Familiäre Dialoge -VII-

Februar 2022.
Telefon.

Vater: „Sohn! Ich bin verzweifelt. DIE haben mir mein Auto kaputt gefahren.“

Ich: „Was? Au Scheiße. Geht es Dir gut?“

Vater: „Jaja, ne. Aber das Auto, wie gesagt, das ist kaputt. Aber ist kein Problem, ich muss nichts bezahlen, der Mann hat es mitgenommen.“

Ich: „Erzähl mal von vorne, bitte.“

Vater: „Die Katzen hatten Hunger und das Wetter war nicht so und dann bin ich ins Auto, und unten am Berg da hat es dann geschneit und ich bin mit ausreichendem Seitenabstand an einem Auto vorbeigefahren das da geparkt hat und plötzlich macht es BUMM und ich schleudere so rum und dann war das Auto kaputt.“

Ich: „Du hast aus dem Fenster geguckt, den Schneesturm gesehen und beschlossen, dass das genau der richtige Zeitpunkt ist ins Auto zu steigen und einkaufen zu fahren? Und bist in ein geparktes Auto gerutscht?“

Vater: „Nein! Hör doch mal zu! Ich bin nicht gerutscht! Ich bin da mit aus-reich-en-dem Abstand dran vorbeigefahren! Und dann hat es Bumm gemacht. Ich habe den gar nicht berührt! Bei dem ist auch gar nichts kaputt. Außer an der Felge so ein Bißchen. Da ist was abgefallen. Kann man aber wieder dran machen.“

Ich: „Also bist Du doch in das geparkte Auto reingefahren“

Vater: „Das war nicht meine Schuld, ich konnte doch nichts sehen! Wegen des Schnees! Da kann doch niemand was sehen! Und dann bin ich so rumgeschleudert und vorne gegen den Bordstein. Und dann waren alle gleich aufgeregt und haben die Polizei gerufen und der Abschlepper war da und der hat gesagt: Das ist ein Totalschaden, der Wagen ist nichts mehr wert und wenn ich ihm den schenke, dann muss ich wenigstens keine Abschleppkosten zahlen.“

Ich: „Und was hast Du gemacht?!“

Vater: „Naja was soll ich denn gemacht haben? Habe ich halt das Auto verschenkt, nützt ja nichts. Aber wie gesagt, ich hatte keine Schuld. Auch nicht an dem Hildebrandt seine Schulter.“

Ich: „Was hat denn der Hildebrandt jetzt damit zu tun?“

Vater: „Ja der saß in dem Auto. Und nun sagt er, ihm tut die Schulter weh. Aber da kann ich nichts für! Was bremst der auch so stark, mitten im Schneesturm!!“

Ich: „Äh. Also war noch ein Fahrzeug beteiligt? Und das hat vor dir gebremst?“

Vater: „NEIN! Du hörst nie zu, wenn ich mit Dir rede, oder? Der saß da in dem geparkten Auto! Was da stand, weil er vorher so stark gebremst hat! Weil es geschneit hat! Und da bin ich in weitem Bogen drum rum und hab den gar nicht berührt und dann Bumm und dann war mein Auto kaputt und wie das mit dem Hildebrandt seiner Schulter kam und seinem appen Rad, das weiß niemand!“

Ich: „Okay, Ich fasse noch einmal zusammen: Es hat so stark geschneit, dass man nichts sehen konntest. Der Fahrer vor Dir hat aufgrund der schlechten Sicht gehalten und Du bist ihm hinten rein gefahren und hast einen Totalschaden mit Personenschaden verursacht. Und anschließend hast Du Dein Auto verschenkt.“

Vater „Aber ich bin nicht schuld, was kann ich denn dafür wenn der da so dämlich…“

Ich: „Ich komme morgen früh vorbei. Wir regeln das.“

Vater: „Bring Katzenfutter mit!“

Und geregelt haben wir das dann, im Februar. Natürlich hat er sein Auto nicht verschenkt, es stand sicher im nahegelegenen Autohaus. Aber es war tatsächlich ein Totalschaden. Der Personenschaden war zum Glück nur ganz leicht, am Ende ist also alles gut ausgegangen. Sogar die Katzen wurden gefüttert.

Bezeichnend aber: Es sind immer „DIE“, die Schuld sind. „DIE“ stellen Hemden heute absichtlich kleiner her als früher, damit man sich dick fühlt. „DIE“ sorgen dafür, dass einem auf einen Samstag das Heizöl ausgeht. Und „DIE“ machen halt Bumm und plötzlich ist das Auto kaputt. Bei meinem Vater sind es IMMER die anderen.

Aber gut, mit über 80 Jahren lernt man auch nicht mehr, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Zudem deutlich zu sehen: Die familiären Dialoge werden im Verauf immer unlustiger und sind zunehmend geprägt von einer gewissen Hilflosigkeit. Mein Vater ist ein alter Sturkopf, aber ich fürchte, der braucht jetzt mal Unterstützung.

Frühere Familiäre Dialoge:

Nicht-ans-Telefon-geh-Dialog
Dialog zum 80sten
Impfdialog
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Familiäre Dialoge -VII-

  1. Ali

    Ich, als älterer „Sack“, bin immer bemüht, das eigene Tun&Handeln zu reflektieren.
    Hoffentlich komme ich nie in die Situation, wo Andere über das bestimmen, was ich eigenständig nenne, das wäre der Supergau. Es ist – um auf Linie zu bleiben – manches Mal nicht einfach, im Alter tut Bequemlichkeit einfach besser, man! soll aus Sicht eines Jüngeren einfach noch funktionieren was im Alter von jenseits 80 nicht von Jedem gewährleistet werden kann. Da kann man noch froh sein, weder ein Grab noch eine Windel zu brauchen.

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, so jemanden hatte ich auch in der Familie. Der bügelte einen Radfahrer in die Waagerechte und behauptete dann, jener habe ihm sein Fahrrad unters fahrende Auto geschmissen. Und das weit vor den 80.
    Aber wir alle werden auch älter (hoffentlich). Wer weiß denn, ob wir da nicht auch ein wenig … anders werden? Ich bin gespannt und hoffe, dass ich dann noch über mich selbst lachen kann 😉

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  3. Hartes Brot, wenn man nicht mehr mit Argumenten durchdringen kann. Bisher blieb es mir erspart und ich hoffe, das bleibt so. Auch bei mir…

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