Reisetagebuch (4): Esel!
Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Esel und gefÀlschte Steaks.

Dienstag, 05. Juli 2022, The George Inn, Middle Wallopp
Schon wieder schrecke ich aus einem unruhigen Schlaf. Die halbe Nacht hat sich einer der Teilnehmer der Junggesellenparty im Zimmer nebenan lautstark ĂŒbergeben, und ich selbst habe Kopfschmerzen – und einen rauen Hals. Stöhnend schwinge ich die FĂŒĂe aus dem Bett und stehe gleich erst einmal mit einem FuĂ in einem der Motorradkoffer. Britische Gastzimmer sind wirklich klein.
Wo er schon mal da ist, kann der FuĂ auch in dem Koffer herumwĂŒhlen. Ich kann mit den Zehen greifen und Socken und sogar Bleistifte vom Boden aufheben, vergesse aber immer das Fremdwort fĂŒr diese FĂ€higkeit. Polydaktyl? Vermutlich nicht.
Nach einigem Tasten fördert der Fuà den Beutel mit den COVID-Testkits Zu Tage. Es ist Jahr drei der Pandemie, und ein Vorrat mit Masken und Tests sind aus dem ReisegepÀck nicht mehr wegzudenken.
Ich prokele mit dem WattestĂ€bchen in der Nase rum, quetsche das Sputum in die TestflĂŒssigkeit, schraube den Tropfer auf und betrĂ€ufele den Teststreifen, dann wanke ich ins Bad.
Als ich frisch geduscht bin, ist das Testergebnis fertig. Negativ. Sehr gut. Das fehlte jetzt noch, das ich im Urlaub krank werde. DafĂŒr habe ich nĂ€mlich keinen Plan B. Ich wĂŒsste nicht mal, welchen Behörden ich hier Bescheid sagen mĂŒsste.
Im Gastraum bin ich noch allein, der Junggesellenabschied schlÀft wohl etwas lÀnger.
Schnell entdecke ich, warum das FrĂŒhstĂŒck bei meinem Zimmer inklusive und “ohne Aufpreis” ist: Es ist ein kontinentales FrĂŒhstĂŒck, oder zumindest eine kontinentales-FrĂŒhstĂŒck-Requisite: Auf einem Teller liegen drei vertrocknete KĂ€sescheiben und zwei mumifiziert wirkende Scheiben Wurst, daneben ein Beutelchen mit KonfitĂŒre. Die Leute vom Inn stellen das immer immer hier hin, mutmaĂe ich, damit die GĂ€ste dann einen Blick drauf werfen und sagen: “Ach nee, lass mal, bring mal lieber ein richtiges, englisches FrĂŒhstĂŒck, Aufpreis hin oder her!”
Das mache ich aber nicht. Englisches FrĂŒhstĂŒck wĂŒrde hier 16 Pfund kosten, das sind in echtem Geld 20 Euro (oder 40 DMark oder 80 Ostmark). DafĂŒr, dass ich normalerweise gar nicht frĂŒhstĂŒcke, ist mir das ein BiĂchen zu viel.
Die ersten Teilnehmer des Junggesellenabschieds kommen die Treppe heruntergewankt. Alle tragen schwarze Hosen und weiĂe Hemden und Sonnenbrillen und einen Gesichtsausdruck, der deutlich sagt: “Aua”.
Der KĂŒchenmann bringt den Junggesellen das ordentliche FrĂŒhstĂŒck, mit WĂŒrstchen, Eiern, dicken Bohnen, Black Pudding und wer weiĂ was noch. Alles trieft vor Fett und riecht sehr intensiv. Die Teller stehen noch nicht ganz auf dem Tisch, als einer der jungen MĂ€nner aufspringt, die HĂ€nde vor den Mund presst und nach drauĂen rennt.
Ich mĂŒmmele meinen Toast zu Ende und leere die Kaffeetasse, dann bugsiere ich die Motorradkoffer aus dem kleinen Zimmer und die enge Treppe hinab. Die Holzenten mit den SinnsprĂŒchen gucken mir dabei zu.
Auf den Parkplatz steht die V-Strom in der sommerlichen Morgensonne. “Na, die erste Nacht auf britischem Boden gut ĂŒberstanden?” murmele ich, als ich das GepĂ€ck befestige.
Dann geht es los. Ich erinnere mich sofort daran, dass ich links fahren muss und biege vom Parkplatz des Inns auf eine belebte LandstraĂe ein. Die erste Mission heute: Bargeld besorgen. Plastikgeld wird eigentlich ĂŒberall genommen, aber wenn es mal nicht funktioniert, ist Bargeld der Plan B. Ich habe gerne immer genug Bargeld dabei fĂŒr eine Ăbernachtung und eine TankfĂŒllung. Man weiĂ ja nie.
Im Vorfeld hatte ich mal auf Google Maps geschaut und eine Tankstelle gefunden, die nur wenige Kilometer entfernt ist und in der ein kleiner Supermarkt ist, in dem es angeblich auch ein ATM gibt. Leider weiĂ von diesem Geldautomaten nur das Internet, die Angestellten haben in dem Laden noch nie einen ATM gesehen. Kein Problem, denke ich noch, wĂ€hrend ich die Suzuki wieder auf die StraĂe lenke, dann halte ich halte an der nĂ€chsten Bank und ziehe da etwas britisches Spielgeld.
Erstmal steuere ich das Motorrad aber auf die SchnellstraĂe A303, und nach wenigen Minuten taucht in den grĂŒnen HĂŒgeln neben der StraĂe ganz kurz eine bekannte Struktur auf.
Na? Wer erkenntÂŽs? Genau, das ist…
…Stonehenge! Die StraĂe hier ist so angelegt, dass sie vom Steinkreis aus so gut wie nicht zu sehen oder zu hören ist, und wenn man darauf entlangfĂ€hrt, ist das Monument nur fĂŒr einen kurzen Augenblick zu sehen. Blink and you miss it.
Ich fahre an dem berĂŒhmten Bauwerk einfach vorbei. Nicht, weil es mich nicht interessiert, sondern weil ich es bereits 2014 besucht habe. Daher weiĂ ich auch das mit der versteckten StraĂe, und in den vergangenen fĂŒnf Jahren wird sich so viel in Stonehenge nicht geĂ€ndert haben.
Weiter geht es die SchnellstraĂe gen Westen, durch eine grĂŒne HĂŒgellandschaft, die gelegentlich in goldene Kornfelder ĂŒbergeht.
Als nervig erweist sich heute morgen meine virtuelle CoPilotin.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route”, ertönt Annas Stimme im Helm.
“Danke”, sage ich, weil ich ein höflicher Mensch bin.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route”.
“Ok”, sage ich.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route”.
“Jaaaaaa doch! Das habe ich schon beim ersten Mal verstanden!”, sage ich.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route”.
Was ist denn hier los? Hat der britische Verkehrsservice das als PrioritĂ€tsnachricht eingestellt? Oder sind hier die StraĂenabschnitte so kurz, das Anna die gleiche Meldung immer wieder als neu interpretiert?
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route”.
Das der britische Verkehrsservice die Möglichkeiten von Navigationssystemen anders und mehr nutzt, ist mir ehÂŽ schon aufgefallen. Es ist zum Beispiel möglich, um Schulen herum einen Geofence zu errichten und das Gebiet als besondere Gefahrenzone zu kennzeichnen. In Europa nutzt das niemand, aber hier ist jede kleine Dorfschule als Gefahrenstelle gelabelt. Fahre ich durch einen Ort mit einer Schule, zeigt Anna gelbe Warnzeichen im Display und sendet einen nervenzerreiĂenden Dauerton in den Helm. Eigentlich soll man in Schulbereichen ja langsam fahren, aber der Ton macht, dass ich den Reflex verspĂŒre Gas zu geben, damit ich möglichst schnell durch den Ort bin und der Warnton aufhört.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. , sagt Anna.
“Ja”, sage ich, “Aber fahren wir auch auf der schnellsten Route?
“Sie fahren auf der schnellsten Route”, sagt Anna.
“Und sind Verkehrsbehinderungen gemeldet?”, will ich wissen.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet, sagt Anna.
“Und fahren wir denn noch auf der schnellsten Route?”, frage ich.
“Sie fahren auf der schnellsten Route”.
“Na dann ist ja gut”, sage ich. “Aber was ist denn auf der A303 los?”
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet, sagt Anna.
“Oh je, dann ist unsere Route sicher nicht mehr die schnellste?”, vermute ich.
“Sie fahren auf der schnellsten Route”.
“Uff, das beruhigt mich. Und auf der A303 ist alles gut?”, frage ich.
“Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. , sagt Anna.
“oh nein oh Nein oh nein!!”, rufe ich. “Dann ist unsere Route bestimmt langsam! Was sollen wir jetzt tun???”
“Sie fahren auf der schnellsten Route”.
“Na Gott sei Dank!”, rufe ich. “Aber gibt es Verkehrbehinderungen??”
So geht das ĂŒber fast 50 Kilometer. Beim Ort Wincanton fahre ich kurz ab, dann ist der Verkehrsfunkspuk vorbei.
An der HauptstraĂe von Wincanton befindet sich das berĂŒhmte “Discworld Emporium”, ein Laden, in dem sich alles nur um Terry Pratchetts Scheibenwelt dreht.
Leider, leider ist das Ehepaar, dass den Laden betrieben hat, vor einiger Zeit in Rente gegangen, und die beiden haben keinen Nachfolger gefunden. So kann ich nur an dieser Legende vorbeirollen und am Ortsausgang wieder Gas geben und zurĂŒck auf die SchnellstraĂe fahren.
Immer weiter geht es nach Westen, bis hinein in die Blackdown Hills. Ein AONB, “Area of Outstanding Natural Beauty” – Gebiet von auĂergewöhnlicher, natĂŒrlicher Schönheit, mit grĂŒnen, von Hecken und Natursteinmauern gesĂ€umten Feldern. Von dort geht es nach SĂŒden, bis zur KĂŒste. Hier sind die “-mouth”-Orte. (ausgesprochen “MĂŒss”). Nach Portsmouth (PortsmĂŒss), wo ich gestern angekommen bin, liegen dort die Orte Bournemouth, Weymouth, weiter westlich, Plymouth. Dazwischen liegt Sidmouth (SiddmĂŒss), und da will ich hin.
Zwei Stunden nachdem ich am Inn aufgebrochen bin, rollt die V-Strom auf einen gekiesten Parkplatz. Vor einer groĂen Hecke stelle ich das Motorrad zwischen einer Reihe Autos ab und folge Wegweisern bis zu einem groĂen, modernen HolzgebĂ€ude. Ich grinse, als ich auf den zulaufe. Endlich hier!
Das hier ist das Donkey Sanctuary.
Das hier ist der Grund, weshalb ich ĂŒberhaupt nach GroĂbritannien aufgebrochen bin. Ich weiĂ gar nicht mehr, wann und wie ich das erste mal darauf gestoĂen bin. Vermutlich hat mir Twitter ein Bild eines Esels in die Timeline gespĂŒlt, mit einem Link auf das Donkey Sanctuary. Wie auch immer ich darauf aufmerksam geworden bin, seitdem folge ich dieser Einrichtung, die sich um verwahrloste und heimatlose Esel kĂŒmmert, in den sozialen Medien. Auf Twitter posten sie Bilder und Videos aus dem Alltag ihrer “Adoptivesel”. FĂŒr wenige Pfund pro Monat kann man einen Esel “adoptieren”, und aus diesen Spenden finanziert sich die Einrichtung.
Ich mag Esel. Mein liebstes Kinderbuch (Nach “A der Affe und B der BĂ€r”) war “Mein Esel Benjamin”, eine Fotogeschichte um die kleine Susi und ihren Esel, so ein typisches 70er-Jahre-Ding.

Esel machen mir gute Laune, Ă€hnlich wie Pinguine, und die Internetesel haben mir die Zeit der extremen Pandemie ertrĂ€glicher gemacht. Irgendwann in der Pandemie kam die Idee auf: Ich wĂŒrde die Twitter-Esel gerne besuchen. Hier, in Sidmouth, in der Region Devon, in SĂŒdengland. Nur wegen der Vierbeiner bin ich ĂŒberhaupt in GroĂbritannien. Kein Witz. Die Esel sind schuld an dieser Motorradtour. Und jetzt bin ich wirklich hier!

Ich lege die FFP3-Maske an und marschiere auf den Eingang zu. Der Eintritt ist kostenlos, am Eingang wird man freundlich begrĂŒĂt und erhĂ€lt einen Flyer mit einem Lageplan des GelĂ€ndes. Viele der Mitarbeiter:innen, die sich hier um die Besucher kĂŒmmern, sind Freiwillige. Renterninnen und Rentner oder SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, die Lust haben, in ihrer Freizeit etwas Gutes zu tun und hier mit zu helfen.
Andere Bereiche, insbesondere bei der fachlichen Tierpflege oder der medizinischen Versorgung, sind mit gut bezahlten Vollzeitstellen besetzt. Obwohl sich das Donkey Sanctuary nur aus Spenden fĂŒr “Adoptivesel” und einer Stiftung finanziert, ist es finanziell gut ausgestattet.
In dem HolzgebĂ€ude gibt es ein Restaurant und einen Shop, in dem man neben PlĂŒsch-Eseln, Bleistiften mit Eseln drauf, Magneten in Eselform, Kochlappen mit Eseln, Esel-Monopolys, Eselkartenspielen, Tassen mit Eseln und Schmuck mit Silbereseln auch von den Freiwilligen selbstgestrickte und -gehĂ€kelte und -genĂ€hte Eselchen kaufen kann.
Auf der anderen Seite des BesuchergebĂ€udes beginnt das AuĂengelĂ€nde, und unvermittelt stehe ich in einer Mischung aus KrĂ€utergarten, Streichelzoo, Bildungseinrichtung und Bauernhof.
Gerade gibt es eine EselfĂŒtterung und dazu einen Vortrag von einem der Pfleger, und ich drĂ€nge mich mit den anderen Besuchern am Gatter um Esel anzugucken.
Eine groĂe, ĂŒberdachte Halle einem weichen Lehmboden schlieĂt sich an den AuĂenhof an. Hier sind noch mehr Esel, die ebenso neugierig auf die Besucher schauen, wie wir auf sie.
Endlich bekomme ich Gelegenheit einen Esel zu berĂŒhren. Ich hatte mir vorgestellt dass sich das Fell drahtig und fest und ein wenig borstig anfĂŒhlt, aber der Esel hier ist weich wie ein PlĂŒschtier.
“Scratch my back and I scratch yours” ist im Englischen ein geflĂŒgeltes Wort fĂŒr “sich gegenseitig einen Gefallen tun”, und seinen Ursprung hat es… beim Verhalten von Eseln, die es in der Tat lieben sich gegenseitig mit den ZĂ€hnen das Fell zu zupfen und sich damit die RĂŒcken zu massieren.
Ich schlendere durch die NebengebĂ€ude. Hier lerne ich wahnsinnig viel ĂŒber Esel:
- Esel haben eine irre hohe Schmerztoleranz.
- Esel können nicht viel tragen.
- Packt man also eine hohe Last, sagen wir mal, eine Kiepe mit Steinen oder einen Touristen, auf einen kleinen Esel, dann schreit er nicht gleich vor Schmerzen – aber seine Muskeln erlauben keine oder nur kleine Bewegungen. Daher kommt der Ruf, Esel seien störrisch.
- Bei sehr hoher Last verhaken sich sogar die Gelenke, und der Esel kann gar nicht mehr gehen.
- Esel sind keine Fluchttiere. Anders als Pferde rennen sie nicht einfach sofort weg. Wenn sie Angst oder Stress haben, bleiben sie zunĂ€chst stehen und sehen sich die Lage an. Danach entscheiden sie, ob sie abhauen oder vielleicht sogar zum Angriff ĂŒbergehen. Angst und Stress empfinden Esel auch, wenn sie angetrieben und geschlagen werden, auch dann bleibt er einfach stehen und denkt nach. Auch das wird als störrisch ausgelegt. Der Umgang mit Eseln erfordert also EinfĂŒhlungsvermögen. Wie bei Menschen.
- Esel werden im Schnitt um die 30 Jahre alt, manche werden auch 50.
- Esel “bonden” und formen untereinander oder mit anderen Tieren lebenslange Freundschaften. Das ist der Grund, dass Esel des Donkey Sanctuary nur mit ihrem Bonding-Freund zum Arzt und ins Krankenhaus gehen. Die Anwesenheit des Freundes beruhigt sie.
- Esel machen sechs Arten von GerÀuschen: Grummeln, Grunzen, Quieken, Schnauben, Schnaufen und lautes Rufen. Sie rufen und schreien, wenn sie sich verlaufen haben, ihren Freund vermissen, Aufmerksamkeit wollen oder Hunger haben.
- Die Rufe von Eseln sind ĂŒber Kilometer zu hören. Weil sie sich ĂŒber solche Distanzen auch wirklich unterhalten, haben sie gröĂere Ohren als Pferde.
- Esel schlafen im Liegen. Manchmal dösen sie mit dem Hintern auf dem Boden, einem aufgestellten Vorderbein und erhobenem Kopf.
- Esel sind meist grau oder braun, weiĂe Esel sind selten.
- Die Zahl der Esel weltweit schĂ€tzt man auf ca. 45 Millionen, aber es werden rapide weniger. Der Hauptgrund: China vernichtet Esel in industriellem MaĂstab, um aus ihrer Unterhaut Gelatine zu gewinnen. Damit wird Ejiao hergestellt, eine Zaubercreme, mit der in China alles behandelt wird, von kalten FĂŒĂen bis Impotenz. DafĂŒr kauft China weltweit Esel auf.
- Wenn ein Pferdemann und eine Eselfrau Liebe machen, kommt dabei ein Maulesel raus.
- Wenn eine Pferdefrau und ein Eselmann liebe machen, kommt dabei ein Maultier heraus.
- Maultiere und Maulesel können sich nicht vermehren.
- Esel kommunizieren auch ĂŒber Mimik und Körpersprache mit ihren Artgenossen. Wenn sich zwei Esel treffen, kann es passieren, dass sie sich gegenseitig sanft in die Nase pusten – auch das ist Kommunikation.
- Esel können die Körpersprache von ihnen vertrauten Menschen deuten.
- Esel lieben es, miteinander zu spielen und zu rangeln und sollten auf keinen Fall allein leben.
…und noch vieles mehr. Ăberall gibt es lesenswerte Informationen und Dinge zum Ausprobieren und zum BefĂŒhlen. NatĂŒrlich gibt es auch viele Infos zum Donkey Sanctuary selbst. So wird erklĂ€rt, dass es von einer Doktorin namens Elisabeth Svendsen gegrĂŒndet wurde. Die Dame, Jahrgang 1930, sah Ende der 60er auf dem Markt in Exeter einen miĂhandelten Esel und beschloss, Esel auf dem GrundstĂŒck des Hotels ihrer Familie zu halten. Sie wurde bekannt als Helferin fĂŒr Esel in Not, und 1974 hinterliess ihr jemand 204 Esel. Svendsen stand vor der Wahl: Diesen Eseln helfen oder sie töten lassen.
Sie beschloss, die Esel aufzunehmen und das Donkey Sanctuary hauptberuflich zu betreiben und mit einem Spendenverein und einer Stiftung zu finanzieren.
Das lief ziemlich gut, und heute – 10 Jahre nach Elisabeth Svendsens Tod – kĂŒmmert sich das Sanctuary um fast 4.500 Esel. Davon sind rund 200 hier in Sidmouth, der Rest in Dependencen in anderen Teilen von England, aber auch in Griechenland, Spanien und Zypern. Gemeinsam mit UniversitĂ€ten mit einer VeterinĂ€rmedizin wurden eselspezifische Behandlungen entwickelt und EselkrankenhĂ€user gebaut. Der Bedarf ist auch nach wie vor da – immer noch werden in England Esel vom Tierschutz gefunden, die misshandelt oder unter unwĂŒrdigen Bedingungen gehalten werden. Auf teils schlimmen Bildern sind abgemagerte und kranke Esel zu sehen, mit rĂ€udigem Fell und deformierten Hufen. Diese armen Geschöpfe finden in Sidmouth und den anderen Sanctuarys eine sichere Heimat, in der sie liebevoll aufgepĂ€ppelt werden.
Die AuĂengelĂ€nde der Farm bestehen aus weitlĂ€ufigen Wiesen, auf denen Schuppen stehen. Esel dösen hier in der MittagswĂ€rme im Schatten. Ăberall liegt und steht Eselspielzeug: BĂŒrsten zum dran schubbern, Salzsteine zum dran lecken und zum Spielen BĂ€lle, Seile und Gummistiefel. Esel lieben es, auf Gummistiefeln herumzukauen oder sie durch die Gegend zu werfen.
Die Esel im Sanctuary tragen farbige HalsbĂ€nder mit ihrem Namen. Die Farben geben Hinweise. Die meisten HalsbĂ€nder sind rot oder gelb, wobei rot fĂŒr (kastrierte) mĂ€nnliche Esel steht und gelb fĂŒr weibliche. WeiĂe HalsbĂ€nder sind unkastrierte Jungs. Manche Esel tragen noch ein zweites Halsband, das auf bestimmte BedĂŒrfnisse im Umgang oder der ErnĂ€hrung hinweist. GrĂŒn, beispielsweise, zeigt an, dass der Esel die doppelte Futterration benötigt. Orange, dass er Medikamente braucht. Und rosa HalsbĂ€nder tragen kurzsichtige oder blinde Esel.
Auf einem HĂŒgel ist die Grasschicht in der Silhouette eines Esels weggeschabt, und darunter ist weiĂes Kreideland zu sehen. Ist aber nicht gut zu erkennen, weder vom Boden aus noch aus der Luft.
Leider sind viele der Wiesen leer. Schildern informieren darĂŒber, dass viele der Esel gerade einen Infekt haben und deshalb auf Weiden stehen, die nicht besucht werden können. Dennoch, ich könnte noch Stunden hier rumdödeln und den freundlichen Vierbeinern zusehen, aber ich habe ja heute noch was vor. Ich laufe zurĂŒck zum Motorrad…
…und kurze Zeit spĂ€ter brummt die V-Strom weiter nach Westen, von einem Dorf zum nĂ€chsten. Ich brauche immer noch Bargeld, und die V-Strom hat schon 450 Kilometer auf der Uhr und mĂŒsste langsam mal betankt werden. Stellt sich raus: Es gibt keine Bankfilialen mehr auf den Dörfchen. In den kleinen Orten gibt es entllang der HauptstraĂen meist ein SanitĂ€tshaus, einige Schnellimbisse, einen Laden der Heilsarmee und einen AutohĂ€ndler, aber keine Banken, und schon gar keine mit Geldautomaten. Seltsam.

Was es ebenfalls nicht gibt ist Benzin. Zumindest nicht ĂŒberall. Die ersten zwei Tankstellen, die ich ansteuere, haben kein Benzin. Die Dritte hat “Unleaded 95”, wenn auch nur E10, aber dafĂŒr ist Diesel ausverkauft. Ja, war eine tolle Idee, dieser Brexit. Nun gibt es nicht mehr genug Lastwagenfahrer, um Kraftstoff, Lebensmittel oder Bauteile just-in-time zu liefern.
Immerhin gibt es hier LĂDL, den besten Freund aller Reisenden. In LĂŒDLs gibt es Backwaren und Salate in Portionen, wie man sie als Alleinreisender genau brauchen kann.
Hinter der Stadt Exeter liegt das Dartmoor. Ich hatte immer gedacht das sei ein Moor und deshalb flach, aber Pustekuchen – das ist eine HĂŒgellandschaft!

Zwar gibt es hier Moore und quatschnasse Wiesen, aber unter dem Nationalpark ist ein Granitmassiv. Die Kombination ergibt moorige Senken und hĂŒgelige Wiesen, die von Heidekraut gesĂ€umt sind und aus denen vereinzelte BĂ€ume herausstehen. Unter den BĂ€umen grasen Schafe.
Das sieht nach heiler Welt und vorvergangenem Jahrhundert aus, allerdings reiĂt mich die StraĂe aus romantischen TrĂ€umereien. Die ist nĂ€mlich dicht befahren, nicht nur von Touristen, sondern auch von Lieferwagen und LKW. Und stĂ€ndig ist ein Auto hinter mir, das es eilig hat und drĂ€ngelt.
Es beginnt zu regnen, und halte auf einem kleinen Parkplatz und verstaue die Helmkamera, die nicht wasserdicht ist, im Topcase. Ein alter Lieferwagen am Rand des Platzes verkauft Eiscreme. Aber nur gegen Bargeld, was mich wieder daran erinnert, dass ich noch welches auftreiben muss.
Vom Parkplatz aus kann man ĂŒber die Landschaft sehen, zumindest bis sie im diesigen Wetter verschwindet. Da unten liegt LandÂŽs End, wie der sĂŒdwestlichste Zipfel von Cornwall heiĂt.
Ich bin ein Mal ĂŒber durch das Dartmoor durch, und jetzt geht es von den HĂŒgeln hinab in den Ort Travistock, und von dort nach Norden und einmal um das Dartmoor herum bis zurĂŒck nach Exeter. Eine groĂe Schleife.
In Exeter geht aus auf die M5, und mit der gen Norden. Das geht schnell, ist aber sterbenslangweilig – Autobahnen sind halt Autobahnen und bleiben langweilig, auch wenn man gefĂŒhlt verkehrt herum darauf fĂ€hrt. Deshalb fahre ich 50 Kilometer spĂ€ter wieder ab und schlage mich durch die Landschaft, was aber schnell genauso nervt.
Die kleinen StraĂen zwischen den Orten sind schmal und eng und natĂŒrlich kommt man auf den WinzstraĂen nicht voran, und so gebe ich irgendwann auf und lasse Anna doch wieder SchnellstraĂe rechnen. Der Weg dahin fĂŒhrt durch den kleinen Ort Bridgwater, und in dem vermutet Anna gleich mehrere ATMs. Sie fĂŒhrt uns in ein Wohngebiet, und nach einigem Suchen entdecke ich tatsĂ€chlich einen kleinen Tesco-Supermarkt, und an dessen AuĂenwand – einen Geldautomaten! Ha!
Mit 200 Pfund Bargeld in der Tasche fĂŒhle ich mich gleich etwas besser, und jetzt fĂ€llt es mir auch leichter, wieder die doofe Autobahn zu fahren. Die fĂŒhrt vorbei an Orten mit Namen, mit denen ich aufgewachsen bin: Cheddar. Portishead. Bristol.
Ăberhaupt, die Ortsnamen hier! Die kennt man doch in der ganzen Welt: Marlborough. Winchester. Silverstone. Die sind alle hier! Glastonbury, Salisbury und Shaftesbury kenne ich als StraĂen in London.
Kurz hinter Bristol, zwischen den Orten Yate und Dursley, lenke ich die Barocca wieder von der M5 herunter und zurĂŒck auf die kleinen LandstraĂen. Geht nicht anders, es ist schon spĂ€ter Nachmittag und wir nĂ€heren uns dem Tagsziel, was wieder in einem Area of Outstanding Natural Beauty liegt, und da fĂŒhrt natĂŒrlich keine Autobahn hin.
Vom flachen KĂŒstenland geht es wieder in eine hĂŒgelige Kulturlandschaft. Die meiste Zeit sehe ich nur Hecke, aber manchmal stehen keine Hecken an der StraĂe, und dann sind wieder grĂŒne Wiesen zu sehen und GolfplĂ€tze (“Peter Dangerfields PGA Fellow Golfcourse”).
Das hier sind die Cotswolts (AONB), und die ist bekannt dafĂŒr, dass sich her gerne Leute, vor allem solche mit viel Geld, HĂ€uschen kaufen. Das sieht man, die Orte sind mehr als gepflegt, und die Dichte an sehr teuren Range Rovern und Jaguar-GelĂ€ndewagen ist hoch.
Besonders sind die HĂ€usern. Die sind aus Stein, der einen warmen, dunkelbeigen Ton hat. Diese HĂ€user strahlen GemĂŒtlichkeit aus, aber gleichzeitig auch die Standfestigkeit von Festungen. Selbst die gewerblich genutzten an den HauptstraĂen der Dörfer:
Nach einer Stunde Fahrt durch die Cotswolds komme ich an einem winzigen Ort mit dem Namen Frampton Mansell an. An dessen Rand liegt “The Crown Inn”, ein 400 Jahre altes Schlachthaus, was seit 350 Jahren als Gasthaus genutzt wird.
An das alte Gasthaus sind zahlreiche Anbauten aus verschiedenen Jahrhunderten angeflanscht. In einem davon (19. Jahrhundert) ist die Rezeption untergebracht, in der ich schnell und professionell eingecheckt werde und ein Zimmer im GĂ€stehaus (20. Jahrhundert) bekomme, das einmal ĂŒber den Parkplatz liegt. Das Zimmer ist groĂ und blickt hinaus auf Weiden, auf denen Schafe stehen und tun, was Schafe halt so tun.
Die Duscharmatur in dem Zimmer ist allerdings das dĂŒmmste, was ich bislang in diesem Bereich gesehen habe. Die sieht aus wie ein GoaÂŽUld-Raumschiff, die Funktion der Hebel (und was ein Hebel ist und was nicht) ist völlig unklar und das ganze Ding ist so schwergĂ€ngig, dass es sich mit nassen HĂ€nden nicht bedienen lĂ€sst.
Egal. MĂŒde und hungrig schlendere ich hinĂŒber zum Haupthaus und lasse mir von der jungen Bedienung einen Platz geben. Ein Holztisch in der Gaststube, die ebenso dunkel wie gemĂŒtlich ist und die aussieht, als sei sie Jahrhunderte alt – und es vermutlich auch ist.
Ich bestelle einen Grillteller mit zwei Sorten Steaks. Ich esse selten Fleisch, im Alltag bin ich eigentlich durchgehend vegetarisch und mit Tofu unterwegs, aber heute und nach diesem langen Tag habe ich richtig Lust auf eine ordentliche Portion Fleisch. Umso erstaunter bin ich, als ich einen Teller voll GrĂŒnzeug bekomme.
Das ist nett anzusehen, zweifellos, aber wo sind die Steaks? Sind die vielleicht sehr klein und unter den Blumenkohl gerutscht? Vorsichtig stochere ich mit der Gabel im GrĂŒnzeug herum und lupfe den Salat, aber darunter verstecken sich keine Steaks. Was habe ich denn da bestellt?
“Was ist denn das, was sie da bestellt haben?”, fragt ein altes Ehepaar vom Nachbartisch herĂŒber und lugt neugierig in Richtung des GemĂŒsegartens auf meinem Teller. “Der Doppel-Steakteller”, sage ich etwas verwirrt. “Ah”, sagt die alte Dame, “Und ich habe mich schon gefragt wie Celeriac and Cauliflower Steaks aussehen. Danke!”.
Oh man. Sellerie und Blumenkohl-Steak! Ja, das ergibt Sinn. Ich habe aus Versehen den Vegetarier-Teller erwischt.
Schmecken tut es dennoch ganz köstlich, und auch wenn die Fleisch-Vorfreude enttĂ€uscht wurde, ist das ein wirklich tolles Abendessen in gemĂŒtlicher AtmosphĂ€re.
Tour des Tages: Von Stonehenge vorbei am Discworld Emporium zum Donkey Sanctuary in Sidmouth, dann eine Runde ĂŒber das Dartmoor und schlieĂlich in die Cotswolds. 505 Kilometer.
ZurĂŒck zu Teil 3: If friends were flowers, IÂŽd pick you.
Weiter zu Teil 4: ClarksonÂŽs Farm








































10Â Kommentare zu âReisetagebuch (4): Esel!â
LOL – Insider fĂŒr Stargate-Fans đ
Positiv in GB scheint ĂŒbrigens kein Problem zu sein. Ich weiĂ von Leuten, die positiv wĂ€hrend einer Tour waren. Hat keinen interessiert und die haben sich dann nur etwas geschont und von anderen ferngehalten. Omikron lĂ€uft halt durch – auch bei unsâŠ
Das stimmt, leider.
Ui, so viele Esel, das wÀre ja was. Meine Frau und ich mögen die auch sehr und freuten uns in Irland viele gesehen zu haben.
Das mit Bargeld finde ich immer schwierig, habe auch lieber den Notgroschen fĂŒr die Tankstelle dabei, aber Ă€rgere mich dann immer, wenn ich es zum Ende der Tour noch habe und nicht mehr loswerde, weil es doch eben ĂŒberall unkompliziert digital ging.
Ja das ist richtig – man muss den Bargeldvorrat schon im Auge behalten und zusehen, dass man den kurz vor Abreise komplett in Souvenirs investiert đ
Esel!
Ich mag sie sehr. Freue mich jedesmal wenn ich welche sehe, eigentlich reicht es dafĂŒr nur einmal in den Spiegel zu schauen. Hahahahaha!
Silencer, weiĂt Du wer Modestine war?
LIEBEn GruĂ
rudi
Nee, noch nie gehört und noch nicht gegoogelt. Klingt nach nachgemachter Ovomaltine?
Hach, die Esel….đ„° Ich schaue auch immer bei denen in social Media vorbei und schwĂ€rme heimlich fĂŒr die Langohren….
Hallo Silencer, mit groĂer Begeisterung habe ich deinen Blog (wieder) gefunden.
Da ich im Sommer mit dem Mopped nach Schottland fahre, interessieren mich natĂŒrlich deine Erlebnisse in GB ganz besonders. Darf man denn fragen, wann es weiter geht? Oder muss ich einfach nur den nĂ€chsten Samstag abwarten đ
Viele GrĂŒĂe und eine gute, unfallfreie Saison wĂŒnscht Falk
Au, danke fĂŒr den Hinweis, das fehlte der “Weiter” link. Reistagebuch UK ist komplett fertig, im Zweifel einfach oben im Menu auf “Reisetagebuch” gehen, da sind Links auf alle Teile und das fantastische Trailervideo đ
Hallo Silencer, habe gerade die Fortsetzung gefunden und freue mich somit ĂŒber neuen Lesestoff. Danke dafĂŒr! Falk