Reisetagebuch Griechenland (21): Eingefroren

Tagebuch einer Motorradtour im Herbst 2021. Heute: Tag 27 mit dem Ende.
Freitag, 15. Oktober 2022, Tarvisio

Ich wache auf, als der Kirchturm neben meinem Zimmerfenster anfängt loszudöngeln. Die Nacht über war der zum Glück ausgeschaltet, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund beginnen die christlichen Taliban zur schrägen Uhrzeit von 06:20 Uhr mit ihrem akustischen Terror.

Egal, ich habe eh´ schlecht geschlafen. Ich bin gefühlt ständig aufgewacht, einfach weil mir kalt war – obwohl ich in Fleecejacke und der langen Motorradunterwäsche geschlafen habe. „Zimmer wird gleich warm“, jaja, von wegen.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und merke sofort, wie kalt es im Zimmer ist. Knapp zweistellige Temperatur, zehn Grad vielleicht, mehr wird es nicht sein.

Eine Katzenwäsche später habe ich schon die Motorradklamotten an und merke die Kälte nicht mehr. Als ich aus der Zimmertür trete, laufe ich in eine Wand warmer Luft. In den Gängen funktionieren die Heizungen offensichtlich, und das Haus ist gut eingeheizt. Ich hätte bei offener Tür schlafen sollen!

Ich trage die Koffer über drei Etagen hinunter zum Parkplatz, vorbei an einem gemütliche Lesezimmer und einer Sauna und einem Pool, beides im zweiten Untergeschoss. In diesem Hotel einzuschneien muss die pure Wonne sein. Lange dauert es auch nicht mehr bis zum ersten Schneefall. Weiter oben sind die Berggipfel schon weiß, und für morgen ist auch für die Höhenlage von Tarvisio Schnee angesagt. Wie gut, das der nicht heute Nacht gefallen ist, dann hätte ich jetzt ein echtes Problem.

Das Glückspilzgefühl lässt abrupt nach, als ich die schwere Tür zum Parkplatz aufstemme und mir ein Schwall kalter Luft entgegenfaucht. Die Kälte fühlt sich im Gesicht wie Eisnadeln an. Ich gehe zum Motorrad und kriege den Mund nicht mehr zu. Die ganze V-Strom ist übergefroren!

Sattel, Satteltasche, Windschild… sogar auf den Instrumenten hat sich eine Eisschicht gebildet.

Anscheinend ist erst überall Luftfeuchtigkeit kondensiert, dann übergeforen. Minus 4 Grad sind es jetzt, d.h. die Temperatur ist in der Nacht um fast zehn Grad gefallen!

Schiet. Nicht, dass ich nicht mit einer solchen Möglichkeit gerechnet hätte – der Parkplatz hat ein leichtes Gefälle, und ich habe die Maschine gestern Abend extra genau so geparkt, dass ich sie anlaufen lassen kann, sollte es arg kalt werden und sie nicht anspringen wollen oder sogar wieder KLONK machen. Aber das es friert war ein unwahrscheinliches Worst-Case-Szenario, und das es tatsächlich eingetreten ist, schockt mich gerade ein wenig. Schnee wäre übrigens der GAU gewesen.

Ich flüchte mich zurück in die muckelige Wärme des Hauses. Vom Frühstücksbuffett sind bislang nur ein paar Kekse zu sehen, vom Personal niemand. Ey das ist die zweitteuerste Übernachtung dieser Reise, was ist das hier für ein Laden? Selbst die Kaffeemaschine ist noch ausgeschaltet.

Hm. Eine WMF5000, wenn ich mich nicht täusche. Unter der Haube den alten „Pura Fresca“-Geräten von Franke sehr ähnlich, die ich noch aus meiner Zeit in der Systemgastronomie kenne. Mal sehen… dann müsste HIER der Hauptschalter sein und DORT der Wasserzulauf…. Ah! Mit schnellen Handgriffen habe ich die Maschine eingeschaltet, die Selbsttestphase verkürzt und nach einer kurzen Aufwärmphase kann ich mir einen Espresso Doppio ziehen.

Vom Personal ist immer noch niemand auffindbar, und ein lautes „BUON GIORNO“ wird auch ignoriert. Missmutig schlinge ich zwei Kekse herunter, dann mache ich mich abreisefertig. Ich habe eh keine Ruhe. Ich muss wissen, ob die V-Strom anspringt.

Zurück im kalten Zimmer ziehe ich als Schutz gegen die Kälte gleich die winddichte Regenkombi an, und wie ein Astronaut verpackt stapfe ich zurück in die Hotellobby. Hier ist mittlerweile zumindest jemand an der Rezeption, dem ich mal mitteilen kann, wie es um die Heizung im Kirchturmzimmer bestellt ist.

Die junge Frau entschuldigt sich für die kalte Nacht, guckt aber skeptisch, nach dem Motto „Du bist doch verwöhnt, wenn Dir die 23 Grad, die der Thermostat anzeigt, nicht ausreicht, dann stell dich halt an“ – so lange bis eine Putzfrau, die gerade eine Treppe wischt, laut und auf italienisch ruft „Ey, das habe ich doch letzte Woche schon gesagt, dass die Heizung in dem Raum nicht geht! Aber hier glaubt einem ja niemand was!“

Am Motorrad kratze ich vorsichtig die Instrumente frei, dann ziehe ich die steifgefrorenen Packriemen fest und steige in den Sattel. Jetzt kommt der große Moment!

Zündschlüssel ins Schloss… OK, das ging schonmal. Das Schloss ist also nicht eingefroren. Man freut ich ja schon über Kleinigkeiten. Dann drehen und… aha! Wir haben eine Kontrollleuchte! Gespannt drücke ich auf den Starter. Der Motor dreht zweimal, dann kommt er. Die V-Strom pöttert laut in die Morgenluft, aber sie läuft! Ohne Rumgeorgele, ohne Verschlucken und, ganz wichtig, ohne KLONK!

Vorsichtig steuere ich die Barocca vom Parkplatz herunter und fahre langsam und aufrecht durch die Kurven. Hier und da sehe ich Raureif glitzern, es kann also durchaus glatt sein. Das ist unheimlich.

Auch ein wenig unheimlich ist, dass ich aus den Lüftungsschlitzen am Kinn des Helms kleine Kondenswölkchen entweichen sehe. Dieses Mal mache ich nicht den Fehler, erst mit offenem Visier zu fahren und mich später zu wundern, dass beim Zuklappen die Brille beschlägt.

Anna bootet sich in den Helm und hat gleich einen guten Ratschlag parat. „Achtung, gefährlicher Straßenzustand“, sagt sie mir ins Ohr. „Ach, was sie nicht sagen“, knurre ich durch zusammengebissene Zähne.

Vorsichtig eiere ich um die Kurven und gebe dem Motorrad Zeit zum warm werden. Das Gute ist: Ich muss jetzt nicht über kleine, kurvige Straßen fahren. Es geht einfach die fast gerade und gut ausgebaute Hauptstraße aus Tarvisio raus und auf die E55. Die Autobahn führt hinter der nächsten Kurve über die Landesgrenze, und ich bin in Österreich.

Vor mir liegen die Villacher Alpen in der Morgensonne.

Der Motor ist jetzt warm, und ich kann Gas geben. Die V-Strom schießt über die Autobahn, und ich merke auch durch die Regenkombi und die vielen Schichten darunter, wie kalt es hier ist.

Bei Oberrhein folgt die übliche Folklore des österreichischen Grenzschutzes, erweitert um Pandemie-Regeln. Ich erwarte, dass ich Impfzertifikat und sonstwas vorlegen muss, aber als ich auf die Frage nach dem Reiseziel nur „Transit“ grunze, werde ich durchgewunken und kann ich sofort weiterfahren.

In den Alpentälern entlang der A10 präsentiert sich das Wetter gemischt. In einem Tal scheint die Sonne, ich fahre in einen Tunnel, und als ich im nächsten Tal wieder herauskomme, kollidiere ich direkt mit einer tiefhängenden Wolke. Schränkt die Sicht geringfügig ein.

Weiter geht es gen Norden, vorbei an Orten wie Spittal an der Drau oder Rennweg am Katschberg. Von der Autobahn aus bekommt man von diesen Orten ja nichts mit, aber ich bin ja letzten Monat diese Strecke auf der Landstraße gefahren und weiß jetzt, was sich neben und unter der Autobahn alles schönes verbirgt.

Auf den Berggipfeln liegt jetzt schon überall Schnee.

Meine Güte, vier Wochen bin ich jetzt schon auf Tour, und ich könnte problemlos noch einen Monat dranhängen. Was ich in der Zwischenzeit alles gesehen habe!

Die Hinreise durch die Alpen und einen kleinen Pass nach Italien war schon toll, und die Überfahrt mit dem Schiff aufregend.

Durch Griechenland habe ich dann eine große Rundreise hingelegt. Angefangen in Ioannina war ging es im Nordwesten bis an die albanische Grenze, wo es die V-Strom fast zerschüttelte und sie sogar umgefallen ist. Danach durch die Berge zu den Meteora-Köstern und von dort auf die Chahlidi… Chaklididi.. Chalkidiki-Halbinsel, wo ich es geschafft habe mich aus dem Haus am Meer gleich zwei Mal auszusperren.

Nach ein paar Tagen bei Sturm und im Bett ging es dann erst auf den Olymp, dann auf den Scheißberg. Nach einem Abstecher nach Delfi, wo um ein Haar eine Ziege einen Steinschlag herbeigefurzt hätte, und einer kleinen Tour durch die schönste und bayerischste Stadt Griechenlands sowie einem Schlenker über Sparta führte mich die Straße bis zum südlichsten Punkt von Festland-Europa und zurm Wrack der Dimitrios.

Ab da wurde es dann nass. Erst in auf dem Weg nach Norden, Olympia, als mich ein Wasserwerfer erwischte, dann in Granitsa.

Ich hatte weniger Kontakt zu Einheimischen und habe weniger Kultur mitbekommen als ich es mir gewünscht hätte, aber das war pandemiebedingt – ich gehe gerade noch nicht wieder in Museen oder in Gaststätten mit viel Zulauf. Trotzdem habe ich ein paar Leute kennengelernt, merkwürdig viele davon hießen Nikos, und ausnahmslos alle waren überaus freundlich.

Griechenland, so mein Fazit, ist ein tolles Ziel für eine Motorradreise. Die Landschaft ist der Wahnsinn, die Menschen sind nett, die Straßen sind ein Traum, und vor allem der, im Vergleich zu Deutschland geradezu spärliche, Autoverkehr hat es mir angetan. Über weite Strecken hatte ich das Gefühl allein auf der Straße zu sein, und DAS ist wirklich entspannend.

Apropos, kurze Toilettenpause. Warum steht hier Werbung für den VLC-Player?

Okay, das klingt komisch:

Hat mir etwas nicht gefallen? Nein. Da gab es nichts. Meine persönliche Tour durch Griechenland war super. Unterbringungen, Essen, alles prima.

Gut, es gab da ein paar Dinge, die nicht geklappt haben. Ich hatte mich soooo sehr auf baden im Meer gefreut, aber dazu war es zu windig und zu kühl, wie überhaupt das ganze Wetter kälter war als gedacht. Und nasser, aber das überrascht ja niemanden wirklich, wenn ich unterwegs bin. Wetterbedingt hat auch das Fliegen mit der Drohne nicht sollen sein. Und das ich drei Wochen in Griechenland war und es nicht geschafft habe, ein Gyros zu essen, das darf man auch niemandem erzählen.

Kurz vor Salzburg sehe ich die Burg Werfen auf ihrem Felsen, und ihr gegenüber den Gasthof, wo die erste Übernachtung dieser Tour stattgefunden hat. Die V-Strom donnert daran vorbei und folgt der A10, die bei Walserberg wieder zur deutschen A1 wird. An der Grenze werde ich wieder einfach durchgewunken.

Bei der ersten Auffahrt hinter der Grenze versucht mich ein Auto abzudrängen. Haarscharf verfehlt der Kleinwagen die V-Strom, weil es ja nicht angeht, dass ein Motorrad in der Mitte der rechten Fahrspur fährt und der Fahrer die Dose als Erziehungswerkzeug einsetzt. Oh man, das war die erste richtig gefährliche Situation der ganzen Tour, und natürlich passiert das in Deutschland. Seufz.

Natürlich fängt es auch wieder an zu regnen. Ich bin ja wieder in Deutschland.

Natürlich wird jetzt auch sofort der Verkehr sehr viel dichter, und weil Freitag ist, gibt es haufenweise Stau. Um Nürnberg herum geht gar nichts, was hier der Normalzustand ist.

Bei Bad Kissingen will ich schlau sein und eine von Anna gemeldete Vollsperrung der A7 umfahren, aber das führt nur dazu, das ich mich völlig verfranse und plötzlich richtig Suhl unterwegs bin. Da will ich nicht hin, und so muss ich umdrehen und den Weg wieder zurück fahren.

Die Gedanken schweifen wieder ab. Ich bin dankbar, stelle ich fest. Dankbar, dass alles so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte. Dankbar, dass ich mir kein Covid zugezogen habe. Dankbar, dass es unterwegs keinen Unfall gab und keine Panne.

Gut, ich habe die V-Strom einmal umgeschmissen, und das KLONK ist nach wie vor unheimlich, aber in der Summe ist die Suzuki einfach nur ein fantastisch zuverlässige Maschine. Ob ich die bald ablösen werde durch eine neuere? Ich weiß es noch nicht. Vielleicht liegt es an diesen weiten Touren oder an der langen Zeit, die ich mit dem Motorrad allein bin oder an den Situationen, die wir gemeinsam meistern, aber irgendwie baue ich eine emotionale Verbindung zu den Fahrzeugen auf. Die Barocca liegt mir am Herzen. Vielleicht bin ich auch nur ein sentimentaler Trottel.

Die Staus und die verlorene Zeit führen dazu, dass bei Bad Hersfeld bereits zu dämmern beginnt. Als um 19:15 Uhr, nach 12 Stunden und 932 Kilometern, die Barocca endlich in die heimische Garage rollt, ist es bereits dunkel.

Das Motorrad kühlt leise knackend ab, während ich aus dem Sattel steige. Hier hat die Tour nach Griechenland vor 27 Tagen und 7.306 Kilometern begonnen, nun bin ich wieder zu Hause.

Das ist auch ein bißchen schön.

Tour des Tages: Von Tarvisio nach Göttingen, 932 km, 12 Stunden.

Die Gesamttour: Von Deutschland über Österreich und Italien mit dem Schiff nach Griechenland und Retour. Mit dem Motorrad 7.306 Kilometer. Inklusive Schiff rund 8.800.

Die Strecken durch Griechenland: Von Igoumenitsa über Ioannina nach Kastoria, Kalambaka, auf den Chaldikidi… Chalkdidi.. Chalkidiki, von dort zum Olymp, den grünen Pilion und Volos nach Delfi, dann nach Nafplion, Sparta und über die wilde Mani und von dort über Olympia und Patras wieder gen Norden nach Granitsa und Igoumentisa.

HIER gibt es noch den Epilog der Fahrt, und mit dem schließt sich auch das Reisetagebuch des Jahres 2021.

Vielen Dank an alle, die hier mitgelesen und kommentiert haben und damit auch ein Stückchen mitgereist sind. Die Tips und Anregungen werde ich auf jeden Fall mitnehmen, falls es mich wieder einmal nach Griechenland verschlägt.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Reisetagebuch Griechenland (21): Eingefroren

  1. zwerch

    Schade, schon vorbei…
    Danke für´s erneute mitnehmen 🙂

    Natürlich bist du ein sentimentalert Trottel – das ist herzerwärmend und gut so!

    Gefällt 1 Person

  2. 😂😘

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  3. Brigitte Eckert

    Ich danke auch sehr fürs Mitnehmen und spannende Erzählen, wenn ich mich ja wieder manchmal sehr gewundert habe – wie unterschiedlich Reisegenuss sein kann. Ich hoffe, ich war nicht klugsch…risch. Auf nächstes Mal!

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  4. Fr. Eckert: keinesfalls! Ich empfinde ihre Beiträge immer als äußerst interessant und lehrreich! Bitte hören Sie damit nicht auf.

    Lukra: oh, du darfst schon wieder dorthin? Glückspilz!

    Nein, die V-Strom ist genügsam. Nach der Heimkehr gab es einen Ölwechsel, unterwegs brauchte sie nichts. Die ist gut gewartet.

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  5. lukra

    Ja, ich darf. 🙂
    Was hindert Dich? Andere Pläne?

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  6. Lukra: so viele Orte gibt es noch zu sehen, bei so wenig Zeit 🙂

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