Reisetagebuch: Kein Reisetagebuch
Freitag, 12. Juli 2024
“Stoooooooop! Frana!”, Erdrutsch, ruft der Polizist und winkt mich von der Ausfahrt des Kreisels weg. Ich kannÂŽs echt nicht glauben, dass ich jetzt wirklich abdrehen soll. Ăber 700 Kilometern bin ich jetzt schon gefahren, und jetzt, hier, zweieinhalb Kilometer vom Ziel entfernt, geht es nicht weiter. “Einen Schritt vor dem Ziel ist genau der Moment, in dem man den Boden unter den FĂŒĂen verliert”, zitiert der Popkulturzausel, der mietfrei in meinem Hinterkopf wohnt, den bekannten ArchĂ€ologen Henry Jones, Jr.
Ich ziehe die V-Strom wieder in den Kreisverkehr und fahre in eine andere Richtung aus, dann lenke ich das Motorrad an die StraĂenseite und tippe auf Annas Bildschirm herum. Es steht noch ein wenig Wasser auf dem Display, der letzte Regenschauer ist nicht lange her. “Route Ă€ndern. Umleitung. NĂ€chste zwei Kilometern vermeiden”, gebe ich ein und zu meiner Erleichterung findet das Garmin Zumo einen anderen Weg. Ich starte den Motor und folge den Anweisungen, die es mir ins Ohr quatscht.
Es geht einen Berg hinauf. Die StraĂe fĂŒhrt im Verlauf wohl zu einem Pass und ich hoffe, dass die Umleitungsstrecke nicht plötzlich ĂŒber einen RĂŒckeweg fĂŒhrt oder einen unbefestigten Abhang hinunter oder sowas. Das Garmin routet gerne mal exotisch. Aber es hat einen Grund, dass das 11 Jahre alte NavigationsgerĂ€t trotz seiner gelegentlichen Seltsamkeiten jetzt in der neuen V-Strom 800 steckt. Anna hat ein paar Tricks im Ărmel, die aktuelle Navis nicht mehr beherrschen. ReifendruckĂŒberwachung, zum Beispiel. Oder die Anzeige von Wetter entlang einer Route, oder ein animiertes Regenradar.
Anna kann das, und auf ihrem Display konnte ich genau verfolgen, dass der starke Regen, in dem wir ab Fulda fĂŒr eine Stunde gefahren sind, zwar extrem unangenehm war, aber nichts gegen die beiden Unwettergebiete mit Hagel, zwischen denen wir in Bayern und Baden-WĂŒrttemberg elegant durchgewitscht sind. Bis zu den Alpen war das Wetter OK, aber dann setzte wieder Regen ein. Aber halt nur normaler Regen, nichts gegen den Starkregen, der in Ăsterreich heute schon gefallen ist.
“BundestraĂe zum Reschenpass gesperrt, Erdrutsch”, verkĂŒndeten Displays an den Tunneln bei Innsbruck. Gut, da wollte ich auch gar nicht hin. Ich bin die alte BrennerstraĂe bis Sterzing gefahren, und jetzt, kurz hinter dem Ort, geht es nicht weiter. Dabei ist mein Hotel quasi in Sichtweite. Nunja.
“Lernst Du halt wie das ist, mit mir unterwegs zu sein”, sage ich zur V-Strom, wĂ€hrend die Maschine ĂŒber eine schmale StraĂe in einen Nadelwald hineindonnert. “Unwetter, Umleitungen, …schon auf der ersten Fahrt bekommst Du das volle Programm mit”.
Der extreme Mix passt gut, denn das hier ist immerhin die Testfahrt fĂŒr das neue Motorrad. Ich bin nur unterwegs, um die neue Suzuki auszutesten. Rede ich mir zumindest ein.
TatsĂ€chlich habe ich auch eine Pause gebraucht. Ja, das hier ist eine kurze Pause vom Alltag. Aber kein richtiger Urlaub. Das hier ist keine Reise. Deshalb gibt es auch kein Reisetagebuch. Ich komme ja nicht an neue und interessante Orte. Aber “Pausentagebuch” klingt doof, deshalb wird es einfach gar keinen Blogeintrag dazu geben. So.
Warum auch. Immerhin bin ich mehr oder weniger heute morgen einfach auf die V-Strom gestiegen und losgefahren. Gut, nicht ganz so spontan, aber fast.
“Jetzt links abbiegen“, sagt Anna, und zu meiner Freude geht es hier nicht eine Schlammpiste den Berg hinab. Es handelt sich um eine schmale StraĂe, die in mehren Kurven zu einigen WohnhĂ€usern hinab und zwischen ihnen hindurch fĂŒhrt.
Hinter den HĂ€usern fĂŒhrt die DorfstraĂe einmal durchs Wipptal und auf der anderen Seite auf die breite DurchgangstraĂe, und zwar hinter der StraĂensperre. Sehr gut!
Gegen 16:00 Uhr und damit rund neun Stunden und 720 Kilometer nachdem ich in Götham gestartet bin, kommt die V-Strom vor dem Hotel Larch zum Stehen.
Hier mache ich gerne Station auf dem Weg nach SĂŒden, die Etappe ist genau richtig lang und das familiengefĂŒhrte Hotel liegt direkt an der alten BrennerstraĂe, kurz hinter Sterzing.
Die Gastwirtin begrĂŒĂt mich ernst und sorgenvoll. “So ein Unwetter hatten wir bislang selten”, sagt sie. “Der kleine Bach hinterm Haus ist ein Strom geworden und hat den Hang fortgerissen. Auch die StraĂe nach Brixen runter ist dicht, da können sie morgen nicht lang. Wollten Sie zum Abendessen ins Motorradrestaurant?”
Ich nicke. Das “V-Motor-Bar&Grill” liegt zehn Minuten zu FuĂ die StraĂe runter. “Die haben auch gerade zu kĂ€mpfen, das ist nicht offen”, sagt die Gastwirtin und empfiehlt eine Pizzeria an der Sporthalle von Sterzing. Ich bedanke mich fĂŒr den Hinweis und frage, ob ich gleich bezahlen kann. Die Gastwirtin nickt und sagt “Aber nur Bar, die Datenleitungen sind ausgefallen”.
Ich bringe meine Koffer ins Zimmer, dann schwinge ich mich gleich wieder aufÂŽs Motorrad. Die StraĂe nach SĂŒden ist von den Erdrutschen gerĂ€umt, nur Reste von Erde und groĂe PfĂŒtzen erinnern daran, dass die StraĂe hier vor wenigen Stunden noch dicht war. Als ich mich dem “V-Motor” nĂ€here, sehe ich schon, was Sache ist: Schlamm ist anscheinend einmal hinten ins Restaurant rein und vorne wieder rausgegangen. Helfer haben das Inventar vor das GebĂ€ude geschleppt, alles ist verschlammt.
SpĂ€ter lese ich, das 70 Prozent aller HĂ€user im Ărtchen Trens durch Erdrutsche und Muren beschĂ€digt wurden. Eine echte Katastrophe, und ich bin dem Unwetter nur knapp entgangen.
Auf Essen gehen habe ich keine Lust mehr, bin auch zu mĂŒde dazu. Ein groĂer Spar-Markt versorgt mich mit einem belegten Toast und einem fertigen Salat, das reicht fĂŒr heute Abend. Hauptsache, nicht noch einmal raus.
Als ich wieder im Hotel bin, stelle ich fest, dass der Helm First Blood abbekommen hat – anscheinend war das Insekt, was hier zerschellt ist, mit Kirschsaft gefĂŒllt. Oder ich wurde von einer fliegenden Kirsche getroffen.
Die Nacht ist unruhig. Donner rollt durchs Tal, und mÀchtige SchlÀge und das Prasseln des Regens lassen mich immer wieder aus dem Schlaf hochschrecken. Dabei zieht das Schlimmste weiter nördlich vorbei.
Die V-Strom steht wie unter einer Dusche, so heftig ist das Gewitter.
Tour des Tages: Von Götham nach Sterzing, 720 Kilometer in rund 9 Stunden.
Am nÀchsten Morgen scheint alles wieder vergessen.
Samstag, 13. Juli 2024
“Die StraĂe nach Brixen ist immer noch zu”, sagt die Gastwirtin, als ich zum FrĂŒhstĂŒck gehe. Am Nebentisch erzĂ€hlt ein junger Mann aus Berlin, dass sein Porsche Cayenne wegen des Regens völlig verrĂŒckt spielt. “Der zeigt alles mögliche an! ABS ausgefallen, Traktionskontrolle ausgefallen, Bremskraftverteilung defekt!”, erzĂ€hlt er aufgeregt, um dann fortzufahren “ADAC weiĂ auch nicht, was man machen kann. FĂ€hrt aber ganz normal. Wir ziehen das jetzt durch!”
Mutig. Oder dumm. Ich mache mir eine geistige Notiz, das ich vor denen weg sein will. Aber lustig, das Nobel-SUVs durch Regen kaputt gehen. Darf man wohl nur bei schönem Wetter fahren.
Ob die V-Strom 800 wohl anspringt und keine Zicken macht? Die hat ja auch so modernes Elektronikgedöns verbaut. Der Gasgriff ist ein Potentiometer und hat keine BowdenzĂŒge mehr, der Starter ist komplett digital und auch die Instrumente sind nur noch ein Display. FĂŒr mich ist das alles neu, und ich bin erst einmal misstrauisch. Die japanischen Motorradhersteller haben es nicht so mit Digital. Und immerhin war es Suzuki, die bei der erste Version der VorgĂ€ngerin ein Abflussloch vergessen hatten, so dass bei Regen die ZĂŒndkerze unter Wasser stand und die Kiste ausging. Schnell trinke ich meinen Espresso doppio aus und gehe zum Motorrad.
Die Sorge war unbegrĂŒndet, ein Antippen des Startknopfes reicht, und der Anlasser lĂ€uft exakt so lange, bis der Motor angesprungen ist – und das ist quasi augenblicklich. Sie hat die Sintflut in der Nacht also ĂŒberstanden. Gutes Motorrad.
Zum GlĂŒck regnet es jetzt nicht mehr. TatsĂ€chlich scheint sogar die Sonne, aber es hĂ€ngen noch Wolken in den Bergen auf der anderen Seite des Tals.
“Strada Statale 12 ist gesperrt. Wechsel zu neuer Route”, meldet sich Anna im Helm. “Ok, dann los”, sage ich und steuere das Motorrad auf die StraĂe hinaus.
Die neue Route fĂŒhrt zunĂ€chst nach Sterzing hinein, dann den gleichen Weg, wie wir gestern auch zum Hotel gefahren sind. Allerdings biegen wir nicht ins Dorf hinab, sondern folgen der schmalen StraĂe immer weiter und immer höher hinauf in die Berge. In einem WaldstĂŒck treffe ich auf die Wolken, die ich gerade noch vom Tal aus bewundert habe, und die hier wie dichter Nebel ĂŒber der StraĂe hĂ€ngen. Es wird kalt und klamm und dunkel, als ich hineinfahre, aber zum GlĂŒck hĂ€lt das nicht lang. Schon nach wenigen Minuten komme ich auf der anderen Seite der Wolke heraus und fahre in der Sonne weiter.
Von oben kann ich nun auf die Wolken hinabblicken.
Die schmale StraĂe windet sich jetzt in abenteuerlichen Kurven an der Wand eines steilen Einschnitts entlang, und ich stelle fest, das ich wie eine Karre Mist fahre. Ein um andere Mal muss ich stark in die Bremsen gehen, weil ich mich in der Geschwindigkeit verschĂ€tze oder nicht genug SchrĂ€glage drauf habe und so weit nach links rĂŒber gerate, dass ich im Gegenverkehr hĂ€ngen wĂŒrde. Und den gibt es durchaus hier oben, mehrfach kommen mir Autos entgegen.
“Konzentrier Dich”, schelte ich mich selber und rufe mir die diversen Fahrtrainings ins GedĂ€chtnis. Nicht trĂ€umen oder Landschaft angucken, sondern auf die StraĂe konzentrieren. Kopf drehen. In die Kurve schauen. Paradoxen Lenkimpuls einsetzen. Auf AbstĂ€nde achten.
Es macht KLICK, und plötzlich geht das Kurvenfahren wesentlich einfacher und ich stelle fest, dass die 800er spielend einfach durch die Kurven zu bewegen ist. Das die Kiste mit der ganzen Zusatzausstattung und GepÀck gerade rund 260 Kilo auf die Waage bringt, ist nicht zu merken.
Mach einer halben Stunde komme ich auf dem Penser Joch an, halte und nutze den Augenblick fĂŒr einen Blick aus 2.211 Metern Höhe hinab ins Tal. Sehen tut man nur zu einer Seite etwas, die SĂŒdseite versteckt sich in Wolken.
Ich fahre weiter, hinab in ein kleines Tal, das nach einer Stunde vor den Toren von Bozen endet. Ich bin parallel zum Brennertal gefahren und um Franzensfeste und Brixen herumgesteuert.
Ab hier kenne ich die StraĂe auch wieder. Durch Trient und Rovererto geht es vorbei an endlosen Apfel- und Weinfeldern, bei denen ich mich immer Frage, wie hoch die mit Schadstoffen belastet sind, so unmittelbar neben der Brennerautobahn.
Der Gardasee bleibt zurĂŒck und mit ihm die letzten AuslĂ€ufer der Alpen, dann geht es in die Po-Ebene. Wie immer ist es hier Strunzlangweilig. Plattes Land, alle 800 Meter ein Kreisel, es ist zum verrĂŒckt werden doof. Und es ist heiĂ. Genervt mache ich in einem Dorf Pause und trinke erstmal was. Ich kann die Augen kaum von der neuen V-Strom abwenden.
Das mit der langweiligen Landschaft wird erst besser, als ich hinter der Stadt Reggio Emilia in die AuslĂ€ufer des Appennin komme, der hier Appennino Tosco-Emiliano heiĂt, weil er in der Region Romagna Emiliana und der Toskana liegt.
Ăber einen Bergkamm geht es superenge Kehren hinauf, die eine irre Steigung aufweisen – es ist, als wĂŒrde man mit dem Motorrad eine Wendeltreppe hinauffahren. Aber mittlerweile habe ich mein Karre-Mist-Fahren abgelegt, mir fehlte lediglich wieder ein Bisschen Ăbung und heute Morgen die Konzentration. Jetzt bewege ich die Suzuki durch die absurden Kehren, als wĂŒrde ich das jeden Tag machen.
Vom Bergkamm aus kann ich ĂŒber die Landschaft sehen. Mein Gott, ich liebe das hier. Alles nicht spektakulĂ€r, aber wunderschön.
Kraftvoll zieht die V-Strom den Berg hinauf. Das der Motor ordentlich zu tun hat und die AuĂentemperatur mittlerweile auf ĂŒber 30 Grad gestiegen ist, macht sich erst bemerkbar, als ich das Motorrad an einem Ortsschild stoppe, um ein Foto zu machen. Der LĂŒfter springt an, und die V-Strom pustet heiĂe Luft aus allen Verkleidungsöffnungen.
Das hier ist wirklich DAS Canossa, mit dem legendĂ€ren Gang. Auf die Burgruinen zu steigen, dazu habe ich heute aber keine Energie und auch nicht die richtigen Klamotten an – in den schweren Stiefeln steige ich nicht den steilen Burgberg hinauf.
Stattdessen wende ich und fahre weiter in die Berge hinein, und nach einiger Zeit sehe ich einen riesigen Tafelfelsen, der sich wie ein Fremdkörper aus der Landschaft erhebt. Das ist der Pietra di Bismantova – jetzt ist es nicht mehr weit! Ich bin ein wenig aufgeregt.
Das Tal, durch das ich jetzt fahre, ist die Terre de Matilde – eine Erinnerung an Matilde von Canossa, die vor 1.000 Jahren ĂŒber Toskana und Lombardei herrschte und heftig im Streit der PĂ€pste mitmischte. AuĂerhalb Italiens kennt sie kaum jemand, in Italien wird sie seit den 90ern als Powerfrau gefeiert und von der Geschichtswissenschaft eingehend beforscht.
Nach rund einer Stunde komme ich in einem, Leserinnen dieses Blogs bekannten, winzigen Bergdorf an und halte kurz am StraĂenrand, um mich ein wenig frisch zu machen. Kaum habe ich den Deckel des Topcase geöffnet und eine der Wasserflaschen aus der Halterung gezogen, hĂ€lt schon eine Gruppe Motorradfahrer neben mir.
“Hai bisogna di aiuto?” fragt der erste.
“Nein, ich brauche keine Hilfe, danke”, sage ich.Â
“Aiutarti?”, fragt da schon der nĂ€chste.
“Nein!”, sage ich etwas lauter, da ruft einer von weiter hinten “Was fĂŒr Hilfe braucht er denn?”.
“Ich brauche GAR KEINE HILFE, vielen Dank! Zischt ab! Fahrt weiter! Vai! Vai!”, rufe ich und lache. Meine GĂŒte. Was sind die hilfsbereit hier.
Wenige Minuten spĂ€ter steuert die V-Strom in eine Einfahrt, die versteckt in einer Hecke liegt. Das Motorrad rollt einen kleinen Berg hinab, bevor ich sie neben einer BlockhĂŒtte wende und abstelle.
Die BlockhĂŒtte ist meine Unterkunft heute. Eine Fisch-HĂŒtte. Der Name ist Programm, denn hier werden seltene Fischarten gezĂŒchtet. Mitten in den Bergen, auf 1.000 Metern Höhe.
Ich steige aus dem Sattel und stelle den Helm auf ein kleines Tischchen neben der TĂŒr, hinter der mein Zimmer liegt. Ah, der SchlĂŒssel steckt schon. Ich nehme ihn an mich und betrachte den SchlĂŒsselanhĂ€nger. Der ist neu. Ein handgeschnitzter Fisch, auf den jemand mit Edding die Ziffer “3” gemalt hat.
Dann wandere ich an Zuchtbecken mit Babyfischen und Strömungsbecken mit Flusssimulationen und an einem kĂŒnstlichen Weiher mit groĂen Fischen vorbei und einen Anstieg hinauf bis zu zwei kleinen HolzhĂŒtten.
Eine der HĂŒtten ist zu einer Seite offen und bietet mehreren Tischen und einem kleinen LĂ€dchen Platz, in der anderen ist eine Bar untergebracht, vor deren AuĂentresen Leute stehen und sich etwas zu Essen und zu Trinken holen. Die Bar ist gut besucht heute.
â!!!â, höre ich meinen Vornamen, und im nĂ€chsten Moment stĂŒrmt eine, Ă€h, rothaarige (?!) Frau hinter dem Tresen hervor und aus der TĂŒr der Bar. Vor mir steht Giulietta, und sie strahlt.
Damit meine ich nicht nur das Strahlen ihrer grau-blauen Augen oder dieses LĂ€cheln, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Nein, sie strahlt auch von Innen heraus, wie es nur ganz wenige Menschen tun, die wahre Schönheit in sich tragen. Dieses Strahlen wirkt sich um alles um sie herum aus. In Giuliettas Gegenwart wird alles besser, um sie herum alles heller, Menschen werden durch ihre bloĂe Anwesenheit freundlicher. Alles schon erlebt.
Vor mir steht die schönste Frau, die ich in Italien kenne. Sie sieht ein wenig aus wie Gillian Anderson, mit den roten Haaren sogar noch mehr. Und sie redet sehr schnell und ĂŒberschĂŒttet mich gleich mit einem Satz Schnellfeueritalienisch. Ich verstehe “Du bist in Italien… Dein Zimmer, die zwei…!”, sagt sie, strahlt mich an und hĂ€lt die offenen Arme ausgestreckt.
Ich bin erstmal völlig irritiert, dass Giulietta mit so etwas Technischem anfĂ€ngt, und abgesehen davon: “Mein Zimmer ist die drei”, sage ich.
“Was?”, sagt Giulie und fĂŒgt etwas hinzu, das ich wieder nicht verstehe.
“Was?”, sage ich. Dann halte ich etwas hilflos den Holzfisch mit der “3” hoch.
“Ja genau”, sagt sie.
“Was?” sage ich schwach. Ich verstehe gar nichts mehr.
“Ja genau”, sagt Giulie und versucht es laaaaangsamer und mit einfacheren Worten. “Ich saaaagte: Bentornati a casa! Questa Ăš la tua casa quando sei in Italia. Nella stanza numero tre “, sie deutet auf den Fisch, “e nel cuore della gente qui!” sie deutet erst auf sich, dann macht sie eine ausladende Geste, die alle um sie herum umfasst. Jetzt habe ich es verstanden. Willkommen zurĂŒck Zuhause! Das hier ist Dein Zuhause, wenn Du in Italien bist. In Zimmer drei und in den Herzen der Menschen hier.
Ach man. Ich bin am Dialekt gescheitert. Hier spricht man das “T” manchmal wie “D” und verschleift die Wortenden, und so habe ich “due” (zwei) statt “tua” (Dein) verstanden.
Da werde ich so lieb begrĂŒĂt und stelle mich so dumm an, dass ich nichts verstehe. Was fĂŒr ein doofer Start.
Mein Herz ist voller Dinge die ich gerne erwidern wĂŒrden, aber jetzt blockiert irgend etwas so richtig und ich bekomme keinen zusammenhĂ€ngenden Satz mehr auf die Reihe.
Toller Start, so mit MissverstÀndnissen und Wortfindungsstörungen.
Wie der letzte Idiot. Plötzlich scheinen alle um mich herum mich anzustarren.
Da schaltet sich mein innerer Beobachter ein: Ey, dein Hirn ist mĂŒde und einfach noch nicht auf italienisch eingestellt, aber die FĂ€higkeit zur Fehleranalyse und Selbstzerfleischung hat es anscheinend noch. Hör auf damit! Nobody here gives a shit, niemand starrt dich an. Jetzt reiss Dich zusammen!Â
Giulietta legt den Kopf den Kopf schief. “Wolltest Du nicht dein italienisch verbessern? Davon merke ich aber nichts”, sagt sie mit ernster Miene und schaut enttĂ€uscht. Dann sieht sie mein leicht verzweifeltes Gesicht und schĂŒttet sich urplötzlich aus vor Lachen. Das löst die Anspannung.
“Komm her Du”, sage ich und ziehe sie in meine Arme, “Mi sei mancato. E sono felice di essere tornato”. Ich habe Dich vermisst. Und ich bin glĂŒcklich, wieder hier zu sein.
“AnchÂŽio”, sagt sie, sieht mich an und fragt “Du bleibst vier volle Tage?”.
Ich nicke.
“FĂŒnf NĂ€chte?”.
“Du hast doch gesagt, ich soll das nĂ€chste Mal lĂ€nger bleiben”.
Sie lĂ€chelt. “Ich bin es nicht gewohnt, das ein Mann auf mich hö-”
“Wie bist Du denn durch den Hagelschlag gekommen??” ruft eine vertraute Stimme. Giulietta löst sich von mir, lacht und ruft “Und hier ist noch jemand, der sich freut Dich zu sehen!”
Giuliettas Mama kommt aus der KĂŒche der kleinen Bar gewackelt umarmt mich und verteilt KĂŒĂchen “Caro! Ă bello rivederti!”, ruft sie, “Genau zur Saison fĂŒr Fischburger. Und Du kannst neue Sorten Eis probieren! Und eine Torta mit CaffĂ©, und…”. “Mama, er wird sich schon melden, wenn er Hunger hat!”, fĂ€llt Giulie ihr ins Wort. Dann dreht sich dann wieder zu mir und fragt “Oder hast Du schon Hunger?” Ich schĂŒttele den Kopf. “Dann gehÂŽ erstmal unter die Dusche, Du siehst aus, als könntest du die brauchen.”
Sie hat recht, ich bin staubig und verschwitzt. Aber vor der Dusche habe ich noch etwas vor. Es ist erst kurz vor vier, der Tag ist noch lang. Ich klippe die Koffer vom Motorrad und fahre einige Kilometer zurĂŒck in die Berge. Dann lasse ich die V-Strom an der StraĂe stehen und stapfe einen steilen Berg hinauf.
Eine halbe Stunde schnaufe ich den Anstieg hinauf, fĂŒr den ich mit den Stiefeln und der schweren Jacke bei der Hitze nicht wirklich geeignet gekleidet bin. Dann sehe ich einen Wegweiser und weiĂ, das ich richtig bin.
Und dann sehe ich sie: Die Panchina Gigante, die Big Bench.
Sieht auf wie eine normale Parkbank, nur das diese hier doppelt so groĂ ist. Erwachsene sehen darauf aus wie Kinder. Ein Kunst- und Communityprojekt.

Die Dinger stehen ĂŒberall in Europa rum, besonders viele aber hier in Italien. Das hier ist Big Bench #297. “How to become children again by rediscovering the landscape” ist die Idee dahinter, und es funktioniert: Ganz klein komme ich mir vor, als ich ĂŒber die Berge schaue.
Zwischendurch checke ich mal das Handy und sehe, was die Unwetter gestern Nacht in der Region angerichtet haben, durch die ich wenige Stunden zuvor gefahren bin.
Auch den Hagelschlag entdecke ich, den Giulies Mama erwĂ€hnt hat. Um Mailand herum sind faustgroĂe Eiskugeln aus dem Himmel gefallen.
Extremwetter, ĂŒberall. FĂŒr Regen habe ich meist einen Plan B, aber ich weiĂ bis jetzt nicht, was ich mache, wenn ich mal in so einen Eisbrockenregen hinein gerate. Schaudernd stecke ich das Handy weg, rutsche von den groĂen Parkbank, steige den Berg hinab und gehe zurĂŒck zum Motorrad.
SpĂ€ter, nach einer Rasur und einer langen Dusche, sitze ich in dem kleinen Restaurant der Fischfarm, das lediglich eine halboffene HolzhĂŒtte ist. Die gegenĂŒberliegenden Berge werden in rotes Abendlicht getaucht, wĂ€hrend auf dieser Seite des Tals bereits alles in Schatten versinkt und die AuĂenbeleuchtung angeht.
Giulie bringt einen Fischburger vorbei, handgemacht von ihrer Mama, stellt ein Ichnusa dazu, lĂ€chelt und sagt “A dopo”, bis spĂ€ter, und meint das auch so.
Es fĂŒhlt sich wirklich an wie nach Hause kommen.
Tour des Tages: Von Sterzing ĂŒber Canossa bis in den Apennino Tosco-Emiliano, rund 387 Kilometer.
Am nÀchsten Samstag: Die Wuschelköpfige





















































34Â Gedanken zu âReisetagebuch: Kein Reisetagebuchâ
Schöne Story. Und wie bist Du mit der neuen V-Strom zufrieden? Hört sich bis jetzt gut an.
Gruss
Lupo
Die ist alles, was ich mir von ihr erhofft hab, allerdings hat sie einige nervige Eigenarten. Unter anderem wird der Euro5-Motor rechts unangenehm heiĂ, die Fedeeung muss man mögen und das windschild ist eine Frechheit. Ansonsten: eine wĂŒrdige Nachfolgerin!
Federung und Windschild kann man bei allen MotorrĂ€dern seinen BedĂŒrfnissen anpassen (und sollte es auch) đ
Wasser aus allen Richtungen, das gehört doch immer zu einer Reise. Auch wenn es vielleicht keine neuen Orten sind, es ist ein anderer Zeitpunkt und somit gibt es neue EindrĂŒcke. Aus meiner Sicht ist es ebenso eine Reise. đ
Mein Zumo ist auch fast so alt, zwar der das ‘kleinere’ Modell, ohne die fancy Funktionen, aber ich will auch kein Neueres.
Ich kann es nicht richtig erkennen, wie Du es da an der LenkerbrĂŒcke befestigt hast, ist das einfach eine Schelle?
Mich wĂŒrde es da ja stören und hĂ€tte eher die Querstrebe ĂŒber dem Tacho genommen, aber ich suche noch nach einer einfachen Lösung fĂŒr meine Microblade.
Moin Max,
Silencers Antwort noch ausstehend: An meiner Guzzi habe ich einfach eine RAM Mount Halterung genommen, die beim Zumo dabei war. Klein, passend und schnell Ànderbar. Google mal danach.
Ăbrigens siehst Du hier an diesen beiden Bildern vom Silencer die Anbringung recht gut: https://silencer137.com/wp-content/uploads/2024/08/IMG_6511.jpg und https://silencer137.com/wp-content/uploads/2024/07/IMG_6592.jpg
Gruss
Lupo
Ja, so ne RAM Mount Murmel hab ich ja dran, aktuell mit Adapter an der Spiegelaufnahme am Bremshebel, weil der frei ist. Schön finde ich das nicht und mit den Stummellenkern fehlt in der Mitte halt Montageraum.
Unter der Scheibe ist auch kein Platz, wie bei meiner Africa Twin. Ich hab mal was fĂŒr den Lenkkopf gesehen, aber da gibt es nix von der Stange fĂŒr mein Modell.
Zum GlĂŒck ist es auch nicht so wichtig, weil ich auf groĂe Reisen mit der AT gehe und die Kleine eher fĂŒr Tagestouren nutze.
Moin Max,
da ich auch mehrere MotorrĂ€der habe, suchte ich nach eine Möglichkeit fĂŒr die anderen Mopeds eines Navis und bin von einem Kollegen auf Beeline Moto gestossen. Das habe ich jetzt seit MĂ€rz letzten Jahres im Einsatz und bin sehr zufrieden. Man muss nur wissen, dass es ein reines AnzeigegerĂ€t ohne Karte und ohne Sprachbefehle ist. Die nutze ich sowieso nicht, weil ich kein COM-System im Helm habe. Vielleicht ist das eine Alternative. Distributor in D ist Tante Louise in HH.
Gruss
Lupo
Nee, nee ich hab ja bewusst ein dediziertes autarkes Navi.
Aber danke, ich kenne das Mini-Display, da kann ich auch meine Sportuhr nehmen. đ
Beeline ist auch autark und lĂ€uft offline. Einnmal am Anfang benötigst Du Internet zum Erstellen der Route und dann stellst Du es auf Flugmodus. Es wird nur der GPS-EmpfĂ€nger des Smartphones genutzt, wie beim Zumo – Internet ist dann nicht mehr notwendig.
Wenn es das GPS des Smartphone nutzt, ist es eben nicht autark. Das Beeline ist einfach nur ein zweites Display fĂŒr die App.
Das Zumo braucht kein Smartphone, da ist ja alles im GerÀt.
Ja, das ist richtig.
Unter autark verstehe ich keine Internetanbindung. Da haben wir aneinander vorbeigeredet.
Wasser aus allen Richtungen, da verzichte ich gerne drauf! đ
Ich habe tatsĂ€chlich eine Schraube der GabelbrĂŒcke durch eine RAM Mount Kugel ersetzt, Sowohl bei der Strom als auch bei der ZZR, die Stummel hat. Ich bediene das NavigationsgerĂ€t blind und wĂ€hrend der Fahrt, deswegen kam die Montage an. Dieser Quer strebe nicht infrage. Ich weiĂ, dass viele das mögen, weil sie dann den Bildschirm im Sichtfeld haben, aber da muss man fĂŒr jeden Knopfdruck anhalten. Also ich zumindest, weil, wie Bernd das Brot so schön sagte: ich habe viel zu kurze Arme. đ
Moin Silencer,
mal ne blöde Frage: Wie bekommst Du das Wetterradar auf Zumo? Hast Du das Abo mit Garmin abgeschlossen, das bei den Wetterinformationen angeboten wird?
Gruss
Lupo
Anna quatscht gerne mit Siri, und bekommt von ihr Informationen zu Verkehr und Wetter. Daher kommt auch das Wetterradar.
Das geht einfach ĂŒber die Garmin App, ohne Abo
Musst Du mir mal zeigen. Ich bin mit diesem neumodischem Kram nicht so vertraut.
Ah, jetzt ja. Musste erstmal googeln, wer Siri ist: Apple. Da kann ich nicht mit dienen. Ich besitze kein Smartphone, sondern nutze noch ein Nokia 6310i aus 2002. Leider ist der Akku schon 2019 nach nur 17 Jahren kaputt gegangen. Habe mir jetzt von Reichelt einen neuen fĂŒr 8 EUR besorgt, alles wieder ok. Dienstlich habe ich ein Smartphone, privat aber nicht.
Nicht. Dein. Ernst.
Wie kommst du ohne Smartphone ĂŒber den Tag? Allein die ganzen zwei Faktor Authentifizierungen?
Wie geht das ohne Smartphone?
Hmm, ich habe keine Zwei-Faktor-Authentifizierungen ausserdienstlich. Nur bei meinen dienstlichen App’s existiert das. Privat habe ich keine Anwendung, die das fordert. Welche sollte das sein?
Das eigene NAS. Der eigene Server. Fremde Server. WordPress. Banking. Webmailer. Fluglinien. Onlineshopping. Lernplattformen. Und das ist nur das, was ich in meinem Zoo habe.
Das eigene NAS. => Habe ich nicht.
Der eigene Server. => Habe ich nicht.
Fremde Server. => Nutze ich nicht.
WordPress. => Nutze ich nicht.
Banking. => Nutze ich nicht online.
Webmailer. => Was ist das?
Fluglinien. => DafĂŒr habe ich ein ReisebĂŒro. Bessere Preis als das ReisebĂŒro habe ich noch nirgendwo bekommen, wenn ich mal verglichen habe.
Onlineshopping. => Nutze ich intensiv, aber dazu habe ich noch nie ein Smartphone benötigt.
Lernplattformen. => Keine Anwendung
đ und ob das eine Reise ist!!! Ich freue mich so sehr đđœâïžđđš
Das nenne ich mal eine ausgiebige Testfahrt! Ich hoffe, es stellt(e) sich Zufriedenheit ein.
Meit Tip: aus taktischen GrĂŒnden bloĂ nicht mit dem roten Bubbel da runter fahren! đ
Hm? Roter Bubbel? Auf der Wetterkarte oder wie?
Ich meinte das bereifte Erbeerkörbchen.
Aber nichts fĂŒr ungut, sollte ein Witz sein.
Jetzt steht ich gerade total auf dem Schlauch – was denn fĂŒr ein Erdbeerkörbchen?
Na Dein Toyota, Mensch! đ
Nicht, dass Giulie einen Lachkrampf kriegtâŠ
Argh. Ok. Da bin ich nun wirklich nicht drauf gekommen. Das bereifte Erdbeerkörbchen existiert ja nicht mehr. Totalschaden. đ
Oh je! Na Hauptsache, Dir ist nichts passiert.
Ich bin aufgrund der eigenen Sicherheit kein Freund von solchen “Minimallösungen”, zumal die “Maximallösungen” – auch im Stadtverkehr – immer mehr werden.
Naja, der Kleine hat mich sicher geschĂŒtzt UND ist hinterher noch brav gefahren, und das nachdem ihn der Ford Ranger mit mindestens 50 Sachen gerammt hat. Klein und sicher muss sich vielleicht nicht ausschlieĂen.
Ich bin auf jeden Fall gegen dieses WettrĂŒsten der Maximallösungen. “Ich kaufe mir ein groĂes Auto, um ĂŒber alle rĂŒbergucken zu können”. FĂŒnf Jahre spĂ€ter haben alle eine Kiste, fĂŒr die man eine Einstiegsleiter braucht. Und dann? NOCH gröĂeren Wagen anschaffen? Schwierig. Das ist ĂŒbrigens Spieltheorie: Jeder versucht seinen eigenen Zustand zu verbessern und verschlechtert damit die UmstĂ€nde fĂŒr alle. Passt auf Rollkoffer wie auf SUVs.
Deshalb plĂ€diere ich auch fĂŒr “Normallösung”.
Schon was Neues augeguckt?
Jupp. Ausgeguckt und spontan gekauft đ
Interessant. Wird wohl ein neuer Blogartikel?
Mal gucken ob er ĂŒberlebt bis der Blogeintrag fertig ist :-/