Das Sterben der Motorradwerkstätten

Das Sterben der Motorradwerkstätten

Ich bin traurig.

Der geniale Suzukihändler, der es geschafft hat mir vor allen anderen eine V-Strom 800 zu besorgen, schließt. Nicht, weil sich der Laden nicht mehr lohnt – er verkauft immer noch ganz okay Neufahrzeuge, richtiger Umsatzbringer ist aber die Werkstatt. Die ist wirklich gut, nicht umsonst lässt die Polizeistaffel vor Ort ihre BMWs dort warten.

Nein, der Laden schließt, weil es keine Nachfolge gibt. Der Händler selbst ist 72 und so langsam bereit für den Ruhestand, und trotz jahrelanger Such möchte niemand den schmucken Laden und die super Werkstatt übernehmen. Das ist wirklich, wirklich schade, denn hier hatte ich vom ersten Moment das Gefühl, dass die Leute mit Leib und Seele und vor allem mit Herz bei der Sache waren. Hier wollte man nicht auf Teufel komm´ raus etwas verkaufen, und als ich bei der Ausrüstung der V-Strom mal Unfug als Vorstellung hatte, wurde mir das auch direkt so gesagt.

Aber nun, nützt ja nichts – der Werkstattmeister, ein junger Mann in den Zwanzigern, will den Laden nicht übernehmen und hat sich wegbeworben, und damit ist Ende des Jahres Feierabend.

Das Sterben der kleinen Motorradhändler und -werkstätten ist sicher zum Teil ein hausgemachtes Problem. Viele haben über lange Jahre nicht ausgebildet und hatten deshalb auch gar keine Möglichkeit, Nachwuchs zielgerichtet als Nachfolger aufzubauen.

Gleichzeitig wird die Ausdünnung des Händlernetzes aber auch von den Herstellern vorangetrieben. Die Vorgaben, wie ein Showroom auszusehen hat – also Größe, Farbgebung, Beleuchtung, Ausstattung – sind mittlerweile selbst bei den Japanern extrem. Hält man sich z.B. bei Kawasaki nicht daran, bekommt man schlechte Konditionen und entweder spät oder gar nie Maschinen, im schlimmsten Fall droht sogar Verlust der Händlerkonzession.

Im Schlimmsten Fall ist das Einhalten der Herstellervorgaben mit hohen Investitionen, bis hin zum Neubau eines Gebäudes, verbunden. Das können und wollen sich nicht alle leisten.

Andere Hersteller entziehen gezielt ihren Händlern die Zulassung oder drängen sie zur Aufgabe – Ducati scheint darin gerade ganz groß zu sein. Ob zugunsten ihrer Flagship-Stores oder um die Leute zu Online-Bestellungen zu pushen, weiß ich nicht. Ich weiß nur: Das ist Kurzsichtig. Flagshipstore hin oder her, wenn bei der Übergabe das Seidentuch von der neuen Maschine gezogen wurde und der Sekt getrunken ist, wünscht man sich doch eine Werkstatt, die nicht eine Tagesreise weit weg ist.

Für meine V-Strom bin ich jetzt immer eine Stunde und bis hinter Kassel gefahren, wo der Suzukimann saß. Jetzt, wo er aufgibt, muss ich noch weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen.

In Göttingen (immerhin 125.000 Einwohner) gibt es schon lange nur noch eine einzige Werkstatt, und die nimmt mittlerweile keine Neukunden mehr an und macht keine neuen Suzukis.

Aber so ändern sich die Zeiten. Der Suzukihändler erzählte, wie er als Mittzwanziger, also in den 80ern, von den Herstellern umworben wurde, die ein möglichst dichtes Vertriebs- und Werkstattnetz wollten. Als er sich dann für Suzuki entschieden hatte, wurde er weiter hofiert – große Events und Partys von Suzuki für seine Händler fanden alle halbe Jahr statt, und alle paar Jahre wurden alle zum Firmensitz eingeladen, nach Japan geflogen und durften dort in Luxushotels übernachten, wenn sie nicht gerade in Bentleys durch die Gegend gefahren wurden. Kein Witz, er hat mir vergilbte Fotos davon gezeigt.

Aber genau diese Händler, die in den 80ern angefangen haben und damit zur Boomer-Generation gehören, brechen nun weg und werden nicht ersetzt bzw. die Nachfolge völlig unattraktiv gemacht.

Ein dichtes Händler- und Werkstattnetz, das galt damals als Schlüssel zum Erfolg. Hat sich diese Weisheit tatsächlich binnen weniger Jahrzehnte überholt? Oder ist das Herstellergewollte Händlersterben doch nur eine kurzsichtige Strategie von Konzern-BWLern und Marketingpfeifen ohne Ahnung von der Praxis, und in wenigen Jahren fällt ihnen das auf die Füße?

Ich bin gespannt. Aber vor allem bin ich: Traurig.

21 Gedanken zu „Das Sterben der Motorradwerkstätten

  1. Das ist natürlich bedauerlich, aber wenn ich mich richtig erinnere, hatte bei mir in der Nähe auch vor einiger Zeit ein großer Suzuki Händler geschlossen. Betrifft mich zwar nicht, aber generell werden es auch hier weniger Werkstätten.
    Für mich, Verwandte und Bekannte heißt es, soviel wie geht selbst machen und die weiten Wege gut planen.

  2. Gleiches kann ich in der Schweiz beobachten.
    Bei den meisten, die ich kenne, war das Problem die Händlerlizenz zu einer der grossen Hersteller. Die Vorgaben, wie ein Fahrzeug präsentiert werden sollte, konnten nur mit grossen finanziellen Mitteln erfüllt werden.
    Die meisten haben sich dazu entschieden, kein Vertreter mehr zu sein und sich auf das Werkstattgeschäft zu konzentrieren. Andere haben sich anderen Marken aus Italien oder China zugewandt. Diese sind aktuell wohl froh, überhaupt einen Vertreter zu haben, und in den Vorgaben zum Showroom bis jetzt nicht so festgelegt.

    Dabei wird natürlich versucht, den Service für die Bestandskunden so hoch wie möglich zu halten.

  3. Ja, ein Jammer. Ich denke, es sind mehrere Faktoren, die am Ende zum Sterben der kleineren Betriebe führen – trotz ausreichender Produktnachfrage, die man unschwer bei nahezu jeder Terminvereinbarung bei Handwerkern und anderen Dienstleistern erkennen kann.
    Ein Faktor ist mit Sicherheit die grassierende Unlust der jungen Generation, sich zumindest anfangs mit überdurchschnittlichem Zeitaufwand und dem unvermeidlichen Risiko des Abenteuers Selbstständigkeit in selbige zu wagen. Ich habe gleich mehrere, eigentlich recht qualifizierte Mittzwanziger bis Mittdreißiger im Verwandten- und Bekanntenkreis, die so etwas sicher starten könnten. Wenn sie denn wollten. Stattdessen arbeiten sie angestellt und mit Absicht und trotz Drängen ihrer Arbeitgeber auf Grund der allgemeinen Auftragslage zur Vollzeit nur ‚dreiviertel’, also 30 Stunden Woche, weil sich sonst ihre Work-Life-Balance nicht ausgeht. Geld ist denen nicht so wichtig. Mir kommt das eher schon wie eine Life-Life-Balance vor.

    Ein weiterer Punkt ist der enorme bürokratische Aufwand, den man als kleiner Unternehmer inzwischen betreiben muss, um allen gesetzlichen Regelungen zu entsprechen. Wenn ich bedenke, wie viele Stunden ich allein schon mit meinem kleinen 1-Mann-Unternehmen an nicht umsatzrelevanten Vorgängen am Schreibtisch leisten muss, um nicht irgendwelche Bußgelder zu riskieren… Spaß macht das schon lange nicht mehr.

    In Hannover gibt es eine super BMW Mopped-Werkstatt, die vor wenigen Jahren ein wagemutiger junger Meister übernommen hat. Der Vorbesitzer arbeitet noch weiter mit. Ergebnis: Tolle Kommunikation und ein perfekter Service. Kannste auch mal mit kleinen Problemen kommen und wirst ernst genommen, obwohl der Hof immer voll steht. Neufahrzeuge gibt es dort aber nicht. Ich denke, aus den von Silencer o.g. Punkten.

    1. Ja, es ist richtig, Nachwuchssorgen gibt es auch durch fehlende Leistungsbereitschaft. Ich kenne eine Werkstatt in der ein neuer, junger Meister das ganze übernehmen und selbst ausbilden will – und nun den zweiten Azubi hat, der sich nach wenigen Wochen wegen Burnout krank gemeldet hat.

      Aber das ist nur ein Faktor – der Vorgängermeister in der Werkstatt hat nicht ausgebildet und sich dann gewundert, als er plötzlich allein da stand.

  4. _Das Sterben der kleinen Motorradhändler und -werkstätten ist sicher zum Teil ein hausgemachtes Problem. Viele haben über lange Jahre nicht ausgebildet und hatten deshalb auch gar keine Möglichkeit, Nachwuchs zielgerichtet als Nachfolger aufzubauen._

    Na, das kann ich nicht bestätigen. Ich kenne eine Reihe von Geschäften/Unternehmen, die keinen Nachfolger gefunden und deswegen zugemacht haben. Meine Erfahrungen gleichen denen von Jay. Im Motorradbereich fällt mir spontan die Fa. Bergmann-Schuhe ein, die die bekannten Kaimann-Stiefel produziert haben. Geschlossen aufgrund fehlenden Nachfolgers.

    Als Youtuber verdient man halt auch….man muss nur genug follower haben oder genug Schwachsinnsvideos einstellen. Youtube ist voll davon.

    In meinem Bekanntenkreis ist ebenfalls ein junger Mann, der sich von der Selbständigkeit zurück in das Angestelltenverhältnis begeben hat, aus den gleichen Gründen, die Jay nannte. Zuviel Bürokratie bei einer Ich-AG und da bleibt keine Zeit für Familie. Er ist total happy und bedauert den Schritt keinen Moment.

    @Jay: Kannst Du mal die Kontaktdaten der Firma in Hannover nennen?

    Gruss
    Lupo

  5. Das mit dem Händlerproblem habe ich bisher noch nicht so gesehen. Mir reicht eine gute freie Werkstatt in der Nähe. Bei einem Neukauf würde ich die Fahrstunde nach Stuttgart nehmen, wo viele Händler (Limbächler) unter einem Dach sind.
    Geiz ist da auch geil und gekauft wird meist, der die bessere Option bietet.

    1. Auch die Freien Werkstätten werden weniger.
      Und Multibrandhändler sind auch ein Risiko – geht der Laden über Kopf (und das gab es ja auch schon) – ist für eine ganze Region Flaute.

      Geiz ist geil ist auch riskant, wenn du danach Service brauchst. Und sei es nur ganz normale Inspektion. Und ja, Garantiearbeiten müssen gemacht werden – aber je nach Werkstattauslastung wartest du auch mal Monate auf einen Termin, während der lokale Käufer kurzfristiger zwischengeschoben wird. Als Sparfuchs stehst du bei einigen etablierten Händlern am Ende der Schlange … 😉

    1. Danke Jay, habe ich mir gerade angesehen und notiert. Ich mach an meinen Mopeds alles selber, bis auf Arbeiten, wo ich der Meinung bin, das sollte ein Fachbetrieb machen. Es git Arbeiten, das fehtl mir das Werkzeug oder Fachkenntnis im Detail. Ich habe früher in eiiner freien BMW-Werkstatt gejobbt und weiss daher, was ich selbst machen kann und wo ich zur Werkstatt muss.

      Meine aktuelle BMW-Werkstatt ist bei meinen Oldtimern Heinz Bals in Päpinghausen bei Minden/Westphalen. Einfach mal reinschauen:

      http://www.hbs-bmw.de/

      Seine einfache Webseite steht im Gegensatz zu seinen Kenntnissen, die sind top. Winni Scheibe hat mal einen guten Artikel über ihn geschrieben.

      http://www.winni-scheibe.com/ta_haendlerportraits/bmw/bals.htm

      und

      http://www.winni-scheibe.com/ta_haendlerportraits/spenzialisten/sid_einspeichen.htm

      1. Danke für die Links. Und gleich etwas gelernt: Bei Schlauchreifen gilt “Die Kontermutter sichert das Ventilkäppchen.” Aha. Einer meiner beiden Speichenmoppeds fährt mit Schlauchreifen (leichte Enduro), die Kontermuttern sind aber von jeher werkstattseitig (Kawa) gegen die Felge geschraubt. Also anscheinend falsch. Wobei bei etwas über 20 PS die Gefahr des Reifenverdrehens eher gering sein dürfte 😉

  6. Das war schon immer so. Continental hatte das früher auch auf seinen “Wissen”-Seiten, nun konnte ich es nicht mehr finden. Dort stand auch, dass selbst Fachbetriebe das seit jeher falsch machen.

    Hier ist die Nachfolgeseite, wo jedoch ein alter Ventiltyp mit zwei Muttern gezeigt wird, was es schon lange nicht mehr gibt, siehe unter “Schläuche”, letzter Spiegelstrich:
    https://www.continental-reifen.de/tire-knowledge/how-to-combine-tubeless-and-tube-type-motorcycle-tires-with-rims/

    Die Leistung ist nicht nur entscheidend für das Reifenverdrehen, sondern der Luftdruck. Wenn er zu niedrig ist, kann der Reifen mit Schlauch rutschen. Was ebenfalls unterschätzt wird und das ist die Hauptursache, ist der Bremsvorgang. Also, die Leistung ist nicht ausschlaggebend für einen Ventilabriss.

    Ich bin in der Fliegerei seit vielen Jahren und gehöre da zum technischen Personal. Flugzeugreifen mit Schlauch müssen immer mit einer Rutschmarkierung versehen sein, weil die Ventile dort anders angebracht sind, als beim Normalfahrzeug. Ist die Rutschmarkierung nicht vorhanden, ist das ein technischer Mangel. das gilt sowohl für Segelflugzeuge, als auch für Airliner.

    Und ja, ich habe einen Ventilabriss an einem Segelflugzeugreifen schon gesehen. Es war viel zu wenig Luftdruck drauf….

  7. Stimmt. Hätte ich auch drauf kommen können. Die beim Bremsen auftretende (negative) Beschleunigung kann – unabhängig der Motorleistung – enorm sein, je nach Haftvermögen des Pneus auf dem Untergrund. Bei der Enduro steht der Hinterreifen schon des öfteren still, obwohl sich das Fahrzeug noch vorwärts bewegt… 🙂
    Reifenverdrehen bemerkt habe ich bislang nur beim Mountainbike. Und da wird vermutlich nicht meine Wadenpower ausschlaggebend gewesen sein, sondern ebenfalls das Bremsen – in Kombination mit ähnlich der Enduro dem Einsatzgebiet angepasstem niedrigem Reifenfülldruck.

    Die extremen Kräfte bei der Fliegerei bzw. ja eher Landerei ist nachvollziehbar. Schon das im Moment des Aufsetzens ein stehender Reifen beim Bodenkontakt schlagartig auf die Landegeschwindigkeit hochbeschleunigt wird… Bei größeren Flugzeugen sind das vermutlich noch über 200 km/h. Ich stelle mir gerade eine Vollbremsung nur des Hinterreifens bei meiner Doppel-X bei über 200 vor…

    Der Begriff Rutschmarkierung wäre vermutlich was für ne TV-Quizsendung.

  8. Auch “freie Werkstätten” haben u. U. eine Zeit (Winter?) wo wenig zu tun ist. So etwas weiß ich von “meiner”.
    Was ich da nicht verstehe, daß der Inhaber nicht eine Mail losschickt an registrierte Kunden um Werkstatt-Termine anzubieten.
    Das würde natürlich nur bei einem nicht dringenden Problem für bessere Auslastung sorgen.

  9. So ähnlich wie Ali schreibt, agiert tatsächlich ‘meine’ o.g. ‘freie’ BMW-Werktstatt. Da wird man schon mal direkt gefragt, ob allgemeine – nicht drängende und zum augenblicklichen Betriebserhalt erforderliche – Arbeiten evtl. auch in der ruhigeren Jahreszeit durchgeführt werden könnten. Und gleichzeitig bieten sie einem an, das Mopped zu holen und nach erfolgter Arbeit auch wieder zu bringen (bei Schnee und Eis nicht die schlechteste Offerte). So schaffen sie sich sicher zumindest zum Teil eine Werkstattauslastung auch in der mauen Jahreszeit und man selbst muss sich nicht mit hunderten Mitbewerbern um die üblichen knappen Frühjahrstermine schlagen…

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