Reisetagebuch (2): Golden Girls

Reisetagebuch (2): Golden Girls

Sommertour 2025 mit der V-Strom 800. Heute bin ich kurz nach dem Po am Arsch und die Morrigan findet eine neue Freundin.

Samstag, 31. Mai 2025, San Biaggio die Callalta
Kurzes Frühstück, kurze Verabschiedung von La Famiglia, dann geht es um 08:30 Uhr los.

Die Morrigan rollt über den schmalen Gartenweg, taucht dann mit Druck durch das tiefe Kiesbett vor der Offiziersvilla und biegt auf die dicht befahrene Regionalstraße ab.

Das hier ist das Veneto, und die Fahrt… nervt.

Nach einer kurzen Strecke durch kleine Dörfer geht es auf die Autobahn 27, die schon wieder knapp vor Stauinfarkt steht. Immerhin, so komme ich nicht in Versuchung zu schnell zu fahren – ein System namens “Tutor 3.0” scannt hier die Fahrzeuge und ermittelt die Durchschnittsgeschwindigkeit für ganze Autobahnabschnitte. Ist man also irgendwo, nicht nur vor einem Blitzer, zu schnell, gibt es ein Knöllchen. Die sind seit Anfang 2025 nochmal deutlich teurer und werden auch in Deutschland vollstreckt.

Die Autobahn führt nach Marghera, die gesichtslose Hafen- und Industriestadt, in der heute die Venezianer leben.

In Venedig selbst, das über eine Brücke mit Marghera verbunden ist, wohnen nur noch 30.000 Menschen. Grund: Es gibt einfach keinen Lebensraum mehr. Nahezu jede Wohnung und jeder Palazzo der frei wird, wird als AirBNB genutzt oder zum Spekulationsobjekt. Venedig, so wie es früher mal war oder auch noch vor 15 Jahren mal war, gibt es nicht mehr. Übrig geblieben ist eine Kulisse voller Touristen, ein Freiluftmuseum mit Disneyland-Ambiente.

Zum Glück verschwindet Marghera bald im Rückspiegel, aber nun es geht in den dichten Verkehr der SS309, an der Lagune entlang nach Chioggia und von dort straight nach Süden. Jetzt ist es richtig warm, und ich halte an und öffne alle Lüftungen in meinem Anzug. Quasi die ganze Front der Jacke lässt sich aufzippen um Fahrtwind vorne rein und hinten wieder rauszulassen. Bringt nur nicht so viel, wenn man unter der Jacke eine luftdichte Airbagweste trägt…

Kurz nach der Überfahrt über die Etsch und den Po geht es am Valli di Comacchio entlang. Links und rechts ist Wasser, und auf dem Damm der Straße viele Radfahrer. Das ist schön und entspannt zu fahren.

Die Entspannung hält leider nicht lange an, denn je näher es auf Ravenna zugeht, desto dichter wird der Verkehr. Dann kommt er schlagartig gang zum erliegen, und ich stehe inmitten glühendheißer Autos.


Ich klappe den Helm auseinander und versuche tief durchzuatmen, aber das führt zu nichts – es ist zu heiß. 34 Grad, sagen sowohl Anna als auch das Motorrad. Zu der Hitze von Sonne, Asphalt, den Autos um mich herum und dem Motor meines eigenen Motorrads fehlt nun auch noch der Fahrtwind. Es weht auch kein Lüftchen, über der Blechkolonne steht eine Glocke aus Abgasen und Hitze. Ab und zu geht es ein paar Meter weiter, dann steht wieder alles – und zwar so eng, das daran Vorbeifahren oder Durchschlängeln ausgeschlossen ist.

Nach geschlagenen 40 Minuten hat sich der träge Blechwurm, in dessen Inneren ich schmore, an einer Baustelle vorbeigeschoben. Meine Hoffnung, das es nun schneller geht, erfüllt sich allerdings nicht. Die Kolonne kriecht weiter im Schneckentempo und Stop&Go über die E55.

Ich habe großen Durst. Das ist kein Wunder, ich kann spüren, das ich viel Flüssigkeit verliere – Schweißtropfen rinnen durch die lange Merino-Unterwäsche über Brust und Beine. Wenn das so weitergeht, kollabiere ich hier noch. Aber es gibt keine Möglichkeit an den Autos vor mir vorbei zu kommen.

Moment! Es gibt keine Möglichkeit an den Autos vor mir vorbeizukommen auf dieser Fahrspur. Aber direkt daneben ist eine Spur, die wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Kleine Kunststoffreflektoren alle drei Meter machen das deutlich. Aber eine Baustelle sehr ich nicht. Gut, ich kann auch nicht weit gucken, die Straße führt über eine gewölbte Brücke. Immerhin sehe ich kein Polizeiauto mehr, sowohl die Policia Municipale als auch die Carabinierei sind an der letzten Ausfahrt abgefahren.

Okay. Alles ist besser als hier weiter zu verkochen. Kurzentschlossen lenke ich die V-Strom zwischen den Absperrreflektoren hindurch und fahre durch die Baustelle am Stau entlang.

Mit voller Konzentration habe ich die Augen überall – im Rückspiegel, auf den Autos neben mir, vor allem aber auf die Straße – nicht, dass plötzlich die Fahrbahn in einem Baustellenloch endet.

Tut sie nicht, über eine Länge von mehreren Kilometern fahre ich durch die Baustelle ohne auf eine Stelle zu treffen, an der gebaut wird. Mittlerweile hat die Morrigan mehrere andere Motorräder im Schlepptau, die es auch nicht mehr ausgehalten haben.

Die Absperrung endet an einem dicht befahrenen Kreisel. Es dauert ewig, bis ich in den hineinkomme, aber dessen Ausfahrt wird die Straße mehrspurig und sofort läuft der Verkehr flüssig. Ich klappe den Helm zu freue mich, dass wieder der Fahrtwind durch meinen Anzug geht.

Es geht die Strada Statale 3 entlang, die nach Südwesten führt und damit auf den Apennin zu, das große Gebirge, das Italien der länge nach durchzieht. Quasi das Rückgrat des Stiefels, wenn man die anatomische Unmöglichkeit ausser Acht lässt. Am Rand des Apennin liegen Städte aufgereiht wie auf einer Schnur: Parma weiter nordwestlich, dann auf einer geraden Linie Modena, Bologna, Imola, Faenza, Forli und schließlich Rimini.

Heute schießt die V-Strom an Cesena vorbei nach Westen, und als ich die Schnur der Städte hinter mir habe, wird das Fahren gleich nochmal viel, viel angenehmer. Die Zahl der Autos nimmt stark ab, und irgendwann ist die breite Landstraße fast leer.

Langweilig ist sie nie, sie führt erst in weiten Schwüngen bis mitten in den Apennin, dann schwenkt sie nach Südosten. Von oben kann ich den Lago die Montedoglio sehen, den künstlichen Stausee oberhalb von Sansepolcro, der aus der Luft aussieht wie ein abgestürztes und lang hingeschlagenes Ampelmännchen.

Der See ist fast voll. Anscheinend sogar voller als in den Vorjahren, denn Büsche und sogar Baumkronen ganzer Wäldchen ragen aus dem Wasser. Das ist gut, der See wird in Dürresommern – und das ist mittlerweile fast jeder! – sogar für die Wasserversorgung von Rom benötigt, und das ist 230 Kilometer weit weg!

Unterwegs führt Anna uns kurz von der SS03 hinunter und ein Stück auf eine Landstraße, die dann aber an einer Baustelle endet. Immerhin, bis dort war es nett zu fahren.

Die SS3 verläuft durch die Ebene hinter Sansepolcro, macht kurz vor Assisi einen Schlenker nach Westen und führt dann auf Terni zu, die Stadt in den Bergen.

Hier verlasse ich die Straße und bin fast traurig darüber – sie lässt sich einfach hervorragend fahren und ist mein neuer Geheimtipp, um in Italien von Nord nach Süd zu kommen. Die anderen großen Straßen in Nord-Süd-Richtung, wie die E55 im Osten oder die A1, E80 oder die SS1 im Westen liegen alle in der Nähe der Küsten und sind von LKW völlig verstopft, aber die SS3, mitten in den Bergen, ist ein Traum.

Ich halte an einer Tankstelle und nehme wohlwollend zu Kenntnis, das mittlerweile doch fast jede Automatentankstelle Giro- und Kreditkarten akzeptiert. Bis vor wenigen Jahren wurden nur nationale Debitkarten und Bargeld angenommen, weshalb ich IMMER bei Tankstellen mit Bedienung getankt habe.

Aber jetzt funktioniert meine schwarze Kreditkarte, ich kann die Zapfsäule freischalten, mich wieder auf´s Motorrad setzen und mir die Zapfpistole greifen.

Uh, der Schlauch ist aber fest aufgerollt, fast bekomme ich die Pistole nicht in den Tank der Suzuki. Dann drücke ich den Hebel und es passiert erst einmal – nichts.
Kein Tropfen.

Ich drücke den Abzug weiterhin nur zur Hälfte durch, und dann, DANN schießt plötzlich und unvermittelt ein Schwall Benzin unter hohem Druck aus dem Rüssel und in den Tank und wieder daraus hervor und mir ins Gesicht.
Und das, liebe Kinder, ist der Grund weshalb ich beim Tanken immer das Visier mindestens halb unten habe.

Fluchend betanke ich das Motorrad, dann nehme ich den Helm ab und wische ihn, meine Jacke und den Tank der V-Strom mit Papiertüchern sauber. Das war nun ärgerlich, aber es ist ja nichts passiert – wäre das Visier aber offen gewesen, hätte ich das Benzin in die Augen bekommen. Das wäre wahrlich kein Spaß gewesen. Fragen Sie Ewan McGregor.

Über eine kleinere Bundesstraße geht es weiter nach Süden. Die Berge werden höher und schroffer, und hinter Marmore (wo es einen Wasserfall gibt, nach dem man die Uhr stellen kann) werden die Orte immer weniger und die Wälder immer dichter.

Es ist zu merken, dass das hier die Abruzzen sind. Also, eigentlich ist das hier das Latium, die Region die zu Rom gehört, aber die Berge und alles, das ist ganz genau so wie in den Abruzzen, deren Grenze nominell ein paar Kilometer weiter östlich liegt. Diese Grenze quere ich kurz darauf, und nun bin ich wirklich in den Abruzzen – das große Bermassiv, das über dem Ort Magliano de Marsi auftürmt, spricht eine deutliche Sprache.

Vor dem Gebäude einer Pizzeria stelle ich die Morrigan ab und steige aus dem Sattel. Puh, das war eine lange Fahrt – 550 Kilometer und rund achteinhalb Stunden, dank der Stauepisode. Immerhin habe ich ordentlich Strecke gemacht, von Treviso bis fast auf die Höhe von Rom, das war eine ordentliche Etappe.

Ich sehe mich um. Das Gebäude der Pizzeria wirkt heruntergekommen. Würde mich nicht wundern, wenn die gar nicht mehr in Betrieb ist.

“Gelateria” steht in abblätternden Buchstaben auf einem handgemalten Schild. Aber Eis gibt es hier schon lange nicht mehr, die Tresen sind leer und die achtziger-Jahre-Einrichtung wohl kaum noch in Benutzung. Das bemerke ich, als ich das Lokal betrete.

Das ich hier dennoch richtig bin, sehe ich auch sofort, weil am Tresen zwei italienische Touristen von einem hageren Mann einen Schlüssel mit einer Zimmernummer gereicht bekommen.

“Ich habe eine Reservierung für ein Zimmer für heute Nacht”, sage ich als ich dran bin, und der Mann brummt “Documento”. Ich reiche meinen Personalausweis rüber, er fotografiert ihn mit seinem Handy, dann bekomme auch ich einen Schlüssel. Ansonsten sagt er nichts. “Gibt es Frühstück?”, frage ich.
“Ab 07:30”, grummelt der Mann.
“Und wo?”
“Hier”.
“Besteht die Möglichkeit hier zu Abend zu essen?”
“Ja”, sagt der Mann und sieht mich an, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob der Himmel blau ist.

Das Zimmer liegt im ersten Stock. Als ich es betrete, fühle ich mich, als hätte eine Zeitmaschine mich in die 70er transportiert.

Besonders das Bad ist ein Traum. Ein Fiebertraum.

Aber: Alles ist sauber und funktioniert.

Als ich nochmal nach der V-Strom schaue, finde ich eine kleine Katze schlafend auf der Sitzbank vor. Als ich mich ihr nähere, wacht sie auf und guckt mich verschlafen an.

Um halb Acht gehe ich in die verlassene Gelateria und erwarte, das ich nun an einem der 80er-Jahre Tische eine Pizza in einem Pappkarton serviert bekomme. Aber weit gefehlt! hinter dem verwaisten Verkaufsraum liegt ein großes Restaurant, in dem lange, festlich gedeckte Tafeln genauso stehen wie kleine Einzeltische. An einem davon nehme ich Platz und werde in der nächsten Stunde köstlich verwöhnt. Erst mit frischer Bruschetta…

…und dann esse ich zum ersten Mal Pinsa. Von dem hat mir Ali schon so oft erzählt und ich wusste nie, was das ist. Pinsa sieht aus wie eine längliche Pizza, ist aber eher ein Brotteig und belegt mit Dingen. Köstlich schmeckt das, genau das richtige nach dem langen Tag.

Amüsieren muss ich mich über eine Geburtstagsgesellschaft, die nach und nach eintrudelt. Eine Gruppe Nonnas, und je mehr es werden, desto lauter werden sie und desto interessanter werden die sozialen Dynamiken: Die eine will nicht neben der anderen sitzen, jene will sich unbedingt mit der da hinten unterhalten und brüllt über den ganzen Tisch usw.
Golden Girls live.

Irgendwann wird es Nacht, und die Luft ist kühl und frisch.

Tour des Tages: 550 Kilometer in 8,5 Stunden.

Nächste Woche: “Ssseisse! Kaputte! Verdamme!”

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2 Gedanken zu „Reisetagebuch (2): Golden Girls

  1. Ich mag ja so Zeitreisen in Hotels, solange alles funktioniert, finde ich das auch komplett unproblematisch.

    Hast Du nichts zu trinken dabeoi gehabt? Ich fahre ja immer mit Trinkblase, damit ich auch ohne anzuhalten einfach etwas trinken kann. Ich möchte das auch bei den heißen Sommern nicht mehr missen.

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    1. Ja, so alte Hotels finde ich auch sehr charmant.

      Ich habe immer 2 l Wasser im Topcase. Eine Trinkblase verwende ich nicht, aus zwei Gründen: erstens passt das nicht gut mit der Airbag Jacke, weil die Blase direkt auf dem Buckel mit dem Rechner und dem Auslöser sitzt, und zweitens: ich halte tatsächlich nur zum Trinken an. Hätte ich jetzt eine trinket Blase auf dem Rücken, würde ich überhaupt nicht mehr anhalten… Und das tut halt auch nicht so gut.

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