Momentaufnahme: September 2023
Herr Silencer im September 2023
“Frei, endlich frei”
Wetter: Anfang des Monats nachts mit 12 Grad schon kühl, tagsüber kommt aber der Sommer zurück, mit bis zu 30 Grad in der ersten Woche. Auch der Rest des Monats bleibt sommerlich, mit tags 18-20 Grad und wenig Regen. Ab der dritten Woche weile ich auf Sardinien, hier sind es tags 25 Grad, nachts 17.
Lesen:

Paul Preuss: Venus Prime 5 [1991]
Ellen Troy unterzieht sich einer Reihe von Operationen, dann fliegt sie zum Jupitermond Amalthea. Kaum dort angekommen, schmilzt der Mond und gibt ein Geheimnis preis: Im Inneren steckt ein Weltenschiff einer uralten Zivilisation. Zum Glück ist Troy auch darauf vorbereitet.
Endlich, im fünften Band dieser seltsamen Reihe, nimmt die Geschichte wieder Formen an. Nach den unspannenden Ausflügen ins Krimi-Genre und der völlig vergurkten Transhumanismus-Story ist die Precursor-Story um Alien-Zivilisationen erfrischend stringent.
Was Paul Preuss leider nach wie vor nicht kann: Personen, Emotionen, Situationen, Motivationen, Dialoge. Stattdessen ergeht er sich wieder in Beschreibungen von Himmelskörpern. Sein mangelndes Gespür für… so ziemlich alles führt ihn dann auch direkt in die tiefsten Plotholes. Da wartet ein Weltenschiff Millionen von Jahren darauf, sich zu enttarnen und alle(!) Bewohner:innen eines ganzen Sonnensystems in sich aufzunehmen – und dann haben die Erbauer den Timer nur auf 15 Minuten gestellt, und das Schiff von der Größe eines Planeten fliegt mit nur 8 Personen an Bord los? WTF? Ganz schlimmer Anfall von schlechtem Timing, oder?
Immerhin: Nachdem die Protagonistin im letzten Band über weite Teile nicht vorkam und dann unvermittelt als psychopathisches, mordendes Drogenwrack wieder auftauchte, ist sie jetzt wieder back to normal, taucht ab dem zweiten Drittel des Buches auf und spielt sogar eine Rolle. Leider heißt das aber auch wieder: Ellen Troy ist Ms. “Ich weiß und kann alles”. Woher sie Dinge weiß? Unbekannt. Warum sie Dinge kann? Tja weil, halt.
Paul Preuss, der für die “Venus Prime”-Reihe ja das Universum von Arthur C. Clarke fleddert, verargumentiert seinen Quark damit, dass er sich “an einer Erzählstruktur eines alten, japanischen Textes, älter als Homers Ilias” orientiert, bei dem der Lesende Arbeit investieren muss, bis die Geschichte völlig neu ansetzt und ihren Kern preisgibt – was zeigt, dass ein völliger Kopfmensch, der am Liebsten in theoretischen Konstrukten lebt, nicht zwangsläufig Fantasie haben muss oder automatisch tolle Geschichten erzählen kann.
Schlimm, leider. Seltsamerweise gibt es von der Reihe, die sechs Bände umfasst, ausgerechnet den ersten und den sechsten nicht als e-Book, und so begebe ich mich mal in die Antiquariate um zu erfahren, wie der Kram endet.
Hören:
–
Sehen:

The Gentlemen [2020, Prime]
Matthew McConaughey ist der König der Cannabishersteller in Großbritannien. Niemand weiß, wo er die Unmengen an erstklassigem Gras anbaut, und seine Organisation agiert völlig im Schatten.
Das ändert sich, als er sein Geschäft ob der kommenden Legalisierung von Marihuana verkaufen will. Plötzlich wird der selbsternannte “König des Dschungels” von der chinesischen Mafia, Collin Ferrells Amateurboxertruppe und einem Zeitungsmogul gejagt. Diese Geschichte hat sich zumindest der schmierige Journalist Hugh Grant so zusammengereimt, und versucht damit Geld zu erpressen – ausgerechnet von einem Profikiller in McConaugheys Diensten.
“The Gentlemen” ist vielleicht Guy Ritchies bester Film. Starke Charaktere, eine undurchsichtige Story und ein noch verwickelterer Plot, der durch einen unzuverlässigen Erzähler nicht einfacher wird. Die Schauspieler sind großartig, die Kameraarbeit ausgezeichnet und der Gegensatz der eleganten “Gentlemen” zu ihren rauen Methoden, der rauen Umwelt und dem rauen England könnte besser nicht ausgearbeitet sein. Sehr stylisch und spannend bis zum Schluss, allerdings auch vor Testosteron triefend – auch wenn der Film am Ende die einzige(!) Frau im Cast als “Königin” behauptet.

SAW I-VIII [2004-2018, BluRay]
Menschen wachen in tödlichen Situationen auf: Mal in einem leeren Keller angekettet, mal in explosive Apparaturen eingesperrt. Es gibt immer einen Weg sich zu befreien, aber der ist meist radikal und erfordert Selbstverstümmelung. Das gilt als perfider “Test”, ob die Personen des Lebens würdig sind, und als zweite Chance – denn ausnahmslos jeder der Gefangenen hat in seinem Leben etwas extrem Schlimmes getan und meist hinter einer bürgerlichen Fassade vertuscht.
Die Saw-Filme sind ein Guilty-Pleasure, zu dem ich gerne immer wieder mal zurückkehre. Ähnlich wie in “Cube” oder “Escape Room”, die ich auch sehr mag, übt anscheinend das Motiv, Arschloch-Menschen bestraft zu sehen, einen starken Reiz aus.
Nun habe ich zum ersten Mal alle, zwischen 2004 und 2018 entstandenen, Saw-Filme am Stück geschaut und bin überrascht: Tatsächlich ergeben alle Teile hintereinander weg ein Gesamtbild, bei dem jeder einzelner Film ein Puzzlestück (SIC!) einer größeren, übergreifenden Geschichte ist, die am Ende des achten Films wieder an den Anfang des ersten zurückführt. Die Story ist jetzt nicht umwerfend und spürbar entlang des Erfolgs der Filme zusammengepfriemelt, aber immerhin passen alle Teile ineinander und überraschen. Hätte ich nicht erwartet, dass die Reihe auf mehreren Ebenen gut funktioniert.

John Wick Chapter IV [2023, BluRay]
Alle so “sumthingsumthingsumthingsinister!” und John Wick so: “Boom, Headshot”. Teil 4 der Saga um einen legendären Killer, der wider Willen aus dem Ruhestand zurückkehrt und sich mit einer geheimen Bruderschaft der Auftragsmörder anlegen muss.
More of the Same der letzten Teile: Stylische Kameraarbeit, spektakuläre Kampfszenen, viel sieht nach Handarbeit und echtem Aua aus. Die letzte halbe Stunde war dann aber so over the Top, dass meine Suspension of Disbelief entnervt das Zimmer verliess – was Wick dort einstecken muss und tut ist übermenschlich. Aber nun, Absurdität ist bei Wick Programm.
Der Plotkäse führt hin zu einem tief befriedigenden Ende auf den Stufen von Sacre Coeur im Sonnenaufgang über Paris – dem darf bitte kein “John Wick 5” folgen, zumal man Keanu Reeves mittlerweile sein Alter von 60 Jahren doch anmerkt.

Across the Spiderverse [2023, BluRay]
Miles Morales versucht Familienleben und Superheldentätigkeit als Spider-Man unter einen Hut zu bekommen – und versagt kläglich. Da kommt ein Besuch von einer Spider-Woman aus einem Paralleluniversum gerade recht. Stell sich raus: Es gibt ein ganzes Multiversum, und in dem existiert eine Gesellschaft von “Spider-People”, die die Ordnung der Zeiltlinien aufrecht halten. Miles würde so gerne dazu gehören, erlebt aber eine Überraschung: Selbst unter Seinesgleichen wird er als störendes Element wahrgenommen und schließlich als freies Radikal gejagt.
Wie auch Teil 1 sprüht diese Fortsetzung vor inhaltlichen und künstlerischen Ideen. Jede Szene hat einen “Blink and you miss it”-Moment, und das sich alle Figuren konsequent weiterentwickeln ist feine Erzählkunst. Der Film endet mit einem Cliffhanger – die Auflösung folgt in zwei Jahren im dritten Teil.
Spielen:

Like a Dragon: Ishin! [2014, 2023, PS5]
1860 verändert sich Japan radikal. Englische Handelsschiffe laufen die Küstenstädte an und zeigen eine Welt jenseits des isolierten und von einem Shogun zentral geführten Reichs auf. Die Gesellschaft verändert sich, Unruhen breiten sich aus. In dieser Turbulenten Zeit wird ein Samurai und Clanfürst brutal ermordet. Sein Ziehsohn Sakamoto Ryōma wird schnell als der Schuldige ausgemacht. Der taucht ab und versucht herauszufinden, wer oder was wirklich dahintersteckt. In der Kaiserstadt Kyo kommt er einer Verschwörung auf die Spur, deren Drahtzieher das Feudalsystem in Japan abschaffen und die Nation mit dem Kaiser als Zentrum neu erschaffen wollen.
Interessanter Kniff, das Gameplaygerüst und die Figuren der “Yakuza”-Reihe zu nehmen und die als ganz andere Charaktere in einem historischen Setting auftreten zu lassen. Der aus “Yakuza” bekannte Kiryu Kazuma ist hier der Samurai Sakamoto Ryōma, der tatsächlich existiert hat. Auch die Hauptereignisse des Spiels sind historisch verbürgt, auch wenn alles dazwischen sehr frei und zugunsten einer spannenden und persönlichen Erzählung interpretiert ist.
Zugunsten dieser persönlichen Erzählung wird leider auch darauf verzichtet, den zugrundeliegenden Konflikt (Jahrhundertelange Isolation Japans, Erpressung durch die Engländer, Streit zwischen Kaiser und Shogun) zu erläutern. Kennt man den nicht, wird man wenig verstehen. Kennt man ihn, geht es trotzdem völlig durcheinander. Ein wenig mehr Substanz hätte der Geschichte gut getan.
Yakuza-Typisch ist die persönliche Story von Ryoma simpel, aber der Plot komplex, verwickelt und mit etlichen Twists versehen. Ebenso serientypisch ist der Mix aus ernster Hauptgeschichte und absurden Nebenaufgaben und Minispielchen. Letztere sind wieder überbordend, von Musikspielchen über Reaktionstests (Holzhacken, Kanonenkugeln im Flug zerschlagen, Nudeln mit der richtigen Soße servieren) bis hin zu Arena-Wettkämpfen und Farmville(!) ist hier wieder endlos Quark dabei, den man zum Glück ignorieren darf.
Das Kampfsystem hantiert jetzt neben Fäusten auch mit Schwertern und Pistolen und Kombinationen aus beidem, was sich sehr unterschiedlich spielt. Gerade zum Ende hin werden die Mid- und Endgegner aber wieder sackschwer, und hier kommt die Mechanik an ihre Grenzen. Wer aktuelle, schnelle Schwertsysteme (“Jedi: Survivor”) kennt, wird hier Frust erleben, denn die Engine spielt Animationen immer erst aus, bevor die nächste Eingabe möglich ist. Statt schnellem Blocken und Konterattacken kann es sein, das der Held ein Mal stolpert und während des Falls so die Hucke voll bekommt, das er nie wieder aufsteht. Zum Glück bietet das Spiel nach mehreren Fails von allein an, in einen niedrigeren Schwierigkeitsgrad zu wechseln.
Technisch kommt bei der 2023er Neuauflage des (2014 nur in Japan erschienenen) Spiels nicht die Dragon-Engine der Hauptspiele zum Einsatz, sondern die Unreal4-Engine. Die ist OK, allerdings sieht das Game nicht so schick aus wie “Yakuza 6” oder die “Judgment”-Reihe des gleichen Studios.
Für Freunde von “Ghost of Tsushima”, japanischer Geschichte und/oder Yakuza-Fans geeignet, alle anderen werden dieses Spiel befremdet beäugen und Verständnisprobleme haben.
Machen:
Arbeit-Arbeit-Arbeit, dann vier Wochen Motorradherbst in der Schweiz und auf Sardinien.
Neues Spielzeug:
Ein Toyota Aygo. Zwölf Jahre alt, 46.000 km gelaufen, top in Schuss. Gekauft, stillgelegt und eingelagert. Warum? Weil die Gelegenheit zum Kauf dieses überaus vernünftigen und robusten Autos günstig war. Der Gebrauchtwagenmarkt ist ansonsten immer noch völlig überdreht, neue Elektroautos zu teuer. Auch wenn der Zeitpunkt jetzt nicht der richtige war und ich nun plötzlich, ganz dekadent, ein Reserveauto besitze. Die Tage des Kleinen Gelben AutosTM sind zwar gezählt, aber noch sind einige übrig.
