Reisetagebuch (1): Leere Batterien
Donnerstag, 29. Mai 2025, irgendwo in Südniedersachsen
Endlich ist es soweit! Ich kann hier raus! Ich kann ENDLICH weg! Ich muss mich um nichts kümmern als mich selbst!
Dem heutigen Tag habe ich entgegengeschmachtet! Voller Energie springe ich aus dem Bett, als um kurz nach fünf der Wecker klingelt.
Nicht, dass es den Wecker gebaucht hätte. Viel geschlafen habe ich nicht, und wenn ich doch mal weggedöst bin, habe ich geträumt, ich könne nicht einschlafen. Erholsam ist anders, aber erholsamen Schlaf hatte ich seit Wochen nicht mehr. Mein Körper ist permanent im Alarmmodus.
Egal.
Ich will hier raus.
Kurz einen Kaffee getrunken, dann die Sicherungen raus und die Wohnung abgeschlossen und dann ab zur Garage. Die ist in einen Berghang eingelassen, und hier wartet schon die Morrigan. Die nachtschwarze V-Strom 800 ist bereits voll bepackt. Links und rechts hängen die beiden großen, 45 Liter fassenden Givi Monokey Koffer und am Heck klemmt das passende Topcase.
Es hat gerade geregnet. Jetzt nicht mehr, aber es ist kühl – sieben Grad, sagt Anna, das Garmin Zumo, das in der Mitte des Lenkers sitzt und den Ton angibt. Ich überlege kurz, dann ziehe ich die Stormchaser-Regenjacke aus der Satteltasche, die auf den Sozia-Platz geschnallt ist. Die wird ein Auskühlen im Fahrtwind verhindern, mehr Schutz oder Isolation brauche ich dann nicht.
Garagentor zu, in den Sattel geklettert und schon rollt die V-Strom die Dorfstraße hinunter, biegt um die Ecke und verschwindet im Morgenlicht.
Es ist Christi Himmelfahrt, und um diese Zeit ist die Autobahn noch leer. Es geht auf der A7 Richtung Süden.
Wieder einmal.
Eigentlich hatte ich ja immer gesagt: Sobald ich eine neue V-Strom habe, geht es nach Norwegen und zum Nordkap. Nun ist die V-Strom 800 erst ein Jahr alt und gerade mal richtig eingefahren, aber die Wahrheit ist: Nach dem Japan-Abenteuer im vergangenen Herbst und einigen kommenden Unwägbarkeiten in naher Zukunft muss ich finanziell ein wenig aufpassen. Und Norwegen ist nunmal arschteuer. (Auch) deswegen geht es nach Süden.
Und der Sehnsucht wegen.
Die Rastplätze sind am Feiertag voller LKW, und die sind so dicht gestellt, dass ich selbst mit dem Moped kaum Platz für einen schnellen Stop zum Pinkeln finde. Ah, da kann ich kurz halten!
Als ich gerade wieder Aufsteigen will kommt ein Oppa auf mich zu, der offensichtlich Teil einer Seniorenbusreise ist, und nuschelt was. “Bitte?” sage ich laut und er wiederholt laut “IHR MÜSST JA UNBEDINGT SO PARKEN, JA?”
Was will er denn? Die Morrigan steht genau auf einer dreieckigen Restfläche, behindert niemanden und steht nicht falsch. Gerade hat neben ihr noch eine Ducati gehalten, die blockiert jetzt einen halben Autoparkplatz. “Was meinen Sie?”
“Na das ist ne Sauerei das ihr da so parkt”, sagt Oppa und fuchelt mit dem Zeigefinger.
Allerdings fuchtelt er an mit vorbei und zeigt auf die Reisegenossen der Ducati, eine Gruppe BMWs, die es schaffen mit drei GSen zwei Behindertenparkplätze direkt vor dem Toilettenhäusschen zu blockieren.
“Ich kenne die Affen nicht”, sage ich und hebe die V-Strom vom Seitenständer. Oppa nöhlt etwas. “ICH-KANN-SIE-NICHT-Hööö-REN, ich habe einen Gehörschutz drin!”, rufe ich ihm zu, als er von einer Omma untergehakt und weggezogen wird ruft er fröhlich etwas von wegen ja Hörgerät, das hätte er auch.
“WAS HAST DU GERADE GESAGT?” ruft in dem Moment der Ducatifahrer von der anderen Seite.
Er hat wohl meine Affen-Bemerkung über seine Freunde mitbekommen.
“DAS GS-FAHRER KEIN BENEHMEN UND KEINEN GESCHMACK HABEN!”, rufe ich zurück.
“ACH SO, JA, DAS STIMMT, sagt der Ducati-Mann und grinst.
Wir nicken uns zu und ich fahre vorsichtig zwischen den LKW durch und zurück zur Autobahn.
Längs durch Deutschland geht es. In Bayern amüsiere ich mich über die Namen der Orte, wie “Rottenberg an der Laaber”. In meinem Kopf taucht Grandpa Simpson auf und intoniert “Laaaaaber! Wie damals bei Maaaaatlock!”.
Bei Landhshut geht es von der Autobahn ab und dann über die Bundesstraße weiter Richtung Salzburg.
Bis 50 Kilometer vor dem Ziel bleibt das Wetter gut, dann fallen ein paar Tropfen.

Um 14:01 komme ich am Gasthaus “Simmerlwirt” an. Perfektes Timing, ab 14:00 Uhr kann man die Gästezimmer beziehen.
Die Gaststube ist noch gut gefüllt vom Mittagsgeschäft.
“No da hoits g´sehen das fei regnet und hast gedacht kommst mipp´m Motorradel, oda?”, fragt der Wirt.
“Eher andersrum. Regen mag mich”, sage ich.
“Er sogt er is´ a Regenmacher”, kichert der Wirt. Ich bin leicht irritiert, nicht nur, weil er im Gespräch bei der Anrede zwischen zweiter und dritter Person wechselt, sondern weil er sich immer abwechselnd mit mir und mit zwei Stammgästen unterhält, die an einem Tische neben der Rezeption ein Bier trinken und das Gespräch vom der Seitenlinie kommentieren. Wie Waldorf und Stadtler.
“Wo wuilst hi?”, fragt er.
“Süditalien”, sage ich. “Lecce?”, fragt er. “Nee, das ist Apulien. Ich will in das Molise und die Basilicata”.
“Kenn i net”, sagt er.
“Kennt niemand”, sage ich.
Ich bezahle, trage die Koffer auf´s Zimmer, falle vor Müdigkeit um und schlafe tatsächlich ein. Zwei Stunden später stehe ich frisch geduscht in der Gaststube. Es gibt Schweinebraten mit Semmelknödel und Krautsalat, dazu Kaiser Merzen Pils. Schweinebraten enthält Knorpel – iieh.
Freitag, 30. Mai 2025
Ich werde von einer Pushnotification auf dem iPhone geweckt. “Die Batterie ihres Schlüssels ist fast leer”. Na super, das passt ja. Zum Glück ist das nur der Airtag, den ich am Schlüsselbund hängen habe. Trotzdem doof.
Der Blick durchs´s Fenster lässt mich seufzen. Es regnet, und ich muss mich in Regenjacke und -Hose hineinwurschteln.
Durch einen aufdringlichen Nieselregen trage ich die Koffer zum Motorrad. Auf dem Parkplatz stehen auch auch einige französische GSen. Eine Sozia wirft Handtücher aus dem Hotelzimmerfenster zu einem der Fahrer hinunter, der das weiße Badetuch nutzt um seine Maschine abzuledern. Ich ziehe die Mundwinkel voller Abscheu nach unten und mein Mini-Microfaser-Handtuch aus dem Topcase, um die Spiegel und Instrumente der Morrigan von Wassertropfen zu befreien.
Dann steige ich in den Sattel und checke die heutige Route. Anna kontrolliert im Hintergrund den Reifendruck und kommt mit einer neuen Meldung um die Ecke. Warnung-Warnung-Warnung, die Batterien in beiden Reifendrucksensoren sind fast leer.
Alter, das GIBT es doch nicht! Da habe ich DAS ERSTE MAL nicht vor einer Fahrt alle Batterien in Trackern und Sensoren prophylaktisch ausgetauscht, weil ich mich als Übervorsichtig gescholten habe, und dann das!
Im Regen geht es los. Auf der Landstraße fahre ich einige Kilometer nach Süden, dann biege ich auf eine kleine Straße ab und in die Berge. Eine Bekannte wohnt einige Kilometer weiter und züchtet dort Steinschafe. Sie weiß nicht, dass ich in der Gegen bin, und für einen Besuch habe ich auch keine Zeit, aber ich kann ja mal gucken wo sie wohnt und vielleicht lerne ich sogar, wie ein Steinschaf aussieht!
In immer enger werdenden Kurven windet sich die Straße in die Berge hinauf. Okay, das hätte ich so nicht erwartet – auf Google Maps sah das flacher aus. Aber “Everything looks flat on Google Maps”, musste ich schon vor Jahren lernen.
Als Anna anzeigt, dass ich von der Straße einen schlecht asphaltierten Weg abbiegen soll, der Steil einen Hang hinaufführt, reicht es mir.
Ich habe spontan jede Lust verloren Steinschafe zu gucken. Nicht, wenn damit das Risiko einhergeht, dass Anna wieder eine ihrer berühmten Abkürzungen gefunden hat, bei der ich am Ende auf einem schlammigen Feldweg mit 20 Prozent Steigung stehe und nicht mehr wenden kann. Nee, das drehe ich lieber im nächsten Dorf und fahre wieder zurück.
“Wieder zurück fahren” wird dann prompt zum bestimmenden Thema des Tages. Anna kommt mit einer Route über Landesgrenzen, ohne Mautstraßen und ohne Vignette nicht zurecht, und so fahren wir prompt fast 30 Kilometer in die verkehrte Richtung, bis sie sagt “Auf dieser Route lässt sich eine Vignette für österreichische Autobahnen nicht vermeiden”. So nicht, Fräulein! Ich wende die V-Strom und fahre zurück.
Ein klein wenig kenne ich mich hier aus, und ich weiß, dass der Weg über den Tauernpass keine Vignette erfordert und mich in die richtige Richtung bringt.

Untertauern zieht vorbei, dann geht es durch Obertauern, und zusätzlich zum Regen wird es nebelig und immer kälter… 5 Grad zeigt das Thermometer am Motorrad an. Nach dem Tauernpass wird es zum Glück besser. Es wird wieder etwas wärmer, der Niederschlag hört auf und sogar die Straße trocknet ab.
Die Orte sind jetzt typisch österreichisch. Routiniert fahre ich durch einen nach dem anderen, bis mir plötzlich vor Schreck die Luft wegbleibt: In einem Kreisel rutscht der V-Strom unvermittelt das Hinterrad weg und bevor ich es merke, bekomme ich einen Schlag auf´s Bein und im nächsten Moment wirft mich das Motorrad fast aus dem Sattel, bevor ich es wieder unter Kontrolle habe und aus dem Kreisel steuere.
Das Ganze hat nur einen Sekundenbruchteil gedauert, aber ich glaube ich weiß, was passiert ist: Eine Bitumenfuge oder etwas ähnliches hat dazu geführt, dass das Hinterrad weggerutscht ist. Im Reflex habe ich wohl beim beim Wegrutschen den Fuß von der Raste genommen um das Motorrad abzufangen, was natürlich eine saudumme Idee war. Dann hat das Hinterrad wieder gegriffen und ist eingefedert, und beim Ausfedern hat es ein wenig gebockt – ein zarter Vorgeschmack auf das, was man einen “Highsider” nennt. Wenn die wirkenden Kräfte größer sind, kann es passieren, dass die Federung des Moppeds den Fahrer aus dem Sattel katapultiert. Puh.
Hinter Katschberg kommt die Sonne raus und endich, endlich steigen die Temperaturen über 15 Grad, dann springen sie sofort auf 20, dann auf 25 Grad. Ich ziehe die Regenklamotten aus. Binnen einer Stunde von Novemberwetter mit Griffheizungsgebot zu hochsommerlichem Schwitzvergnügen, das hat man auch nicht all zu oft. Von dem blauen Himmel und der Fahrt durch die schöne Landschaft möchte ich gerne ein paar Aufnahmen machen.
Ich klippe die neue Actioncam an den Sturzbügel und drücke auf den Aufnahmeknopf an der Fernbedienung am Lenker. Es passiert… nichts. Die Remote ist tot. Ist hier etwa auch die Batterie leer!?
Nein, da ist mehr kaputt. Die Fernbedienung lässt sich auch nicht mehr laden, zeigt ein kurzer Test an der Powerbank, die in einer Seitentasche im Topcase steckt. Bei der ersten Benutzung kaputt gegangen. Super. Passt ja zum Tag, irgendwie. Bislang hat heute nichts geklappt.
Das setzt sich auf fort. Gegen Mittag steuere ich endlich, endlich auf den Plöckenpass zu. Das ist ein kleiner, aber sehr schöner Pass zwischen Österreich und Italien, und schon seit Wochen freue ich mich darauf, den zu fahren.
Dummerweise steht nach der ersten Kurve eine GS quer auf der Straße, und daneben der Fahrer, Helm noch auf dem Kopf. Er hebt die Hände und bedeutet mir anzuhalten. Ich stoppe die V-Strom und stelle den Motor aus.
“Wassen los”, frage ich.
Der Fahrer zeigt in Richtung Berg und ruft “Da oben hat sich einer gelegt”.
“Heftig?”, frage ich. Er nickt.
“In die Leitplanke gewickelt. Mein Kumpel steht oben direkt davor. Ich warne nur andere Motorradfahrer.”
“Danke dafür!”, sage ich und will wissen “Kann man drum rum fahren?”.
Er schüttelt den Kopf. “Aber die laden ihn schon ein”, will ich wissen.
“Vermutlich”, sagt der fremde Fahrer. Ich bedanke mich, dass er hier den Job der Polizei macht, und fahre vorsichtig weiter. Weit kommt ich nicht, dann stehe ich schon im Stau. Oben am Berg sehe ich Blaulicht.
Ich stelle den Motor aus und lasse die V-Strom gegen den Gang laufen, dann überlege ich. Warten oder anderen Weg suchen? Es ist wirklich sehr, sehr warm und ich stehe in der prallen Sonne, stelle ich fest. Lange halte ich das nicht aus. Aber welcher andere Pass ist hier in der Nähe? Kenne ich da was, überlege ich und krame in meinem Gedächtnis, aber dort finde ich nur die bekannte Strecke über Villach und Malborghetto, im Ländereck zwischen Österreich und Slowenien. Das ist aber ganz schön weit weg. Was sagt denn das Navi?
Anna sagt exakt das selbe. Möchte ich einen anderen Weg fahren, wird das ein Umweg über 150 Kilometer. Ich sehe mich um. Ob es wohl bald weiter geht? dann fällt mir wieder auf, dass ich gerade keine echten Probleme habe. Dort oben liegt jemand, DER hat echte Probleme. Ich nicht. Das Bisschen Hitze. Das Bißchen Umweg.
Ich wende das Motorrad und fahre zurück den Berg hinab, folge dem Drautal nach Osten und dann Annas Anweisungen in die Berge hinein. Dieses Mal hat sie keinen schlimmen Feldweg gerechnet, sondern eine schöne Strecke durch lauschige Wälder gefunden. Das ist schön zu fahren und vor allem: Kühl.
Die Strecke führt ins Glitschtal, was im Gailtal mündet und kurz vor Villach nach Süden abbiegt. Ja, das hier kenne ich, das ist das ist das Tal der Gailitz. Der Fluss führt nicht viel Wasser, aber das ist nicht erstaunlich – nur im Frühjahr nach einem schneereichen Winter ist der wirklich groß. Jetzt fließt nur wenig Wasser in dem breiten Geröllbett, aber das ist kristallklar und schimmert tiefblau unter dem Sommerhimmel.
Die Morrigan folgt der Strada Statale 13 durch Tarviso und gleitet an Malborghetto Valbruna und Bagni di Lusnizza vorbei und kreuzt durch das tiefe Tal zwischen Pontebba und Chiusaforte. In die andere Richtung bin ich diese Strecke schon oft gefahren, nach Süden aber noch nie.
Bei Gemona kommt die Straße aus den Bergen heraus und wird schlagartig langweilig. Das hier ist die Ebene zwischen Alpen und Mittelmeer, die hier, in der Gegend von Udine, das Friaul sind und weiter westlich das Veneto.
Die Strecke ist langweilig, aber hier hier ist sauviel los, auch landwirtschaftlicher und Lieferverkehr. Überholen ist gefährlich. Das merke ich, als ich an einem LKW vorbeiziehen will, als doch von vorne etwas kommt. Ich bremse, um wieder hinter dem Lastwagen einzufädeln, aber der LKW bremst auch, und so bleiben wir auf der gleichen Höhe und ich fahre weiter auf den Gegenverkehr zu.
Ich latsche VOLLE KANNE und bis ins ABS in die Eisen und schere hinter den Lastwagen, wobei ich fast noch mit dem Nachfolgenden kollidiere, der natürlich mittlerweile bis auf eine Penisspitze auf den Lastwagen aufgefahren ist.
Man Man Man. Um ein Haar hätte ich auch ECHTE Probleme gehabt.
Die haben andere. Als ich auf Strada Regionale immer weiter nach Westen fahre, sehe ich in der Gegenrichtung ein Auto aus einer Einmündung kommen. Das fährt auf die breite Landstraße und bleibt fast augenblicklich stehen, mitten auf der Fahrbahn. Von hinten kommt ein LKW mit bestimmt 80 Sachen. Als er an mir vorbeischießt, höre ich sein Horn dröhnen und im Rückspiegel sehe ich den Qualm aus den Radkästen steigen, als der Fahrer in die Bremsen geht. Aber das ist zu eng. Ich kann es nicht sehen, aber ich glaube nicht, dass der noch rechtzeitig zum Stehen kam. Was für ein schlechter Tag.
Im Veneto steuere ich ein Einkaufszentrum im Örtchen Olmi an, einem Vorort von Treviso, und schaue bei Mediamarkt nach einer neuen Fernbedienung für die Actioncam. Aber genau wie in Deutschland enttäuscht auch der italienische Ableger. Es gibt bei Mediamarkt alles, aber nie das, was ich brauche. Immerhin finde ich in einem Tedi-Shop Batterien für Airtags.
Leicht frustriert, aber vor allem müde, fahre ich einige Kilometer zurück zu einer wohlbekannten Offiziersvilla, vor der ich die Morrigan parke und dann meine Koffer ins Haus trage.
“Come stai!”, werde ich begrüßt, und nach einer innigen Umarmung gebe ich die Frage zurück.
“Herzprobleme”, sagt Francesco. “Zu viel Arbeit, zu viele Sorgen”.
Ich nicke ernst. Da kann ich gerade auch ein Lied von singen.
“Und wir werden nicht jünger. Wir werden alt”, sage ich und benutze extra nicht den schmeichelnden Ausdruck “anziana”, sondern “vecchio”, also brutal alt.
“Wieso, wie alt bist Du jetzt?”, fragt Francesco. “Dieses Jahr 50 geworden”, sage ich und er freut sich, weil er noch drei Jahre jünger ist.
Aber so ist das halt, eine Generation wird alt, die nächste wächst heran. Das ist deutlich zu sehen, als Sara mit Sohnemann Paolo um die Ecke kommt. Der Kleine ist jetzt Sieben und seit einem Jahr in der Schule. “Und, wie ist die?”, frage ich.
“´Ist gut”, sagt Paolo.
“Kannst Du schon lesen”, frage ich. Er nickt zaghaft.
“Das ist gut, ich habe Dir nämlich was mitgebracht”, sage ich und überreich ihm feierlich “Gironimo Stilton und die Mäusezombies”, ein Abenteuerbuch um einen Mäusejournalisten.
Paolo sieht seine Mutter fragend an, und als Sara lächelnd nickt sagt er “D´nke” und strahlt.
“Non devi”, sagt Sara, das musst Du aber nicht. “Ma voglio”, will ich aber, sage ich und grinse.
Mein Zimmer ist dieses Mal das gemütliche 202er unter dem Dach. Nach einer Dusche nehme ich im gediegenen Restaurant im Erdgschoss Platz. Heute ist Freitag, trotzdem ist nicht viel los. Sara macht den Service alleine, Francesco ist in der Küche und kocht auf Sterneniveau.
Vorweg gibt es Linguine alla Carbonara di Asparagi con Guancale Croccante, Linguini Carbonara mit Spargel und gebratenem Speck…
…dann
Während des Secondos kommen vier Gäste mit Rollkoffern herein, denen Sara Zimmerschlüssel gibt. Bin ich heute also nicht der einzige Übernachtungsgast.
Als Dolce gibt es eine Stracciatella-Erdbeer-Überraschung. Die besteht darin, dass sich unter dem Berg Sahne ein Stück Kuchen verbirgt.
Ah. Das Essen ist ein toller Anfang für diese Tour. Ich habe mir nämlich vorgenommen, auf dieser Fahrt möglichst gut zu essen. Wird sich auch nicht vermeiden lassen, bei den Orten, an die ich fahren werde.
Als ich beim Dessert bin, kommen die neu angekommenen Gäste in das Restaurant. Zwei junge Männer und zwei junge Frauen, die mit ihren groben Gesichtern und den stillosen Sommerklamotten (Shorts, Badelatschen und Marken-T-shirts, die Frauen in geblümten Sommerkleidchen) wie Briten aussehen, aber irgendwas osteuropäisches sprechen.
Sie mustern Saras Wand mit den guten Weinen, rufen sich laut etwas zu, dann greifen sie sich Gläser von den Tischen und verschwinden durch eine Tür zum Garten der Villa. Ich überlege ob ich was sage, beschließe dann aber, das mich das nichts angeht.
Erst als Sara suchend durch den Gästeraum läuft, gebe ich ihr einen Hinweis, wohin die beiden jungen Männer und die beiden Frauen verschwunden sind. Sara rollt mit den Augen und flüstert “Kroaten. Immer schwierige Gäste. Hohe Ansprüche, wenig Benehmen”. Ich nicke. So sahen die auch aus.
Die erste Nacht südlich der Alpen. Mögen weitere folgen.
Tour der vergangenen zwei Tage: 527 + 654 = 1.181 Kilometer.
Nächsten Samstag in Teil 2: Golden Girls





























8 Gedanken zu „Reisetagebuch (1): Leere Batterien“
Ein neues Tagebuch, ich klatsche vor Freude in die Hände 🙂
Und du schwörst dem Reise-Fastfood ab und willst die gute mediterrane Küche genießen?
Ich bin begeistert!
Dass Herr “ich bin für alle Fälle gerüstet” so schludrig war, zeugt davon wie nötig diese Reise war. Aber, das schludrige passiert den Besten 😉
Ah, du musstest also erst 50 werden um zu merken, das zum Urlaub machen auch gutes lokales Essen gehört! 😜
Danke Frau Zimt, ich dachte schon ich wäre die einzige die an den Urlaubs-Essgewohnheiten des Herrn Silencer herummäkelt 🙂
Oh, ich sag ihm das seit Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit!
Harummp.
Reeeiiisebericht! Es geht los!
Ich bin ja gespannt, ob Du das Niveau der Verpflegung durchgezogen hast und die allgegenwärtigen Lüdl – zumindest für feste Nahrung – ignoriert hast. 😛
Die Ecke im Friaul haben wir Anfang Juni auch mit den Mopeds auf dem Rückweg aus HR gekreuzt.
Lecker Essen – mit Ü50 endlich aus dem knickerigen Lüdl-Sandwich-Alter raus 😉
PS: Highsider wäre böse, da machste als Laie nix.
Habe dabei mal mich und Moped beim Knieschleifen im Autobahnkreuz geschrottet. Ist 20 Jahre her, da war ich noch knapp U40 … 😉
Yo Highsider möchte ich wirklich nicht erleben…