Probefahrt: Suzuki V-Strom DL800 DE
Suzuki-Händler:innen sind hier in der Region rar gesät. Eigentlich gibt es im Umkreis nur eine einzige, wenn man nicht in den Oberharz gurken möchte, und über diese Händlerin ärgere ich mich – schon wieder. Sie vermietet ihre Vorführer-Maschinen nämlich auch, und das bedeutet: Termine für Probefahrten an Samstagen sind kaum möglich, kann nämlich sein, dass die Dinger spontan vermietet werden und dann mehr Geld einbringen.
Wobei sie sich auch Probefahrten bezahlen lässt: 25 Euro für jede einzelne Probefahrt, und das trotz 1.000 Euro Selbstbeteiligung bei der Versicherung und einer Begrenzung auf 30 Minuten. Da ich noch nie ein neues Fahrzeug gekauft habe, weiß ich nicht, ob das Usus ist – ich finde das völlig schräg und daneben.
Aber nun, sie ist halt die einzige Händlerin (und Suzuki-Werkstatt) in sinnvoller Reichweite, deshalb habe ich bei ihr schon die DL650 und DL1050XT Probe gefahren. An diesem Samstag hatte ich Glück: Das Wetter spielte mit UND das Objekt der Begierde war nicht vermietet, und so konnte ich endlich eine nagelneue V-Strom DL800 DE Probe fahren.
Auf diese Maschine haben V-Strom Fans lange gewartet: Eine große Reisemaschine mit zeitgemäßer Ausstattung wie LED-Licht, ordentlichen Bremse, Upside-Down-Gabel und elektronischem Cockpit, die aber die V-Strom-Tugenden nicht vernachlässigt: Zuverlässigkeit und Preisgünstigkeit. Wie zuverlässig sie ist, muss sie erst noch beweisen. Ich bin ja immer etwas skeptisch bei ersten Versionen von neuen Dingen, und bei dieser V-Strom ist das Wichtigste an einem Fahrzeug, der Motor, komplett neu.
Tatsächlich ist das kein V-Motor mehr, sondern ein Parallel-Twin. Nostalgiker fangen deshalb an zu heulen, mir persönlich ist es völlig schnurz, was für ein Aggregat da im Rahmen sitzt, so lange es zuverlässig ist.
Der erste Eindruck: Schön ist die immer noch nicht. Die Front ist nicht mehr markant, sondern völlig nichtssagend und verwechselbar. Ansonsten gilt beim Design: Eckig ist in, anscheinend genauso wie augenkrebserregende Farbkombinationen und alberne Aufkleberchen an jeder Ecke.
Viele Kunststoffteile wirken billig, hier bleibt sich Suzuki treu: Auch das ist ein Markenzeichen der V-Strom. Immerhin hat die 800er noch ein echtes Heck, und nicht nur einen Kennzeichenhalter überm Hinterreifen.
Die Maschine ist schlank, aber sehr hoch. Die 800er fühlt sich an wie ein Barhocker, dagegen ist die Barocca ein rollendes, breites und vor allem niedriges Sofa. Tatsächlich komme ich mit der Standardsitzbank bei 1,70 Körpergröße gerade mal mit den Zehen an den Boden. Also ausgetauscht gegen eine zwei Zentimeter niedrigere Sitzbank, und nun komme ich zumindest mit den Fußballen an den Boden, wenn auch nicht auf beiden Seiten gleichzeitig gleich gut. Rangieren geht damit, in den Sackgassen italienischer Bergdörfer wird das aber kein Spaß.
Nunja. Los geht´s, rauf auf die Straße. Der Paralleltwin läuft unerwartet rau und rumpelig. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich raten, dass da ein V-Motor unter mir werkelt.
Im Stadtverkehr bekomme ich die große Maschine gut bewegt, auch an Ampeln und abschüssigen Straßen kann ich sie gut halten. Wie das wohl mit Gepäck sein wird? Der Schwerpunkt muss zwangsläufig ungünstiger sein als bei meiner DL650, denn die Koffer müssen hier über dem Auspuff sitzen, der nun nicht mehr bis zur Sitzbank hochgezogen ist.
Aus der Stadt raus und auf die Landstraße, die sich bei ordentlich Steigung in Serpentinen durch einen Wald schlängelt. Eigentlich die ideale Teststrecke, aber heute kann ich hier genau GAR NICHTS testen, denn vor mir dödelt eine schwer bepackte Versys herum. Der Fahrer fährt so unsicher und langsam, das er in den Kurven fast umfällt. Man! Wir haben doch keine Zeit! Ich habe hier nur 30 Minuten, und jede davon kostet 83 Cent!
Was mich übrigens beeindruckt ist der Kniewinkel. Gefühlt hängen meine Beine ausgestreckt links und rechts an der Maschine hinunter. Das ist natürlich Quatsch, aber der Winkel ist wirklich groß.
Sofort stellt sich wieder diese bequeme “auf der kann ich ewig fahren”-Gefühl ein, das ich ab Moment eins auf der 650er hatte. Der Lenker der 800er ist allerdings breiter, das fühlt sich komisch an.
Nach den Kurven kommt eine unübersichtliche, aber ebene Strecke. Mit einem unbekannte Motorrad überholen will ich hier nicht, also nutze ich die Zeit, um das Display zu bewundern. Das ist wirklich gut gemacht. Statt Analoginstrumente, wie bei der Barocca, oder billigen LCD-Anzeigen, die Diagramme vom Todesstern zu zeigen scheinen, wie bei der DL1050, hat die DL800 ein feines Farbdisplay.
Übersichtlich werden Drehzahl, Geschwindigkeit und gerade eingelegter Gang angezeigt, dazu Uhrzeit, Temperatur, Batteriespannung, Benzinstand und Kühlwassertemperatur. Ganz viel aufgeräumter kann man das kaum gestalten, hier wird kein Mumpitz angezeigt und kein artsyfartsy-“Design” behindert die Ablesbarkeit. Ein Schaltblitz lässt sich optional einschalten, eine Reifendruckkontrolle fehlt leider.
Mitten im Wald wird die Straße breiter, hier liegt ein Gasthaus und ein Parkplatz. Ich muss umdrehen, die Hälfte der Probefahrtzeit ist um. Die Versys hält auch, und für einen Moment fürchte ich, der Fahrer will auch drehen und die gleiche Strecke zurück fahren. Um dem zurvor zu kommen gebe ich Gas – und bocke erstmal den Motor ab. Upps. Die Kupplung hat kaum Schleifstrecke und greift sofort, vielleicht ist sie auch nicht richtig eingestellt. 78 Kilometer hat diese DL800 erst auf der Uhr. Wird wohl doch nicht so häufig vermietet.
So, jetzt aber. Ein Druck auf den Starter, der jetzt mit dem Not-Aus-Knopf kombiniert ist, und der Parallel-Twin erwacht wieder zum Leben. Zurück auf die Landstraße, und jetzt mal ATTACKE!
Ich drehe am Gasgriff und Oijoijoiholyshitjeezezchristonanmotorbike!!!! Ich falle fast aus dem Sattel! Zumindest fühlt sich das so an. Meine Fresse, es fühlt sich fast an, als ob das Vorderrad abhebt, so drückt die nach vorne! Trotz der nominal nur 84 PS wirkt der Motor durch dieses Drehmoment kräftiger als die DL1000!
Okay, Zeit für Verzögerung. Ein ordentlicher Griff in die Bremsen zeigt, dass weder die noch das ABS übermäßig scharf sind. Die Verzögerung ist gut, aber nicht brachial.
Auf dem Rückweg fahre ich die Kurvenstrecke voll an. Die 800er zeigt sich dabei nicht so leicht handlebar wie meine 650er. Wo die Barocca geradezu in die Kurven hineinfällt und mit dem leichtesten Lenkimpuls wieder hoch kommt, da braucht es bei der großen Schwester mehr Kraft. Das kann aber auch an den Reifen liegen. Ich liebe den Metzler Tourance Next 2, einen reinen Tourenreifen für die Straße. Die DL800DE trägt standardmäßig einen Dunlop Trailmax, der wesentlich gröber ist und sich in den Kurven bestimmt anders verhält. Kann aber auch an dem Vorderrad liegen, das mit 21 Zoll merklich größer ist als das 19zöllige der 650er, und vielleicht auch mehr geradeaus marschiert.
Zurück bei der Händlerin ein prüfender Blick auf die Maschine.
Zuerst mal: Ich habe ein breites Grinsen im Gesicht, denn Suzuki hat es NICHT versaut. Moderne Komponenten. Geiler Motor. Mein nächstes Motorrad wird eine V-Strom 800. Aber: Nicht DIESE V-Strom 800.
Die Modellreihe “DE” (Dual Explorer) versucht sehr verkrampft die DL800 als Adventureenduro zu vermarkten. “Enduro” ist eh lachhaft, denn dafür ist die Kiste mit 230 Kilogramm viel zu schwer. Nein, was mich stört ist, das Suzuki viel Zeug drangebastelt hat, das für mich unnütz oder gar störend ist. Damit meine ich nicht mal den Quickshifter, mit dem man das Motorrad ohne Kupplung fahren kann (wozu auch immer das gut sein soll), und den ich gerne gegen einen Tempomaten eingetauscht hätte. Nein, ich meine sowas wie das große Vorderrad, die Speichenfelgen mit den Schlauchreifen oder die flimmsigen Handschützer oder dieses Plastegelumpe um den Motor, was wohl einen Schutz imitieren soll. Alles was die “DE”-Version an Ausstattung bringt, könnte ich direkt nach Kauf entsorgen und durch vernünftige Teile ersetzen.
Dafür fehlen essentielle Dinge. Eine Scheibe, die größer als eine Briefmarke und ordentlich einstellbar ist, oder ein Hauptständer, zum Beispiel. Selbst so etwas wie einen Sturzbügel oder eine Griffheizung gibt es nur gegen Aufpreis, aber gut, irgendwo muss der Kampfpreis von 11.500 Euro ja kommen.
Das Internet munkelt, dass Suzuki in Kürze eine “Straßenversion” der DL800 rausbringt. Niedriger, wieder mit einem 19-Zoll-Vorderrad und ohne den DE-Firlefanz. DAS wäre dann die ideale Nachfolgerin für die Barocca. Nun, ich habe schon so lange auf eine 800er-V-Strom gewartet, da kommt es auf ein Jahr mehr auch nicht mehr an. Vielleicht baut mir Suzuki ja noch mein perfektes Motorrad. Zur Not würde es aber auch die DL800 DE tun.








11 Gedanken zu „Probefahrt: Suzuki V-Strom DL800 DE“
Ja, das machen viele Händler, dass die Geräte vermietet werden. Kommt aber immer auch auf Umgebung und ‘wie neu das Modell ist’ an. Aber Geld hab ich dafür noch nie bezahlt.
Ich mag die kombinierten Start/Notaus-Taster, Quickshifter hab ich noch nie probiert, aber ohne Kupplung schalten geht im Normalbetrieb ja auch so.
Hauptständer sind doch schon lange nicht mehr Standard, war bei den alten DL doch auch nicht dran. 🤔 Zumindest haben wir letztens bei der 1000er von meinem Bruder auch einen rangeprökelt und die 650er von einem Freund hat auch keinen.
Ansonsten will die DL800 ja offensichtlich die DR 800 Big beerben, nur farblich nicht.
Richtig, Hauptständer ist schon lange kein Standard mehr. Das will mir aber gar nicht in den Kopf, denn den braucht ein “Abenteuer-Motorrad”, zumal eines mit Kettenantrieb, m.E. unbedingt.
Naja, für unterwegs packt man ja den Alukoffer unter den Motorschutz, dann isses hoch genug zum Reifenwechseln. 😁
Na, das ist aber die Weicheivariante. Echte Männers heben das Bike mit einer Hand hoch und wechseln mit der anderen den Reifen.
Irre ich mich, oder sind die Drahtspeichenfelgen nicht schlauchlos?
Ich selbst finde die Maschine optisch und technisch gelungen.
Für meine derzeitigen Bedürfnisse reicht mir die bestehende 650er noch voll aus.
Bei Neukauf schon eher Qual, bei dem Preis bis reisefertig mit vernünftigen Komponenten tummelt sich viel Konkurrenz am Markt.
Die Reifen sind welche mit Schlauch bei der DE
Lieber Silencer!
Auf einen Bericht von dir zur neuen 800er habe ich sehr gewartet! Denn du liebst die 650er so sehr wie ich! Deine Barocca ist meine kleine schwarze…
Über “Oijoijoiholyshitjeezezchristonanmotorbike” habe ich herzlichst gelacht und dass du auch den Fan vom Metzler Tourance next 2 bist, habe ich fast nicht anders erwartet…
Ich bin mal gespannt, ob sie als Version mit kleinerem Vorderrad rauskommt Punkt ich werde auf jeden Fall auch mal die Transalp Probe fahren. Die kleine hat 145.000 km….
Kennen Gruß von der Fähre Durres – Bari
Ja, die Trennung wird schwer fallen… und Albrecht sagt mir schon dauernd „102.000 km sind Nix. Guck dir Varatweetys Strömchen an, die hat mehr runter und tut auch noch!“
https://www.bike-on-tour.com/suzuki-vstrom800-2024/
Da isse – ohne das “DE”.
https://www.bike-on-tour.com/suzuki-vstrom800-2024/
Da isse – ohne das “DE”.
Aaahhh!!! Danke!