Reisetagebuch (4): Esel!

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Esel und gefälschte Steaks.


Dienstag, 05. Juli 2022, The George Inn, Middle Wallopp

Schon wieder schrecke ich aus einem unruhigen Schlaf. Die halbe Nacht hat sich einer der Teilnehmer der Junggesellenparty im Zimmer nebenan lautstark übergeben, und ich selbst habe Kopfschmerzen – und einen rauen Hals. Stöhnend schwinge ich die Füße aus dem Bett und stehe gleich erst einmal mit einem Fuß in einem der Motorradkoffer. Britische Gastzimmer sind wirklich klein.

Wo er schon mal da ist, kann der Fuß auch in dem Koffer herumwühlen. Ich kann mit den Zehen greifen und Socken und sogar Bleistifte vom Boden aufheben, vergesse aber immer das Fremdwort für diese Fähigkeit. Polydaktyl? Vermutlich nicht.

Nach einigem Tasten fördert der Fuß den Beutel mit den COVID-Testkits Zu Tage. Es ist Jahr drei der Pandemie, und ein Vorrat mit Masken und Tests sind aus dem Reisegepäck nicht mehr wegzudenken.

Ich prokele mit dem Wattestäbchen in der Nase rum, quetsche das Sputum in die Testflüssigkeit, schraube den Tropfer auf und beträufele den Teststreifen, dann wanke ich ins Bad.

Als ich frisch geduscht bin, ist das Testergebnis fertig. Negativ. Sehr gut. Das fehlte jetzt noch, das ich im Urlaub krank werde. Dafür habe ich nämlich keinen Plan B. Ich wüsste nicht mal, welchen Behörden ich hier Bescheid sagen müsste.

Im Gastraum bin ich noch allein, der Junggesellenabschied schläft wohl etwas länger.

Schnell entdecke ich, warum das Frühstück bei meinem Zimmer inklusive und „ohne Aufpreis“ ist: Es ist ein kontinentales Frühstück, oder zumindest eine kontinentales-Frühstück-Requisite: Auf einem Teller liegen drei vertrocknete Käsescheiben und zwei mumifiziert wirkende Scheiben Wurst, daneben ein Beutelchen mit Konfitüre. Die Leute vom Inn stellen das immer immer hier hin, mutmaße ich, damit die Gäste dann einen Blick drauf werfen und sagen: „Ach nee, lass mal, bring mal lieber ein richtiges, englisches Frühstück, Aufpreis hin oder her!“

Das mache ich aber nicht. Englisches Frühstück würde hier 16 Pfund kosten, das sind in echtem Geld 20 Euro (oder 40 DMark oder 80 Ostmark). Dafür, dass ich normalerweise gar nicht frühstücke, ist mir das ein Bißchen zu viel.

Die ersten Teilnehmer des Junggesellenabschieds kommen die Treppe heruntergewankt. Alle tragen schwarze Hosen und weiße Hemden und Sonnenbrillen und einen Gesichtsausdruck, der deutlich sagt: „Aua“.

Der Küchenmann bringt den Junggesellen das ordentliche Frühstück, mit Würstchen, Eiern, dicken Bohnen, Black Pudding und wer weiß was noch. Alles trieft vor Fett und riecht sehr intensiv. Die Teller stehen noch nicht ganz auf dem Tisch, als einer der jungen Männer aufspringt, die Hände vor den Mund presst und nach draußen rennt.

Ich mümmele meinen Toast zu Ende und leere die Kaffeetasse, dann bugsiere ich die Motorradkoffer aus dem kleinen Zimmer und die enge Treppe hinab. Die Holzenten mit den Sinnsprüchen gucken mir dabei zu.

Auf den Parkplatz steht die V-Strom in der sommerlichen Morgensonne. „Na, die erste Nacht auf britischem Boden gut überstanden?“ murmele ich, als ich das Gepäck befestige.

Dann geht es los. Ich erinnere mich sofort daran, dass ich links fahren muss und biege vom Parkplatz des Inns auf eine belebte Landstraße ein. Die erste Mission heute: Bargeld besorgen. Plastikgeld wird eigentlich überall genommen, aber wenn es mal nicht funktioniert, ist Bargeld der Plan B. Ich habe gerne immer genug Bargeld dabei für eine Übernachtung und eine Tankfüllung. Man weiß ja nie.

Im Vorfeld hatte ich mal auf Google Maps geschaut und eine Tankstelle gefunden, die nur wenige Kilometer entfernt ist und in der ein kleiner Supermarkt ist, in dem es angeblich auch ein ATM gibt. Leider weiß von diesem Geldautomaten nur das Internet, die Angestellten haben in dem Laden noch nie einen ATM gesehen. Kein Problem, denke ich noch, während ich die Suzuki wieder auf die Straße lenke, dann halte ich halte an der nächsten Bank und ziehe da etwas britisches Spielgeld.

Erstmal steuere ich das Motorrad aber auf die Schnellstraße A303, und nach wenigen Minuten taucht in den grünen Hügeln neben der Straße ganz kurz eine bekannte Struktur auf.

Na? Wer erkennt´s? Genau, das ist…

…Stonehenge! Die Straße hier ist so angelegt, dass sie vom Steinkreis aus so gut wie nicht zu sehen oder zu hören ist, und wenn man darauf entlangfährt, ist das Monument nur für einen kurzen Augenblick zu sehen. Blink and you miss it.

Ich fahre an dem berühmten Bauwerk einfach vorbei. Nicht, weil es mich nicht interessiert, sondern weil ich es bereits 2014 besucht habe. Daher weiß ich auch das mit der versteckten Straße, und in den vergangenen fünf Jahren wird sich so viel in Stonehenge nicht geändert haben.

Weiter geht es die Schnellstraße gen Westen, durch eine grüne Hügellandschaft, die gelegentlich in goldene Kornfelder übergeht.

Als nervig erweist sich heute morgen meine virtuelle CoPilotin.
„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route“, ertönt Annas Stimme im Helm.

„Danke“, sage ich, weil ich ein höflicher Mensch bin.

„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route“.

„Ok“, sage ich.

„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route“.

„Jaaaaaa doch! Das habe ich schon beim ersten Mal verstanden!“, sage ich.

„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route“.

Was ist denn hier los? Hat der britische Verkehrsservice das als Prioritätsnachricht eingestellt? Oder sind hier die Straßenabschnitte so kurz, das Anna die gleiche Meldung immer wieder als neu interpretiert?

„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. Sie fahren auf der schnellsten Route“.

Das der britische Verkehrsservice die Möglichkeiten von Navigationssystemen anders und mehr nutzt, ist mir eh´ schon aufgefallen. Es ist zum Beispiel möglich, um Schulen herum einen Geofence zu errichten und das Gebiet als besondere Gefahrenzone zu kennzeichnen. In Europa nutzt das niemand, aber hier ist jede kleine Dorfschule als Gefahrenstelle gelabelt. Fahre ich durch einen Ort mit einer Schule, zeigt Anna gelbe Warnzeichen im Display und sendet einen nervenzerreißenden Dauerton in den Helm. Eigentlich soll man in Schulbereichen ja langsam fahren, aber der Ton macht, dass ich den Reflex verspüre Gas zu geben, damit ich möglichst schnell durch den Ort bin und der Warnton aufhört.

„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. , sagt Anna.
„Ja“, sage ich, „Aber fahren wir auch auf der schnellsten Route?
„Sie fahren auf der schnellsten Route“, sagt Anna.
„Und sind Verkehrsbehinderungen gemeldet?“, will ich wissen.
„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet, sagt Anna.
„Und fahren wir denn noch auf der schnellsten Route?“, frage ich.
„Sie fahren auf der schnellsten Route“.
„Na dann ist ja gut“, sage ich. „Aber was ist denn auf der A303 los?“
„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet, sagt Anna.
„Oh je, dann ist unsere Route sicher nicht mehr die schnellste?“, vermute ich.
„Sie fahren auf der schnellsten Route“.
„Uff, das beruhigt mich. Und auf der A303 ist alles gut?“, frage ich.
„Verkehrsbehinderungen auf A303 gemeldet. , sagt Anna.
„oh nein oh Nein oh nein!!“, rufe ich. „Dann ist unsere Route bestimmt langsam! Was sollen wir jetzt tun???“
„Sie fahren auf der schnellsten Route“.
„Na Gott sei Dank!“, rufe ich. „Aber gibt es Verkehrbehinderungen??“

So geht das über fast 50 Kilometer. Beim Ort Wincanton fahre ich kurz ab, dann ist der Verkehrsfunkspuk vorbei.

An der Hauptstraße von Wincanton befindet sich das berühmte „Discworld Emporium“, ein Laden, in dem sich alles nur um Terry Pratchetts Scheibenwelt dreht.

Leider, leider ist das Ehepaar, dass den Laden betrieben hat, vor einiger Zeit in Rente gegangen, und die beiden haben keinen Nachfolger gefunden. So kann ich nur an dieser Legende vorbeirollen und am Ortsausgang wieder Gas geben und zurück auf die Schnellstraße fahren.

Immer weiter geht es nach Westen, bis hinein in die Blackdown Hills. Ein AONB, „Area of Outstanding Natural Beauty“ – Gebiet von außergewöhnlicher, natürlicher Schönheit, mit grünen, von Hecken und Natursteinmauern gesäumten Feldern. Von dort geht es nach Süden, bis zur Küste. Hier sind die „-mouth“-Orte. (ausgesprochen „Müss“). Nach Portsmouth (Portsmüss), wo ich gestern angekommen bin, liegen dort die Orte Bournemouth, Weymouth, weiter westlich, Plymouth. Dazwischen liegt Sidmouth (Siddmüss), und da will ich hin.

Zwei Stunden nachdem ich am Inn aufgebrochen bin, rollt die V-Strom auf einen gekiesten Parkplatz. Vor einer großen Hecke stelle ich das Motorrad zwischen einer Reihe Autos ab und folge Wegweisern bis zu einem großen, modernen Holzgebäude. Ich grinse, als ich auf den zulaufe. Endlich hier!

Das hier ist das Donkey Sanctuary.

Das hier ist der Grund, weshalb ich überhaupt nach Großbritannien aufgebrochen bin. Ich weiß gar nicht mehr, wann und wie ich das erste mal darauf gestoßen bin. Vermutlich hat mir Twitter ein Bild eines Esels in die Timeline gespült, mit einem Link auf das Donkey Sanctuary. Wie auch immer ich darauf aufmerksam geworden bin, seitdem folge ich dieser Einrichtung, die sich um verwahrloste und heimatlose Esel kümmert, in den sozialen Medien. Auf Twitter posten sie Bilder und Videos aus dem Alltag ihrer „Adoptivesel“. Für wenige Pfund pro Monat kann man einen Esel „adoptieren“, und aus diesen Spenden finanziert sich die Einrichtung.

Ich mag Esel. Mein liebstes Kinderbuch (Nach „A der Affe und B der Bär“) war „Mein Esel Benjamin“, eine Fotogeschichte um die kleine Susi und ihren Esel, so ein typisches 70er-Jahre-Ding.

Esel machen mir gute Laune, ähnlich wie Pinguine, und die Internetesel haben mir die Zeit der extremen Pandemie erträglicher gemacht. Irgendwann in der Pandemie kam die Idee auf: Ich würde die Twitter-Esel gerne besuchen. Hier, in Sidmouth, in der Region Devon, in Südengland. Nur wegen der Vierbeiner bin ich überhaupt in Großbritannien. Kein Witz. Die Esel sind schuld an dieser Motorradtour. Und jetzt bin ich wirklich hier!

„Masken sind nicht nötig“, werden aber toleriert. Immerhin.

Ich lege die FFP3-Maske an und marschiere auf den Eingang zu. Der Eintritt ist kostenlos, am Eingang wird man freundlich begrüßt und erhält einen Flyer mit einem Lageplan des Geländes. Viele der Mitarbeiter:innen, die sich hier um die Besucher kümmern, sind Freiwillige. Renterninnen und Rentner oder Schülerinnen und Schüler, die Lust haben, in ihrer Freizeit etwas Gutes zu tun und hier mit zu helfen.

Andere Bereiche, insbesondere bei der fachlichen Tierpflege oder der medizinischen Versorgung, sind mit gut bezahlten Vollzeitstellen besetzt. Obwohl sich das Donkey Sanctuary nur aus Spenden für „Adoptivesel“ und einer Stiftung finanziert, ist es finanziell gut ausgestattet.

In dem Holzgebäude gibt es ein Restaurant und einen Shop, in dem man neben Plüsch-Eseln, Bleistiften mit Eseln drauf, Magneten in Eselform, Kochlappen mit Eseln, Esel-Monopolys, Eselkartenspielen, Tassen mit Eseln und Schmuck mit Silbereseln auch von den Freiwilligen selbstgestrickte und -gehäkelte und -genähte Eselchen kaufen kann.

Auf der anderen Seite des Besuchergebäudes beginnt das Außengelände, und unvermittelt stehe ich in einer Mischung aus Kräutergarten, Streichelzoo, Bildungseinrichtung und Bauernhof.

Gerade gibt es eine Eselfütterung und dazu einen Vortrag von einem der Pfleger, und ich dränge mich mit den anderen Besuchern am Gatter um Esel anzugucken.

Eine große, überdachte Halle einem weichen Lehmboden schließt sich an den Außenhof an. Hier sind noch mehr Esel, die ebenso neugierig auf die Besucher schauen, wie wir auf sie.

Endlich bekomme ich Gelegenheit einen Esel zu berühren. Ich hatte mir vorgestellt dass sich das Fell drahtig und fest und ein wenig borstig anfühlt, aber der Esel hier ist weich wie ein Plüschtier.

„Scratch my back and I scratch yours“ ist im Englischen ein geflügeltes Wort für „sich gegenseitig einen Gefallen tun“, und seinen Ursprung hat es… beim Verhalten von Eseln, die es in der Tat lieben sich gegenseitig mit den Zähnen das Fell zu zupfen und sich damit die Rücken zu massieren.

Ich schlendere durch die Nebengebäude. Hier lerne ich wahnsinnig viel über Esel:

  • Esel haben eine irre hohe Schmerztoleranz.
  • Esel können nicht viel tragen.
  • Packt man also eine hohe Last, sagen wir mal, eine Kiepe mit Steinen oder einen Touristen, auf einen kleinen Esel, dann schreit er nicht gleich vor Schmerzen – aber seine Muskeln erlauben keine oder nur kleine Bewegungen. Daher kommt der Ruf, Esel seien störrisch.
  • Bei sehr hoher Last verhaken sich sogar die Gelenke, und der Esel kann gar nicht mehr gehen.
  • Esel sind keine Fluchttiere. Anders als Pferde rennen sie nicht einfach sofort weg. Wenn sie Angst oder Stress haben, bleiben sie zunächst stehen und sehen sich die Lage an. Danach entscheiden sie, ob sie abhauen oder vielleicht sogar zum Angriff übergehen. Angst und Stress empfinden Esel auch, wenn sie angetrieben und geschlagen werden, auch dann bleibt er einfach stehen und denkt nach. Auch das wird als störrisch ausgelegt. Der Umgang mit Eseln erfordert also Einfühlungsvermögen. Wie bei Menschen.
  • Esel werden im Schnitt um die 30 Jahre alt, manche werden auch 50.
  • Esel „bonden“ und formen untereinander oder mit anderen Tieren lebenslange Freundschaften. Das ist der Grund, dass Esel des Donkey Sanctuary nur mit ihrem Bonding-Freund zum Arzt und ins Krankenhaus gehen. Die Anwesenheit des Freundes beruhigt sie.
  • Esel machen sechs Arten von Geräuschen: Grummeln, Grunzen, Quieken, Schnauben, Schnaufen und lautes Rufen. Sie rufen und schreien, wenn sie sich verlaufen haben, ihren Freund vermissen, Aufmerksamkeit wollen oder Hunger haben.
  • Die Rufe von Eseln sind über Kilometer zu hören. Weil sie sich über solche Distanzen auch wirklich unterhalten, haben sie größere Ohren als Pferde.
  • Esel schlafen im Liegen. Manchmal dösen sie mit dem Hintern auf dem Boden, einem aufgestellten Vorderbein und erhobenem Kopf.
  • Esel sind meist grau oder braun, weiße Esel sind selten.
  • Die Zahl der Esel weltweit schätzt man auf ca. 45 Millionen, aber es werden rapide weniger. Der Hauptgrund: China vernichtet Esel in industriellem Maßstab, um aus ihrer Unterhaut Gelatine zu gewinnen. Damit wird Ejiao hergestellt, eine Zaubercreme, mit der in China alles behandelt wird, von kalten Füßen bis Impotenz. Dafür kauft China weltweit Esel auf.
  • Wenn ein Pferdemann und eine Eselfrau Liebe machen, kommt dabei ein Maulesel raus.
  • Wenn eine Pferdefrau und ein Eselmann liebe machen, kommt dabei ein Maultier heraus.
  • Maultiere und Maulesel können sich nicht vermehren.
  • Esel kommunizieren auch über Mimik und Körpersprache mit ihren Artgenossen. Wenn sich zwei Esel treffen, kann es passieren, dass sie sich gegenseitig sanft in die Nase pusten – auch das ist Kommunikation.
  • Esel können die Körpersprache von ihnen vertrauten Menschen deuten.
  • Esel lieben es, miteinander zu spielen und zu rangeln und sollten auf keinen Fall allein leben.

…und noch vieles mehr. Überall gibt es lesenswerte Informationen und Dinge zum Ausprobieren und zum Befühlen. Natürlich gibt es auch viele Infos zum Donkey Sanctuary selbst. So wird erklärt, dass es von einer Doktorin namens Elisabeth Svendsen gegründet wurde. Die Dame, Jahrgang 1930, sah Ende der 60er auf dem Markt in Exeter einen mißhandelten Esel und beschloss, Esel auf dem Grundstück des Hotels ihrer Familie zu halten. Sie wurde bekannt als Helferin für Esel in Not, und 1974 hinterliess ihr jemand 204 Esel. Svendsen stand vor der Wahl: Diesen Eseln helfen oder sie töten lassen.
Sie beschloss, die Esel aufzunehmen und das Donkey Sanctuary hauptberuflich zu betreiben und mit einem Spendenverein und einer Stiftung zu finanzieren.

Das lief ziemlich gut, und heute – 10 Jahre nach Elisabeth Svendsens Tod – kümmert sich das Sanctuary um fast 4.500 Esel. Davon sind rund 200 hier in Sidmouth, der Rest in Dependencen in anderen Teilen von England, aber auch in Griechenland, Spanien und Zypern. Gemeinsam mit Universitäten mit einer Veterinärmedizin wurden eselspezifische Behandlungen entwickelt und Eselkrankenhäuser gebaut. Der Bedarf ist auch nach wie vor da – immer noch werden in England Esel vom Tierschutz gefunden, die misshandelt oder unter unwürdigen Bedingungen gehalten werden. Auf teils schlimmen Bildern sind abgemagerte und kranke Esel zu sehen, mit räudigem Fell und deformierten Hufen. Diese armen Geschöpfe finden in Sidmouth und den anderen Sanctuarys eine sichere Heimat, in der sie liebevoll aufgepäppelt werden.

Die Außengelände der Farm bestehen aus weitläufigen Wiesen, auf denen Schuppen stehen. Esel dösen hier in der Mittagswärme im Schatten. Überall liegt und steht Eselspielzeug: Bürsten zum dran schubbern, Salzsteine zum dran lecken und zum Spielen Bälle, Seile und Gummistiefel. Esel lieben es, auf Gummistiefeln herumzukauen oder sie durch die Gegend zu werfen.

Die Esel im Sanctuary tragen farbige Halsbänder mit ihrem Namen. Die Farben geben Hinweise. Die meisten Halsbänder sind rot oder gelb, wobei rot für (kastrierte) männliche Esel steht und gelb für weibliche. Weiße Halsbänder sind unkastrierte Jungs. Manche Esel tragen noch ein zweites Halsband, das auf bestimmte Bedürfnisse im Umgang oder der Ernährung hinweist. Grün, beispielsweise, zeigt an, dass der Esel die doppelte Futterration benötigt. Orange, dass er Medikamente braucht. Und rosa Halsbänder tragen kurzsichtige oder blinde Esel.

Auf einem Hügel ist die Grasschicht in der Silhouette eines Esels weggeschabt, und darunter ist weißes Kreideland zu sehen. Ist aber nicht gut zu erkennen, weder vom Boden aus noch aus der Luft.

Leider sind viele der Wiesen leer. Schildern informieren darüber, dass viele der Esel gerade einen Infekt haben und deshalb auf Weiden stehen, die nicht besucht werden können. Dennoch, ich könnte noch Stunden hier rumdödeln und den freundlichen Vierbeinern zusehen, aber ich habe ja heute noch was vor. Ich laufe zurück zum Motorrad…

…und kurze Zeit später brummt die V-Strom weiter nach Westen, von einem Dorf zum nächsten. Ich brauche immer noch Bargeld, und die V-Strom hat schon 450 Kilometer auf der Uhr und müsste langsam mal betankt werden. Stellt sich raus: Es gibt keine Bankfilialen mehr auf den Dörfchen. In den kleinen Orten gibt es entllang der Hauptstraßen meist ein Sanitätshaus, einige Schnellimbisse, einen Laden der Heilsarmee und einen Autohändler, aber keine Banken, und schon gar keine mit Geldautomaten. Seltsam.

Manchmal gibt es halt auch nix, außer ausrangierten Telefonzellen.

Was es ebenfalls nicht gibt ist Benzin. Zumindest nicht überall. Die ersten zwei Tankstellen, die ich ansteuere, haben kein Benzin. Die Dritte hat „Unleaded 95“, wenn auch nur E10, aber dafür ist Diesel ausverkauft. Ja, war eine tolle Idee, dieser Brexit. Nun gibt es nicht mehr genug Lastwagenfahrer, um Kraftstoff, Lebensmittel oder Bauteile just-in-time zu liefern.

Immerhin gibt es hier LÜDL, den besten Freund aller Reisenden. In LüDLs gibt es Backwaren und Salate in Portionen, wie man sie als Alleinreisender genau brauchen kann.

Hinter der Stadt Exeter liegt das Dartmoor. Ich hatte immer gedacht das sei ein Moor und deshalb flach, aber Pustekuchen – das ist eine Hügellandschaft!

Wer hat den Katzen die Augen entfernt???

Zwar gibt es hier Moore und quatschnasse Wiesen, aber unter dem Nationalpark ist ein Granitmassiv. Die Kombination ergibt moorige Senken und hügelige Wiesen, die von Heidekraut gesäumt sind und aus denen vereinzelte Bäume herausstehen. Unter den Bäumen grasen Schafe.

Das sieht nach heiler Welt und vorvergangenem Jahrhundert aus, allerdings reißt mich die Straße aus romantischen Träumereien. Die ist nämlich dicht befahren, nicht nur von Touristen, sondern auch von Lieferwagen und LKW. Und ständig ist ein Auto hinter mir, das es eilig hat und drängelt.

Es beginnt zu regnen, und halte auf einem kleinen Parkplatz und verstaue die Helmkamera, die nicht wasserdicht ist, im Topcase. Ein alter Lieferwagen am Rand des Platzes verkauft Eiscreme. Aber nur gegen Bargeld, was mich wieder daran erinnert, dass ich noch welches auftreiben muss.

Vom Parkplatz aus kann man über die Landschaft sehen, zumindest bis sie im diesigen Wetter verschwindet. Da unten liegt Land´s End, wie der südwestlichste Zipfel von Cornwall heißt.

Ich bin ein Mal über durch das Dartmoor durch, und jetzt geht es von den Hügeln hinab in den Ort Travistock, und von dort nach Norden und einmal um das Dartmoor herum bis zurück nach Exeter. Eine große Schleife.

In Exeter geht aus auf die M5, und mit der gen Norden. Das geht schnell, ist aber sterbenslangweilig – Autobahnen sind halt Autobahnen und bleiben langweilig, auch wenn man gefühlt verkehrt herum darauf fährt. Deshalb fahre ich 50 Kilometer später wieder ab und schlage mich durch die Landschaft, was aber schnell genauso nervt.

Die kleinen Straßen zwischen den Orten sind schmal und eng und natürlich kommt man auf den Winzstraßen nicht voran, und so gebe ich irgendwann auf und lasse Anna doch wieder Schnellstraße rechnen. Der Weg dahin führt durch den kleinen Ort Bridgwater, und in dem vermutet Anna gleich mehrere ATMs. Sie führt uns in ein Wohngebiet, und nach einigem Suchen entdecke ich tatsächlich einen kleinen Tesco-Supermarkt, und an dessen Außenwand – einen Geldautomaten! Ha!

Mit 200 Pfund Bargeld in der Tasche fühle ich mich gleich etwas besser, und jetzt fällt es mir auch leichter, wieder die doofe Autobahn zu fahren. Die führt vorbei an Orten mit Namen, mit denen ich aufgewachsen bin: Cheddar. Portishead. Bristol.

Überhaupt, die Ortsnamen hier! Die kennt man doch in der ganzen Welt: Marlborough. Winchester. Silverstone. Die sind alle hier! Glastonbury, Salisbury und Shaftesbury kenne ich als Straßen in London.

Kurz hinter Bristol, zwischen den Orten Yate und Dursley, lenke ich die Barocca wieder von der M5 herunter und zurück auf die kleinen Landstraßen. Geht nicht anders, es ist schon später Nachmittag und wir näheren uns dem Tagsziel, was wieder in einem Area of Outstanding Natural Beauty liegt, und da führt natürlich keine Autobahn hin.

Vom flachen Küstenland geht es wieder in eine hügelige Kulturlandschaft. Die meiste Zeit sehe ich nur Hecke, aber manchmal stehen keine Hecken an der Straße, und dann sind wieder grüne Wiesen zu sehen und Golfplätze („Peter Dangerfields PGA Fellow Golfcourse“).

Das hier sind die Cotswolts (AONB), und die ist bekannt dafür, dass sich her gerne Leute, vor allem solche mit viel Geld, Häuschen kaufen. Das sieht man, die Orte sind mehr als gepflegt, und die Dichte an sehr teuren Range Rovern und Jaguar-Geländewagen ist hoch.

Besonders sind die Häusern. Die sind aus Stein, der einen warmen, dunkelbeigen Ton hat. Diese Häuser strahlen Gemütlichkeit aus, aber gleichzeitig auch die Standfestigkeit von Festungen. Selbst die gewerblich genutzten an den Hauptstraßen der Dörfer:

Nach einer Stunde Fahrt durch die Cotswolds komme ich an einem winzigen Ort mit dem Namen Frampton Mansell an. An dessen Rand liegt „The Crown Inn“, ein 400 Jahre altes Schlachthaus, was seit 350 Jahren als Gasthaus genutzt wird.

An das alte Gasthaus sind zahlreiche Anbauten aus verschiedenen Jahrhunderten angeflanscht. In einem davon (19. Jahrhundert) ist die Rezeption untergebracht, in der ich schnell und professionell eingecheckt werde und ein Zimmer im Gästehaus (20. Jahrhundert) bekomme, das einmal über den Parkplatz liegt. Das Zimmer ist groß und blickt hinaus auf Weiden, auf denen Schafe stehen und tun, was Schafe halt so tun.

Die Duscharmatur in dem Zimmer ist allerdings das dümmste, was ich bislang in diesem Bereich gesehen habe. Die sieht aus wie ein Goa´Uld-Raumschiff, die Funktion der Hebel (und was ein Hebel ist und was nicht) ist völlig unklar und das ganze Ding ist so schwergängig, dass es sich mit nassen Händen nicht bedienen lässt.

Egal. Müde und hungrig schlendere ich hinüber zum Haupthaus und lasse mir von der jungen Bedienung einen Platz geben. Ein Holztisch in der Gaststube, die ebenso dunkel wie gemütlich ist und die aussieht, als sei sie Jahrhunderte alt – und es vermutlich auch ist.

Ich bestelle einen Grillteller mit zwei Sorten Steaks. Ich esse selten Fleisch, im Alltag bin ich eigentlich durchgehend vegetarisch und mit Tofu unterwegs, aber heute und nach diesem langen Tag habe ich richtig Lust auf eine ordentliche Portion Fleisch. Umso erstaunter bin ich, als ich einen Teller voll Grünzeug bekomme.

Das ist nett anzusehen, zweifellos, aber wo sind die Steaks? Sind die vielleicht sehr klein und unter den Blumenkohl gerutscht? Vorsichtig stochere ich mit der Gabel im Grünzeug herum und lupfe den Salat, aber darunter verstecken sich keine Steaks. Was habe ich denn da bestellt?

„Was ist denn das, was sie da bestellt haben?“, fragt ein altes Ehepaar vom Nachbartisch herüber und lugt neugierig in Richtung des Gemüsegartens auf meinem Teller. „Der Doppel-Steakteller“, sage ich etwas verwirrt. „Ah“, sagt die alte Dame, „Und ich habe mich schon gefragt wie Celeriac and Cauliflower Steaks aussehen. Danke!“.

Oh man. Sellerie und Blumenkohl-Steak! Ja, das ergibt Sinn. Ich habe aus Versehen den Vegetarier-Teller erwischt.

Schmecken tut es dennoch ganz köstlich, und auch wenn die Fleisch-Vorfreude enttäuscht wurde, ist das ein wirklich tolles Abendessen in gemütlicher Atmosphäre.

Tour des Tages: Von Stonehenge vorbei am Discworld Emporium zum Donkey Sanctuary in Sidmouth, dann eine Runde über das Dartmoor und schließlich in die Cotswolds. 505 Kilometer.

Zurück zu Teil 3: If friends were flowers, I´d pick you.

Am kommenden Samstag: Clarksons Farm

Kategorien: Motorrad, Reisen | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Reisetagebuch (4): Esel!

  1. LOL – Insider für Stargate-Fans 😎

    Positiv in GB scheint übrigens kein Problem zu sein. Ich weiß von Leuten, die positiv während einer Tour waren. Hat keinen interessiert und die haben sich dann nur etwas geschont und von anderen ferngehalten. Omikron läuft halt durch – auch bei uns…

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  2. Das stimmt, leider.

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  3. Ui, so viele Esel, das wäre ja was. Meine Frau und ich mögen die auch sehr und freuten uns in Irland viele gesehen zu haben.
    Das mit Bargeld finde ich immer schwierig, habe auch lieber den Notgroschen für die Tankstelle dabei, aber ärgere mich dann immer, wenn ich es zum Ende der Tour noch habe und nicht mehr loswerde, weil es doch eben überall unkompliziert digital ging.

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  4. Ja das ist richtig – man muss den Bargeldvorrat schon im Auge behalten und zusehen, dass man den kurz vor Abreise komplett in Souvenirs investiert 🙂

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  5. Esel!

    Ich mag sie sehr. Freue mich jedesmal wenn ich welche sehe, eigentlich reicht es dafür nur einmal in den Spiegel zu schauen. Hahahahaha!
    Silencer, weißt Du wer Modestine war?

    LIEBEn Gruß
    rudi

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  6. Nee, noch nie gehört und noch nicht gegoogelt. Klingt nach nachgemachter Ovomaltine?

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  7. Hach, die Esel….🥰 Ich schaue auch immer bei denen in social Media vorbei und schwärme heimlich für die Langohren….

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