Reisetagebuch (13): Borderlands & die Road of Bones

Tour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute geht´s dort hin, wo der Doktor das Vieh liebte, Genzbeamte drohen die Barocca zu zerlegen, und es gibt zum ersten Mal einen Selfie ohne Helm von mir zu sehen!

Freitag, 15. Juli 2022, Horse & Hound Inn, Bonchester Bridge, Schottland

Das Frühstück im Horse & Hound ist sehr gut. Wirtin Dawn wirbelt zwischen den Tischen herum, bringt Full Scottish Breakfast, schenkt Kaffee nach, bietet HP-Sauce an und ist auch ansonsten super.

Um kurz nach Acht zwänge ich mich durch die starken Brandschutztüren und die engen Treppen des Inns hinunter und trage die Koffer zum Motorrad. Neben der Barocca steht eine 600er Bandit.

Ein älterer Herr nestelt gerade an der schweren Kette herum, mit der die Bandit gesichert ist. Als ich grüße, strahlt er mich an und stellt sich als Johnston vor, „Einfach Johnston, wie Johnson, aber mit einem „t““, sagt er, und dann deutet Johnston mit beiden Armen auf die Motorräder und auf den Pub und reißt dann die Hände in die Luft als wollte er die Welt umarmen und stößt hervor: „IST DAS NICHT GROßARTIG?!“

Ich blicke auf die Motorräder und auf den Pub und auf die Landschaft und weiß, was er meint. Johnston kiekst vor Freude. „Jedes Jahr fahre ich ein paar Tage mit meiner 600er in die Lowlands, und dann in die Highlands, und ich genieße JEDE SEKUNDE“, ruft Johnston und ich grinse ob dieser Lebensfreude und nicke, bis mir fast der Kopf abfällt.

Als ich in den Sattel steige, trage ich bereits die StormChaser-Kombi. Der Himmel ist bedeckt und das Internet sagt, dass es heute nochmal richtig regnen wird. War ja klar. Bislang hatte Glück mit dem Wetter, aber am letzten Tag erwischt es mich dann noch.

Denn das ist er heute, der letzte Tag. Zumindest der letzte in Schottland, denn ein paar Meilen hinter dem Horse & Hound beginnen die Borderlands, und noch ein wenig weiter markiert ein pittoresker Grenzstein den Übergang zwischen Schottland und England. Als ich daneben halte, steht das Vorderteil der Barocca plötzlich in England, das Heck aber noch in Schottland.

Seit 1.000 Jahren verläuft in diesem Gebiet die Grenze zwischen Schottland und England – mithin, so behauptet ein Schild am Grenzstein, die älteste dokumentierte Grenze der Welt. Grenzstreitigkeiten gab es hier noch früher, hier haben sich schon die Römer mit den Kelten gehauen. Das hier ist also schon ewig das Grenzgebiet, was sich auf Englisch aber cooler anhört: Die Borderlands.

Von der Anhöhe aus, wo die Grenze liegt, kann man über die Borderlands blicken. Sattgrüne Landschaft, die verdächtig nach Südniedersachsen aussieht. Regenwolken ziehen darüber hinweg.

Hinter der Grenze weint der Himmel so richtig darüber, dass ich nun wieder in England bin. In den Regenklamotten macht mir das nicht viel. Nur vom Northumberland Nationalpark, durch den ich hier gerade fahre, sehe ich nicht all zu viel.

Grau und düster ist es. Stellenweise wird es so dunkel, dass ich das Licht der Scheinwerfer der V-Strom auf den Büschen am Straßenrand sehen kann.

Das wird auch nicht besser, als Anna uns auf kleine Straßen in Richtung Westen führt, wo die Landschaft bergiger wird. In einem kleinen Ort geht es eine Straße hoch, die mit 25 Prozent Steigung ausgewiesen wird – aber darüber lachen wir nur, die Barocca und ich. Nach dem Hardknott Pass schreckt uns sowas hier nicht mehr.

Die Berge hier sind die Cumbrian Mountains und fast leer, nur Weiden und Steinmauern sind hier zu sehen. North Pennines heißt die Gegend, ein „Area of Outstanding Natural Beauty“, aber von der Landschaft sehe ich nicht viel. Die wird von Nebel verschluckt, vielleicht sind es auch tiefhängende Wolken.

Es beginnt zu stürmen, und nun ist es kalt, nass und durch den Nebel fühle ich mich geradezu blind.

Dazu kommt: Die Straße ist gespickt mir toten Karnickeln. Und das in einer Dichte, das habe ich noch nicht gesehen. Alle drei Meter klebt ein sehr plattes Kaninchen auf der Straße. Die Kadaver sind über die gesamte Breite des Asphalts verteilt. Wirklich, es sieht aus, als hätte es hier Kaninchen geregnet, die beim Aufschlag alle zersplattert sind. Um ein Bild zu bekommen, stelle man sich eine Windschutzscheibe wie in den 90er vor, voller Insektenleichen. So sieht das hier aus, nur mit Asphalt statt Glas und felligen Säugetieren statt Fliegen und Mücken. Aus dem blutigen Fellmatsch ragen Knochen heraus. Eine echte Road of Bones, zumindest für Langohren.

Ich tue den Teufel und fahre nicht einfach über die Karnickelreste hinweg. Der platte Reifen, vor zwei Jahren, in Florenz? Dafür war ein Splitter von einem Kaninchenknochen verantwortlich! Wenn Kaninchenknochen brechen, zersplittern sie in messerscharfe Spitzen – das weiß jeder, der auf dem Dorf einen Hund hat. Also fahre ich im Slalom um die platten Karnickel herum.

Das dauert natürlich ewig, an schnelles Vorankommen ist nicht zu denken. Noch dazu jammert mir Anna die Ohren voll. Alle paar Minuten gibt sie neue Verkehrsmeldungen mit Verzögerungen durch.

Ich hatte mir eine schöne Route durch die Yorkshire Dales zusammengebastelt. Das ist dort, wo der fiktive James Harriot in seinem Oldtimer durch die Gegend tuckerte und „alle Tiere, groß und klein“ versorgte – also die Region, wo „Der Doktor und das liebe Vieh“ spielte. Die Landschaft war der heimliche Star der Bücher und Serien (ja, Plural – 2020 gab es allen Ernstes eine Neuverfilmung, man stelle sich das vor!).

Gern hätte ich die Yorkshire Dales gesehen, aber das hat ja alles keinen Sinn so. Nass, kalt, keine Landschaft, anstrengende Straße… Nee. Keine Lust mehr.

Ich lösche die Route und lasse Anna eine direkte und möglichst staufreie Strecke zum Tagesziel rechnen und bin bass erstaunt, was sie dafür an Zeit veranschlagt. Ich dachte, ich hätte heute Nachmittage viel Zeit tot zu schlagen, aber dem ist gar nicht so – im Gegenteil, ich muss mich schon sputen, um trotz der ganzen Baustellen und Umleitungen halbwegs rechtzeitig zur angepeilten Zeit in Kingston upon Hull zu sein.

Auf allen Zufahrtsstraßen zur Stadt ist Stau wegen Baustellen, und in der Stadt selbst muss ich fast aufpassen, dass das Motorrad nicht vom starken Wind aus einem der zahllosen Kreisel geblasen wird.

Anna findet den Hafen und verliert dann irgendwie die Orientierung, aber zum Glück kenne ich mich ab hier aus. Ich bin auf Streetview die Strecke ein paar Mal abgefahren, um zu wissen, an welches Terminal ich muss. Das war auch gut so, denn die Ausschilderung ist kaum vorhanden. Ah, HIER ist der markante Stahlzaun und DORT geht es unter der Brücke durch und DA ist der orangefarbene Turm und dahinter muss ich rein und dann um das Gebäude rum.

Zack, stehe ich vor dem Checkin-Häuschen von P&O-Ferries, während zwei Reisemoppeds, die bis eben noch hinter mir waren, an der Einfahrt vorbeirauschen und in den Tiefen des Verladehafens verschwinden. Ich stehe hinter einigen PKW und warte, bis sich dran bin. Nach einigen Minuten tauchen die Reisemoppeds wieder im Rückspiegel auf – haben sie es also auch gefunden.

Eine simple Ticketnummer reicht zum Checkin. Ich hätte das ja fast nicht geglaubt, denn das Prozedere in Südeuropa läuft ganz anders ab. Dort erhält man nach der Buchung per Mail nur die Reservierung, die dann vor Ort durch Lauferei zu einem Schalter gegen ein Ticket und einen ganzen Stapel Papier eingetauscht werden muss, der dann beim eigentlichen Checkin für eine Bordkarte vorgelegt wird. Aber hier? Nur vorab persönliche Angaben auf der Website einklimpern und beim Checkin die Ticketnummer vorsingen (oder zeigen) und Zack, gibt es die Bordkarte dafür. Zauberei!

Weniger bezaubernd ist die Tatsache, dass ich nach dem Checkin rausgewunken werde. Die PKW vor mir dürfen über eine Rampe nach oben fahren, die V-Strom wird aber in eine Lagerhalle geleitet, wo ich sie wenden und an einem bestimmten Punkt anhalten muss. Mächtige Scheinwerfer sind auf die Maschine gerichtet, und gleich sechs Grenzbeamte umstellen das Motorrad. Ach Mist, sowas passiert, wenn man zu früh da ist und die Leute noch zu viel Zeit haben.

Was wird das hier, nehmen die mir jetzt die Kiste auseinander? Ich habe eigentlich nichts illegales dabei… Ok, außer dem großen Opinel-Messer, das in einem Halfter im Topcase steckt.

Und den Bomben im rechten Koffer.

Kein Witz.

Ich habe Samenbomben dabei. [beliebigen Fips-Asmussen-Witz hier einfügen]

Das sind gepresste Erdkügelchen mit ein wenig Kompost und recht vielen Pflanzensamen drin. Auf englisch heißen die Seedballs, auf Deutsch halt „Samenbomben“. Die wirft man irgendwo hin, und dann macht es Blumen. Habe ich als Souvenir auf Balmoral gekauft. Und die auszuführen ist verboten. Hört sich jetzt doof an, aber da UK jetzt nicht mehr EU ist, ist es tatsächlich verboten Pflanzen, Pflanzensamen, Gemüse oder Fleisch im eigenen Gepäck zu transportieren.

Ist natürlich nicht so supi, das ich jetzt kontrolliert werde. Ich hatte auf Mut zur Lücke gesetzt, aber es ist halt immer so: Wenn ich nur ein kleines Bißchen was Ddoofes mache und eine Chance von eins zu hunderttausend besteht das ich erwischt werde – dann werde ich auch erwischt. Aber vielleicht kontrollieren die auch gar nicht so genau.

Ich stelle den Motor aus, nehme den Helm ab und grüße freundlich. Heute ist wohl Ausbildungs- oder Praktikumstag bei den Uniformierten zu sein. Mist. Soviel zu der Hoffnung, dass die nicht genau Hingucken.

Ein älterer Grenzer erläutert seinen jüngeren Kollegen, zwei davon in Zivil, was er jetzt tut. „Und jetzt fordere ich den Fahrer auf, sein Fahrzeug zu verlassen.“, erklärt der Grauhaarige einer jungen Frau mit Pferdeschwanz und einem jungen Mann mit Strubbelkopf und Klemmbrett. Dann blickt er mich an und sagt „Guten Tag, Sir. Wären Sie bitte so freundlich, das Fahrzeug abzustellen und abzusteigen“. Ich tue wie mir geheißen.

„Jetzt bitte ich den Fahrer den Kofferraum… also, in diesem Fall, die Koffer zu öffnen“, sagt der Beamte, wobei er nur die Kollegin ansieht, nicht aber den leicht pickeligen Klemmbrettträger. Dann wendet er sich an mich und sagt „Würden Sie bitte die Koffer öffnen“ „Welchen“, frage ich, entferne dabei aber schon mal die Gurte vom Topcase und schließe es auf. Vielleicht wollen sie dann nicht in die Koffer gucken.

Der Grauhaarige leuchtet mit einer Taschenlampe hinein und zuppelt mit Latexhandschuhbewehrten Fingern eine der Innentaschen auf. Er wühlt kurz im Inneren, dann holt er einen Blister mit bunten Pillen heraus und beschaut sich den genau. Struwelpeter fängt an, etwas auf seinem Klemmbrett zu kritzeln. Ein anderer Beamtenanwärter leuchtet mit einer Taschenlampe in die Verkleidung der Barocca.

Der Ältere steckt den Blister wieder weg. Ist nur Magnesium, das hat er wohl gesehen. Dann schließt das Topcase. „Welchen Koffer als nächstes?“ frage ich, aber der Beamte sagt „Danke für Ihre Kooperation, einen schönen Tag noch“. Dann wendet er sich seiner jungen Frau zu und sagt „Jetzt habe ich der Person für ihre Kooperation gedankt und weise sie an, weiter zu fahren“. Dann blickt er wieder mich an und sagt „Bitte fahren Sie weiter. Einen guten Tag noch.“

Ich kann mein Glück kaum fassen, in Gedanken sah ich mich schon die nächste Stunde hier meine Unterwäsche auspacken. Schnell steige ich auf die Suzuki, lasse den Motor an und lenke sie aus der Lagerhalle und auf die Rampe, die sich um das Terminal herumwindet und zwei Stockwerke nach oben führt.

Auf dem Dach ist ein Parkplatz mit Wartelinien. Die Barocca ist das erste Motorrad hier, aber einige PKW stehen bereits auf den anderen Spuren.

Eine freundliche Mitarbeiterin erläutert mir den Ablauf und wann das Boarding startet und wo die Toiletten sind, dann heißt es warten. Es ist windig, aber immerhin regnet es nicht, und über dem Hafen scheint die Sonne.

Lange warten muss ich nicht, das Schiff – die Pride of Kingston liegt schon an der Brücke, und um 16:00 Uhr beginnt das Boarding. Zuerst dürfen einige Radfahrer an Bord, dann ist die V-Strom als erstes motorisiertes Fahrzeug dran. Als ich über die Brücke in den Schiffsleib fahre, bin ich nicht mehr so aufgeregt wie bei der Hinfahrt.

Routiniert folge ich den winkenden Einweisern und stelle die Maschine dort ab, wo man es mir signalisiert. So, und nun? Zurrt die Crew die fest? Ein Philipino in Warnweste schüttelt den Kopf. Das muss ich schon selbst machen. Und wie? Ich sehe keine Halteösen im Boden und tapse offensichtlich so verwirrt um mein Mopped rum, das der Warnwestenmann lacht und mir hilft. In einem Falz hinter einem Geländer hängen sorgfältig aufgerollte Spanngurte, die über die Sitzbank geführt und dann in einem Gurt eingehakt werden, der längs am Deck verläuft. Ob ich das wohl richtig mache?

So, noch den Handbremshebel blockiert. Besser wird´s nicht. Ich greife mir den kleinen Rucksack aus dem Topcase. In dem ist alles, was ich für die Nacht brauche, dann merke ich mir noch die Decksnummer und die des Kennung des Ausgangs, hinter dem die V-Strom steht.

Meine Kabine ist klein und gemütlich, und nach der Besichtigung gehe ich an Deck und schaue noch ein wenig dem Treiben im Hafen und der Verladung der anderen Passagiere und Fahrzeuge zu.

Das könnte ich stundenlang machen, aber irgendwann kann ich nicht mehr an der windigen Reling stehen. Stattdessen suche ich mir einen Sitzplatz und ein Bier und hole DAS BUCH raus.

Aber nach wenigen Sätzen schweifen meine Gedanken ab.

Es geht wirklich schon zurück nach Hause. Ich kann gar nicht glauben, dass das alles so reibungslos geklappt hat. Kommt mir auch viel länger vor als nur zwei Wochen, aber gut, die Tage waren auch lang und voll, zumindest teilweise.

Highlights waren sicher der Besuch bei den Eseln und auf Clarkson´s Farm sowie Balmoral und die Kelpies. Wertvoll war der Besuch in Lockerbie, und was ich über Sellafield und den Genoizid in den Highlands gelernt habe. Und nie, NIE vergessen werde ich den Anblick von „Skyfall“ und die Hölle des Hardknott-Pass.

Dazwischen ist gar nicht so viel passiert, aber meine Güte, es ist halt immer noch Pandemie, da wollte ich gar nicht in Museen oder urbanen Gebieten unterwegs sein.

Stattdessen bin ich einfach viel und lange gefahren. Das war zwar recht Höhepunktlos, aber die großartige Landschaft in Wales und Schottland war einfach eine Freude.

Ich wollte den Mont-Saint-Michel in Frankreich und die Esel in Sidmouth besuchen und ansonsten möglichst viel vom Vereinigten Königreich sehen. Esel und Land angucken hat geklappt, nur die Sache mit dem Klosterberg muss ich wann anders nochmal angehen.

Um kurz vor 21 Uhr legt die Pride of Kingston ab, und der Wind frischt weiter auf. Richtig kalt wird es, und ich bin froh, immer noch die Motorradklamotten zu tragen. Immerhin lasse ich mich zu einem Selfie hinreißen, den ich natürlich nicht vorenthalten möchte.

Damundherren, ich präsentiere: Den ERSTEN SELFIE OHNE HELM von mir in diesem Blog!

Großbritannien bleibt zurück und wird immer kleiner und verschwindet am Horizont, die Sonne geht unter – und mein Telefon verreckt. Das ist auch noch nie passiert.

Das der Akku des Iphone Pro leer ist, das habe ich noch nie gesehen. Liegt wohl daran, dass Anna den ganzen Tag Verkehrsinformationen abgefragt hat. Anna hat Siris Akku leergespielt, und ich dummer Mensch habe Ladegerät und jegliche Kabel im Motorrad vergessen. Also DAS ist mir auch noch nie passiert!

Tour des Tages: Von Schottland durch die Yorkshire Dales nach Kingston-upon-Hull, 344 Kilometer.


Samstag, 16. Juli 2022
Wegen des leeren Akkus gibt es von der Rückfahrt daher noch genau ein Foto, vom nächsten Morgen, als die „Pride“ auf Rotterdam zufährt.

Neben mir steht Martin an der Reling, der Radfahrer, den ich in Eskdale getroffen habe. Er hat seine Tour auch wohlbehalten absolviert und fährt heute noch zurück nach Köln. Als eine Durchsage ertönt, begeben wir uns zu den Parkdecks.

Bis zu unseren Fahrzeugen kommen wir aber zunächst nicht. Das Treppenhaus mündet an einem metallenen Schott, das elektrisch und über einen großen Taster geöffnet werden kann. Nur leider funktioniert der Taster nicht.

Die Tür ist anscheinend vom Parkdeck verschlossen, während im Treppenhaus mittlerweile bestimmt hundert Leute stehen und von hinten welche nachdrängen. Es geht nicht vor und nicht zurück, und bis die Crew endlich mitbekommt, dass hier was nicht stimmt und die Tür öffnet, dauert es fast eine Viertelstunde.

Fünfzehn Minuten dicht gedrängt mit hundert Menschen in einem engen Metallgang – das ist in Pandemiezeiten maximal unangenehm, und in einem Notfall wäre es unverantwortlich. Die Tür ist nämlich eigentlich auch ein Notausgang, und Notausgänge abzuschließen ist vielleicht generell nicht die beste Idee.

Ich schließe das iPhone an die Powerbank an, die in einer Seitentasche des Topcase für genau solche Fälle steckt, dann setze ich schnell den Helm auf, stecke Anna in ihren Paltz im Cockpit und gebe Gas – die Ausfahrt ist nämlich schon frei, durch die Wartezeit im Metallgang sind alle andere weg.

Das Auschecken passiert schnell und der Grenzübergang reibungslos. Anna führt die Barocca aus dem Gewirr des Hafens und der niederländischen Autobahnen heraus. Meine Güte, war mir gar nicht klar, dass die Niederlande um Rotterdam und Amsterdam so zubetoniert sind!

Bei Nordhorn geht es über die deutsche Grenze, dann an Osnabrück und Paderborn vorbei und schließlich auf Bundesstraßen über Bad Driburg und Bad Karlshafen im Weserbergland wieder nach Göttingen.

Sechs ereignislose, aber größtenteils nett zu fahrende Stunden und 532 Kilometer später steht die V-Strom wieder in der heimischen Garage.

Ich tätschele den Tank. Sechstausenddreihunderachtunddreißig Kilometer waren das jetzt, ohne Mucken, ohne Panne und – trotz linksfahr-Fails- ohne Unfall. Das ist das wichtigste. 6338 km Motorradtour, ohne Unfall.

Ich ziehe das Garagentor zu und steige in das Kleine Gelbe AutoTM um einkaufen zu fahren, und habe an der ersten Kreuzung einen Unfall.

Glaubt einem auch wieder keiner, sowas.


Die gesamte Tour: 6.338 Kilometer durch Deutschland, Belgien, Frankreich, England, Wales, Schottland und die Niederlande.

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Nächste Woche: Knochenkälte


Übersicht über alle Teile dieser Tour:

Kategorien: Motorrad, Reisen | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Reisetagebuch (13): Borderlands & die Road of Bones

  1. Tja, tolle Tour. In GB war ich noch nicht und deine (und auch die von @maedchenmotorrad) Blogposts haben mir dieses Land auf lesenswerte Weise näher gebracht, danke!

    (Auf dem Mopped fühle ich mich übrigens am sichersten. Wirklich.)

    Gefällt 1 Person

  2. Klasse Reisebericht – leider schon zu Ende.
    Ich freue mich auf die nächste Reise … 🙂

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  3. Suse

    Hach, herrlich! ☺️ Es war wieder wunderbar auf diese Weise dabei gewesen zu sein und weckt eine Menge Erinnerungen und das Gefühl mal wieder dort hin zu „müssen“.
    Danke für die unterhaltsamen Samstage 🤗

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  4. Das mit der ‚Kontrolle‘ ist schon ein wenig lustig.
    Ich denke auch immer, zumindest hatte ich bei Grenzen/Fähren das Gefühl, dass Moppeds quasi nie kontrolliert werden.
    Je nachdem wann und wo ich unterwegs bin, bin ich ja oft froh, dass ich alles penibel reinbekomme in die Koffer und das mal nicht in 5 Minuten raus und wieder reingeht.

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  5. Ali

    Schöner Reisebericht. Danke.
    Und ich lerne auch dabei.
    Rund fast 10t km mit relativ hoher Laufleistung ohne den Gedanken an Ausfall hinter sich zu bringen, geht nicht mit allen Möpps. Von daher ist die Strombarocca ideal geeignet.
    Meine Identische folgt dir mit 20t km Abstand und ich empfinde die als gut eingefahren.

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  6. Brigitte Eckert

    Danke für den Bericht. War wieder interessant, sich an eine völlig andere Art zu reisen dranzuhängen!
    Aber dass die erste dokumentierte Grenze nur 1000 Jahre alt sein soll, möchte ich dann doch bezweifeln. Vielleicht die erste auf dieser Insel? Wenn der Kontinent mal nicht mitzählt… 🙂
    Bis zum nächsten Mal.

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  7. Eherne Regel: glaube keinem dahergelaufenen Schild die angepriesene Einzigartigkeit 😄

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