Reisetagebuch Griechenland (20): Alte Bekannte

Tagebuch einer kleinen Motorradtour bis nach Griechenland. Heute mit alten Bekannten auf der Heimreise durch Italien.
Mittwoch, 13. Oktober 2022, Fähre Florencia, mitten in der Ägäis

Ich träume.
Seltsame Träume.

Kurz aufwachen, umdrehen, wieder einschlafen, weiterträumen.

Einige Zeit später bin ich wach. Nicht, weil mich etwas geweckt hätte, sondern weil mir der Schlaf ausgegangen ist und sich freundlich verabschiedet hat. Ich bin einfach ausgeruht und deswegen aufgewacht. Fühlt sich gut an.

Wie spät mag es wohl sein? Die Kabine hat kein Fenster, und außer einem schmalen Spalt Kunstlicht, das durch den Türrahmen fällt, ist es dunkel. Ich sehe auf die Uhr. Viertel nach Neun erst! Naja, eigentlich Viertel nach Zehn. Immerhin habe ich eine Zeitzone gequert, die Uhr ist eine Stunde zurückgesprungen.

Zehn Stunden geschlafen. Meine Güte, ich muss müde gewesen sein. Und die Träume haben sich nicht um die Arbeit gedreht oder um Arbeitskollegen. Das ist gut. Jetzt, nach mehr als drei Wochen, habe ich die Arbeit endlich aus dem Kopf.

Ich bleibe noch etwas in der Koje liegen und lese. Ganz traditionell eReader. Wifi gibt es auf dem Schiff nicht, alles ist offline.

Irgendwann stehe ich auf und laufe kurz durch das Schiff. Die Florencia gleitet durch eine recht ruhige See, aber es ist kühl und die Aussicht uninteressant.

Ich kann die Küste nicht ausmachen und weiß nicht, wo wir sind. Egal.

Lesen. Warten.

Ich hole mir einen kleinen Kaffee, für den satte 4 Euro veranschlagt werden, fülle den Becher in der Kabine aber zwei Mal mit Instantkaffee und kaltem Wasser wieder auf.

Lesen. Warten.

Gegen Mittag verzehre ich die zweite der Fertigmahlzeiten. Zum Rausgehen habe ich nach wie vor keine große Lust.

Die Florencia rollt etwas.

Lesen. Warten.

Ich gehe doch mal kurz raus. Jetzt kann ich die Küstenlinie sehen und weiß sofort, wo wir sind.

Das ist das Profil des Gran Sasso Gebirges: wir sind also schon auf der Höhe der Abruzzen, jetzt ist es nicht mehr weit bis Ancona.

Lesen. Warten.

Um 16:30, eine Stunde vor der geplanten Ankunft, werde ich leicht nervös und lege schon mal meine Kluft an und packe den Rucksack, und tatsächlich kommt genau jetzt die Durchsage, dass man doch bitte die Kabine verlassen möchte. Keine 10 Minuten später, als ich gerade die Kabine verlassen will, steht auch schon eine Reinigungskraft davor.

Ich setze mich in den großen Salon.

Lesen. Warten.

Ich sehe Louis am anderen Ende des Aufenthaltsdecks. Der kleine Franzose hat einen einen Kreis aus Motorradklamotten, zerfledderten Taschenbüchern und Handys um sich herum ausgebreitet. Ich setze mich zu ihm und er erzählt, dass er schon in Marocco und am Nordcap war, allerdings nicht mit seiner Bonneville, sondern mit einer Triumph Himalayan.

„Und wo geht es jetzt hin?“, will ich wissen.
„Tu ne le sais pas, kennst Du eh nicht“, sagt Louis. „Ich besuche auf dem Heimweg nach Nizza noch Freunde in Italien, das ist meine nächste Station. Die wohnen in einem gaaaanz ganz kleinen Dorf in der Toskana. Kennt niemand.“
„Stell mich auf die Probe“, sage ich.
„Suvereto“, sagt Louis und winkt ab, „kennt niemand“.

„Ach“, sage ich. „Das Dorf im Schatten der Rocca Aldobrandesca? Wenn man neben der Kirche links fährt kommt man auf diese Kurvenstrecke nach Sassetta mit den tollen Ausblicken? Die ist cool, oder?“

Louis reißt die Augen auf uns fragt irritiert „Wieso kennst Du das? Niemand kennt das!“
Jetzt ist es an mir zu grinsen. „Weil ich fast 10 Jahre lang jedes Jahr eine Woche in einem Appartement ein Dorf weiter gewohnt habe, in San Vincenzo! Ich kenne in der Gegend fast jede Straße und jedes Dorf“.

„Hast Du nicht Lust mitzukommen?“, fragt Louis. „Es ist Herbst, in Suvereto wird am Samstag das Maronenfest gefeiert.“
„Lust schon, aber leider keine Zeit mehr“, sage ich mit echtem Bedauern.

Die Florencia hat Verspätung, erst um 18:00 Uhr dockt sie an. Louis braucht einige Zeit, bis er sein ganzes Kram zusammengeräumt hat, dann steigen wir gemeinsam das Treppenhaus zum Fahrzeugdeck hinab. Er guckt ein wenig melancholisch. „Jetzt heißt es wieder losfahren, und wieder kann ich meine Erlebnisse nur meinem Bike erzählen“.

„Wie heißt Dein Bike eigentlich?“, rufe ich Louis über den Lärm der startenden LKW um uns herum zu.
„Hein?“, macht Louis.
„Ta moto! Quel est le nom?“
„Ach so. Das hat keinen Namen. Wieso sollte es einen Namen haben?“

Die Barocca und die Bonneville waren sehr gut verzurrt.

Louis braucht lange, bis er endlich sein Geraffel halbwegs verstaut hat hat. Als ich startbereit bin, hat er nicht einmal seine Jacke an und fuhrwerkt noch in den Untiefen seines Topcases herum. Ich winke zum Abschied und fädele mich in den LKW-Verkehr ein.

Der Verkehr in Ancona ist wie immer Hölle, und wenige Kilometer aus dem Hafen hinaus versandet er im Stop-and-Go.

Als ich begreife, dass das daran liegt, dass gerade mehrere Fähren im Hafen ihre Blechlawinen ausgekotzt haben und die alle auf die Autobahn wollen, packt mich der Ehrgeiz.

Ich kenne mich hier doch aus! Es gibt doch andere Wege als diese eine Autobahnauffahrt! So heize ich am Stau vorbei, biege in die Richtung ab in der ich die Strda Statale vermute und tatsächlich, kurze Zeit später habe ich fast freie Fahrt auf der SS16.

Die Sonne geht unter, obwohl es erst kurz nach 18:00 Uhr ist. Das irritiert mich. Als mit dann der Grund einfällt, möchte ich mir mit der Hand vor die Stirn batschen. Für einen Moment habe ich tatsächlich selbst die Zeitumstellung vergessen. Gibt es doch gar nicht.

Die Dunkelheit kommt schnell, und ich beschließe, doch auf die Autobahn zu fahren – aber an einer Auffahrt ohne Stau davor. Als ich auf der Bahn bin, ist es bereits stockduster. Hier wird geheizt wie blöde. 80 erlaubt, ich fahre 100 und von hinten drängeln LKW. Ob das welche von der Florencia sind, die jetzt die verlorene Stunde aufholen müssen?

20 Kilometer vor Urbino geht es von der Bahn ab und ins Landesinnere hinein und damit auch in eine Hölle aus Kreiseln und dichtem Feierabendverkehr. Ich werde ungeduldig. ich weiß genau nicht wo ich bin, komme in dem Autostau nicht weiter und außerdem wird es kalt.

Dann hat Anna wieder eine supersteile Bergstraße gerechnet. Wundervoll. Im Dunkel schwierig, aber ich schaffe das.

Um kurz vor 20 Uhr rollt die V-Strom unweit von Urbino in den kleinen Bergort Mondaino hinein und am anderen Ende wieder hinaus und über eine baumgesäumte Landstraße. Man, ist mir kalt.

Hier ist es wirklich stockdunkel. Ich knipse die Zusatzscheinwerfer der V-Strom an. Die benutze ich sonst nie und halte sie auch für Unfug vom Vorbesitzer, aber jetzt sind die bessere Ausleuchtung ganz okay.

Kurve… noch ein Baum… noch ein Baum… ha, da ist es! Ein kleiner Schotterweg, leicht zu übersehen, geht von der Straße ab und führt über einen Hügel. Schon beim Hochfahren sehe ich im Dunkel den Lichtschein eines erleuchten Steinhauses. Ein Licht in dunkler Nacht!

Freundlich sieht das aus, als würde es mich willkommen heißen, und ich bin froh und erleichtert, als ich die Barocca vor La Fenice zum Stehen bringe.

Marco Merli, der Besitzer, begrüßt mich freundlich. „Komm, ich zeig Dir schnell das Zimmer, ich muss noch kochen. Ich hoffe es ist OK, das Bett hab ich gemacht, Grazia ist seit einer Woche in Urlaub“

„Da muss ich mal gucken ob das meinen hohen Anforderungen gerecht wird“, sage ich und muss lachen.

Das Zimmer ist groß, natürlich geschmackvoll eingerichtet und selbstverständlich picobello in Ordnung. Ach mensch. Auch wenn ich noch 1.400 Kilometer von daheim weg bin, irgendwie fühlt sich das alles heute wie nach Hause kommen an.

Nachdem ich heiß geduscht habe und wieder halbwegs Mensch bin, schlendere ich hinüber in die Küche des Hauses, wo ich mich zu Marcos Gästen an den Küchentisch gesellen darf. Ein sehr angenehmer Ausklang eines seltsam kurzen Tages.


Donnerstag, 14. Oktober 2022, Gasthaus La Fenice, Mondaino, Marken
Das Gasthaus liegt um kurz nach 08:00 Uhr noch etwas Dunkel – es ist halt zu merken, das die Tage immer kürzer werden. Aber über den Marken geht bereits die Sonne auf, Richtung Urbino ist die Landschaft bereits in warmes Sonnenlicht getaucht. Am blauen Himmel wumbeln nur ein paar Schäfchenwolken rum. Das wird ein schöner Tag.

Marco Merli ist bereits lange auf und wirbelt im Gastraum des La Fenice. „Ich bin ja gerade allein, Gracia ist in Urlaub!“, sagt er mit seinem unnachahmlichen Schweizer Akzent und zieht die Schultern hoch. Dabei braucht sich das Frühstücksbuffet nicht vor dem zu verstecken was es gibt, wenn die Dame des Hauses anwesend ist.
„Bist ja allein da, kannst Dir selbst was nehmen“, sagt Merli und eilt nach draußen um den Tanklaster abzupassen, der gerade auf den Hof fährt.

Das mache ich dann auch gerne. Selbstbedienung liegt mir. Ich weiß noch zu gut wie falsch es sich anfühlte, als Marco mich im vergangenen Jahr wegen der Covid-Schutzmaßnahmen bedienen musste. Ich probiere vom frischen Kuchen, und der ist hervorragend.

Die Verabschiedung ist kurz und schmerzlos, und ich bedaure, dass ich schon weiter muss. Auf La Fenice zu Gast sein zu dürfen ist toll, noch ein paar Tage mehr hier wären schön gewesen. Aber ich muss nach Hause, mir geht so langsam aber sicher der Urlaub aus. Ich hoffe sehr, dass es mich später noch einmal hier her verschlagen wird.

Die Hände in die Taschen vergraben schaut Marco mir zu wie ich in den Sattel steige und auf dem Parkplatz wende. Dann läuft er plötzlich auf´s Motorrad zu und ruft „Deine Vignette macht sich selbstständig“ und drückt das renitente Papperl wieder an die Gabel. Guter Mann! Wäre doof, wenn ich die verliere.

Die Barocca pöttert über die Landsträßchen und durch die kleinen Dörfer, die verteilt auf den Bergrücken der Marken liegen. Die sind uralt und klein und verwinkelt, und gleich im Dorf Saludecio schaffe ich es mich zu verfahren – in einem Dorf, das nur eine Straße hat, die auch noch eine Sackgasse ist. DAS ist Kunst!

Ich nutze die Gelegenheit und halte noch einmal kurz an, um unter den interessierten Blicken von einigen Rentnern das Panzerband aus der Satteltasche zu fummeln und es mit dem Schweizer Taschenmesser in kleine Streifen zu zerteilen. Die österreichische Mautvignette flatterte nämlich schon wieder im Wind. So, jetzt klebt die!

Nachdem ich Annas „links abbiegen“ richtig interpretiere und nicht zum zweiten Mal in einer Sackgasse eines Bergdorfs lande, geht es ungestört weiter, und ich genieße die Landschaft.

Die Marken, ich kann es nur immer wieder sagen, ist wie die Toskana auf Steroiden. Aus der sanften Hügellandschaft mit ihren Feldern ragen immer wieder Berge und krasse Felsen heraus, und auf einem davon liegt San Marino. Daran fahre ich heute aber nur in weiter Entfernung vorbei, mein Weg führt leider mal wieder in den Stadtverkehr von Rimini, der so zähflüssig ist, das er schon klebt. Viel zu viel Verkehr wälzt sich über die bereits breit ausgebauten Straßen.

Ich bin froh, als der Fluss Rubikon überschritten ist und das Blechinferno weniger wird und schließlich zurückbleibt. Es wird wieder ländlicher, auch wenn immer noch zu merken ist, dass hier der hochtechnisierte Norden Italiens ist.

Zwischen den Orten erstrecken sich ausufernde Gewerbegebiete. Zwischen zweien davon biege ich ab in den kleinen Ort Gambettola, folge der belebten Hauptstraße bis zum Rathaus und halte direkt daneben auf dem Bürgersteig.

Wer hier schon länger mitliest kennt Gambettola schon. Hier liegt die „Stamperia Bertozzi“. Der kleine Familienbetrieb ist darauf spezialisiert mit Hämmern und Holzschablonen Muster auf Stoffe zu schlagen. Oft verwenden sie dafür Jahrhunderte alte Muster, die sie von Gebäuden und Brunnen abnehmen. Das Ergebnis ist einzigartige Tisch- und Bettwäsche, wunderschöne Geschirr- und Handtücher und sogar Handtaschen und Brotkörbe macht Bertozzi mittlerweile.

Das hier ist z.B. die Bettwäsche, die bei Bertozzi nach meinen Vorstellungen gefertigt wurde:

Ich habe mich 2012 in Siena in den Kram verliebt, und wollte irgendwann wissen, wer das herstellt. Also bin ich hier vor zwei Jahren einfach mal vorbeigefahren und habe die Familie besucht, und dabei durfte ich in die Werkstatt schauen.

Als ich das Ladengeschäft betrete, sehe ich zu meiner großen Freude, das die Chefin Emanuela Bertozzi persönlich hinter dem Tresen steht. „Ciao Ela“, grüßt ich freundlich, und weil ich eine Maske trage und sie mich sicher nicht erkennt sage ich „Ich bin es,…“

„Ja, sehe ich“, unterbricht sie mich, „Bist Du auch endlich mal wieder hier? Guckst Du nur mal so rein oder suchst Du was?“

Ich bin tatsächlich auf der Suche nach einer Tischdecke für meinen kleinen Küchentisch. Im vergangenen Jahr stand eine Angestellte hier im Laden rum, die beim Anblick der Tischmaße nur hilflos mit den Ärmchen ruderte und meinte, leider leider könne sie nichts für mich tun, sowas gäbe es hier nicht.

Ela blickt sich die Maße an und sagt sofort mit ihrer leisen, ruhigen Stimme „Aber sicher haben wir da was. Komm mit.“
Gemeinsam gehen wir ins Lager, wo neben Tischen voller Nähmaschinen und Ballen mit Stoff lange Regale mit fertig genähten Tüchern stehen. Ela trifft eine Vorauswahl, ich sage welche Farben ich gar nicht mag und dann kehren wir in den Verkaufsraum zurück, wo sie auf dem riesigen Holztresen die Tücher ausbreitet.

Zwischen zweien kann ich mich beim besten Willen nicht entscheiden, und kaufe am Ende beide. „Alla Prossima“, bis zum nächsten Mal höre ich noch, als ich den Laden verlasse. Wenn es nach mir geht, gerne!

Das sind übrigens die Einkäufe von heute in meiner Küche:

Hinter Gambettola fahre ich auf die Autobahn, einfach um schnell Kilometer zu machen. Die E45 führt die Küste hoch, um Ravenna herum und dann als E55 wieder an Venedig vorbei.

Ich komme an Treviso vorbei, aber dieses Mal werde ich nicht bei Sara und Francesco in der Villa Maria Luigia Station machen. Von dort sind es noch 1.100 Kilometer bis nach Hause. Die kann ich durchaus am Stück fahren und habe das auch schon ein paar mal gemacht – morgens um sieben los, abends um halb neun daheim. Aber: Das geht wirklich bequem nur im Sommer. Mitte Oktober wird es zu früh dunkel und damit sehr schnell zu kalt, um hunderte Kilometer Autobahn abzuspulen.

Um die Fahrstrecke morgen zu reduzieren muss ich heute noch etwas weiter kommen, und deshalb bin ich leider gezwungen eine meiner Lieblingsunterkünfte im Wortsinne links liegen lassen.

Dreißig Kilometer weiter zahle ich die Maut und fahre von der Autobahn ab.

Es geht auf die Alpen zu, und das hier ist schon nicht mehr das Veneto, sondern das Friaul, oder Friaul-Julisch Venetien, wie die Region offiziell heißt. Genau wie die Nachbarregion ist sie von Landwirtschaft geprägt.

Wälder gibt es nur wenige, die Landstraße führt durch Felder und vorbei an Dörfern mit Häusern, die jetzt immer öfter Spitzdächer haben und nicht mehr wirklich nach Italien aussehen. So lange ich aber noch in Italien bin, nutze ich die Gelegenheit zum Einkaufen. Morgen geht´s nach Hause, da kann ich mir die Koffer vorher noch mit Kram vollmachen.

Im Örtchen San Vito al Tagliamento ist einer der letzten großen Conad-Supermärkte vor der Grenze. Hier kaufe ich einen Jahresvorrat „Pasta d´al Capitano“, was nicht das ist, wonach es sich anhört. Es handelt sich nicht um Nudeln, sondern um verdammt gute Zahnpasta. Kurz überlege ich, dann lege ich noch einen Beutel Sternchenkekse für das Wiesel und Huhu in den Korb. Dann geht es weiter.

In der Bergkette ist eine Klamm sichtbar ist. Im Eingang davon liegt das Örtchen Gemona, und als ich durch das hindurch bin, befinde ich mich wirklich in den Alpen.

Die Straße zieht sich an einem Flussbett entlang. Gerade ist der Fluss eher ein Flüsschen, aber die Breite des Bettes und die Felsen verraten, wieviel Wasser hier zur Schneeschmelze herunterkommt. Vorausgesetzt natürlich es schneit, was in den den vergangenen Jahren nicht unbedingt der Fall war, zumindest nicht in den niedrigeren Höhenlagen. Klimawandel bei der Arbeit.

Ich mag die alte Landstraße hier, gerade weil sie sich so schön durchs Tal windet, vorbei an Wäldern und Flüssen und immer wieder unter rostigen Bahnbrücken hindurch oder unter der Autobahn, die auf Stelzen durch die Landschaft führt.

Die Autobahn kenne ich nur zu gut, die bin ich die letzten 5 Jahre immer gefahren – einfach weil die für den Heimweg schöner ist als über den Brenner, und weil es schneller geht. Aber heute habe ich es nicht eilig, ich muss lediglich vor Sonnenuntergang an meinem Ziel sein, und das schaffe ich locker.

So kann ich mir Zeit lassen und auch mal den Kirchturm des Ortes Dogna bewundern, der mir schon ein paar Mal aufgefallen ist. Aus der Nähe ist zu sehen, wie runtergekommen der ist.

Immer tiefer führt das Tal in die Alpen hinein, wird mal breiter und mal verengt es sich. Die Autobahn ist mal links der alten Straße, mal kreuzen sie sich und dann ist die Autobahn plötzlich rechts. Wie zwei verliebte Vögelein ziehen die beiden Verkehrswege bahnen umeinander, nähern sich mal an und entfernen sich wieder voneinander. Manchmal ist die Autobahn gar nicht zu sehen, weil sie in Tunnels durch Berge verläuft, um die die alte Straße herumführt.

Es ist erst kurz nach 17 Uhr, als das Licht in den Bergtälern bereits schwindet und es kalt wird. Immer häufiger mache ich die Griffheizung an, weil mir sonst die Finger einfrieren.

Anna zählt die Temperatur runter. Waren es am Taleingang noch 12 Grad, sind es nun acht. Jetzt sechs. Nein, fünf.

Bei vier Grad rollt die Barocca nach Tarvisio hinein. Ich dachte, das sein ein Dorf wo der Hund verfroren ist, aber die Hauptstraße ist gesäumt mit Souvenirläden und Cafés – alle geschlossen oder im Schließen begriffen, um 18:30 Uhr werden hier wohl die Bürgersteige hochgeklappt. Anscheinend ist Tarvisio arg touristisch, zumindest in der Wintersaison. Vermutlich liegen rundum Skigebiete, und das hinter dem nächsten Berg Österreich liegt, hat vielleicht auch mit der Beliebtheit zu tun.

Ich finde mein Ziel für heute, ein recht großes Hotel, und führe die V-Strom von der Hauptstraße in eine kleine Gasse hinein. Hier gibt es einen Abzweig zu einem großen, hoteleigenen Parkplatz – vor allem wegen dem habe ich die Location hier ausgesucht.

Ich mache noch einen kurzen Spaziergang durch den Ort, aber jetzt hat wirklich schon alles geschlossen – auch die große Markthalle, wegen der Tarvisio wohl ein ganz wichtiger Ort ist. Schon seit 200 Jahren kommen die Menschen von den umliegenden Dörfern und Hütten hier her, um Waren zu handeln und einzukaufen. Früher auf einem Marktplatz, seit 1980 gibt es diese überdachte Markthalle.

Nach diesem kurzen Ausflug gönne ich mir eine heiße Dusche. Das Hotelzimmer ist nicht besonders gut, es liegt genau auf einer Ecke des Hauses zwischen der Hauptstraße und einem Kirchturm. Am dööfsten aber ist, dass es kühl ist – der Digitale Thermostat zeigt muckelige 23 Grad an, aber im Zimmer sind es höchsten 15. Darauf angesprochen meint die Frau am Rezeptionstresen „Oh, kein Problem, die Heizung läuft gerade erst an. Essen sie erstmal was, wenn sie vom Abendessen kommen, ist ihr Zimmer warm“.

Ich tue wie mir geheißen, denn im Haus gibt es auch eine Pizzeria, und ich habe seit dem Morgen nichts mehr gegessen.

Die Pizza mit Mangold und Salsicce, einer groben Bratwurst, ist so mittelgut. Als sich das Restaurant langsam mit anderen Gästen füllt, bin ich bereits beim Espresso. Auf dem Weg zurück ins Zimmer fällt mir auf, dass die Heizung des Hauses jetzt auf Touren gekommen ist – die Flure sind bereits geradezu überheizt.

Im Gegensatz zu meinem Zimmer – das ist immer noch eisekalt. Und nun? Anderes Zimmer verlangen? Ach, keine Lust drauf. Wird schon gehen. Und falls nicht: Seit dem Zwischenfall in Utrecht, wo ich im Wintermantel im Bett liegen musste, habe ich eine Rettungsdecke in meiner Kulturtasche. Kein Witz. Wenn mir als wirklich zu kalt wird, werde ich die benutzen.

Tour des Tages: Von Mondaino in den Marken bis Tarvisio im Julitsch-Friaul, 435 Kilometer.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (20): Alte Bekannte

  1. Anonymous

    Schöne Geschichte! Warum gibt es eigentlich nie Bilder von Dir?

    Gruss

    Lupo

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  2. Gibt es! In Folge Drei. Aber meistens muss ich die Kamera halten, deshalb bin ich auf den Bildern nicht drauf. https://silencer137.files.wordpress.com/2021/11/img_8491.jpg

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  3. lukra

    Welche Auflösung hat denn Deine Kamera, Menschenskind?! Auf dem Selbstporträt von Folge 3 sieht man ja jedes Barthaar!
    Mir ist aufgefallen, dass es während der anderthalb Tage Rückreise in Italien noch nicht einen einzigen Tropfen Regen gab…

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  4. *lach* Klasse! Ich habe Dich sofort wiedererkannt. Die Maske gibt es nur einmal….. *grins*

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  5. lupo631

    Übrigens bin ich jetzt wieder regelmässig im Büro. Die Einladung zum Kaffee steht noch, nur mal so am Rande.Geimpft, gebostert, täglich getestet sind wir auch, Also, was soll es sein? Kaffee, Cafe Creme, Cappucino, Latte, Espresso, Espresso Machiato oder lieber Tee? Da haben wir auch so ca. acht Sorten rumstehen…

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  6. Lukra: Ha, FAST wäre ich drauf reingefallen 🙂
    Ja, Italien war gut. Auf dem Weg nach Mondaino nieselte es kurz, aber das war der Erwähnung nicht wert.

    Lupo: Ja cool! Sobald es etwas wärmer ist, lass uns auf einen Kaffee oder ein Eis oder sowas treffen.

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