Reisetagebuch (1): Knochenkälte

Samstag, 17. September 2022
Kaum acht Wochen ist es her, das ich aus England zurück bin. In der Zwischenzeit ist das Kleine Gelbe AutoTM repariert worden, die V-Strom hat einen Ölwechsel, einen gründlichen Check und die Ventile eingestellt bekommen, und ich war ziemlich beschäftigt. Vermutlich fühlen sich deshalb die zwei Monate seit der letzten Tour schon wieder wie eine Ewigkeit an. Aber nun, nun soll es noch einmal auf eine Motorradtour gehen.

Mitte September, da ist es häufig nochmal richtig warm und sonnig, ein später Sommer. In meiner Vorstellung sah es so aus, das ich in spätsommerlicher Sonne und warmen Temperaturen erst über die A7 fahre, dann über Fernpass und Brenner cruise und danach gemütlich in einem Gasthof in den Alpen einkehre.

Dass diese Vision Wirklichkeit wird, dafür sprach auch alles. Vergangene Woche waren es noch 25 Grad und Sonnenschein. Aber heute… heute ist gefühlt November. Es nieselt, und gerade noch 9 Grad sind es, als ich das Garagentor öffne, hinter dem die V-Strom mit gepackten Koffern steht. Auch der Helm liegt schon bereit.

Ich trage die Regenkombi und die dicken Handschuhe, als ich in den Sattel der Suzuki klettere. Echtes Schietwetter erfordert sowas.

Egal. „Hör auf dir selbst leid zu tun“, schelte ich mich und lenke die Barocca auf die A7, die Deutschland einmal ganz von Norden nach Süden durchzieht.

Anhand der Ortsnamen weiß ich, wie weit ich schon von zu Hause weg bin.
Kassel – 50 km.
Bad Hersfeld – 100 km.
Fulda – 150 km.
Würzburg – 250 km.

Die V-Strom tackert über den Asphalt. Unterwegs wird das Wetter auch nicht besser, es regnet in einem fort, mal stärker, mal weniger stark. Und es wird es immer kälter, je weiter ich nach Süden komme.

Es sind unterschiedliche Arten von Kälte. Mal ist es spitze, piekende Kälte, die in den Fingern kribbelt. Mehr als einmal trifft mich eine Wand aus kalter Luft, die Temperatur sackt schlagartig auf 4 Grad ab. Am schlimmsten ist aber diese kriechende Kälte, die über Stunden angeschlichen kommt und langsam in den Körper sickert, bis sie in den Knochen angekommen ist und es sich im Knochenmark gemütlich gemacht hat. Knochenkälte. Schwer wieder loszuwerden, da hilft ein einzelner Kaffee nicht gegen.

Rothenburg ob der Tauber – 300km.
Aaalen – 370 km.

Ich trage die Regenkombi über dem Fahreranzug und Merinounterwäsche darunter, und trotzdem kriecht die Knochenkälte herein und bringt mich in Wellen zum Zittern. Damit beschäftigt sich der Körper, das Hirn überlegt derweil, wie es jetzt weitergehen kann. Ich wäge ernsthaft das Für und Wider ab, meine heutige Tagesunterkunft in der Nähe von Sterzing abzusagen und westlich um die Alpen herum zu fahren.

Der Grund: Die Wettervorhersage meint, dass heute Nacht Schnee zu erwarten ist. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird es zwischen 00:00 und 06:00 Uhr schneien, prophezeit die Wetter-App. Aber gut, sie meint auch, das es gestern in Sterzing Minus 15 Grad waren, und das stimmt nicht. Aber das Regenwolken auf die Alpen zutreiben und es stellenweise wirklich schneit, das lässt sich nicht leugnen.

Ulm – 450 km.
Kempten – 500 Kilometer.
Ab hier weiß ich nicht mehr aus dem Kopf, wie weit ich schon gefahren bin. Gleich beginnt Österreich, das ist einfach… ein anderes Land. Und damit automatisch weit weg.

Meine Laune wird nicht dadurch besser, dass praktisch ab der Grenze zu Deutschland die Fernpassstrasse, der Wurmfortsatz der A7, eine meist stehende und bestenfalls zähfließende Blechkolonne ist.

„Baustelle am Fernpass“, verkünden LED-Hinweisschilder, und „Blockabfertigung“. Was im Klartext bedeutet: Ampeln.
Viele. Ampeln.

Mal freilaufend mit einem 20 Sekunden Takt (Rot, gelb, grün, vier Autos rüber, wieder rot, dann sofort wieder gelb, grün) oder welche mit fantastisch langen Rotphasen. Während ich Stunde um Stunde im Stau stehe, der sich nur alle dreißig Minuten mal ein paar Kilometer bewegt, male ich mir aus, wie gigantisch diese Baustelle sein muss.

Sie wird gedanklich noch größer, als ich an der Ampel am Tunnel von Leermoor stehe. Deren Rotphase dauert geschlagene 30 Minuten, während denen unablässig der Regen auf den Helm trommelt.

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Das wird auch nicht besser werden, die Alpen hängen voller Regenwolken, sagt Annas Regenradar.

„Wenn wir das hier überstehen“, sage ich zur Barocca, „UND morgen früh kein Schnee liegt, DANN haben wir es geschafft. Dann wird es nur noch besser, vertrau´ mir“. Das ist eine stille Übereinkunft zwischen der V-Strom und mir: Sie lässt mich nicht im Stich und macht keine Zicken, dafür passe ich auf sie auf und mache keinen unnötigen Quatsch.

Auf den Kilometern nach dem Leermoorer Tunnel folgen sofort weitere Ampeln. Sind wohl weitere Pförtnerampeln, die den Verkehr so zerhacken, das er kein durchgehender Stau ist. Meine Fresse, was bauen die da am Fernpass? Das Taj Mahal?

Ich habe schon lange die Geduld verloren und mogele mich, wann immer es geht, am Stau vorbei und durch ihn hindurch. Im Schlepptau drei belgische Rider, die eher ungeschickt und wackelig unterwegs sind. Aber gut, woher sollen Belgier auch wissen, wie Berge gehen?

Meine Güte, muss die Baustelle gigantisch sein. Bestimmt bauen die da eine ganz neue Straße oder so.

Die Überraschung, nach drei Stunden Stau und Lane Splitting: Die Baustelle ist kaum 50 Meter lang! Mittendrin eimert ein Bauarbeiter mit einem Minibagger rum, zwei weitere drehen Schilder und mampfen Stullen. FÜR DIESEN FLIEGENSCHISS STEHEN DIE AUTOS von NORDEN UND SÜDEN EINMAL QUER DURCH DIE ALPEN?

Danach wird der Verkehr flüssiger, und die Straße spült die Belgier und mich in das Tal von Innsbruck. Die Jungs nehmen die Autobahn und grüßen zum Abschied, ich heize die Brenner-Bundesstraße hinauf. Wobei heizen in diesem Fall bedeutet: Schritttempo. Weil ein Trecker eine Holzhütte die Straße hoch befördert, und hinter dem hängen acht deutsche Wohnmobile. Ach man!

Den Plan mit den Westalpen musste ich verwerfen. Der ganze Stau hat viel zu viel Zeit gekostet, und schon in 90 Minuten geht die Sonne unter, und wie kalt es DANN wird, will ich nicht am eigenen Leib erfahren.

Kurz bekomme ich gute Laune, als die ganze Bande nach irgendwohin abbiegt und das letzte Wohnmobil mich vorbei lässt. Jetzt ist die Straße frei und das fahren auf der alten Brennerstraße nett, aber die Kälte bleibt.

Vorbei geht es am Brenner-Outlet, und dann bin ich endlich, nach 12 Stunden, in Sterzing und checke in einen kleine Gasthof voller Busreisender Senioren ein.

Die Servicekraft versucht mir auch gar nicht erst, mir das hauseigene Seniorenbuffet (Zutritt von 19-20 Uhr) schmackhaft zu machen, und verweist mich auf ein Bikercafe, 10 Minuten zu Fuß die Straße runter. Über einen alten Pilgerweg, der heute an der Bundesstraße liegt, geht es dorthin. Und ja, das „V-Motor Bar & Grill“ ist genau das, was ich jetzt brauche.

Das Logo ist ein V-Twin! Hier bin ich als V-Strom-Fahrer doch richtig!

Ich setze mich nach draußen – wir haben immerhin immer noch Corona, und der Innenraum des Cafés ist winzig und voller Menschen. Draußen ist es zwar windig und kühl, aber gerade scheint noch die Sonne.

Als die letzten Lichtfinger über die Berge und durch das Tal tasten und der kalte Wind stürmt, grübele ich wieder über morgen nach. Wird wohl Schnee liegen? Ich wette auf nein und verlasse mich auf mein Glück. Das hat zwar noch nie funktioniert, aber jetzt bleibt mir nichts anderes übrig. Die Alternative wäre, jetzt wieder auf das Motorrad zu steigen und im Dunkeln weiter Richtung Brixen zu fahren und dann in einem Ort der tiefer in den Bergen und nicht ganz so hoch liegt ein Zimmer zu suchen, vielleicht in Bozen. Aber will ich das? Nein, will ich nicht.

Durch das Sitzen vor dem Restaurant ist mir jetzt so kalt, dass ich in einem fort zittere, so heftig, dass die Zähne klappern. Daran ändert auch die Bewegung auf dem Rückweg nichts. Ich bin völlig ausgekühlt.

Als ich zurück im Gasthof bin, stelle ich mich unter die Dusche und dusche so lange und so heiß wie noch nie in meinem Leben. Das heiße Wasser treibt ganz langsam die Kälte aus den Knochen. Als meine Finger schon ganz schrumpelig sind, steige ich aus der Dusche und rubbele mich mit einem dicken Handtuch ab- Hohlraumversiegelung, damit die Wärme in den Knochen bleibt. Dann schlüpfe ich sofort unter die dicke Daunenbettdecke und bin sofort eingeschlafen.

Tour des Tages: von Götham nach Sterzing, 712 Kilometer.

Weiter zu Teil 2: Cruise Europa

Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch (1): Knochenkälte

  1. Yeah! Er ist wieder auf Reisen…. Ich freu mich sooooo..
    Bei der Beschreibung vom Regen auf der a7 habe ich direkt geschaut, wann ich nach Irland gefahren bin… Wir sind und ja fast auf der Autobahn in Gegenrichtung begegnet…. was war das kalt….
    Und das nächste Mal fährst du durchs Vinschgau und kommst mich vorher besuchen…
    Und was habe ich bei deinen Gedanken im Stau gelacht.. das kommt mir soooooo bekannt vor…

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  2. Der Fernpass ist grausam, wenn Verkehr und Baustellen zusammenkommen. Und dann auch noch kalt dazu, das macht wahrlich wenig Spaß… Die heiße Dusche war mehr als verdient. Bin auf die nächsten Teile gespannt, ich hoffe die Tour entwickelte sich zum Besseren.

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  3. Varatweety: Stimmt, wir waren zeitgleich unterwegs – ich habe unterwegs Dein Liveblog gelesen und mich mit Suse darüber ausgetauscht. Ich gerne vorbei! Danke für die Einladung!

    Bolt: Gibt es eigentlich eine Website oder sowas auf der man den Status der Straße sehen kann? Oder guckt man auf Google Maps mit der Verkehrsansicht?

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  4. @Silencer: Google Maps ist vermutlich nicht schlechteste Idee. Liefert halt auch immer nur Momentaufnahmen. Ansonsten ist eine kurze Suche auch nicht verkehrt: Im Zeitraum, in dem Du unterwegs warst, wurde eine großräumige Umfahrung des Fernpasses empfohlen: https://www.tirol.gv.at/meldungen/meldung/fernpass-sanierungsarbeiten-dauern-voraussichtlich-bis-mitte-november-2022/ 😉

    Da ich noch nie Glück mit dem Fernpass hatte, versuche ich ihn generell zu umfahren. Bin da auch schon einige Male im Stau gestanden.

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  5. lukra

    Es geht wieder gen Süden!
    Die Bilder von Schottland sahen für mich stets nach Frieren aus.

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  6. Thom

    Welch ein Luxus für die Leser. Die Schottlandtour gerade verarbeitet und dann kommt schon die nächste Reise. Ja, der Fernpass ist ein Graus. Ich versuche den auch immer zu umfahren.

    An der Bikerbar habe ich auch schon mal auf dem Rückweg gehalten und gespeist.

    Ich glaube zu dem Zeitpunkt deiner Reise waren wir in Kärnten mit 3-5 °C und Schneeregen…

    Klugscheißmodus: Das Logo der Bar sind zwei gekreuzte Pleulstangen mit Kolben. Bei einem V-Twin sitzen die Pleul auf einer Kurbelwelle, haben also einen gemeinsamen Drehpunkt. 😉

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  7. Bolt: Ah, danke für´s Finden. Die Meldung erklärt einiges. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich übrigens stets Glück mit dem Fernpass.

    Lukra: Genau, die Fahrt gen Süden war als Ausgleich zum verregneten und kalten Schottland gedacht – das sich aber als gar nicht verregnet und mit 17 Grad recht freundlich erwies! Und die 17 Grad waren, während die erste Hitzewelle über Kontinentaleuropa rollte. Perfektes Timing.

    Thom: Freu mich, dass Du dabei bist! Und Drehpunkt hin oder her, V-Motor passt immerhin! 😀

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  8. Knochenkälte – kenne und hasse ich. Ohne aktive Wärme bist du da auf Dauer verloren (ich zumindest). Seit ein paar Jahren schwöre ich auf beheizte Zusatzkleidung.

    Sehr günstig und empfehlenswert sind Thermo-Heizwesten, die es für kleines Geld bei Amazon gibt. Heizelemente vorne, hinten und Nacken, betrieben mit separat zu erwerbender USB-Powerbank. Hält viele Stunden und kann man unterwegs nachladen.

    Noch effektiver und seit letztem Herbst im Einsatz habe ich beheizte Unter-Kleidung von KEIS. Ist nicht so billig aber echt sein Geld wert. Vorstellung ist auf KRADblatt.de nachzulesen.

    Beides trägt man ergänzend oder anstelle des Original-Futters.

    VG, Marcus

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  9. Marcus: Den Bericht über KEiS habe ich mit großem Interesse im Kradblatt 12/22 gelesen! Ist vorgemerkt für die Fahrt zum Nordkap 😉

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