen von Zähnen lässt sie deutlich älter aussehen. Sie zeigt mir ein Zimmer in einem Steinturm.

„Pirgoi Edem“ ist ein riesiger Komplex aus mehreren Gebäuden, und ein weiteres entsteht bereits. Die Baugrube ist ausgehoben und ein tiefes Fundament gegossen. Die Raumaufteilung sieht seltsam aus – kleine, enge Zimmer, wie Zellen.

Rund herum stehen Olivenbäume und Kakteen, die voll mit reifen Früchten hängen.

Ich trage meine Sachen in das Steinzimmer und lasse mich aufs Bett fallen. Stunden durch den Sturm zu fahren, dass war anstrengend. Als ich auf dem Bett liege, höre ich draußen schwere Regentropfen fallen. Das währt aber nicht lange, nur ein kurzer Schauer. Ein Blick auf die Wetter-App verrät, dass das Wetter sehr bald eintrifft.

Ich sollte die letzte Stunde Sonnenlicht nutzen. Ich wollte unbedingt hier mit der Drohne fliegen, und da der Wind hier nicht so schlimm ist, könnte ich das doch machen, oder?

Vom Dach des Steinturms aus fällt mir dann aber auf, dass es hier total still ist – jedes Geräusch ist weit zu hören, und die ganze Gegend scheint voller Menschen zu sein. Hier hustet es, dort ruft jemand, da bellt ein Hund, dort hustet jemand anders. Hm. Lieber nicht.

Weg will ich aber auch nicht mehr. Muss es halt heute mal ohne Essen gehen. Kein Frühstück, tagsüber nichts gegessen, und Abendessen gibt es auch nicht. Ich werde schon nicht verhungern, im Gegenteil, nach den Völlereien die letzten Tage wird mir ein wenig fasten gut tun.

Ich setze mich auf´s Dach und fange an Tagebuch zu schreiben.

Der Himmel verfinstert sich zussehends, und als die Dämmerung heraufzieht kommen die Mücken. VIELE. Mücken.

Ich bemühe das Insektenschutzmittel, verziehe mich in meinen Steinturm und klappe die Fensterläden zu. Draußen braust wieder der Wind. Das Sturmtief kommt, und ich möchte den Sturm nirgendwo lieber aussitzen als in einem Turm mit meterdicken Steinwänden und Sturmklappen an den Fenstern.

Tour des Tages: Von Sparta einmal um den östlichen Finger, dann um die wilde Mani nach Pirgoi Edem, was 20 Kilometer südlich von Areopolis liegt. 312 Kilometer.

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Weiter zu Teil 16: Saubere Sache!

Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (15): Abgewrackt

  1. Danke für Deine Mühen. Auch ich bin, wie die alte Dame, nciht sehr internetaffin, obwohl meine Generation dies mit entwickelt hat. Es ist eher das, was daraus geworden ist, was mich abschreckt. Letztens habe ich dazu einen coolen Spruch gelesen: „Before the internet, people thought lack of access to information was the cause of stupidity. Really! It wasn’t that!“ Es gibt sogar ein Buch mit diesem Titel…Die Diskussion ist eröffnet ; – ))))

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  2. Dirk Rössner

    Ein toller Reisebericht!

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  3. lukra

    Wir haben uns die Mani auch angeschaut. Mich zieht es aber nicht nochmal hin.
    Bei der nächsten Tour und besserem (Bade-) Wetter ruhig mutig nach Elafonisos übersetzen!
    https://www.greeka.com/peloponnese/elafonissos/beaches/simos/

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  4. Ich blogge, also bin ich … 😜
    Nicht teilen zu können – und seien es nur Erlebnisse und Eindrücke – kann wirklich einsam machen. Wenn dazu kein Glauben und die Erkenntnis der Nichtigkeit des Seins kommen, ist das Leben praktisch gelaufen… 😕

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  5. Na, na Marcus, harte Worte… Provozerend, könnte man sagen. Kommt auf die Sichtweise an. Die Erkenntnis der Nichtigkein des Seins sehe ich eher als Erkenntnis der Existenz an und nicht umgekehrt. Also eher als Existenznachweis, man enn es auch im Alter „Weisheit“. Ich kenne ganz viele Leute, die haben mit dem Internet nichts am Hut und ich würde nicht sagen, dass sie einsam sind.

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  6. Das wird ja heute sehr tiefgründig in den Kommentaren (finde ich gut!) und mich bewegt das Thema als Viel- und Alleinreisender auch immer mehr. „Diaabende“ gibt es immer seltener und zudem schlafen die meisten Zuschauer früher dabei ein als es mir lieb ist …
    Bei mir ist es weniger das Teilen an sich, sondern das Schwärmen, also das Teilen der Begeisterung. Und da werde es leider immer weniger Menschen, die Zeit, Interesse oder einen ähnlichen Blickwinkel haben, sich auf diese Ebene einzuladen.
    Puh, das klingt jetzt so als wäre ich in einem höheren Alter als ich bin (Mitte 40) 😉

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  7. lupo631

    Nö, ich finde Deine Meinung interessant.

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  8. Brigitte Eckert

    Das nachträgliche Teilen der Begeisterung fand ich auch immer einen wichtigen Aspekt beim Alleinreisen. Aber ich fühlte mich dabei oft „alleiner“ als beim Reisen selber, da die Leute eigentlich doch nicht meine Leidenschaft nachvollziehen können. (Ausgenommen vielleicht teilweise beim beendeten Venedig-Blog.)
    Der Wunsch zu teilen schwindet überraschend mit fast 3 Jahren Zurückgezogenheit, in denen ich mich immer mehr mit Dingen beschäftige, die nicht durch den Blick anderer verstärkt werden (könnten). Und beim außerplanmäßigen Nachlesen alter Reiseblogs (der Nuller Jahre z.B.) wundere ich mich: ich dachte, ich teile das „Spektakuläre“, aber meine Erinnerung enthält viel mehr Kleinkram, der wieder hochkommt und mir jetzt wichtiger und schöner ist, aufs Ganze gesehen.

    Sie haben Monembasia liegen lassen! Mano. Ein neuer Punkt für die nächste Reise :-). Hier gibt es (im Gegensatz zu Mystras) eine wirlich sehr schöne alte Unterstadt, die allerdings in den letzten 10 Jahren immer mehr als Ferienhäuser restauriert wurde, wenn auch denkmalgerecht. Aber damit ist der Tourismus stark angewachsen (ich war 2007 zum letzten Mal für 6 Tage dort), vor allem der Tagestourismus wie in Venedig.
    https://www.kastra.eu/castleen.php?kastro=monemvasia. (Bitte das Video am Ende aufrufen, wunderschön und ohne grausligen elektronischen Sound wie sonst üblich).
    Aber auch in Monembasia darf man wie in Mystras auf die anstrengende Wanderung in die Oberstadt (und oberste Oberstadt auf dem Bergrücken) nicht verzichten! Hier bis auf die äußerste Spitze, die mit einem ex-venezianischen Pulverdepot abschließt. Unbeschreiblicher Blick auf die lakonische Küste!

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  9. Das sind ja wirklich interessante Gedanken, und es scheint sich in der Summe rauszubilden: Es macht traurig, wenn man seine Erlebnisse und seine Begeisterung nicht mit jemandem teilen/jemandem mitteilen kann. Spannend.

    Hatte ich so in der Tat nie auf dem Schirm, weil sich das mit dem Reisetagebuch hier irgendwie von selbst ergeben hat. Das schreibe ich eigentlich nur für mich selbst – um die Details nachlesen zu können, die ich sicher vergessen werde – und die Begeisterung anderer hierfür kam dann einfach so und dadurch wurde ich nie mit dem dumpfen Gefühl konfrontiert, niemandem von den eigenen Erlebnissen berichten zu können.

    Und ja, ich finde das gar nicht so verkehrt, das auch philosophisch hoch aufzuhängen. Was bedauert das künstliche Leben am Ende von „Blade Runner“ am meisten? Das seine Erinnerungen im Strom der Zeit verloren werden, „wie Tränen im Regen“.

    Dafür das ich nie mit dem Thema konfrontiert wurde, habe ich bei den eifrigen Kommentator:innen hier zu danken! Alleine die Energie, mit der Lukra und Frau Eckert hier vertiefende Informationen und Reisetips geben bringen mich ja schon fast in die Pflicht, noch einmal Griechenland zu besuchen 😀

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