Bye, Barocca.

Bye, Barocca.

Abschied von einem außergewöhnlichen Motorrad. Ein RĂŒckblick auf meine Zeit mit der Barocca

2016: Nach fĂŒnf Jahren Reisen mit dem Motorrad war mir klar: Das wollte ich unbedingt weiterhin machen. Aber nicht mehr mit der ZZR 600, der Tourensportlerin von Kawasaki. Die war immer öfter an ihr Limit gestoßen: Mal bedingt durch ihre Bauform, die nunmal ausschließlich fĂŒr gute Straßen gemacht war, zuletzt aber auch dadurch, dass die Maschine mit 13 Jahren und 90.000 Kilometern einfach wegzubröseln begann und unzuverlĂ€ssig wurde. Es musste etwas anderes her.

Das Schicksal fĂŒhrte mich zu einem Motorrad, das mir vorher schon aufgefallen war, wegen seines markanten Äußeren: Einer Suzuki DL 650 “V-Strom”. ZusĂ€tzlich lag mir noch Albrecht in den Ohren, ich solle mir die doch mal ansehen – denn zufĂ€lligerweise war die V-Strom 650 seine Lieblingsmaschine.

Ich fand eine DL 650 bei einem HÀndler in der NÀhe. Gebraucht. Eine ziemlich einzigartige Maschine: Schwarz. De-branded um die albernen Aufkleberchen. Sechs Jahre alt, mit 35.000 Kilometern auf der Uhr und reichlich Zubehör.

Ich setzte mich darauf und wusste: Die ist es. Zwar war das riesige, zwei Meter neunundzwanzig lange Motorrad eigentlich viel zu groß fĂŒr mich, aber ich wusste sofort: Das ist die richtige! Nach einer kurzen Probefahrt kaufte ich sie im Februar 2017 fĂŒr rund 4.500 Euro.

Binnen kĂŒrzester Zeit, in nur vier Wochen, bekam die V-Strom eine Tieferlegung, einen CLS-Kettenöler und einen ordentlichen SturzbĂŒgel. GepĂ€cksystem und Heizgriffe hatte sie schon. “This Girl ist going Places!” verkĂŒndete ich damals stolz, hatte aber auch Bedenken: Ob die “alte” noch zuverlĂ€ssig sein wĂŒrde?

Stellte sich raus: Absolut! Von 2017 bis 2023 waren wir zusammen auf den Straßen Europas unterwegs, in Summe fast 75.000 Kilometer. Vom hohen Norden der schottischen Highlands bis zum sĂŒdlichsten Zipfel Griechenlands. Die V-Strom hat mich dabei nie im Stich gelassen.

Wir sind den Hardknott-Pass gefahren, den steilsten Straßenpass in Europa, genau wie den Gotthard, den Furka, das Timmelsjoch und wer weiß was noch an PĂ€ssen. Wir waren in der WĂŒste der Basilicata unterwegs, sind auf den Olymp gefahren und um die Meteora-Felsen und um Stonehenge gekurvt. Egal wann, egal wo: Die V-Strom war immer zuverlĂ€ssig.

This Girl went places!

Dabei hatten wir einen nicht ganz einfachen Start. Bei unserer allerersten gemeinsamen Reisefahrt fuhr nach dem ersten Tankstopp ein am Handy spielender Autofahrer ins Heck der Maschine und schubste sie mitten in einen Kreisel.

Die Folge: GepÀcktrÀger kaputt und Lenker verbogen. Keine Urlaubsreise, Heimfahrt mit dem ADAC, drei Monate Werkstatt (weil der Unfallgegner seine Versicherung nicht in Kenntnis setzte).

Die erste richtige Fahrt fand dann im September 2017 statt, erstmal ganz vorsichtig und nur nach Italien, und die Reise war… grauenvoll.

Die Kette hatte vorher noch gut ausgesehen, war aber wohl schlicht vom HĂ€ndler auf Hochglanz poliert worden. In Wirklichkeit war das wohl noch die Erstausstattung, mit 35.000 Kilometern auf der Uhr und völlig fertig. Die Folge: Nach der ersten Regenfahrt ĂŒber die Alpen war die völlig verrostet und hatte sich ungleichmĂ€ĂŸig gelĂ€ngt. Dadurch hoppelte das Motorrad aufÂŽs Unangenehmste vor sich hin, und ich schob Bedenken, ob das alte Kettending nicht reisst und den Motorblock zerhaut.

Wir kamen noch bis nach Hause, und ich investierte in eine neue Kette und bessere Reifen, sowie eine handgemachte Sitzbank fĂŒr die “Barocca”. Einen Namen hatte sie sich redlich verdient, und dieser war ihr mittlerweile zugeflogen. Man gibt MotorrĂ€dern keine Namen; die Namen finden die MotorrĂ€der.

Was außerdem umgebaut wurde: Die Scheibe. Luftwirbel sind bei einer V-Strom immer ein Problem, und ich importierte einen verstellbaren Madstad-Scheibenhalter aus den USA und setzte da eine kurze Powerbronze-Scheibe (spĂ€ter eine Standard-MRA-Scheibe) drauf. Luftwirbel waren ab dem Moment kein Thema mehr.

Nachdem wirklich alle Verschleißteile neu und die Luftwirbel Geschichte waren, war Reisen mit der V-Strom die pure Lust.

Die große Maschine ließ sich leichter in den Kurven handlen als die ZZR, und durch die aufrechte Sitzhaltung und die tolle Sitzbank konnte ich zehn bis zwölf Stunden im Sattel bleiben. Insgesamt drei Mal bin ich die 1.065 Km lange Strecke Venedig – Göttingen non-stop gefahren.

Ein bequemes, leicht zu handelndes und zuverlĂ€ssiges Motorrad macht natĂŒrlich Lust auf mehr: Noch weitere Reisen, mehr Erkundung, abseitigere Tourenziele.

Und wo wir ĂŒberall waren! Viel natĂŒrlich in Italien, das die Barocca nicht nur einmal komplett umrundete, sie ist dort jede auch nur halbwegs relevante Straße gefahren (und ganz viele, die sich auf keiner Karte finden).

Barocca am Ring von Nardo.

Es gab aber auch Touren nach und durch Frankreich, Österreich, die Schweiz, Tschechien, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Griechenland, Niederlande, Belgien, England, Schottland, Wales und Irland.

Auf diesen Touren habe ich die tollsten Orte gemeinsam mit der DL 650 entdeckt. Von der Twin-Peaksesken ForellenhĂŒtte in den Bergen ĂŒber das platte Land Apuliens, den Stadtverkehr von Dubrovnik, Lost Places, GeisterstĂ€dte, Clarksons Farm oder Skyfall.

Barocca am Glen Etive, dem Drehort von Skyfall.

In den letzten drei Jahren wurde die Ziele richtig abgelegen, und deshalb kamen immer mehr FĂ€hrĂŒberfahrten zu den Motorradreisen hinzu. Insgesamt zehn Schiffspassagen hat die Maschine in nur drei Jahren mitgemacht.

Dank meines speziellen Orientierungssinns haben wir auch an tollen Orten verfahren, meist in den Gassen von Bergdörfern oder auf abgelegenen Waldwegen. Manchmal auch unter der Landschaft, zum Beispiel unter einem Marmorberg in Carrara.

Ja, dieses MĂ€dchen ist wirklich an Orte gelangt.

Manche verspotten ReisemotorrĂ€der ja als “SUVs unter den MotorrĂ€dern”, aber das ist Quatsch. Man darf halt nicht den Fehler machen den Marketingabteilungen auf den Leim zu gehen, die Maschinen wie die V-Strom als “Reiseenduro” oder “Adventureenduro” vermarkten. Das ist grob irrefĂŒhrend, denn mit Enduro ist hier nix – dafĂŒr sind die Maschinen zu groß und zu schwer. Nein, Maschinen dieser Klasse ziehen ihre Daseinsberechtigung aus der Tatsache, dass sie extrem ergonomisch und vielseitig umrĂŒstbar sind und viel tragen können.

Die Motorisierung der DL 650 L0 ist mit 69 PS nicht gerade ĂŒppig, aber fĂŒr ein Reisemotorrad völlig ausreichend. ReisemotorrĂ€der fahren meistens keine Sprints, die fahren Marathons.

Der kleine Motor nervt zwar mit einem rauen Lauf, aber er ist sehr sparsam: Der geringe Verbrauch von um die vier Litern ermöglicht in Kombination mit dem Tankvolumen von 22 Litern eine maximale Reichweite von 550 Kilometern! Das auszufahren war tatsÀchlich auch schon mal nötig, als wir in Frankreich unterwegs waren und dem Land das Benzin ausgeging. Da ist Sparsamkeit eine QualitÀt, die man sehr schnell zu schÀtzen lernt.

SchĂ€tzen lernte ich auch das ABS. Auch wenn die Bremsen der V-Strom notorisch schwammig sind, in Kombination mit dem ABS hatte ich nie Probleme. Die Tourance Next (und spĂ€ter Tourance Next II)-Reifen sorgten fĂŒr ungeheure Klebekraft selbst bei Regen, und hielten bis zu 14.000 Kilometer.

Das Setup der Barocca war, nach den anfĂ€nglichen Schwierigkeiten, nahezu perfekt. 2019 kamen lediglich noch ein starker Barkbusters-Handschutz, ein Unterfahrschutz von Marselus und ein KĂŒhlerschutz hinzu. Die Barocca war damit rundum gepanzert, und fortan machten ihr Ausritte durch WĂ€lder, fliegende Steinchen und unbefestigte Straßen ĂŒberhaupt nichts mehr aus.

Weite Strecken verschleißen ein Motorrad. Vor zwei Jahren standen dann gleichzeitig viele Wartungsarbeiten an. Bremsscheiben, ÖlschlĂ€uche und -kĂŒhler, Gabel, Rad- und Lenkkopflager… alles musste neu, und ich stand vor der Entscheidung: Mehrere Tausend Euro in Instandhaltung investieren? Oder eine andere Maschine kaufen?

Nach einigen Probefahrten und Überlegungen fiel die Entscheidung letztlich leicht. Eine wirklich bessere Nachfolgerin gab es zu dem Zeitpunkt nicht, und die vielen gemeinsamen Erlebnisse verbinden auch irgendwie. Also ließ ich die Barocca in 2021 bei Kilometerstand 82.000 generalĂŒberholen, und wir legten weitere 25.000 Kilometer zusammen zurĂŒck.

In der RĂŒckschau sind nur drei Dinge mit der Barocca wirklich dumm gelaufen:

  1. Die Sache mit der Kette, wo aber niemand etwas fĂŒr konnte (vor Abfahrt hatten zwei WerkstĂ€tten gemeint, die wĂŒrde noch taugen)

  2. Die beiden Fahrten mit dem ADAC – ein Mal nach dem Unfall unmittelbar nach dem Kauf und ein mal nach der Reifenpanne zwischen Siena und Florenz (wo aber die V-Strom nichts fĂŒr konnte) und

3.Die Idee, die DL650 tieferlegen zu lassen. Das war Quatsch. Durch die Tieferlegung kam ich zwar prima mit den FĂŒĂŸen an den Boden, aber dadurch war der HauptstĂ€nder unbrauchbar und sie setzte in Kurven und bei Bodenwellen superschnell auf. Nach zwei Jahren baute ich die Tieferlegung entnervt wieder aus und kam seither auch ohne sehr gut zurecht.

Jetzt, in ihrem 13. Lebensjahr und dem sechsten Jahr mit mir, steht meine DL 650 immer noch perfekt da. Ich hatte, abgesehen vom Abschuss gleich am Anfang, keinen Unfall und lediglich zwei Umfaller, die aber keine Spuren hinterlassen haben.

Die Maschine sieht optisch immer noch genauso gut aus, wie in dem Moment, als ich sie ĂŒbernommen habe. Da ist keine Beule hinzugekommen, kein neuer Kratzer, und technisch ist auch alles perfekt: Da tropft kein Öl, da eiert oder quietscht nichts. Die Barocca lĂ€uft einfach.

Aber nun ist eine bessere Nachfolgerin da, und ich habe auch Lust auf etwas anders. Deshalb ist die Barocca jetzt beim HĂ€ndler verblieben. Der verkauft sie im Kundenauftrag, ich habe nĂ€mlich weder Zeit fĂŒr noch Lust auf einen Privatverkauf.

Ich werde also nicht mal mitbekommen, in welche HĂ€nde sie nun gerĂ€t und was aus ihr werden wird. Das schmerzt ein wenig, aber ich denke gerade: Wir hatten eine tolle, gemeinsame Zeit. FĂŒr jede Minute davon danke ich der V-Strom. Sie hat meine Welt sehr viel grĂ¶ĂŸer gemacht, denn mit ihr bin natĂŒrlich auch ich an Orte gelangt, die ich ohne sie nie erreicht hĂ€tte.

Aber nun gehen wir getrennte Wege.

Ich wĂŒnsche der Barocca auf jeden Fall alles Gute, und hoffentlich noch ein langes Leben in guten HĂ€nden.

P.S.: Sie ist nach Polen gegangen. Entweder, sie wird dort als Ersatzteilspenderin ausgeschlachtet oder, was in Anbetracht des erstklassigen Zustands wahrscheinlicher ist, weiterverkauft. Kommentar des Vermittlers: “WĂŒrde mich nicht wundern, wenn die wieder auf dem deutschen Markt auftaucht – mit 30.000 km auf dem Tacho”. Nunja.

0 Kommentare zu „Bye, Barocca.“

  1. Wo ich das hier so lese, ich hab gar nicht solch einen Abschiedsbeitrag, aber wenn ich so darĂŒber nachdenke, liegt das auch daran, dass ich keine harten Schnitte hatte. also direkter Austausch vom Fahrzeug, eher so ÜbergĂ€nge ĂŒber mehrere Jahre.

    Aber dennoch denke ich jetzt ein wenig darĂŒber nach, was ich mit den Ehemaligen so erlebt habe und dabei fĂ€llt mir auch auf, dass fĂŒr die Touren gar nicht so sehr das jeweilige Fahrzeug im Vordergrund stand. đŸ€”

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