Impressionen eines Wochenendes (32): Lieblos (ADAC Intensivtraining 2022)

„Und, wo bist Du an Ostern?“ – Die Frage hörte man vor dem Wochenende ständig. Klar, Corona ist per Dekret beendet, warum soll man Ostern zu Hause hocken? Folgerichtig fröhnte man auf bundesdeutschen Autobahnen der beliebten Tradition des Osterstaus. Ich setzte eine andere Tradition fort: Den Ostersonntag im Kreis fahren und mich dabei anschreien lassen.

Wobei, ganz so schlimm war es nicht. Zwanzig Kilometer Luftlinie von Hanau entfernt liegt der Ort Gründau-Lieblos, und der sieht es so aus, wie der Name vermuten lässt. Etwas außerhalb von Lieblos ist nichts, außer einem Golfplatz und grünen Feldern, weshalb der ADAC da sein Fahrsicherheitszentrum für Hessen und Thüringen hingebaut hat.

So ungefähr alle zwei Jahre gucken ein paar Freunde und ich da mal vorbei und fahren unter den kritischen Augen eines Instruktors wechselnder Güte im Kreis und üben Extremsituationen. Wieder und wieder. Bis es einem zum Hals raushängt. Am Ende fährt man nach acht Stunden vom Platz und ist völlig erschöpft, hat aber über sich und sein Motorrad wieder ein wenig mehr gelernt und beides besser im Griff.

Dieses Mal gab es mal wieder ein Intensivtraining. Die Abstufung beim ADAC ist: Basistraining, Intensivtraining, Perfektionstraining. Das Intensivtraining hat mehr Praxisanteile und bietet mehr Gelegenheit zum Üben als die anderen, deshalb eignet sich das gut, um nach der Winterpause wieder rein zu kommen. Unter den elf Teilnehmenden waren dieses Mal zwei Frauen, an Fahrzeugen waren neben meiner Suzuki eine 650er Honda (einzige Maschine ohne ABS), eine Yamaha und eine Harley. Der komplette Rest waren BMWs, darunter 2 GS. In anderen Gruppen war es noch krasser – Deutschland, BMW-Land.

Das Training bestand aus verschiedenen Modulen:

Warmfahren durch einen Slalomparcours:

  • im Sitzen
  • im Stehen
  • je ein Bein über Sitzbank
  • dieses Mal nicht, aber sonst immer: Im Stehen beide Beine auf je einer Seite

Dann eine Lektion über langsam Fahren durch konstantes Gasgeben, dabei Fuß auf der Bremse, mit der Kupplung spielen. Dadurch stabilisiert sich die Maschine bei extrem langsamer Fahrt. Lebensretter, wenn vor einem ein Bus oder SUV durch die Serpentinen kriecht.

Mit dieser Technik dann:

  • geradeaus fahren
  • Wenden mit extrem kleinen Wendekreis
  • kleine Achten durch einen Pylonenparkour fahren

Danach: Verschiedene Kurventechniken und eine Lektion über den paradoxen Lenkimpuls, der neuerdings bzw. bei diesem Trainer „musste am Lenker schieben“ heißt. Nunja.

Mit diesem neu erworbenen Wissen ging es an Ausweichübungen, zunächst ohne zu bremsen und ohne auszukuppeln.

Nächste Lektion: Blockiert ein Vorderrad bei heftigem, superkurzem Bremsen? Stellt sich raus: Ja, auch bei Maschinen mit ABS, zumindest im ersten Sekundenbruchteil. Also progressives Bremsen bis ins ABS hinein üben, bei Gefahrenbremsungen geradeaus von wechselnden Geschwindigkeiten bis auf Null. Erst nur Vorderradbremse, dann beide Bremsen, dann nur Hinterrad. Danach bremsen und ausweichen, dann Gefahrenbremsung auf nasser Fahrbahn. Zum Abschluss die Belehrung: Bremsweg aus Tempo 30 um die 5 Meter, Reaktionszeit eine Sekunde, bei Tempo 50 signifikant weiter, bei Tempo 70 bis zu 70 Metern.

Nach einer kleinen Pause ging dann die Sonne unter, und im Dunkeln wurden Schräglagen auf der Kreisbahn geübt. Anders als noch 2019 bekam ich die V-Strom dieses Mal nicht bis zum Aufsetzen runtergedrückt, was aber gut ist – damals war sie tiefergelegt, und das „Krunsch“-Geräusch beim Aufsetzen kam viel zu früh. Jetzt steht die Lady wieder auf hohen Beinen, und damit haben wir beide in Kurven mehr Freiheit.

Letzte Lektion unter einem vollen Mond:  Bremsen und ausweichen, ausweichen in Kurven, bremsen in Kurven bei Schräglage. Um 22:45 Uhr endete das Ganze mit der Ausgabe der Teilnahmebescheinigungen, die bei manchen Versicherungen eine Beitragsreduktion ermöglichen. Ich war ganz froh, als das Nachtraining endete. Meine Konzentration war am Ende, und mittlerweile war es wieder einstellig kalt geworden.

Was ich beim Training gelernt habe:

  • Ich kann mittlerweile nahezu alles, was da gefordert wird. Und ich kann es gut und aus dem Handgelenk, und das erstaunt mich ein wenig. Als ich mit dieser Art Training angefangen habe, war ich unsicher und habe viel falsch gemacht. Damit bin ich auch ganz offen umgegangen. Umso mehr freut es mich, dass mit Fleiß und Übung eine deutliche Besserung meines fahrerischen Könnens zu bemerken ist, im Alltag und auch auf dem Trainingsplatz. Deswegen wurde ich tatsächlich auch gar nicht angebrüllt. Wenn der Trainer mich wirklich mal für Feedback rangewunken hat, dann war das in mehr als der Hälfte der Fälle für – Lob! Ich war erstaunt.
  • Blickführung ist bei mir immer noch ein Thema, aber nicht mehr beim Kurvenfahren, sondern beim Bremsen. Tatsächlich habe ich die Hälfte der Zeit auf die Streckenpylone geglotzt, weil ich wissen wollte, was die V-Strom an Bremsleistung auf den Asphalt bringt. Stellt sich raus: Wenig. Ich wusste, dass die Bremsen schwammig sind, aber gerade im Vergleich zu den mitfahrenden BMWs ist die Bremsleistung der Suzuki sehr meh. Für die Straße ist sie Ok, aber für Extremsituationen… Hm.
  • Wie es GS-Fahrer schaffen zu nerven, Teil 847: Wenn der Instruktor sagt „Gibt es noch Fragen“ und dann der GS-Fahrer mit 2.000 Kilometer Jahresleistung in acht verschiedenen Varianten wissen will, warum seine 1250er das geilste Motorrad auf der ganzen, weiten Welt ist und was eigentlich Leute machen, die keine haben.
  • Meine neuen Klamotten taugen für Dauerfahrten um die 10 Grad oder leicht drunter, das wird dieses Jahr noch wichtig.
  • Ich liebe meine V-Strom. Die passt wie ein Handschuh, ich habe sie absolut im Griff und kann sie souverän und sehr sicher bewegen.

Frisst 1.200er GS-en zum Frühstück: V-Strom 650.

Am Ostermontag verabschiedete ich mich noch von Ludwig Anton von Witzighausen, einem westsibirischen Laika. Diese Hunde sind mit den Huskys verwandet, aber anders als diese nicht als Lasttiere, sondern speziell auf Jagd hin gezüchtet und werden in ihrer Heimat zum Kampf gegen Bären eingesetzt. Ludwig hat die Barocca vor dem Gasthof in Mömbris bewacht und gegen Bären verteidigt.

Dann ging es über Bundesstraßen wieder nach Hause, wo die V-Strom und ich eintrafen, bevor die  Osterstaufestivitäten zum Höhepunkt aufliefen.

Zusammengefasst: Ein anstrengendes Wochenende, aber auch ein sehr schönes. Mal gucken, was sich nächstes Jahr so anbietet – vielleicht nach dem Fiasko in Hechlingen doch nochmal ein Endurotraining?

Alte Trainings, soweit das Blog und ich mich dran erinnern:
2019 Intensivtraining in Gründau (erstmals mit der V-Strom)
2016 Perfektionstraining in Gründau
2014 Intensivtraining in Gründau
2013 Endurotraining in Hechlingen
2012 Kurventraining B bei ps-motorradtraining.de
2012 ADAC Basistraining in Malsfeld
2012 Kurventraining A bei ps-motorradtraining.de
2012 Bei-jeder-Witterung-stattfindendes-ADAC-Training-das-wegen-Witterung-ausfiel

Andere Wochenendimpressionen

Kategorien: Impressionen, Motorrad | 16 Kommentare

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16 Gedanken zu „Impressionen eines Wochenendes (32): Lieblos (ADAC Intensivtraining 2022)

  1. Das ist ja ˋn Ding: Gestern bin in G-L beim ADAC vorbei gefahren und hab kurz überlegt, bei unserem Partner in Sachen Fahrsicherheitstrainings für Traktoren (ja, ernsthaft!) reinschauen soll. „Ach nee, Ostern, da ist der Laden sicher dicht…“ Und heute bin ich auf dem Rückweg aus dem Spessart durch Mömbris gekommen. Unterwegs hab ich einigen V-Stroms zugewinkt – wer weiß, vielleicht waren ja der Herr Silencer und seine Barocca dabei? Dann war’s ein ganz besonders freundlich gemeinter Gruß 🙂

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  2. Ach, das ist ja ein Zufall! Nein, Ruhetag war da nicht. Da war von morgens bis abends Hochbetrieb. Stimmt, ich habe auf dem Gelände Plakate vom DLG gesehen! Falls wir uns begegnet sind, habe ich auf jeden Fall zurück gegrüßt ✌️

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  3. Ali

    Freut mich für dich und ich denke, so ein Training könnte mir auch nicht schaden.
    Interessant, dass da so ein Trainingsplatz ist, bin ich doch in meiner Jugend in der Nähe von Mömbris aufgewachsen und noch mit dem Fahrrad , später mit Mopedchen (Kreidler u.ä.) in der Gegend gewesen.

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  4. Wieso kennt hier plötzlich jeder Mömbris?! Das besteht doch nur aus drei Häusern 😀

    Ansonsten: Ja, Training kann ich wirklich jedem empfehlen, der bereit ist etwas zu lernen. Keine Freude hat man, wenn man mit der Haltung rangeht „ICH kann alles“ – spätestens wenn der Trainer dann korrigiert, werden Leute mit solch einer Geisteshaltung schnell wütend, weil sie denken, der will sie ärgern.

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  5. Ali

    @Silencer
    das ist nicht „nur“ Mömbris, das ist der sogenannte Kahlgrund mit Werlos/Schöllkrippen und viel anderem.
    Verstopft durch offebacher Bube, frankforter Schlippche un annere Hess, die en Äbbelwoi un Hondkees mid Musik hawwe wolle.
    Ach ja. Der Dialekt ist dort auch ein anderer wie anderswo.

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  6. Der Kahlgrund, wo alle Wehrlos sind? 😀 Ohne Witz, ich könnt mich über fast jeden Ortsnamen da beömmeln. Rund um Lieblos gibt es Linsengericht (lecker!) und Freigericht (kostenlos und lecker!), etwas weiter nördlich Hosenfeld bei Schlitz (bitte nicht durcheinanderbringen)… ist ja fast so gut wie unsere Ecken im Harz. Da kann man sich entscheiden ob man lieber in Sorge oder in Elend leben möchte. 😀

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  7. Suse

    Ja so ein Training ist immer wieder lehrreich… hab ich bisher auch fast jedes Jahr im Frühjahr mitgemacht. Beim ADAC in Breisach werden als Intensivtraining 2-Tages-Kurse angeboten. Am ersten Tag das was du beschrieben hast und am zweiten Tag dann nachmittags „draußen“ Kurvenfahren in „Natura“, Wenden am Berg und Manöver auf „losem Untergrund“. Die beiden letzteren kann ich immer wieder üben, das sitzt nie richtig 🙈Die GS-Dichte war die letzten male erstaunlich gering. Nur in den 1-Tages-Kursen warens 99% 🤔

    Bei uns kommste vom Höllental direkt ins Himmelreich. Es sei denn du fährst über Muggenbrunn, Aftersteg und Aha, oder auch Nonnenweier, Freiamt… etc. 🙂

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  8. Suse: Ha! Genau sowas braucht man immer, wenden am Berg und komische Dinge auf Schotter passieren einem doch immer wieder! Das klingt echt gut. Breisach ist aber das bei Freiburg, oder?

    Die Ortsnamen sind ja auch herrlich!

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  9. Suse

    Ja, Breisach am Rhein bei Freiburg. Es ist aber eine Reise wert, zumal es genau zwischen Schwarzwald und Vogesen liegt. Elsass und Jura, viele schöne Ecken und kleine Strecken.

    Ich finde das 2-Tages-Training an Pfingsten immer ziemlich genial… während andere der Pfingstfolklore fröhnen, du weisst schon: Staus etc., kringelt man auf dem Platz umher und kann die Tage drumrum ein paar schöne Ausflüge in jede Himmelsrichtung genießen und noch viele andere schöne Namen entdecken: Katzenmoos, Siehdichfür, Gscheid, Winden, Oberspitzenbach, Hausen, Pfaffenberg, Faulenfürst……..😂

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  10. OK, jetzt will ich schon wegen der Namen mal da hin 😀

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  11. Training ist immer klasse und man nimmt was mit. Habe am in Kürze mein 6. Einsteiger-Offroad-Training. Immer zum Saisonstart und Einsteigerniveau reicht mir für Feldwege & Co. 😉

    Kleinere Anmerkungen:
    – Deutschland wird nicht wirklich von BMW dominiert, BMW-Fahrende investieren aber offenbar eher mal in ihre Sicherheit 😉

    – Den Ausdruck „Bis zur Vergasung“ habe ich selbst meinen Ü80 Eltern weitestgehend abgewöhnt. Anstrengende Fahrübungen werden weder dem Gas in WK1 noch WK2 gerecht :-/

    – Bei der Bremsleistung können andere Beläge ein deutliches Plus an Sicherheit bringen.

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  12. Marcus: hast recht, mit allen Punkten. Gerade mit Sprache muss man sehr sorgfältig umgehen, Ausdruck ist geändert.

    Hast Du einen Tip für Enduro-Einsteigertraining?

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  13. Für das, was du an Skills für deine Reisen brauchst (also kein Offroad-Gebolze sondern Geschick und Blick), kann ich dir das Training in der Driving Area aus eigener Erfahrung empfehlen.
    Entweder mit Leihmaschine oder mit eigener, wobei ich – zumindest beim ersten Mal – die Leihmaschine vorziehen würde 😉

    Meine Erfahrung liest du hier:
    https://kradblatt.de/reiseenduro-training-in-der-driving-area/

    Ist nicht billig aber eine tolle Sache.
    Du hast es sogar ein Stück kürzer dorthin als ich – beim Eintagestraining kann man also gut Morgens an- und Abends abreisen. Schöner sind natürlich 2 Tage und evtl. mit Kurzurlaub verbunden 🙂

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  14. Vielen Dank, das klingt doch genau wie etwas, was ich brauchen kann! Das sehe ich mir mal genauer an!

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  15. Lieber Silencer,
    Es liest sich wieder so schön und ich kann jeden Meter auf den Platz nachvollziehen… nach zwei Jahren Pause ist es am 15. Mai bei mir wieder so weit, diesmal allerdings in Tirol, der neuen Heimat geschuldet.
    Ich habe sonst auch 1 bis 2 Trainings im Jahr gemacht, zum lernen und einfach, weil sie eine Menge Spaß bringen. Außerdem ist es echt schön, wenn beim dritten Training die ersten Erfolge sichtbar werden .. also auch das kann ich gut nachvollziehen…
    Das mit der Enduro habe ich ja aufgegeben, auch wenn ich es auf Feldwegen das ein oder andere Mal bereue, da mir den Trainings nicht weiter gemacht zu haben… habe ich mir das sonst abgewöhnt, so halte ich auf losem Untergrund die Luft an und verkrampfe mich so gut ich kann…;-)

    Lese weiterhin so gerne von dir…

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  16. Ja dito, Varatweety, ich lese auch gerne von Dir und hoffe, Du nimmst Dir mal wieder die Zeit dafür 🙂

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