Momentaufnahme: Juli 2022

Herr Silencer im Juli 2022

Wetter: Mitte des Monats rollt eine Hitzwelle über Europa, mit Temperaturen an oder über 40 Grad. Überall Waldbrände, kein Regen. Das ist kein Spaß mehr. Letzte Woche wieder erträgliche 20 Grad.


Lesen:

Jeremy Clarkson: Can You Make This Thing Go Faster? [Kindle]
Gesammelte Zeitungskolumnen von Ex-Top Gear, Ex-Grand Tour, jetzt Farmer Jeremy Clarkson aus 2018-2020. Scharfsinnig, meist sehr lustig. So erfährt man, wie es war für „Grand Tour“ in Rohöl zu baden oder warum Fischen ein Hobby für Menschen ist, die ihre Kinder hassen. Zudem enthält das Buch eine erstaunlich präzise Vorhersage aus 2019 über das Schicksal von Boris Johnson: „Brexit wie die Tories ihn versprechen ist nicht machbar, und wenn irgendwann die Nummer des lustigen Clowns als Ablenkung nicht mehr zieht, wirst du abgesägt werden. Genieß die Zeit bis dahin, lange wird das nicht dauern.“

Was mich am meisten erstaunt hat: Clarkson hält sich selbst für eine Konservativen, der in jedem zweiten Text Jeremy Corbyn, den damaligen Labour-Chef, als Wahnsinnigen darstellt, der in Kürze den Kommunismus in UK ausrufen wird. Dabei ist Clarkson, und das schimmert immer wieder durch, im Kern ein Grüner. Interessant.


Hören:


Sehen:

Der Name der Rose [1986, BluRay]
Mittelalter: In einem Kloster sterben reihenweise Mönche. Sean Connery ermittelt.

Internationale CoProduktion! Bernd Eichinger! Sean Connery! Christian Slater! Teuerster europäischer Film aller Zeiten!

1986 bekam man sich gar nicht mehr ein, der Film löste bei Erscheinen einen wahren Mittelalter-Boom aus, in dessen Fahrtwasser die Leute wie bekloppt Mittelalterromane („Die Nebel von Avalon“ und Konsorten) und Schallplatten mit Mönchschorälen („Gregoriansche Gesänge“) kauften.

Aus heutiger Sicht ist das Werk überschätzt. Ich habe den Roman nie gelesen, weil mich Umberto Ecos all zu bemühte in-Your-Face-Parallelen (Adson = Watson, demnach William von Baskerville = Sherlock Holmes) gleich zu Beginn nervten. Viel davon wird im Film weggelassen. Ja, Setbauten und Ausstattung sind nach wie vor größtenteils toll, aber schon bei Regie und Schauspiel fängt es an auseinander zu fallen, und über mangelnde Dramaturgie, schlimmes Pacing und falsche Schwerpunkte wollen wir gar nicht erst reden. Definitiv kein Meisterwerk, aber damals zog´s halt.

Der Name der Rose [Gandersheimer Domfestspiele]
„Der Name der Rose“ ist robuster Stoff, dem kann nicht mal diese Inszenierung nachhaltig schaden – obwohl sie es wirklich versucht. Das Stück ist über weite Teile unterlegt mit dem Quäken einer einzelnen Jazzposaune, was meist mehr unpassend und nervig ist als das es das Spiel unterstreicht.

Die modernen Kostüme (eine Art Arztkittel als Mönchskutten, dazu Baseballcaps ohne Schirm) und das bis zur Unwirksamkeit reduzierte und scheddrig gebaute Bühnenbild ist leider auch keine Glanzleistung.

Es wirkt, als hätte die Inszenierung verschiedene Ideen und Ansätze gehabt, um dem Stück einen frischen Drall zu geben – und am Ende alle umgesetzt, aber jeweils nur zur Hälfte und irgendwie so lieblos, dass keiner wirklich originell ist oder funktioniert. Durch dieses sitzen zwischen Baum und Borke fallen die Längen im Stoff umso mehr auf. Das dann im Ensemble noch ein Schauspieler ist, der wie der junge Christian Slater aussieht, dessen Rolle er aber nicht spielt, weil Frauenquote – geschenkt. „Der Name der Rose“ in dieser Bühnenfassung ist eine recht lieb- und freutlose Angelegenheit, aber genau darum geht es ja im Kern der Geschichte: Der Mensch soll keine sinnlose Freude haben, und schon gar nicht lachen.

The Sadness [Prime]
Ein Virus bricht aus und verwandelt alle Menschen in blutrünstige Bestien. So weit, so Zombie. Aber hier ist es anders: Die Menschen werden nicht zu herumschlurfenden, hirnlosen Kreaturen. Sie behalten ihre höheren Hirnfunktionen, allerdings werden die neurologischen Zentren für Befriedigung und Gewalt direkt miteinander vertüddelt. Die Folge: Infizierte laben sich mit sadistischer Wolllust daran, ihre Mitmenschen auf möglichst grausame Weise zu verstümmeln, zu foltern und zu zerstückeln.

Gilt als filmisches Meisterwerk, dieser taiwanesische Bodyhorrorfilm, deshalb musste ich den leider gucken. Tatsächlich passiert hier aber nicht viel interessantes – die Seuche bricht aus, und dann sieht man einfach 100 Minuten wie Menschen böse zu anderen Menschen sind. Das kann man genauso gut im Baumarkt oder auf Facebook angucken, da gibt es nur nicht literweise Kunstblut.

Naja, im Ernst: Handlungstechnisch ist der Film Banane, und die völlig ausufernden und sehr, sehr grausamen Gewaltdarstellungen finde ich abstoßend. Für das Genre sicher sehr konsequent, von mir aber ein großes BÄH.


Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse [BluRay]
Dumbledore bringt ein recht großes Ensemble in Stellung, um den faschistischen Vormarsch seines alten Lovers Gellert Grindelwald zu stoppen.

Ich mag den ersten „Tierwesen“-Film supergerne, wegen seiner fantasiereichen Geschichte und den tollen Charakteren. Der zweite glänzte durch tolle Ausstattung, war erzählerisch aber eher meh und die Charakter machten dauernd Dinge, die kein normaler Muggle nachvollziehen kann. Nun also der dritte Teil, und der wirkt seltsam verstolpert.

Zwar sind auch hier Schauspieler und Design ganz toll, aber die Zahl der Hauptcharaktere ist viel zu groß, und irgendwie kommt die Geschichte so abrupt zu einem Halt, als ob jemand kurz vor Ende der Produktion gesagt hätte: „Übrigens, wir machen doch nicht 5 Filme, sondern nur drei, also kommt zu Potte“. Das Ergebnis ist eine Triple-A-Produktion, die am Ende so lieblos zusammengebunden wirkt, als hätte man kein Budget mehr gehabt um was Anständiges zu filmen.


Spielen:

Resident Evil 2 [PS5]
Leo und Claire begegnen sich eines Nachts zufällig an einer Tankstelle. Kurze Zeit später stellen sie fest, das die Stadt, die sie aufsuchen wollten, von Zombies überrannt wurde. Sie suchen Unterschlupf im örtlichen Polizeihauptquartier. Dort trennen sich ihre Wege, und die Suche nach einem Ausweg beginnt – denn das verwinkelte Gebäude ist nicht nur voller Untoter, es war früher mal ein Museum, und es ist immer noch voller geheimer Gänge und Rätsel.

Was für ein Meisterwerk! Das Original ist von 1999 und war für die Playstation 1, das wäre mit seinen statischen Kameras heute unspielbar. Die Version, die ich hier gespielt habe, ist ein von Grund auf neu gebautes Remake für die PS4, das nun noch ein kostenlose PS5-Upgrade bekommen hat. Ich wusste nicht was mich erwartet und hatte mit einem Shooter gerechnet, aber RE2 ist tatsächlich ein eher langsames und bedächtiges Rätselspiel mit gelegentlichen Grusel- und Schießeinlagen.

Absolut beeindruckend ist die Narration, die fast komplett im Gameplay und im environmental Storytelling stattfindet. Hier wird viel mehr gezeigt als erzählt, und der Effekt ist umwerfend. Es stellt sich wirklich ein Gefühl von Erkundung und Abenteuer ein, aber auch die Beklemmung, das jederzeit schlimme Dinge gestehen können. Spätestens wenn nach der Hälfte der Spielzeit eine unheimliche Figur auftaucht, die den eigenen Charakter unaufhaltsam verfolgt, steigt das Stresslevel enorm an. Allein die schweren Schritte des Verfolgers, den man nie los wird, lösen hohe Anspannung aus.

Erzählerisch ist RE2 wirklich Kunst. Man kann sich entscheiden, ob man mit Leon oder Claire spielen möchte. Mit diesem Charakter erlebt man dann die komplette Geschichte. Ist man damit am Ende, wird ein zweiter Run freigeschaltet, den man mit der anderen Spielfigur absolvieren kann, und in dem manche Passagen angenehm abkürzt werden, der aber die Lücken in der Hauptgeschichte füllt oder deren Erzählung erweitert. Für die vollständige Spielerfahrung braucht es daher mindestens zwei Durchläufe, will man alles erleben sogar deren vier. So ein Niveau an verschachtelter Erzählung und perfekt passender Erzählung habe ich echt noch nie gesehen.


Machen: Esel streicheln in Sidmouth auf einer kleinen Tour durch Frankreich, England, Wals und Schottland.


Neues Spielzeug:

Ein Steckerladegerät, ein Anker 735 „GaNPRIME“. Zeitgemäß mit zwei USB-C- und einem USB-A-Anschluss. Das kleine Teil hat 65 Watt Leistung und eine vernünftige Ladeelektronik. Damit kann es aktuelle Smartphones schnellladen, aber auch das komplette USB-C-Netzteil vom Notebook ersetzen. Das und ein anderes Ladegerät können dadurch zu Hause bleiben – was mir ordentlich Platz und Gewicht im Reisegepäck spart. Mit der leichten Gummierung hat es außerdem eine wertige Haptik.

Passend dazu: Ein USB-C-Kabel mit einem winzigen Display im Stecker, auf dem der aktuelle Stromdurchfluss angezeigt wird. Spielkram, aber ich find´s cool.

 

 

Ding des Monats:
Eine Steppjacke mit dem schrägen Namen Patagonia Micropuff. Mit 200 Gramm superleicht und bis auf die Größe von zwei Tennisbällen zusammenpackbar, dabei aber mollig warm und winddicht. Geburtstagsgeschenk von Mudder Silencer (Danke!) und zum ersten Mal in Schottland getragen, dort aber dann jeden Abend. Bin völlig begeistert von dieser kleinen und sehr guten Reisejacke.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Momentaufnahme: Juli 2022

  1. Dirk Rössner

    Dumbledore s Geheimnisse: Wo ist Jonny Depp plötzlich hin?

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  2. Der ist in ein Plothole gefallen und ward nie wieder gesehen 🙂
    Wird erstaunlicherweise mit keinem Wort thematisiert, und keine Figur wundert sich. „Johnny Depp never happened“ ist anscheinend die Haltung.

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  3. Kalesco

    Kennst du Stray schon? 🙂 Ich hab es heute über Twitter entdeckt und hoffe es kommt für die Switch.

    Zum Dumbledore Film: mich hat am meisten verwirrt, dass der (Deutsche? Weiß nicht mehr) Kandidat aussah wie der neue Grindelwald.
    Die Auflösung empfanden wir auch als sehr mau und abrupt. & Das Rehlein tat mir leid.

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  4. Stray gibt es leider aktuell noch nicht zu kaufen, das ist ein timed exclusive im PS-Service in einem Tier das ich nicht möchte. Aber ich habe es schon vorbestellt beim kleinen Sofwtareladen meines Vertrauens – in der österreichischen Version! (die ist 5 Euro günstiger)

    Ja, das Casting war etwas seltsam. Der Mann war der gleiche Typ wie Mads Mikkelsen. Und das Zombie-Rehlein hat mich schaudern lassen!

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