Reisetagebuch (2): Blut am Mont Saint Michel

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute scheitere ich am Tagesziel, muss Viecher jagen und es fließt Blut.

Sonntag, 03. Juli 2022
Ich schlafe und träume von der Arbeit und schlafe weiter und als ich aufwache, ist es erst kurz vor fünf. Ich weiß sofort, wo ich bin. Auf der Domaine de Regnoval, einem großen Bauernhof, 60 Kilometern nördlich von Paris. Ich drehe mich nochmal um und mache die Augen zu. Im Halbschlaf wabert eine tiefe Zufriedenheit mit, weil ich weiß, dass das hier echt ist. Das ich unterwegs bin. Unterwegs mit dem Motorrad. Dann döse ich noch einmal weg.

Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie es um kurz nach sechs in der Küche im Erdgeschoß anfängt zu rumoren. Geschirr klirrt, Besteck klappert, Dampf schorchelt, ein Toaster plonkt, irgend etwas bruzzelt. Es hört sich an als würde eine Großküche in Betrieb genommen. Was es da nachher wohl Schönes gibt?

Einheinhalb Stunden klappert und bruzzelt und dampft es da unten, und um halb acht beschließe ich, mir all die Leckereien anzusehen. Hungrig bin ich auf jeden Fall. Bei der Abfahrt gestern Morgen war es zu früh für Frühstück, dann habe ich mir den Tag über wegen der weiten Strecke keine Zeit für eine Pause genommen, und um Abendessen zu fahren war ich dann zu müde. Die letzte Mahlzeit war also… vorgestern? So ist das, wenn ich unterwegs bin. Dann ist sowas wie Hunger Nebensache.

Aber jetzt bin ich erholt, so ausgeruht, wie man es nach 10 Stunden Schlaf nur sein kann, und bereit für all die Köstlichkeiten, die in den letzten eineinhalb Stunden im Erdgeschoss angerichtet wurden.

Als ich die Treppe zu der kleinen Küche, die gleichzeitig Frühstücksraum ist, hinabsteige, sieht mich eine blonde Mitfünfzigerin an. Sie sagt aber nichts. Sie guckt mich nur an. „Bonjour Madame, je m´appelle Silencer“, sage ich.

Sie sieht mich zweifelnd an und zieht die Nase kraus, sagt aber immer noch nichts. Geht das schon wieder los? Das ist ja genauso schlimmes Kommunikationsverhalten wie gestern mit dem Bartmann.

„Aaaaaa-ah. Petit Dejeuener?“, spreche ich etwas hölzern das Offensichtliche aus, einfach um die Stille zu überbrücken, und deute auf einen Tisch. Offensichtlich hat sie aber immer noch kein Wort verstanden.

„Zimmer 1?“ fragt sie dann auf französisch. Ich nicke. Sie geleitet mich an einen kleinen Ecktisch und zieht ein Deckchen von einem Körbchen. Darin liegen zwei Croissant. Dazu gibt es zwei Sorten Konfitüre. Das war es. Ich beklage mich nicht, zusammen mit dem großen Kaffee reicht mir das hier völlig, aber was zum Geier hat sie hier die letzten eineinhalb Stunden geklappert, gebrutzelt und getoastet?

Die beiden Croissants zu verputzen und die Schale Kaffee zu vernichten dauert keine 5 Minuten, aber in mir ist der sportliche Ehrgeiz geweckt, ob ich nicht doch ein Gespräch in Gang bekomme. Man lernt unterwegs nur etwas, wenn man sich mit Menschen unterhält.

„Hmm, die Konfitüre ist lecker, selbstgemacht?“, frage ich und deute auf die Glastöpfchen mit den schiefen, selbstgedruckt aussehenden Aufklebern. „Qwo?“ sagt die Frau. „Die Konfitüre ist SEHR GUT, haben sie die gemacht?“, sage ich. Die Frau wackelt mir dem Kopf und sagt „Cmt? Vopouv´ l´acheter n´supermarché“ Wieso? Die kann man im Supermarkt kaufen. Aha.

„Ist ein wenig kühl heute morgen, was?“, sage ich mit Blick auf die 9 Grad auf dem Thermometer. „Hä?“, macht die Frau. „Ein wenig kalt!“, sage ich, deute aus dem Fenster und mache die universellen „kalt hier“ Armbewegungen. „Le Chambre ouke vouls-di?“, sagt die Frau und stiert mich an. „Nein, nicht im Zimmer“, sage ich. „Das Zimmer war bestens. Draußen. Draußen ist es kalt.“

„Ou“, sagt sie, wo. Ich deute nochmal aus dem Fenster, wo der Tau dick und weiß auf der Wiese liegt.
„Ach“, sagt sie. „´coup Pluie sem´dern´“, was wohl so viel heißt wie „Letzte Woche viel Regen“. Und damit ist das Gespräch von ihrer Seite vorbei, und ich stehe auf und hole mein Gepäck. „Au Revoir!“, ruft die Frau, und das verstehe ich wenigstens.

Ich trage die Koffer zum Motorrad. Ja, kühl ist es, aber der Tag wird sonnig und warm werden. Tau liegt auch auf der Sitzbank und glitzert im Sonnenlicht.

Über Felder und Dörfer geht es. Das ist nicht spannend, aber ich habe trotzdem total gute Laune. Wind im Gesicht! Sonne im Rücken! Ich bin raus aus dem Alltag und unterwegs und schon 1.000 Kilometer weg von zu Haus!

Mein Weg führt durch die Stadt Rouen. Auch französische Städte haben jetzt Umweltzonen. Rouen jetzt nicht, aber Lyon und Paris und ein paar andere, und ständig werden es mehr. Um auch in und durch diese Städte fahren zu dürfen, trägt die Barocca jetzt eine „Crit´Air“-Plakette an der Gabel. Das ist sowas wie die deutsche Umweltplakette und lässt sich für ein paar Euro über eine Website in Frankreich bestellen.

Weiter auf eine Schnellstraße. „Zum Mont Saint Michel 126 Kilometer“, steht auf Schildern am Straßenrand. Uh, wie beliebt muss eine Sehenswürdigkeit sein, um noch in 120 Kilometern Entfernung ausgeschildert zu sein?

Sehr beliebt, stellt sich heraus. Nach dem Eiffelturm ist der Mont Saint Michel, das Kloster auf dem Berg im Meer, die zweitbeliebteste Attraktion Frankreichs. Hier an einem Sonntag Nachmittag im Juli herzukommen… sagen wir mal so: Ich hege den Verdacht, dass ich schon mal bessere Ideen hatte.

Als ich auf die Küste zu fahre, wird aus der Vermutung Gewissheit. Nicht nur, dass hier viel los ist – auch die Verkehrsführung und die Gästeinformation sind DAS GRAUEN.

Erst stehe ich eine Viertelstunde in einer Schlange Autos und Motorräder, die an einer Schranke warten. Die Fahrer tippen auf der Konsole vor der Schranke herum, setzen Lesebrillen auf und mustern mit gefurchter Stirn die Anweisungen. Als ich fast dran bin, sehe ich ein Schild, das in Bodennähe befestigt ist „Nur Fahrzeuge mit Sonderberechtigung und Gäste der Hotels am Mont Saint Michel“. Oh man, umsonst angestanden.

Ich biege ab und entdecke ein anderes Schild. „Zu den Parkplätzen“, steht da, und weiter: „P1 bis P6: PKW. P7 und P8: Busse. P9: Motorräder“. Ah, super! Auf nach P9!

Langsam rollt die V-Strom eine Allee entlang, von der die einzelnen Parkflächen abzweigen. Jede ist mit einer Vollschranke versehen. Mal sehen… P6… P7… P8… Ende der Allee. Hä?

Ich halte an und gucke mich um, aber P9 bleibt abwesend.
Kein Wegweiser.
Nochmal.

P6… P7… P8… Ende der Allee. Hmpf. Kein P9, kein Motorradparkplatz. Sollen ditte?

Ich drehe um und fahre zurück zu P5, ziehe ein Ticket für Autos (24 Stunden nur 9,80 Euro, steht in Winzschrift auf dem Automaten), dann lasse ich das Motorrad zurück und laufe Richtung Mont St. Michel.

Und laufe. Und laufe. Vorbei an Restaurants. Einer Wiese mit bunten Plastikkühen. Einem Hotel. Einer Kunstgalerie. Noch einem Hotel. Drei Restaurants in Folge. Noch einem Hotel. Kein Witz, dem alten Kloster ist hier eine Vergnügungsmeile vorgeschaltet.

Dann komme ich an den Damm, der den Fluss kanalisiert, der hier ins Meer mündet. Durch das Projekt soll der Fluss mehr Kraft bekommen und so die Ansiedlung von Vegetation erschweren. Die droht um den berühmten Berg im Wattenmeer zu wachsen.

Apropos Berg: Der ist GANZ SCHÖN WEIT WEG, bestimmt fünf Kilometer. Die Gebäude sehen gigantisch aus, und wie aus einem Märchen und wunderschön. Eine Straße auf einem Damm führt auf das beeindruckende Bauwerk zu. Viele Gruppen mit Fußgängern sind hier unterwegs, meist Familienausflüge.

Es ist sehr warm, aber durch den ständigen Wind vom Meer gut auszuhalten. Ich ziehe die dicke Motorradjacke aus und hänge sie mir über die Schulter, dann laufe ich weiter auf den Berg zu.

Mont-Saint-Michel hat eine bewegte Geschichte. Die kleine Insel mit dem steilen Berg drauf gibt es schon seit Ewigkeiten. Bevor der Berg bebaut wurde, nannten die Menschen ihn „Mont-Tombe“, den Grabberg. vermutlich weil er an ein Hünengrab erinnerte.

Im Jahr 708 passierte dann das, was überall in Europa zu dieser Zeit geschah: Der Erzengel Michael erschien und verlangte, dass eine Kirche für ihn gebaut wurde. Kirchen auf Bergen zu verlangen, das war wohl Michaels Hobby, das machte er überall. Der zuständige Bischoff weigerte sich zunächst, weshalb ihm Michael eines Nachts ein Loch in den Kopf brannte, worauf der Bischof sich fügte und ein kleines Sanktum auf dem Berg errichten ließ. (Der Schädel des Bischofs ist noch erhalten, und er hat wirklich ein Loch. Das stammt aber von einer Zyste und ist nicht über Nacht entstanden).

Bevor der gelöcherte Bischoff aber eine richtige Kirche da hinstellen konnte, nahm die Armee den Berg in Beschlag und errichetet dort einen Vorposten gegen Angriffe der Wikinger.

Dreihundert Jahre später waren die Wikinger kein Thema mehr, und die Kirche hatte sau viel Geld. So entstand auf dem Berg eine Abtei im gothischen Stil, die Saint Michel, und die wurde zur Festung ausgebaut.

Stellte sich übrigens raus: Erzengel Michael hatte quasi ein Franchise in ganz Europa aufgezogen. Die bedeutendste Michaels-Kirche ist auf dem Berg Gargano in Italien, und von dort wurden die Filialen mit Reliquien versorgt. Weil die Abtei auf dem Saint Michel so gelungen aussah, wurde sie zum Vorbild für andere Ableger. Kein Witz: Ähnlich wie nahezu alle McDonalds-Filialen gleich gebaut sind, gibt es noch mehre Abteien-auf-Bergen, die der auf Mont Saint Michel sehr ähnlich sehen. An der Südküste von England zum Beispiel, vor Cornwall, gibt es eine Felseninsel, auf der eine fast identisch aussehende Anlage steht und die „Saint Michaels Mount“ heißt:

St. Michaels Mount vor Cornwall.

Oh man. Ich laufe eine halbe Stunde, dann bleibe ich stehen und gehe kurz in mich. Die Sonne scheint, es ist heiß, es sind verdammt viele Leute unterwegs und ich merke, dass ich mir in den Daytonas Blasen laufe. Will ich WIRKLICH noch weitere zwei Kilometer bis zum Berg und dann ganz auf den drauf und dann wieder zurücklaufen? 10 Jahre und 15 Kilo früher hätte ich daran schon gezweifelt, aber dazu kommt: Meine Füße werden mich umbringen, UND ich werde mich dicht an dicht mit schwitzenden Menschen da hochschieben müssen.

Die Alternative um zum Berg zu kommen wäre ein Bus. Regelmäßig fahren Shuttlebusse zum Berg und wieder zurück. Die sind aber rappeldicke voll, die Leute stehen dicht gedrängt in den kleinen Fahrzeugen, und niemand, niemand trägt eine Maske. Tja, vorher die Corona-Explosion gerade kommt? Völlig unerklärlich. Ich seufze, mache ein Foto, dann drehe ich um. Ist zwar ein wenig dumm, 1.000 Kilometer zu fahren und dann zwei Kilometer vor dem Ziel umzudrehen, aber das hat ja keinen Zweck so.

So nahe bin ich dem Mont Saint Michel gekommen:

Der Berg und die Gebäude gehören übrigens dem Staat, schon seit der französischen Revolution. Während der wurden die Gebäude als Gefängnis genutzt. Das hatte den Ruf, grauenvoll zu sein. Von der Insel schaffte es kaum jemand zu flüchten.

Danach verfiel alles, und um 1850 passierte das, was zu der Zeit überall in Frankreich geschah. Romantiker entdeckten die alten Gebäude und priesen sie in Gedichten und Liedern. So etwas lockte zu dieser Zeit marodierende Restaurateure an, und so dauerte es nicht lange, bis Eugene Violet-Le-Duc mit seiner Bande von Extrem-Denkmalschützern auf der Matte stand. Dieser Herr ist uns hier im Blog schon öfter begegnet. Er war es, der damals alte Gebäude „rettete“, andere nannten es „Vandalismus“. Le Duc und seine Bande restaurierten nämlich mit viel Fantasie, und nicht so, wie es historisch korrekt gewesen wäre. Die Gargoyles auf Notre Dame in Paris? Die Dächer auf der Festung von Carcasonne? Hat er sich alles ausgedacht.

Am Mont Saint Michel hatte er selbst nur leidlich Interesse, und so war es einer seiner Schüler, der die Gebäude neu aufbaute. Der hatte damit auch Erfolg, die Anlage steht heute noch, sieht nicht aus wie Schloss Neuschwanstein und ist doch ein so bemerkenswerter Anblick, das rund 3,5 Millionen Touristen jedes Jahr hier einfallen um die Anlage zu bestaunen. Die große Abtei ist übrigens fast leer. Seit 1966 leben wieder eine Handvoll Gläubige der „Gemeinschaft von Jerusalem“ dort. Insgesamt beträgt die Einwohnerzahl lediglich 29 Personen.

Wieder bei der Restaurantmeile angekommen merke ich, dass es die richtige Entscheidung war umzukehren. Meine Fersen sind aufgescheuert, und im rechten Stiefel wird es bereits feucht. Anscheinend habe ich mir die Hacken blutig gelaufen. „Blut am Mont Saint Michel“ – klingt wie ein Titel eines Normandie-Krimis. Eines sehr billigen Krimis.

So, zurück am Parkplatz. Wo ist eigentlich die Kasse hier? Die Ausschilderung ist wirklich ein Witz. Keine Bezahlautomaten, keine sinnvollen Wegweiser, und die einzige Übersichtskarte ist direkt dort aufgestellt, wo sich die Kasse ohnehin befindet, in einer kleinen Halle mit einer Touristinformation.

Hinter einem der Tresen thront Francoise, und der gebe ich mein Ticket. Sie steckt es in ein Lesegerät und guckt besorgt. „Ohje, das ist gar nicht gültig“, sagt sie dann. „Der Magnetstreifen ist kaputt. Unsere Tickets vertragen sich nicht mit Mobiltelefonen, die gehen davon kaputt“.

„Aha“, sage ich. Mein Telefon hat dieses Ticket nie auch nur aus der Ferne gesehen. „Sind sie mit dem Motorrad da? Aber sie stehen auf P5!“ „Ich war zu dumm P9 zu finden“, sage ich. „Ach“, lacht Francoise, „da sind sie nicht alleine! Niemand findet P9!“ Ich verziehe den Mundwinkel.

„Also, ich gebe ihnen ein neues Ticket und sie bezahlen für Motorrad. Das ist dann aber nicht gültig“, sagt sie und strahlt. „Hä?“, mache ich zum wiederholten Mal an diesem Tag. „Ja“, sagt Francoise und hält das Ticket hoch. Mit Kuli hat sie „Moto P5“ darauf notiert „Sie drücken einfach an der Schranke auf den „Hilfe“-Knopf und halten das hier in die Kamera, dann lassen sie meine Kollegen raus. „Ah“, mache ich, beazhle und verabschiede mich. Warum kann es nicht ein Mal einfach sein?

Zurück am Parkplatz starte ich die V-Strom und rolle an die Schranke und tue wie mir geheißen und drücke ich den Notruf-Knopf. Sofort ertönt eine Stimme, die aber von Anna übertönt wird, die sich genau diesen Moment aussucht um mir lautstark fürchterlich wichtige Dinge über den Straßenzustand in 100 Kilmeter Entfernung ins Ohr zu posaunen. Ich schalte die Lautsprecher im Helm ab, dann widme ich mich wieder der Schranke.

Ich habe nichts verpasst, die Stimme aus dem Automaten kommt vom Band und wiederholt ständig auf französisch „Wir nehmen ihren Anruf gleich an, bitte warten sie.“

So geht das eine Minute, dann zwei. Hinter mir stehen die ersten Autos. Die Automatenstimme dödelt weiter. Die Autos hupen. Ich drehe mich im Sattel um und ziehe die Schultern hoch. Ja Leute, ich komme hier auch nicht raus.

Endlich geht jemand ans Telefon. „Ich bin ein Motorrad und will raus“, rufe ich und halte das Ticket in Richtung der Säule, in der ich eine Kamera vermute. „Francoise hat gesagt das geht klar!“. Schweigen, dann geht kommentarlos die Schranke auf.

Die V-Strom hat jetzt 400 Kilometer auf dem Tageszähler und könnte mal Sprit gebrauchen. Die erste „Total“-Tankstelle hat bis auf eine Säule geschlossen, und an der steht ein Wohnmobil, um das die Besitzer gerade suchend herumtanzen.

Die zweite Tankstelle, die Anna ausfindig macht, ist komplett zu. „ELAN“ – eine Enttäuschung. An einer anderen „Total“, kurz vor meinem heutigen Tagesziel, finde ich dann doch noch Nachschub für die Barocca. Wir merken uns: Tankstellen in Frankreich an einem Sonntag: Schwierig, weil nur zum Teil in Betrieb.

Es ist früher Nachmittag, und gerne würde ich mir jetzt noch die Hafenstadt St. Malo ansehen. Die liegt nicht weit weg, trotzdem ist das nicht mehr Normandie, sondern die Bretagne. Die Stadt ist wirklich malerisch an der Küste gelegen, und die Altstadt, die aus großen Stadthäusern besteht, ist mit einer hohen Mauer umgeben. Malerisch liegt die „Hamburg“ vor der Stadt.

Aber ach, ach, ach, außer mir wollen auch Tausende andere St. Malo angucken – die zahlreichen Parkplätze an der Stadtmauer sind bis auf die letzte Ecke belegt, hier findet nicht mal mehr ein Motorrad ein Plätzchen.

Naja, egal. Fahre ich halt zum heutigen Tagesziel, das nur 30 Kilometer entfernt liegt.

An dem Ort Saint-Pierre-de-Plesguen ist der Name noch das größte, der Ort selbst ist winzig. Er besteht zum überwiegenden Teil ebenfalls aus Stadthäusern. Die sind meist zwei bis drei Stockwerke groß, aber weil die Stockwerke hoch und die Gebäude aus grauem Naturstein gebaut sind und steile Dächer haben, wirken sie größer und klotziger, als sie eigentlich sind.

Im Winzort finde ich einen perfekten Parkplatz, direkt vor der Kirche und keine zwanzig Meter von meiner heutigen Unterkunft, der Pension „Bonjour“ entfernt.

Im „Bonjour“ begrüßen mich Caterine und Jeff. Zwei herzliche Menschen, die in einer Haushälfte leben, die gerade mal fünf oder sechs Meter breit ist. Im Erdgeschoss ist ein Wohnzimmer, in dem es auch eine kleine Küche gibt. Neben der Küchenzeile ist eine Schminkecke, die wohl Caterines Friseurladen darstellt.

In der Etage darüber, zu erreichen über eine sehr enge und gewendelte Leiter, gibt es ein Schlafzimmer, ein Badezimmer und eine Abstellkammer. Dort drüber, auf dem Dachboden, ist mein Zimmer für heute Nacht. Alles auf engstem Raum. Um nach oben zu kommen, muss man sich auf einer Wendeltreppe um einen Alten Kamin rumwinden und dann durch ein Loch unter einem Balken kriechen. Ich muss allen Ernstes den Koffer da durchschieben und dann hinterherklettern. Man, hier bekommt man ja Platzangst!

Das restliche Gepäck bleibt im Erdgeschoss, handeln wir aus.

Jeff hilft mir dabei, den verbliebenen Koffer und das Topcase das vom Motorrad zu holen und zum Haus zu tragen. „Woah, große Maschine. Ist das eine 1.250er?“ fragt er, als er die V-Strom sieht. „650er“, sage ich.
„Nein!“, sagt Jeff.
„Doch!“, sage ich.
„Aha!“, sagt Jeff.
Dicht dran, denke ich.

Dann sagt er etwas und deutet in Richtung Rathaus. „Kannst das Motorrad hier nicht parken, da ist eine Sicherheitskamera“, verstehe ich sein murmeliges französisch. „Kann ich nicht hier stehenbleiben?“ frage ich. Das ist doch perfekt hier! „Nein, das ist eine Sicherheitskamera“, wiederholt er. Was machen die hier bloß? Ist hier nur begrenzte Parkzeit und die kontrollieren das über die Kamera? Aber warum steht dann hier kein Schild? „Kann ich bei der Mediathek parken, hinter dem Rathaus?“, frage ich. „Ja, da auch“, sagt Jeff. Na gut. Dann parke ich nochmal um.

Als ich auf einem schönen Platz am Gemeindezentrum, aber weiter weg vom Haus, parke, fällt mir auf: Vielleicht meinte Jeff, ich sollte direkt unter der Kamera in einem Fußgängerbereich parken, WEIL das Motorrad dann bewacht ist und vermeintlich sicher steht? Ach man. Warum sprechen die Franzosen hier bloß kein Französisch?

Als ich endlich wieder die Kletterpartie zum Zimmer hinter mir habe und gerade die nassgeschwitzten Sachen ausziehe, steht Jeff plötzlich im Zimmer. „Wir gehen übrigens jetzt in den Park, da sind Statuen! Sehr kunstvoll! Willst Du mitkommen?“ Ich stehe in der langen Motorradunterwäsche mitten im Zimmer. „Später, ich muss erstmal duschen“, sage ich. „Okay“, sagt Jeff und geht.
Man man man.

So, lange Unterhose aus, Merinooberteil aus. Socken aus. Man, das sind ja riesige Blasen! Und die rechte ist tatsächlich so tief, dass es blutet.
„Hier, der Schlüssel“, sagt Jeff, der schon wieder mitten im Zimmer steht, „Hatte ich vergessen!“ „Ja fein und jetzt bitte raus hier!“, herrsche ich ihn an. Man, was ist denn das hier?

Eine halbe Stunde später bin ich geduscht und angekleidet und die Blasen sind mit Blasenpflastern verklebt. Im Friseursalon-Wohnzimmer ist niemand, und die Tür ist verschlossen. Ich probiere den Schlüssel, den Jeff mir gegeben hat. Er passt. In dem Moment wo ich die Tür öffne wutscht eine kleine, schwarzweiße Katze an mir vorbei und rennt auf die Straße. „Bleib stehen, Du Scheißvieh“, rufe ich und renne hinter der Katze her, aber die verschwindet blitzartig um eine Ecke und ist verschwunden. „Komm zurück Dur Drecksvieh“ rufe ich und renne hinterher.

Hinter der Ecke ist eine kleiner Garten als Begrenzung eines Parkplatzes, mit zwei Beeten und einem Insektenhotel, und hinter dem hockt die Katze. Ich hole den Motorradschlüssel raus und klingele damit und mache „hier, Kity Kitty“, aber die Katze guckt nur, macht eine Satz und ist in einem Busch verschwunden. MAN! warum kann es nicht EIN MAL einfach sein??

Ich suche die Büsche ab, aber die Katze beliebt verschwunden. Verdammt, und wenn das nun eine Hauskatze war, die nie zurückkommt wenn sie einmal in Freiheit ist? Auf allen vieren krieche ich in den Rhododendron. Plötzlich sehe ich die Katze, auf der anderen Seite des Busches. Ich bewege mich gaaaaanz vorsichtig auf sie zu, aber sie macht einen unglaublichen Satz über eine mannshohe Mauer und ist jetzt wirklich verschwunden. Scheiße. Bleibt mir wohl nichts übrig als das meinen Gastgebern zu beichten.

Auf dem Weg zurück zum Haus kommen mir Caterine und Jeff mit einem Hund entgegen. Ich ziehe ein zerknirschtes Gesicht und sage „Es tut mir sehr leid, aber eure kleine Katze ist entwischt“. Jeff lacht. „Das ist normal!“, sagt er, „das macht sie ständig. Die kommt schon wieder“. Na, dann ist ja gut.

Jetzt habe ich auch Zeit und Ruhe mir etwas die Beine zu vertreten. Der Ort mit dem unausprechlichen Namen ist schön, aber der als „sehr kunstvoll“ gelobte Skulputurenweg eher gruselig – Tonköpfe stecken auf Pfosten, um die, einem Totenhemd gleich, Stofftücher im Wind flattern. Uargh.

Um kurz vor sieben schlendere ich in das Restaurant auf der Straßenseite gegenüber dem Coiffeurladen. Die Tür ist offen und die Terasse eingedeckt, und ich betrete den kleinen Laden. „Guten Abend, hätten sie einen Tisch für mich?“, frage ich. Ein junger Mann in einem feierlichen Dreiteiler sieht mich Ernst an, dann sagt er: „Wir öffnen erst um 19 Uhr“. „Das ist in 10 Minuten, darf ich schon Platz nehmen?“, frage ich. „Nein, wir aben geschlossen“, wiederholt der Anzugträger. Ja, dann halt nicht.

Ein Stückchen weiter ist eine Pizzeria, einer dieser typischen kleinen Imbisse, aber gemischt mit Spezialitätenverkauf mit Wurst und Käse und Konfitüren aus der Region.

Hinter der Kasse steht ein glatzköpfiger Mann und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Haben sie geöffnet?“, frage ich vorsichtig. Der Mann reisst die Augen auf und guckt mich groß an und rudert dann aufgeregt wie ein Louis de Funes mit den Armen. „Sie stehen im Laden, also werden wir wohl geöffnet haben. Wäre der Laden nicht geöffnet, hätten sie nicht hier reinkommen können. Aber die Tür war offen, sie sind hier, was sagt ihnen das?“, ruft er.

„Das Restaurant da hinten ist auch offen, aber geschlossen“, sage ich. „Davon weiß ich nichts“, sagt der Mann und guckt weg. Ob ich essen wolle, fragt er dann. Ja. Und wann? Jetzt. Und wo? Draußen, am liebsten.

Er verzieht das Gesicht, dann greift er sich einen kleinen Esstisch und trägt ihn unter lautem Stöhnen und Kopfwackeln nach draußen, wobei er murmelt „Monsieur will etwas essen! Monsieur möchte JETZT etwas essen und Monsieur möchte DRAUßEN etwas essen! Natürlich, Monsieur, warum nicht, Monsieur! Draußen, ha!“

Mir egal, das Herr de Funes das für eine Zumutung hält. Es ist nunmal immer noch Pandemie, und schon deshalb will ich nicht in kleinen, engen Innenräumen mit anderen Menschen sitzen.

Ich nehme Platz, wenig später kommt er noch einmal und beginnt eine freundliche Unterhaltung – auf Deutsch! Das hatte er in der Schule, sagt er, aber weiß aber nicht mehr viel. „Genau wie ich mit meinem Französisch“, sage ich. Wir einigen und auf englisch und unterhalten uns nett, und dann gibt es Pizza mit Kebabfleisch und ein Bier. Das erste richtige Essen seit zwei Tagen, und es ist köstlich.

Tour des Tages: Von Höhe Paris über den Mont Saint Michel in der Normandie und St. Malo in der Bretagne nach, äh, Dingens. Zusammen 449 Kilometer.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 12 Kommentare

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12 Gedanken zu „Reisetagebuch (2): Blut am Mont Saint Michel

  1. Hei Silencer,

    schade Du bist nicht über die Pont de Normandie gefahren. Kennst Du Sie? Dort kann man Gott persönlich begegnen, glaube ich, jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher als in dieser vielbesuchten Strandkapelle, denn es ist eine regelrechte Himmelfahrt.

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  2. Hmm, keine Ahnung ob das P9 war, aber wir haben damals* auf dem Mopetenparkplatz gestanden. Da war quasi alles frei, nur ein zwei andere, während auf den PKW-Plätzen fast alles voll war.

    * https://blog.max-fun.de/2019/09/01/mont-saint-michel/

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  3. @Rudi: Nee, kenne ich nicht. Sieht aber sehr hybsch, aus, falls ich nochmal da hinkomme nehme ich die mit!

    Max: Ihr habt P9 gefunden, laut Deinem GPS-Track. Problem bei mir: Ich kam aus der anderen Richtung, und am Kreisel ist der nicht mehr ausgeschildert und es sieht aus, als ginge es in der Richtung wieder weg von allen Parkmöglichkeiten 😀

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  4. Ich war vor ca. 30 Jahren am Mont. Klingt so, als ob ich mir einen erneuten Besuch sparen kann. Obwohl…. mit dem E-Motorrad wäre es evtl. ein kleines Abenteuer… 😊

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  5. Ali

    Hehe, hast auch meine Gefühlswelt mitgeschildert, wenn ich auf Tour die sogenannten Highlights des Landes anschauen „soll“.
    Städte – obwohl in Großstadt geboren – sind mir wegen der Drängelei an neuralgischen Touripunkten ein Greuel im Auge.
    Unfreundlichkeit bei Übernachtung?
    Hatte ich bisher auf dem Zeltplatz noch nie.
    Und……viele wissen gar nicht, dass dort mitunter ausgezeichnete Gastronomie gibt unter anderem. Gerade „France“ ist in dieser Hinsicht mit führend.

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  6. Marcus: Ladesäulen gibt es dort, DIE habe ich gefunden 🙂

    Ali: Dauert zu lange. Mittagessen in Frankreich = 8 Stunden vom Tag weg.

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  7. Brigitte Eckert

    Ich war am Mont S. Michel als die Autostraße noch bis vors Stadttor ging und man bei Ebbe das Auto im Sand parkte (!). Der geradezu obszöne touristische Rummel, der direkt hinter dem Eingang losging, war der heftigste Kulturschock meines Lebens als Touristin. Bis heute. Ich war habe auf der ersten Möglichkeit, rechts auf die Stadtmauer abzubiegen und zu flüchten, bestanden und meinen Begleiter damit bitter enttäuscht….
    Wegbleiben und die vielen exisitierenden guten Dokufilme ansehen ist die Alternative.

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  8. Ach Danke, Frau Eckert! Jetzt habe ich das Gefühl, nichts verpasst zu haben. Ich hätte vermutlich auch meinem Fluchtreflex nachgegeben und das Weite gesucht.

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  9. Thom

    Das ist der Nachteil am touristische Rummel. Geht man hin, ist man Teil dessen, nicht nur die anderen 😉

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  10. Oh ja. das Elend des Touristen sind andere Touristen!

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  11. Ali

    Bisher hatte ich mit der „Svenja-Methode“ Glück und bleibe weiterhin dabei:
    Da – wo das Möpp nicht hinkommt – kommt der Ali auch nicht hin. Mag gut sein, daß mir dadurch einige Höhepunkte der touristischen Rummelplätze entgehen, dafür gibt es Anderes, was mehr als ausgleicht wie z.B. in einer tollen unbekannten Landschaft fahren zu dürfen.

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  12. @Ali: Ach, an einer Reise prägend in Erinnerung bleiben doch immer 1. Orte, 2. Menschen und 3. Dinge, die man gegessen hat. Nur durch die Landschaft brummen schafft nichts bleibendes, oder?

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