Momentaufnahme: August 2022

Herr Silencer im August 2022

Wetter: Anfang des Monats leichte Abkühlung und danach nur noch angenehm warm, aber schon in der zweiten Woche kommt die nächste Hitzewelle. Die letzten Tage wird es merklich kühler, mit 9 bis 24 Grad, regnen tut es aber die ganze Zeit über nicht.

Der schlimmste Dürresommer seit 500 Jahren, sagt man. Selbst große Flüsse führen kaum noch Wasser, Hungersteine – die ich bis dato gar nicht kannte – kommen zum Vorschein. Atomraftwerke können nicht mehr gekühlt werden, zu Kohlekraftwerken fahren keine Schiffe mit Kohle, und Wasserkraft – naja, man kann es sich denken.


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The Sandman [2022, Netflix]
England, 1916: Roderick Burgess ist ein selbsterklärter „Magus“, der – ähnlich wie Aleister Crowley – okkulte Rituale durchführt. Sein Ziel: Er will den Tod gefangen setzen. Durch Zufall gerät er in den Besitz eines echten Bannspruchs, und nach einer theatralischen Beschwörung materialisiert sich eine hagere, bleiche Gestalt im Bannkreis – aber es ist nicht Tod, sondern ihr jüngerer Bruder: Traum.

105 Jahre bleibt Morpheus, der Herr des Traumreiches, im Keller des Burgess´schen Herrenhauses gefangen. Seine Abwesenheit hat schlimme Folgen für die Welt: Eine „Schlafkrankheit“ breitet sich aus, Menschen können nicht mehr richtig träumen oder verlieren sich ihnen.

Als der Herr der Träume im Jahr 2022 endlich freikommt, hat er viel zu tun. Er muss wieder zu Kräften kommen, die Schäden im Traumland reparieren und entflohene Albträume einfangen. Und dann gibt es noch ein weiteres Problem: Ein junges Mädchen wird zu einem Vortex, einer Entität, die die Grenzen zwischen Träumenden einreißen und so das Universum vernichten wird. Es ist Traums Pflicht, das Mädchen zu töten.

„Every Frame a Picture“ hat selten so gestimmt wie bei dieser Serie. Beinahe jede Szene könnte man als Standbild ausdrucken und als Gemälde an die Wand hängen. Noch schöner: Die Geschichte zwischen den Standbildern ergibt einen Sinn! Dabei galt die Vorlage, die zwischen 1989 und 1996 entstandene Comicreihe, eigentlich als unverfilmbar. Viele, viel komplexe Geschichten werden darin auf über 2.000 Seiten erzählt, und oft ist Traum – der ernste, stoische, immer schlecht gelaunt wirkende Herr der Träume, nur ein stiller Beobachter, eine Nebenfigur oder ein Katalysator der Ereignisse.

Das greift die Serie wunderbar auf. Nachdem die erzählerischen Fundamente in den ersten vier Folgen gelegt sind, wagt man sich schon ab der fünften Episode an Nebengeschichten wie die von Hob Gadling, der sich über die Jahrhunderte alle 100 Jahre mit Traum in einem Pub in London trifft. Ab Folge sieben gibt es dann einen neuen Story-Arc, und ich hoffe, dass „Sandman“-Neulinge davon nicht überfordert sind – für mich als Kenner der Bücher ergibt das alles einen Sinn.

Die Erzählung der Serie ist dem Quellmaterial wunderbar nachempfunden. Die Macher:innen haben eines verstanden: Auch wenn die Vorlage als Graphic Novel schon ein stark visuell ist, so reicht es nicht, einfach exakt deren Bilder und Dialoge in das Medium Film zu übertragen. Zac Snyder hat das nie verstanden, und das ist der Grund warum sich seine Comicverfilmungen, von „300“ über „Watchmen“ bis hin zu „Batman v. Superman“ so seelenlos und schlecht anfühlen.

Nein, „Sandman“ ist eine Interpretation der Essenz der Comics, und Neil Gaiman selbst hat darauf geachtet, dass die Drehbuchautor:innen den Geist der Vorlage transportieren, ohne eine (zwangsläufig schlechtere) 1:1-Kopie zu sein.

Dazu kommt ein fantastischer Production Value. Echte Sets, dazu ein großartiger Cast – allein Stephen Frey als „Gilbert“ oder Mark Hamill als Kürbis sind eine Schau, aber Tom Sturridge als Traum, Boyd Holbrook als Corinthian und Vanesu Samunyai als Rose Walker rocken alles weg. Und bei der Performance von Kirby Howell-Baptiste als Tod, die in „The Sound of her Wings“ Menschen voller Mitgefühl und Liebe ins Jenseits geleitet, hatte ich ernsthaft Tränen in den Augen.

Dass der Cast divers, und das Geschlecht mancher Figuren ein anderes ist als in der Vorlage stört kein Bißchen, denn wie geschrieben: Der Geist der Vorlage findet sich wieder, überall, und was spricht dagegen die Rollen weißer Männer mit starken, farbigen Frauen zu besetzen? Lediglich die Besetzung von Lucifer ist ein Griff ins Klo. Ich liebe Gwendoline Christie, aber in dieser Rolle funktioniert die 1,91 große „Game of Thrones“-Ritterin leider gar nicht.

Was bei der ganzen Kunst ein wenig auf der Strecke bleibt ist das Pacing. Die Serie nimmt sich am Anfang wesentlich mehr Zeit, als sie tatsächlich für die Einführung in die komplexe „Sandman“-Welt bräuchte. Gerade die ersten vier Episoden verlassen sich ein wenig zu sehr auf ihre Bilder und erzählerische Dramatik missen.

Comicverfilmungen sind meistens eines von zwei Extremen: Marvel-Popcorn oder schlecht. Die hier ist keines von beiden. „The Sandman“ erzählt ernste, erwachsene Geschichten. Oft sehr unfantastisch, abgründig und geerdet, manchmal mit so fantastischen Bildern, das man sich wirklich in einem Traum wähnt.

Große Kunst – aber nicht perfekt. Manche Dinge sind zu glattgeschliffen, wie die 11. Episode um Kalliope, wo eine starke Geschichte um Mißbrauch und Vergewaltigung zu einem bloßen Gefangenendrama wird. Andere sind holprig – ab Episode 6 geht die Qualität der Effekte manchmal sehr merklich runter.

Trotzdem: Ein starker Start. Man kann hoffen, das erzählerisch in den (hoffentlich kommenden) nächsten Staffeln das Tempo etwas anzieht und man noch mutiger wird. Denn der gedruckte „Sandman“ war immer dann besonders stark, wenn es um Abgründe ging oder um Themen wir Trauer, Verlust und Suizid. Ich hoffe stark, das wird nicht des Mainstreams wegen ausgespart.

Trainwreck: Woodstock 99 [Netflix]
Dreißig Jahre nach dem Original Woodstock-Festival soll eine Neuauflage für die Massen her, optimiert auf maximalen Profit. 250.000 Menschen kommen auf eine abgelegene, ehemalige Luftwaffenbasis, aber schon am Einlass geht das Drama los: Es ist heiß, und die Besucher sollen am Eingang ihre Wasserflaschen abgeben und auf dem Festivalgelände etwas kaufen – für bis zu 12 Dollar die Flasche! Die meisten Festivalbesucher sind im Nu pleite, aber das ist nur der Anfang. Zu wenige Toiletten, schlechte Organisation und Hitze sorgen für eine aggressive Stimmung, die dann auf Wutmetal und die Partydrogen der 90er trifft. Am Ende trinken die Leute Fäkalien, reißen Bühnen ein und setzen die Anlage in Brand.

HBO-Doku, die unaufgeregt, aber eindrücklich anhand von Zeugenaussagen rekonstruiert, wie durch schlechte Planung und schlechtere Entscheidungen die Neuauflage des „Festivals der Liebe“ zu einem Albtraum wird, gegen den Sodom und Gomorrha harmlos wirken. Die Bilder von Tag drei sind wirklich apokalyptisch – die Menschen gebärden sich wie Tiere.

Everything, everywhere, all at once [2022, Bluray]
Evelyn und Waymond betreiben einen Waschsalon, was mehr schlecht als recht zum Überleben reicht. Sorgen macht sich aber nur Evelyn, ihr Mann hat Quatsch im Kopf und albert sich durchs Leben – bis er plötzlich sehr ernst und sichtbar verändert davon spricht, dass es viele Versionen von uns gibt, dieses Multiversum aber gerade in Gefahr ist und nur eine Evelyn es retten kann. Aber vielleicht nicht diese Evelyn.

Ein irrer Film, der einem ab Minute 1 hohe Konzentration abverlangt. Das Multiversum, springen zwischen Persönlichkeitssplittern, Fähigkeitentransfer dank falsch angezogener Schuhe – das hier ist ein High-Concept Film, aber anders als die Nolan-Streifen nimmt dieser hier sich nicht ernst und liefert zwischendurch auch schon mal grandiosen Quatsch.

Grandios liefern tut auch Michelle Yeoh. Die 60jähige brilliert hier in zig unterschiedlichen Rollen und springt irgendwann so schnell zwischen den Persönlichkeiten, das einem schwindelig wird. Dazu kommen wahnwitzige Actionszenen und eine Jamie Lee Curtis als übergewichtige, alte, verbitterte Finanzbeamtin/Wrestlerin.

Dagegen ist das Marvel-Multiversum ein Witz, und „Evyerthing, Everywhere, all at once“ schon jetzt mein Film des Jahres. Mit der Meinung bin ich nicht allein: Das Comdey-Drama erreicht auf Rotten Tomatoes einen Tomato-Score von 95% bei den Kritikern und 89% beim Publikum. Unbedingte Guckempfehlung.

Monty Pythons Ritter der Kokosnuss [Gandersheimer Domfestspiele]
931 nach Christus, England: Artus macht sich auf den Weg, Ritter für seine Tafelrunde zu rekturtieren und den heiligen Gral zu finden.

Sehr geile Umsetzung des bekannten Films „Die Ritter der Kokosnuss“ – Wortwitz und Situationskomik kommen auch in der Theaterfassung rüber, die zudem tolle Musicalelemente enthält. Durch eine Erweiterung ergibt die ganze Geschichte sogar deutlich mehr Sinn als die Filmvorlage. Das Ensemble spielt und singt hervorragend, besonder Miriam Schwan als Fee aus dem See ist eine Schau.

Das Bühnenbild ist leider wieder grottig. Minimalismus ist ja OK, aber kann man nicht wenigstens die gute Baumarktfarbe benutzen, damit nicht überall das Sperrholz durchscheint? Egal, „Spamalot“ ist großer, cooler Spaß.

Der kleine Horrorladen [Gandersheimer Domfestspiele]
Ein heruntergekommener Stadtteil New Yorks, in den 60ern: Der Blumenladen von Mr. Mushnik läuft schlecht. Das ändert sich, als eines Tages der leicht tolpatschige Gehilfe Seymour eine seltsame Pflanze ins Schaufenster stellt. Ab diesem Moment rennen die Kunden den Laden ein. Aber die Pflanze hat ein Geheimnis: Sie ernährt sich von Menschenfleich, und davon will sie viel.

Sehr launiges Musical. Bühnenbild ist unpraktisch, aber okay. Cast ist sehr toll und passt auf den Punkt, Highlights sind hier klar Lina Gerlitz als liebenswert-naive Audrey und Guido Kleineidam als Mr. Mushnik.

Miriam Schwan muss schon deshlab den Roswitha-Ring bekommen, weil sie hier in zig Rollen, unter anderem als lachgassüchtiger Schläger-Zahnarzt, zeigt, wie wandlungsfähig sie ist. Das Ganze ist zum Glück so straff inszeniert, das es keine Hänger gibt – 90 Minuten füllt der Stoff halt, bei mehr würde es langweilig. Und: Es ist die Fassung ohne Happy End, was sich der 1986er Film mit Rick Moranis ja nicht getraut hat.


Final Destination 1-5 [2000-2011, DVD/BluRay]
Arschloch-Teenager entkommen zunächst knapp dem Tod, aber der schmiedet neue Pläne und holt sich einen nach dem anderen.

Lebt von den absurden Todesarten, die fast an Rube-Goldberg-Maschinen erinnern. Platter und goofy Spaß. Der fünfte Teil macht einen netten Zirkelschluss zu Teil 1.

Young Sherlock Holmes – Das Geheimnis des verborgenen Tempels [1985, DVD]
London, 1890: Mehrere angesehene Männer sterben. Der Schüler Sherlock Holmes geht dem nach und findet einen ägyptischen Tempel unter London.

Ich habe diesen Film als Kind geliebt, und nach dem Anschauen weiß ich wieder warum: Er sprüht vor tollen Einfällen und fantastischen Ideen, er hat großen Respekt vor dem Quellmaterial und er nimmt seine Figuren ernst. Ja, das hier ist ein Film für Kinder, aber das hat 1985 niemanden davon abgehalten, auch gruselige oder traurige Szenen einzubauen. Die verfehlen ihre Wirkung nicht, denn ein junges Publikum merkt, wenn man es ernst nimmt und es begeistern will.

Das tut dieser Film, auch heute noch. Spannend und gruselig wird er vor allem wegen der Todesarten: Die Opfer halluzinieren, dass sie von Truthähnen, Kleidergarderoben, Kirchenfenstern(!) oder Sahnetörtchen(!!) angegriffen werden. Viele der Effekte sind praktisch und taugen deshlab auch heute noch (die Törtchen!) andere, wie der CGI-Ritter aus Glas, waren damals technologisches Neuland, was vorsichtig betreten wurde – und deshalb auch heute noch gut aussieht. Toller Streifen.


Spielen:

Resident Evil 3 [PS5]
Jill Valentine findet sich in einer von Zombies überlaufenden Stadt wieder, die in wenigen Stunden durch einen Atomschlag ausradiert werden soll. Verzweifelt sucht sie einen Ausweg und ein Heilmittel, wird dabei aber von einem unerbittlichen und unbesiegbaren Gegner verfolgt.

Wieder eine Kombination aus rätseln, gruseln und kämpfen, während ständig „Nemesis“ hinter einem her ist.
Atmosphärisch nicht ganz so stark wie der Vorgänger, aber mit mehr und größeren Schauplätzen und dramatischeren Geschehnissen. Das komplett neu gebaute Remake des im Jahr 2000 erschienenen Spiels für die PS4 bringt im PS5-Modus Raytracing mit – das sieht toll aus, ruckelt aber an einigen Stellen. Spielt aber keine Rolle: Das Gameplay entwickelt einen mächtigen Sog, und ich wollte immer wissen wie die Geschichte weitergeht. Sehr tolles Game.

Außerdem: Titanfall 2. Rezension davon hier.


Machen: Probefahrten mit V-Stroms.


Neues Spielzeug:

 

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Kategorien: Momentaufnahme | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Momentaufnahme: August 2022

  1. Wie immer finde ich deine Momentaufnahme super spannend!
    Bei Sandman und Everything[…] frage ich mich, ob das was für mich sein kann, da es sehr anspruchsvoll klingt und zum Mitdenken zwingt. Vielleicht nichts, was ich zur Zeit leisten kann 😀 (so ein Kleinkind, wie vorher das Baby auch, ist ganz schön anstrengend)
    Ich habe mir mal den ersten Teil des Sandman Comics mit Kindle Unlimited geholt… Der Trailer der Netflix Version sieht ja schon interessant aus, aber auch sehr spezifisch. Werden die Figuren echt so gut eingeführt, dass man sich auch ohne Vorkenntnisse auskennt?

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  2. Ja cool wenn Du hier Anregungen findest. Das ein Kind fordernd ist, glaube ich gerne
    😀

    „Everything“ guckt man wirklich nicht nebenbei. Bei Sandman kann ich nicht sagen, ob die Figuren ausreichend eingeführt werden – ich habe halt Vorkenntnisse. Würde mich mal interessieren, wie Du das siehst.

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  3. Der September ist da – und mein bislang sehr motorradloses Jahr geht weiter. Aktuell verhindert trockener Reizhusten und das Fehlen von Freizeit jeglichen Zweiradspaß. Ich muss wohl mal kontrollieren ob die Kombis überhaupt noch passen oder ob sich das Gewcht irgendwie anders verteilt und es jetzt hier zwickt und dort schlabbert…

    Deine Momentaufnahmen verdeutlichen mir wie schnell das Jahr dahinplätschert (im Hitzesommer ohne Regen). 😦

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  4. Ach Mensch, was ist denn bloß los? Hast du dir im Sommer was gefangen, das Zweiradfahren verhinderte?

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  5. Das böse C hat sich nach rund 2,5 Jahren erfolgreicher Abwehr auch bei mir in den Körper geschlichen. Natürlich habe ich dann mal bei der Annahme der Lieferung bei fast allen Symptomen »[X] Ja, brauche ich unbedingt« angekreuzt.
    Der Reizhusten kam aber erst nachdem 4 Tage lang alles abgeklungen war (Schnelltests 12 Tage lang positiv, 2 Tage danach kam der Husten).

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  6. Oh man. Dann mal gute Besserung und alles Gute! Erhol dich und lass es langsam angehen – das Zweirad ist nächstes Jahr auch noch da.

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