Momentaufnahme: Juli 2023

Momentaufnahme: Juli 2023

Herr Silencer im Juli 2023

Wetter: Trocken. Heiß. Dürre. Zumindest bis zur dritten Woche, dann wird es kühler, und in der letzten Woche setzt Regen ein und es wird herbstlich kalt. Da wegen der langen Trockenheit auch manche Bäume ihre Blätter verlieren, fühlt sich das Ende des Julis an wie der Beginn des Herbstes.


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Sehen:

Die Tribute von Panem [2012, 20134, 2014, 2015, Blu-Ray]
Das Land Panem ist in zwölf Distrikte unterteilt, die von einer Hauptstadt aus regiert werden. Es herrscht Arbeitsteilung: In den Distrikten wird malocht bis der Hugo qualmt und in der Freizeit darf gehungert werden. Die Hauptstadtmenschen übernehmen dafür die Bürde, im Luxus zu leben und Frisuren zu tragen. Ein Mal im Jahr werden Spiele veranstaltet, bei denen Teilnehmer:innen aus allen Distrikten antreten und versuchen, sich gegenseitig umzubringen. Mehr durch Zufall überlebt Jennifer Lawrence diese Veranstaltung und wird zum Symbol des Freiheitskampfes schlechthin: Dem Spotttölpel.

Kannte ich bislang nicht, diese “Hunger Games”-Filme. Jetzt ist die Bildungslücke geschlossen, und ich stelle fest, dass ich nichts verpasst habe, als ich mich dem Hype Anfang der 10er-Jahre verschlossen habe, als die Streifen im Jahresabstand in die Kinos kamen.

Ungelenk, unbeholfen, dramaturgisch stümperhaft, handwerklich mies und teils unterirdisch gespielt sind noch die freundlichen Attribute, die man für die Filmreihe finden kann. Schon die Ausgangsdidee, das Kinder sich gegenseitig in einer Mischung aus Casting-Show und “Predator” umbringen, ist bestenfalls zweifelhaft. Der Plot selbst ist dann aber wirklich absurd schlecht, hundsmies erzählt und in seinen moralischen Aussagen mindestens abseitig.

Man sieht die Hilflosigkeit der Filmschaffenden an allen Enden. Das beginnt beim Pacing des ersten Films, der viiiiiel zu lange braucht, um aus dem Quark zu kommen, über den unzusammenhängenden und wenig sinnstiftenden Plot des zweiten Teils und einem Finale, das aus zwei Filmen besteht, die gerne eine Mischung aus “Saw” und “Gladiator” wären und dennoch rüberkommen wie ein Projekt der Film-AG am Helmut Kohl-Gymnasium.

Da helfen auch Cameos von Größen wie Donald Sutherland nichts, dessen Grandezza spätestens bei der nächsten Einstellung mit einer der albernen Perücken und der billigen Ausstattung wieder vergessen ist.

Und warum zur Hölle hat man sich in der deutschen Synchro entschlossen, die auf Vogelnamen basierenden Codenamen der Rebellion zu übersetzen? Einen “Mockingjay” als Symbol des Aufbegehrens einzudeutschen und daraus den “mächtigen Spotttölpel” zu machen ist unfreiwillig komisch. “Du bist unser Spotttöpel”, jubeln die Rebellen der Protagonistin zu, und die fängt dabei nicht mal an zu lachen. Das passt zum Rest dieses, auch ansonsten nicht unterhaltsamen, Quarks.

Zwischendurch saufen die Streifen immer wieder in Szenen ab, die faschistischer Bildsprache huldigen. Wohlgemerkt wird hier nicht damit gespielt – die Bilder sind häufig Selbstzweck und kommen durch die pure Naivität ihrer Verwendung rüber wie eine Hommage an die Machwerke von Leni Riefenstahl. Das Jennifer Lawrence eine Gesichtslähmung spielt, fällt da kaum noch auf. In der Summe: Näh. Das BluRay-Set für 4 Euro vom Flohmarkt war vertretbar, aber hätte ich für diesen Müll Geld im Kino gelassen, ich würde mich heute noch ärgern.

Charlie staubt Millionen ab (The Italian Job) [1969, Blu-Ray]
Michael Caine klaut in Turin unter der Nase der italienischen Mafia einen Batzen Gold und flüchtet in Mini Coopers.

Für ihre Zeit spektakuläre Bilder werden hier nur lose von einer löcherigen Handlung zusammengehalten. Das macht der Film ab Beginn klar, wenn man als Zuschauer geschlagene fünf Minuten einem Auto bei der Fahrt durch die Alpen zusieht – eine Lahmarschigkeit die man heute, wo Kinofilme auch im Stream funktionieren müssen und wegzappen durch möglichst spektakuläre oder spannende Einstige verhindert werden soll, nicht mehr machen könnte.

Macht aber nichts, wer dranbleibt sieht Autos, die von Bergen purzeln, Autos in U-Bahn-Schächten und Autos auf Häusern. Das ist unterhaltsam, auch wenn die Charaktere aus Presspappe sind und die Handlung halt kaum vorhanden ist. Launig auch das Ende, das ob seiner Absurdität und seines (wörtlichen) Cliffhangers in Erinnerung bleibt und besser funktioniert als jedes Happy End.

Ebenfalls Zeugnis seiner Zeit: Der deutsche Titel. My Ass.

The Italian Job [2003, Blu-Ray]
Mark Wahlberg und Donald Sutherland klauen in Venedig einen Batzen Gold.

Dieser Film hat, abgesehen vom englischen Titel, dem Namen des Protagonisten und dem Modell des Fluchtautos, nichts mit dem Film von 1969 gemein. Hier gelingt der Heist in den ersten zehn Minuten, aber dann versackt die Handlung und wacht erst gegen Ende der Laufzeit wieder auf.

Dazu kommen andere Probleme, wie ein Cast, der die lökerige Handlung nicht tragen kann. Zwar ist der Antagonist Edward Norton, aber der hat erkennbar keinen Bock und telefoniert seine Rolle nur durch. Umso schlimmer, dass der Protagonist mit Mark Wahlberg besetzt wurde, der halt nichts anderes kann als Mark Wahlberg zu spielen. Donald Sutherland, Jason Statham und Charlize Theron haben zwar gute Laune, aber zu wenig Screentime, um das Ganze zu retten.

Zudem ist der Film gespickt mit popkulturellen Referenzen der Nuller Jahre, was ihn deutlich als Produkt seiner Zeit verortet und heute altbacken erscheinen lässt. So wird Napster geradezu obsessiv oft erwähnt, und Sean Fanning hat sogar ein Cameo, dessen Witz heute nur noch die wenigsten erkennen dürften.

Immerhin sind der Heist in Venedig und die Autojagd nett. In Summe kein Meisterwerk, aber durch seine Mission Impossible-Vibes ganz unterhaltsam.

Rick and Morty Season 6 [2022, Netflix]
Immer noch zum Schreien komisch, wenn Doc Brown-Verschnitt Rick und Sidekick Marty, äh, MORTY, Abenteuer erleben. Die Serie lebt von boshaftem Sarkasmus und produziert zuverlässig in jeder Szene Lacher, die Plots sind hirnverknotend komplex und absurd. Bestes Stück Zeichentrickserie der letzten Jahre.


Spielen:

Star Trek: Resurgence [2023, PS5]
Frisch überholt startet das Sternenflottenschiff “Resolute” zu einer diplomatischen Mission. Mit an Bord: Die neue erste Offizierin Jera Rydek und, auf den Lower Decks, der Techniker Diaz. Die bekommen bald alle Hände voll zu tun, denn Besatzung und Schiff werden nicht nur in einen eskalierenden Konflikt zwischen zwei Völkern hineingezogen, auch der Weltraum selbst macht Zicken und verhindert plötzlich Warpsprünge.

Das kleine Studio Dramatic Labs besteht zum Großteil aus ehemaligen TellTale-Mitarbeitern. Die haben sich vorgenommen, die Tradition der TellTale-Spiele fortzusetzen, und das merkt man praktisch sofort. “TellTale-Tradition” bedeutet im besten Fall: Spannende Geschichten, tolle Charaktere und Dialoge und immer wieder Entscheidungen, die teils dramatische und unumkehrbare Auswirkungen haben. Das bedeutet im schlimmsten Fall aber auch: Vor sich hinstotternde Technik, Audioaussetzer, hölzerne Animationen und elendige Ladepausen.

Echt, das Schlimmste an TellTale war das Festhalten an einer völlig veralteten Engine, die diese Effekte durch schlichte Überforderung produzierte. Dramatic Labs nutzt in “Resurgence” aber nicht die TellTale-Engine, sondern die Unreal 4-Engine – und haben es irgendwie geschafft, sämtliche alten TellTale-Krankheiten nach zu programmieren.

Das Game legt selbst auf der PS5 nach jeder Einstellung eine sekundenlange Gedenkpause ein, die zuverlässig jeden Flow verhindert und jede Dramatik abwürgt. Man stelle sich einen Film vor, der bei jedem Schnitt das letzte Bild einer Szene eine Sekunde stehen lässt – genau das passiert hier und macht die Erzählung, die tatsächlich wie ein Film inszeniert ist, kaputt. Ebenfalls schlimm: Die Animationen sind hölzern, die Gesichter ein Witz und alle paar Minuten springt das Beleuchtungsmodell völlig aus der Schiene, was u.a. dazu führt, dass die Figuren aus dem Inneren ihrer Augen und Münder leuchten. Dazu kommt die unfassbar träge Steuerung, die sich anfühlt, als würde der Cursor in Teer stecken und Actionsequenzen, die in ihrer Unbeholfenheit totaler Cringe sind.

Warum “Resurgence” trotzdem ein gutes Spiel ist und ich viel Spaß damit hatte? Eben wegen der Charaktere und der Geschichte. Auch wenn man als Spieler häufig ahnt, wie es weitergeht, ist der Plot spannend inszeniert und strotzt vor tollen Details. Das führt dazu, dass sich “Resurgence”, das zeitlich nach “Voyager” spielt, anfühlt wie eine sehr gute Folge Strange New Worlds oder ein modernes “The Next Generation”.

Da die Kosten in Euro (40 Euro normal, 20 in Sales) und Zeit (10 Stunden) nicht übertrieben sind, lohnt sich Resurgence für alle Trekker unbedingt.


Machen:

Ein Wochenende mit der V-Strom durch den Odenwald donnern. Danach: 102.000 Km-Inspektion, wie erwartet ohne Befund.


Neues Spielzeug:

Wo gerade Prime Day war, kam noch eine 12V-Flex zu der, im vergangenen Monat begonnenen, Sammlung an Werkzeug hinzu. Ein Bosch GWS 12v-76 Winkelschleifer. Irgendwann muss man ja mit flexen mal anfangen, und das kleine Teil ist nicht nur erstaunlich stark, es macht mit den passenden Aufsätzen auch kurzen Prozess mit Rost.


Ding des Monats:

Staubsauger kauft man nicht oft im Leben. Der “Darel” von De´Longhi war nach dem AEG Vampyr erst mein zweiter und hat jetzt auch schon wieder über zwanzig Jahre auf dem Buckel. Nun ist er ziemlich am Ende – die Bodendüse saugt sich entweder unverrückbar fest oder sie rollert Zentimeter vom Boden entfernt dahin, die Verschlüsse des Staubbeutelbehälters sind ausgeleiert und die Kunststoffteile im Innenleben zersetzen sich und werden als kleine Flocken hinten ausgeblasen. Muss man auch erstmal hinbekommen: Ein Staubsauger, der Räume schmutziger hinterlässt, als er sie vorgefunden hat. Also musste ein neuer her. Nur was? Ein fancy beutelloser Akkusauger? Nett, aber der Akku hält bestimmt nicht zwanzig Jahre, und überhaupt: Wer gibt über 400 Euro für sowas aus?.

In einem Anfall von Verrücktheit ist es nun ein Industriestaubsauger geworden:

Der “Kärcher WD3 Premium S V-17/4/20” ist mit rund 100 Euro (inkl. Begrüßungsrabatt bei kaercher.de) günstig in der Anschaffung und mit 1.000 Watt stromsparender als der alte 1.850 Watt-Sauger, der gerne mal die Sicherungen fliegen ließ. Er saugt einfach ALLES weg, neben Staub auch Bauschutt und Flüssigkeiten, und er taugt sogar als Gebläse.

Das Beste: er verfügt über eine Steckdose, an die Werkzeuge für eine Absaugung angeschlossen werden können. Wird die genutzt, schaltet sich der WD selbst und leicht zeitversetzt ein und aus, wenn das Werkzeug geschaltet wird.

Wermutstropfen: Die Saugstärke lässt sich nicht regulieren, und im Vergleich zu modernen Akkusaugern ist er laut – aber immerhin nicht lauter als der alte Darel.


Archiv Momentaufnahmen ab 2008

3 Gedanken zu „Momentaufnahme: Juli 2023

  1. Ich gucke den Italian Job ca. 1x jährlich. (Hat mir mein lieber Sohn illegal runtergeladen.) Und zwar von Anfang bis der Job erledigt ist. Wirklich hervorragender venezianischer location porn! Alles perfekt nachvollziehbar. Der Rest des Films ist spazzatura. (Müll.)

  2. Frau Eckert: Damit dürften Sie die einzige Art und Weise gefunden haben, wie man diesen Film ertragen kann 🙂 Ich habe mich in der Tat auch gefreut, dass der z.B. Weg von Wahlberg und Sutherland nachvollziehbar und sinnvoll ist, und nicht zusammengeschnitten wurde, was gerade hübsch war. Ich erinnere mich mit Grusel an amerikanische Filme, wo ein Auto an den Uffizien abbiegt und am Marktplatz von Siena wieder rauskommt.

    Modnerd: Klappt aber mit fast jedem Staubsauger, kommt nur auf die Lautstärke des Podcasts an 😉

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