Reisetagebuch (5): Clarkson´s Farm


Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Clarksons Farm, die Überwachung der Welt und Humbug im Angebot.

Mittwoch, 06. Juli 2022, The Crown Inn, Frampton Mansell, England
Nach dem langen Tag und den seltsamen falschen Steaks bin ich gestern Abend einfach umgefallen, ins Bett gekracht und früh eingepennt. Nicht mal zum Tagebuchschreiben hat es noch wirklich gereicht, mehr als ein paar Stichworte sind nicht zusammengekommen.

Aber jetzt, um kurz nach Sieben, bin ich ausgeruht und moderat gut drauf. Dieser Inn ist einfach ziemlich gut, das Zimmer ist nicht schlecht, es ist ruhig, und das die Barocca in Sichtweite vor dem Zimmer parkt, ist ein netter Bonus.

Neben dem Gästehaus mit den Übernachtungszimmern liegt ein Anbau mit der Rezeption und einem gediegenen Frühstückssaal.

Hier setzt sich der gute Eindruck fort. Das Personal ist freundlich und extrem schnell und professionell. Dieser Inn wird echt geführt und liefert ab wie ein 4-Sterne-Hotel.

Es gibt ein Full English Breakfast mit gebratenen Tomaten, Toast, gebackenen Bohnen, Black Pudding und einem Würstchen. Hach! Zu Hause frühstücke ich nie, aber unterwegs passe ich mich an. In Südeuropa reicht mir morgens ein Keks und ein Caffé Doppio, aber die britischen Fressorgien von Arterienverstopfendem Unfug mache ich genauso mit.

Ich zahle mit der Kreditkarte, dann geht es gestärkt und mit ziemlich guter Laune hinaus auf die Landstraße, die zwischen grünen Wiesen und Weiden hindurchführt.

Das hier sind die Cotswolds, einem der „Area of Outstanding Natural Beauty“. Mit dieser Bezeichnung, die auf Landkarten tatsächlich mit „AONB“ zu finden ist, werden in Großbritannien Landstriche gekennzeichnet, die „einen besonderen Wert haben“ – der kann kulturell oder historisch sein, er kann mit Naturschutz zusammenhängen, oder weil einfach mal jemand gesagt hat: „Ach, ist das schön hier“.

Letzteres ist ein beliebter Kniff von alteingesessenen Landbesitzern, um neue Bebauung in ihrer Nähe zu verhindern. Erstaunlich viele AONB finden sich in Gegenden, in denen reiche Landbesitzer und Lords ihre Ländereien haben. Anders als echte Naturreservate unterliegen AONBs aber keiner gemeingültigen Gesetzgebung, stattdessen entscheiden local oder special councils darüber, ob und was gebaut werden darf. Diese councils werden aber nicht demokratisch gewählt, sondern von einer Kommune ernannt, und oft genug sitzen da dann reiche Landbesitzer, die auf Gutsherrenart ganze Landstriche kontrollieren. Auch wenn die councils nicht demokratisch gewählt sind, nenne ich die im Folgenden der Einfachheit halber „Ortsrat“.

Die Gegend ist geprägt von Hügeln und Feldern und viel Grün, aber auch von Häusern und Mauern aus cremefarbenem Naturstein.

Die Cotswolds liegen 120 Kilometer nordwestlich von London und nur 30 Kilometer hinter Oxford. Mit dem Auto ist man von London in zwei Stunden angereist, aber viele der begüterten Anwohner, die unter der Woche in ihren Stadtwohnungen leben oder in der Welt unterwegs sind, steigen am Wochenende in ihr Privatflugzeug und sind binnen einer halben Stunde hier. Das ist der Grund für die vielen, kleinen Sportflugplätze in den Cotswolds.

Das es hier geradezu brechreizerregend schön und London recht nahe ist, auch der Grund, warum so viele Prominente hierher gezogen sind. Sting, Stella McCartney, Lily Allen, Patrick Stewart, die Beckhams, Hugh Grant, Damien Hirst, JK Rowling und andere Celebrities haben hier Anwesen. Zwei Dörfer weiter, in Little Faringdon, wohnt Kate Moss in einem 10-Schlafzimmer-Anwesen. Im Dorf Stow-on-the-Wold, durch das ich in diesem Moment fahre, leben Kate Winslet und Ehemann Sam Mendes. Im 20 Minuten entfernten Cirencster verkauft Elizabeth Hurley selbstgezogenes Biogemüse auf dem Markt, und selbstredend haben auch die Royals hier Anwesen, Princess Anne lebt hier sogar ständig.

Einer der ungeliebtesten Bewohner der Cotswolds ist Jeremy Clarkson. Das ist der bekannte TV-Mensch und Kolumnenschreiber, der erst „Top Gear“ und später „The Grand Tour“ gemacht hat. Heute moderiert er die englische Ausgabe von „Wer wird Millionär“ und schreibt Kolumnen für die Sun und die Sunday Times.

Die V-Strom brummt durch die Outstanding schöne Landschaft, die hier hauptsächlich aus Feldern besteht und, an einer Stelle, auch aus einem verwunschen wirkenden Stück Wald mit halbhohen Natursteinmauern. Dunkel ist es hier, die Bäume scheinen fast einen Tunnel zu formen.

Clarkson ist ein erzkonservativer Liberaler und hat sich in der Vergangenheit, zu Top-Gear-Zeiten, häufig über Umweltschützer lustig gemacht und den Klimawandel angezweifelt. Das hat sich mittlerweile deutlich geändert. 2008 kaufte Clarkson einen Bauernhof in den Cotswolds, zu der ein Dutzend kleiner Felder gehören. Die verpachtete er an einen ortsansässigen Bauern.

Als der Pächter 2019 in Rente ging, beschloss Clarkson, die Farm selbst zu führen – ohne davon Ahnung zu haben. Dann kam die Pandemie. Und eine Dürre. Und dann ein Monsunregen. Wie genau das ablief, läßt sich auf Amazon ansehen, denn Clarkson hat die Zeichen der Zeit erkannt und seine Motormagazine – „Top Gear“ und den Nachfolger „Grand Tour“ weitgehend abgewickelt und dreht nun „Clarksons Farm“ für Amazon.

Die aus acht Teilen bestehende erste Staffel kamen 2021 raus, und ich halte die für das beste Stück Fernsehen dieses Jahres. Die Serie dokumentiert ein Jahr auf der Farm, in dem Clarkson erstaunlich hart ackert – um am Ende ganze 144 Pfund zu verdienen.

Seitdem er Farmer ist, schlägt Clarkson deutlich leisere Töne als früher an. Kein Zweifel mehr am Klimawandel, den er live in seinen Gummistiefeln erlebt hat, stattdessen Sorgen um die weltweite Ernährungssituation. Keine dummen liberal-egoistischen Petrolheadsprüche mehr, sondern ein zart keimendes Bewusstsein, das Gemeinschaft mehr ist als die Ellenbogen vieler Individuen. Keine „Politiker sind alle wahnsinnig“-Pauschalkeule mehr, sondern konkrete Kritik, z.B. an den Freihandelsabkommen der Brexitregierungen, durch die Rindfleisch aus Australien in UK günstiger ist als solches, das hier produziert wurde. Clarkson ist zum prominenten und lautstarken Fürsprecher nachhaltiger und umweltfreundlicher Landwirtschaft geworden, und setzt seine Reichweite und seine Prominenz dafür ein.

Bei wem Clarksons Sinneswandel nicht angekommen ist, sind die anderen Bewohner der Cotswolds. Die halten Clarkson für vulgär und egoistisch (und liegen damit nicht unbedingt falsch) und blockieren viele seiner Vorhaben. Eine dieser Blockadeaktionen sehe ich, als ich in den Bereich der Cotswolds einbiege, in dem Clarksons Farm liegt.

Links und rechts der Straße, die gefühlt im Nirgendwo liegt, stehen Hütchen mit Haltverbotsszeichen, bis zum Horizont:

Eine kleine Schikane des Ortsrats. Clarkson hat einen Hofladen gebaut, um die bei ihm produzierten Produkte direkt zu verkaufen. Das löste nach Ausstrahlung der Doku einen Besucheransturm aus. Mangels Parkplätzen parkten die Besucher entlang der Straße, worüber sich die Anwohner (zu recht) beklagten. Clarkson bot daraufhin den Bau eines Parkplatzes auf seinem Grund an. Der Ortsrat verweigerte die Baugenehmigung und stellte stattdessen flächendeckend Parkverbotsschilder auf. Keine besonders konstruktive Lösung.

Das war aber erst der Anfang. Angesichts der wegfallenden EU-Subventionen für Landwirte befürchtet Clarkson (zu recht) ein Sterben der kleinen Bauernhöfe in Großbritannien. Reaktion der Tory-Regierung darauf: Die Ansage, dass die Landwirte sich halt geschäftlich breiter aufstellen und diversifizieren müssen, wenn sie überleben wollten. Die Bauern sollten gefälligst neue Geschäftsfelder erschließen. Clarkson versuchte das, durch Geschäftsideen wie den Anbau neuer Pflanzen wie Wasabi, aber auch durch seinen Hofladen und durch die Beantragung eines Hofcafés, wo er Speisen aus selbst produziertem Anbau anbieten wollte.

In einer seiner Kolumnen, fein dokumentiert in dem Buch „´til the cow come home“ beschreibt er, wie die Anhörung vor dem Bauausschuss des Ortsrats aus seiner Sicht ablief. Er legte sein Bauvorhaben da, erläuterte, dass so ein kleines Restaurant Arbeitsplätze schaffen und für die Region werben würde, präsentierte eine Folgenabschätzung über Besucherströme und wie er die gedachte unterzubringen und er stellte erwartete Umsätze und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung vor.

Dann brachte die Gegenseite ihre Argumente vor. Die lauteten im Kern, das Clarkson „eine unverschämte Person sei“ und „deshalb auch sein Bauvorhaben eine Unverschämtheit darstelle“, und damit war das Projekt gestorben. Das bittere Fazit: Die von der Tory-Regierung geforderte Diversifizierung und neue Überlebenstrategien für Bauern werden vor Ort verhindert – von Tory-Ortsräten.

Und nicht nur dieses Vorhaben blockiert der Ortsrat. Neue Durchfahrten auf Clarksons eigenem Grund und Boden? Verhindert. Das Anlegen von Wällen, um bei Starkregen nach Dürreperioden zu verhindern, dass der Boden abrutscht und das nächste Dorf unter Schlammlawinen begraben wird? Verhindert.

Mittlerweile bin ich am Ende der Pylone angekommen und halte die V-Strom in einer Einfahrt. Das hier ist die Zufahrt zu den Farmgebäuden von Clarkson. Reinfahren darf ich da natürlich nicht, aber ein Foto sei erlaubt.

Dann fahre ich die Reihe mit den Parkverbotshütchen zurück, bis ich wieder an dem Schild „Diddly Squat-Farm Shop“ ankomme. So hat Clarkson die Farm getauft, „Diddly Squat“ heißt „So gut wie nichts“ und bezieht sich auf den Gewinn, den er mit dem Hof macht.

Ich stelle die Barocca am Rand der Einfahrt ab. Zum Glück ist es heute trocken. Bei Regen wird das hier alles zu Schlamm, und die Bauern aus der Umgebung diversifizieren ihr Geschäft, in dem sie mit ihren Traktoren die Autos der Besucher aus dem Matsch ziehen.

Es ist unter der Woche und am Morgen, außer drei Autos von Besuchern ist noch nichts los. Neugierig und leicht aufgeregt gehe ich auf das kleine, einem Stall nachempfundenen Ladengeschäft zu. Man beachte die schieferfarbenen Dachschindeln. Die sind neu.

Zunächst hatte der Laden ein dunkelgrünes Wellblechdach, aber der Ortsrat änderte seine Meinung und die initiale Baugenehmigung im Nachhinein. Ein grünes Dach? Unverschämtheit! Aber was will man von Clarkson auch anderes erwarten! Also wurde das grüne Dach wieder abgerissen und der Laden neu gedeckt.

Ein Schild am Eingang rät dazu, sich mit Lebensmitteln einzudecken, bevor sie unbezahlbar werden.

Weil Clarkson sich gerne ein wenig dumm stellt, gibt es statt Milch „Cow juice“ in einem Automaten an der Eingangstür zu zapfen.

Honig heißt „Bee Juice“ und wird in kleinen Gläsern angeboten. Weil Clarkson Millenials allgemein und Influencer im Besonderen verachtet, gibt es hier zwar Duftkerzen – aber die tragen den Namen „Smells like my Bollocks“ (riecht wie meine Testikel) und soll „nach seinen Autositzen, Leder und Jeans“ riechen. Eine klare Spitze gegen Promi-Duftkerzen, die in den letzten Jahren Mode geworden sind, und von denen Gwyneth Paltrows „riecht wie meine Vagina“-Kerze das krasseste Beispiel ist.

Neben diesem Provokationskram gibt es auch ganz normale Sachen zu kaufen, produziert entweder auf Clarksons „Diddly Squat“-Farm oder bei Bauern in der Region (aber nicht weiter als 25,7 Kilometer entfernt, Anweisung des Ortstrats): Wurst- und Fleisch liegt Vakuumverpackt in Kühlregalen, Mehl wird in kleinen Päckchen angeboten, Brotaufstriche und Chutney in kleinen Gläschen.

Natürlich gibt es auch „Diddly Squat“-Merchandise. Nach kurzem Überlegen (und weil es keine Magnete gibt) kaufe ich ein Teetuch, auf dem, in der Clarkson-eigenen Bescheidenheit, „Das beste Tee-Tuch der Welt“ steht.

Im Shop sind natürlich weder Jeremy Clarkson zu sehen noch Lisa Hogan, seine Lebensgefährtin, die in der Serie den Shop einrichtet und führt. Das war mir aber vorher klar – ein ehemaliges Model und Vollzeit-Celebrity macht sowas für die Kameras, aber nicht jeden Tag von acht bis siebzehn Uhr, dafür gibt es Angestellte.

Neben dem Farmshop steht ein offener Stall, in dem eigentlich die Schafe der Farm im Frühling ihre Nachkommen zur Welt bringen sollten. In den neun Monaten, in denen da keine Schafe niederkommen, wollte Clarkson den Besuchern die Gelegenheit geben, sich mal kurz hinzusetzen. Als ich dort bin, stehen dort gemütliche Tische und, ein Stückchen weiter, ein Container mit Chemietoiletten.

Drei Wochen nachdem ich da war, verfügte der Ortsrat übrigens, dass die Toiletten und Tische entfernt werden müssen, weil das „gegen ein Gesetz“ seien und „überhaupt eine Unverschämtheit“.

Clarksons schlug allerdings zurück. Sein Antrag auf ein Hofcafé wurde ja abgelehnt, und er hat es trotzdem eingerichtet, weil er meinte ein „hübsches, kleines Hintertürchen“ in den Planungsvorgaben und Satzungen des Ortsrats gefunden zu haben. Der Krieg zwischen Clarkson und dem Ortsrat wird mittlerweile medial begleitet und ist Thema in der Presse (und hoffentlich auch in Staffel zwei oder drei von „Clarksons Farm“. (Quelle: BBC, The Sun).

Clarkson legt sich also gerne mit den Oberen an, bittet aber durchaus um Rücksichtnahme auf die direkten Nachbarn:

Nunja, die Barocca ist nie laut. Ich mag keine lauten Motorräder.

Nach dem Besuch im Farmladen geht es durch Chipping Norton, dem Wohnsitz von Kaleb Cooper, der Clarkson versucht Landwirtschaft beizubringen, und seinem Vater Gerald, dem Trockenmauerbauer, dessen Gemurmel niemand versteht. Dann geht es durch die Cotswolds gen Westen.

Von der Landschaft sieht man dort: Nichts. Die schmalen Straßennd werden links und rechts unmittelbar von mehreren Metern hohen Hecken oder Mauern begrenzt. Wirklich, Asphalt hört auf, Hecke fängt an.

Als würde man ständig durch den Graben des Todessterns fliegen. Das ist anstrengend. Man fühlt die Geschwindigkeit viel intensiver, man muss vorsichtig sein, weil ständig etwas von vorne kommen kann, und von der Landschaft sieht man natürlich gar nüscht. Ob der Ortsrat das mit Absicht so gemacht hat, damit man hier bloß nicht anhält oder ihnen die schöne Landschaft wegguckt?

Außerdem kann man nirgendwo anhalten und mal einen Schluck trinken oder Wasser lassen, wenn man nicht einem Anwohner in die Einfahrt pinkeln will.

Egal. Es geht westwärts und vorbei an Cheltenham. Der Ort ist die Partnerstadt von Göttingen. In Götham haben wir sogar einen Cheltenham-Park und ein Cheltenham-Haus.

In den letzten Jahren ist Cheltenham zu unrühmlichem Ruf gekommen. Der Grund dafür ist etwas, das aussieht als wäre ein Ufo im nordwestlichen Stadtteil gelandet.

Das Gebäude ist so groß wie eine Wohnsiedlung. Der „Doughnut“ beherbergt das „Government Communications Headquarter“, kurz GCHQ. Dieses Hauptquartier ist mit „Signal Intelligence“ und „Information Assurance“ betraut ist, Kommunikationsüberwachung und Informationsbeschaffung. Was sich dröge anhört, ist tatsächlich eine der effizientesten Organisationen der Welt. Wie effizient, hat die Presse 2013 mit den Infos von Edward Snowden enthüllt. Allerdings kam das über ausländische Medien ans Tageslicht, britische Zeitungen durften darüber nicht berichten – die lupenreinen Demokraten des GHCQ stattetem dem Londoner „The Guardian“ einen Besuch ab und zwangen die Redakteure, vor ihren Augen die Festplatten zu vernichten, auf denen sie Snowden-Material erhalten hatte.

Später wurde dann klar, dass das GHCQ-Gebäude nicht nur aus der Luft an einen der Datenanschlüsse von R2D2 aus Star Wars erinnert – es IST eine Schnittstelle zum gesamten Internet und in die Endgeräte der Menschen hinein. Dafür bietet sich Cheltenham tatsächlich an, das Doughnut-Gebäude sitzt in der Nähe mehrere Übersee-Glasfaserverbindungen. Ein sehr großer Teil des weltweiten Telefon- und Datenverkehr, so enthüllten es Snowdens Unterlagen, wird aus den Kabeln ausgeleitet und in diesem Gebäude zwischengespeichert und analysiert (Projekt „Tempora“).

Das Programm „Karma Police“ sammelt seit 2008 persönliche Daten von Nutzern und besuchten Websiten und kann diese Informationen verlinken.

Diese anlasslose Massenüberwachung und Speicherung wird weltweit und für alle Menschen durchgeführt und entzieht sich jeglicher parlamentarischer oder demokratischer Kontrolle.

Der Name Karma Police stammt übrigens vom gleichnamigen Radiohead-Song, der die Zeile enthält „This is what you’ll get when you mess with us“. Das der GHCQ Webcams Notebooks von Privatpersonen hackt und Bilder der Nutzer sammelt, ist da wohl nur ein Nebenprojekt.

Der Geheimdienst hat es sich gewandelt – im zweiten Weltkrieg knackte der GHCQ Codes, im kalten Krieg spionierte er die politischen Gegner aus, und seit dem Internetzeitalter sind Privatpersonen die Feinde, die es zu beobachten gilt und die auszuspionieren sein Ziel ist. Und zwar nicht spezielle Privatpersonen, sondern alle. Also auch ich und Du und jeder andere auf der Straße. Jeder und jede mit einem internetfähigen Endgerät oder einem Telefon wird vom GCHQ überwacht.

Der Doughnut ist also das Tor zum Reich des Bösen. Ich fahre allerdings nur weit daran vorbei – das Gelände ist weiträumig und mit hohen Hecken und Mauern geschützt, es ist praktisch unmöglich von der Straße aus einen Blick auf den Geheimdienst zu werfen.

Die V-Strom brummt weiter nach Westen, und nach Städten wie Cheltenham, Gloucester und Worcester (das mit der Sauce!) wird die Besiedlung weniger dicht. Es geht in das Wye Valley (auch ein AONB) und damit über die Grenze zwischen England und Wales.

Der Übergang von England zu Wales ist durchaus zu merken. Als Festlandeuropäer vergisst man ja gerne, dass auch Wales neben England, Schottland und Nordirland zum Vereinigten Königreich gehört, bzw. man nimmt es nicht ernst: Hihi, das ist doch der kleine Zipfel von England wo die Leute unverständlich reden, aber tatsächlich ist das hier etwas ganz Eigenständiges. Wales hat sogar die coolste Flagge von allen UK-Ländern – einen roten Drachen auf grün-weißem Grund – und ausgerechnet der findet sich im Union Jack nicht wieder. Drachendiskriminierung!

Als ich die unsichtbare Grenze überfahre, weiß ich noch gar nicht, dass ich schon in Wales bin, aber mir fällt auf, dass sich Dinge ändern. Die Straßen sind besser und breiter, statt Todessterngräben ist hier alles großzügig und es gibt sogar Halte- und Rastplätze entlang der Straße. Außerdem sieht alles besser gepflegt und viel besser ausgebaut aus.

Gewissheit habe ich dann nach dem ersten Wegweiser. Jupp, dass hier ist Wales. Außer auf Englisch werden hier alle Ortsnamen auf walisisch angegeben, was einfach völlig unverständliche, sehr lange Worte mit vielen Ys und Js darin sind.

Die Rastplätze entlang der Straße entpuppen sich als sehr gut, als nämlich mein Telefon läutet, kann ich sofort anhalten. Es ist ein Mitarbeiter des Crown Inn, der irgendwas wegen Kreditkarte will. Ich verstehe ihn erst nicht, wegen des lauten Straßenverkehrs, und muss dreimal nachfragen – hat die Bezahlung heute morgen nicht funktioniert? Doch doch, sie wissen nur nicht, wohin sie die Rechnung schicken sollen. „In den Papierkorb“, sage ich lachend und fahre weiter.

Anna erweist sich wieder mal als unglaublich hilfreich – und gleichzeitig völlig irritierend. Hilfreich ist, dass sie die erlaubte Geschwindigkeit nicht in Meilen, sondern in Kilometern pro Stunde auf ihrem Display anzeigt. Das ist Gold wert, und so langsam kann ich mir auch merken, das 97 km/h den Straßenschildern mit 60 mph entspricht.

Irritierend ist aber, dass sie in Zonen, in denen geblitzt wird, von km/h auf mph umschaltet. Das raffe ich aber zuerst nicht. Kurz mal nicht aufgepasst, dann auf´s Display geguckt, und da steht jetzt 50. Aha, denke ich. 50 km/h sind damit gemeint, also 40 mph. Erst als es hinter mir hupt, und ein Auto nach dem anderen die Suzuki überholt, wird mir klar: Sind wohl doch eher 50 mph gemeint, also 80 km/h. Seltsam.

Etwas amüsieren muss ich mich auch bei einem Tankstop. An der Zapfsäule neben mir steht ein Tesla. Ein Mietwagen, wie der Hertz-Aufkleber in der Windschutzscheibe verrät.

Vermutlich kauft der Fahrer gerade nur Zigaretten, aber wie lustig wäre das, wenn der Mieter versucht hätte zu Tanken als der Tesla „Low“ anzeigte? Dann würde im Auto echt mehr Intelligenz stecken als im Fahrer – und es gibt im Internet schon mehr als ein Video, auf dem Leute (meist Amerikaner) versuchen, Zapfpistolen in den Ladeanschluss von Teslas zu rammen.

Bei Merthyr Tydfyl geht es gen Norden, durch ein Tal im Brecon Beacons Nationalpark. Sehr toll anzusehen, die grünen Wiesen und steilen Felsen und kleinen Seen, das fühlt sich an wie ein Vorgeschmack auf Schottland!

Danach wird es nur noch besser: Weniger Autos, mehr Schafe, tolle Landschaft, einmal sogar eine Hochebene. Wales ist wunderschön, ein krasser Gegensatz zum engen und dicht besiedelten Südengland, in dem man nicht weiter als bis zur nächsten Hecke sehen kann.

Einmal der Länge nach fahre ich durch die Bergkette in der Mitte von Wales, bis ich im Norden des Landes die V-Strom an die Küste lenke. Im Ort Porthmadog hat Anna einen LüDL ausfindig gemacht.

Hier gibt es sogar Humbug zu kaufen!

Ich nehme einen fertigen Meatpie mit, einfach weil ich nicht weiß wie sowas schmeckt, und einen Fertigsalat, dann geht es zurück in die Berge. Mittlerweile hat sich der Himmel verfinstert, es nieselt ab und zu, und in den Bergen hängen dichte Wolken. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis nach Ffestiniog.

Hier ist der Hund völlig verfroren, der kleine Ort mit dem nordisch klingenden Namen liegt wirklich im Nichts. Hinter dem kommt nur noch ein Steinbruch, in der eine einzelne Zipline auf Freizeitausflügler wartet. Ich will hier eigentlich auch gar nicht sein, hier gibt es nichts. Warum ich dennoch hier bin?

Weil hier eine der wenigen, bezahlbaren Unterkünfte liegt. Wirklich, UK ist ARSCHTEUER was Übernachtungsmöglichkeiten angeht, selbst für Gammelzimmer mit acht Quadratmetern und erkennbar Schimmel am Fensterrahmen werden gerne Preise von 140 Euro auf Booking.com und ähnlichen Seiten aufgerufen, aber in Ffestiniog gibt es einen communitygeführten Pub. Hier barkeepert die Dorfgemeinschaft und bewirtet Reisende gegen ein relativ wenig Geld. Dafür ist dann die Küche nur halt nur gegen Voranmeldung besetzt und alles ist etwas minimalistisch. Ist mir aber egal, ich bin genügsam.

Als ich es in die Berge und bis nach Ffestiniog geschafft habe und vor dem „Y Pengwern“ vorfahre, freue ich mich gleich erstmal: Direkt vor der Tür ist einer der wenigen Parkplätze frei! Das ist gut, denn alle Straßen rund herum sind krass abschüssig, da zu parken wäre nicht so nett gewesen.

Das Gebäude sieht runtergekommen aus. Überall blättert die Farbe und die Fassade bröckelt, und an den Stellen, wo ein Windfang weggerissen wurde, hat man sich erst gar nicht die Mühe gemacht mit Mörtel und Farbe zu Werke zu gehen.

Ich melde mich an der Bar, und der junge Mann dahinter schiebt mir einen Zimmerschlüssel rüber, murmelt „hinten links, kein Abendessen, Frühstück ab acht“ und dreht sich wieder seinen Zapfhähnen zu.

Das Zimmer ist nicht groß, aber mit einer Teeecke und einem kleinen Tisch ausgestattet. Auf dem steht eine Karaffe mit Wasser und ein Schild, auf dem gewarnt wird, dass im Badezimmer kein Trinkwasser aus dem Hahn kommt und man bei Bedarf aus einem Wasserspender im Flur Nachschub holen soll.

Ich werfe mein Gepäck ab. Viel Lust etwas zu unternehmen und noch einmal weg zu fahren habe ich nicht. In den Pub will ich auch nicht. Stattdessen werfe ich mich in Jeans und Steppjacke und streife durch Ffestiniog. Erwartungsgemäß gibt es hier aber nichts zu sehen. Außer vielleicht der gotischen Kirche mit den pittoresken Friedhofssteinen…

…und den traditionellen Trockenmauern, auf die scharfe Schieferplatten als Krone aufgesetzt sind.

Als es anfängt zu regnen, gehe ich zurück zum Pub. Hier gibt es eine Dusche, die die Goa´Uld-Dusche von gestern in Sachen Dummheit auf Platz 2 verweist: Die Bedienelemente sind am Durchlauferhitzer angebracht, der außerhalb der Dusche hängt. Damit eine auch nur halbwegs vernünftige Wassertemperatur und -menge einzustellen ist praktisch unmöglich.

Nach einer kurzen, zu-heißen-und-abwechselnd-eiskalten Dusche mit rostfarbenem Wasser nehme ich an dem kleinen Tisch Platz und gucke aus dem Fenster. Friedlich und still ist es hier, und ich kann sehen, wie Regenwolken über die Berge ziehen.

Im Fensterrahmen informiert ein Schild über Hotelregelungen aus dem Jahr 1956. Ich krame den Meat Pie und den Fertigsalat hervor und esse allein in meinem kleinen Zimmerchen zu Abend.

Tour des Tages: Von den südlichen Cotswolds erst nach Osten bis zu Clarksons Farm, dann nach Westen bis zu den Breacon Beacons, von dort nach Norden bis Porthmadog und Ffestiniog, zusammen 443 Kilometer.

Zum nächsten Teil: Hölle Hardknott
Zurück zu Teil 4: Esel!

Kategorien: Motorrad, Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Reisetagebuch (5): Clarkson´s Farm

  1. Mannomann – diese Folge macht einem GB echt unsympathischer 😝
    Ich war nur 1x da. Es zieht mich seit dem Brexit aber auch nicht wirklich an…
    Dafür macht sie mir Clarkson sympathischer 😊

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  2. Der Sonntagmorgen fängt gerne im Bett mit einem Milchkaffee und was schönem zum Lesen an. Heute mit dieser Episode – herrlich!

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  3. Marcus: Ja, GB ist stellenweise immer noch schwierig. Reiche Menschen, Rogue Agencies – da kann man schlechte Laune bekommen.

    Raini: Das freut mich! 😊

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  4. Hmm, bisher hab ich die Show immer vor mir hergeschoben, aber ist ja bald Winter, da kann ich das ja mal nachholen.

    Aber unabhängig davon, mir macht es noch mehr Lust auf England und vor allem Wales. 😉

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  5. Unbedingt angucken, lohnt sich 🙂

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