Reisetagebuch (3): Sssseisse! Kaputte! Verdamme!

Reisetagebuch (3): Sssseisse! Kaputte! Verdamme!

Sommertour mit der V-Strom. Heute mit einem See den keiner leiden kann, und ich werde zum Geisterfahrer und zum Katzenquäler. Eines davon in echt.

Sonntag, 01. Juni 2025
Die Katze will doch mit, oder? Die guckt so, als wollte sie mitfahren!

Das ist doch was für Mastodon. Social Media liebt Katzen!

Magliano di Marsi ist quasi das letzte Dorf vor Avezzano, der zweitgrößten Stadt der Abruzzen – mit nur 40.000 Einwohnern. Sie liegt am Rand einer großen Ebene, die mit hohen Bergen gesäumt ist. Die Ebene ist so groß, dass man Sie aus dem Weltraum erkennen kann. Sie liegt völlig geschützt und abgelegen, und natürlich war das hier früher mal ein See.

Der Fuciner See war das größte Binnengewässer Italiens. Erstaunlicherweise hatte der See, der sich eigentlich immer nur um seinen Kram kümmerte, viele Feinde. Der älteste bekannte ist Julius Cäsar, der den See so hasste, das er ihn trockenlegen wollte. Klappte aber nicht.

Spätere römische Herrschen konnten den See auch nicht leiden und versuchten, ihm das Wasser abzugraben. Erst 1875 vernichtete ein schweizer Ingenieur im Dienst eines römischen Bankiers endgültig den See. Die daraus entstandene Ebene ist heute eine der fruchtbarsten Regionen Italiens. Die Ebene ist dicht an dicht von Feldern bedeckt, und zwischen denen rollt im Morgenlicht die Morrigan entlang. Wasser gibt es im Untergrund wohl noch genug, überall malen Sprinkler glitzernde Regenbögen in die Luft.


Nur im Osten der Ebene gibt es etwas, das aussieht wie eine kleine Stadt. Dabei handelt es sich aber um eine Anlage von Telespazio, einer Tochterfirma der Rüstungskonzerne Thales und Leonardo. Die betreibt hier eine Forschungs- und Abhöranlage mit gewaltigen Satellitenantennen. Selbst solche Anlagen haben heute eine eigene Website für Imagezwecke.

Ich fahre einmal über die Ebene und amüsiere mich über Dutzende von Anglern, die ihr Autos entlang eines kleinen Flüsschens geparkt haben. Es ist erst kurz nach acht, aber natürlich sind die schon alle auf den Beinen. Zum einen ist Sonntag, zum anderen wird es später am Tag zu heiß sein.

Im Westen der Ebene führt ein Tunnel durch die Bergkette und auf die Strada Statale 690, die durch weitere Tunnels und über Bergkuppen und Brücken nach Süden führt, bis sie sich in einem langen Tal im Apennin einfindet. Hier ist es noch schön schattig und kühl, und trotz der frühen Zeit kommen mir Haufenweise Motorradfahrer entgegen, die den Sonntag für einen Ausflug in die Berge nutzen.

Ich will nicht in die Berge, kann aber nicht verhindern, das sie mich begleiten – ich fahre am Rückgrat von Italien entlang und passiere erst die Höhe von Rom, dann Civitavecchia.

Ich sehe die Stadt Sora von den Brücken der Strada Statale aus und quere Orte wie Cassino. Das liegt auch an einem mächtigen, 500 Meter hohem Felsmassiv, dass sich über der Stadt erhebt. Und oben drauf thront… Meine Fresse, WAS IST DAS?

Auf der Bergspitze ist ein gewaltiges Bauwerk. Selbst aus der Ferne ist zu sehen, dass das riesig ist. Ich habe ja schon viele Burgen gesehen, aber sowas Riesiges noch nie!

“Das ist kein Mond, …” murmele ich unter dem Helm.

Später lese ich, dass das weder ein Mond noch eine Raumstation oder gar eine Burg ist, sondern ein Kloster. Nicht irgend ein Kloster, sondern das Stammkloster der Benediktiner!

Die Abtei Montecassino steht die hier seit 1.700 Jahren – allerdings in der heutigen Form erst seit 1955, denn im Laufe der Zeit und zuletzt im zweiten Weltkrieg wurde die Abtei immer wieder zerstört.

Diese letzte Zerstörung war in der Tat ein Drama, denn im zweiten Weltkrieg suchten in der Abtei Hunderte von Zivilisten Schutz. Als die Wehrmacht Montecassino einnahm, deklarierte sie es zum neutralen Ort und ließ das auch die Allierten wissen. Die hielten sich allerdings nicht daran und bombten die ganze Anlage binnen drei Stunden und hunderter Tonnen Sprengstoff bis auf die Grundmauern nieder, hunderte Zivilisten starben.

Das nach dem Krieg die Abtei wiederaufgebaut werden konnte wie sie zuvor ausgesehen hatte ist letztlich dem Wehrmachtskommandanten zu verdanken. Er “rettete” die originalen Baupläne – genau wie die Kunstschätze der Abtei, die er in die Engelsburg nach Rom hatte bringen lassen.

Das alles weiß ich natürlich nicht, als ich im Tal unter der Abtei langkurve. Aber vielleicht ist es das mächtige Bauwerk und seine Faszination, die die mich ablenkt, was zu einem schlimmen Fahrfehler führt. Ich komme an eine völlig leere Kreuzung, und bin irritiert. Wo muss ich jetzt hin? “Den Kreisel an der dritten Ausfahrt verlassen”, sagt Anna, und ich habe keine Ahnung was sie meint.

Hier ist kein Kreisel, vor mir liegt nur Kreuzung. Hier ein Bild aus Streetview. Gerade steht da kein Auto, alles ist verlassen.

Rechts geht es nach Cassino, da will ich nicht hin. Geradeaus geht es wieder auf die Schnellstraße, die links von mir auf einer Überführung verläuft und von der ich gerade komme. Das will ich auch nicht hin. Kurzentschlossen setze ich den Blinker und biege nach links ab, auf die Straße die unter der Überführung hindurch nach Osten führt. Wird schon passen, denke ich – und merke im selben Moment, dass das nicht passt. Von vorne kommen Autos, und die Fahrer hupen und machen Lichthupe und schütteln die Fäuste.

Ich begreife was hier los ist: Ich befinde mich in einem Kreisel – und fahre entgegen der Fahrtrichtung. Wo kommen jetzt mit einem mal diese ganzen Autos her?

Ich schwenke zur Seite und die Morrigan schießt rechts an den entgegenkommenden Fahrzeugen vorbei. Bei einem LKW ist es sehr knapp, und ich höre wie der Fahrer durch das offene Seitenfenster “VAFFANCULOoooooo!!” brüllt, “FICK DICH” – recht hat er, das habe ich mir verdient.

“BITTE SOFORT WENDEN”, sagt Anna und “JETZT WENDEN!”
“Ja doch”, presse ich durch zusammengebissene Zähne.

Da, eine Lücke im Gegenverkehr! Ich ziehe die Suzuki in eine enge Schleife und schaffe es tatsächlich, bei noch zügiger Geschwindigkeit auf der Breite der Fahrspur zu wenden. Begleitet wird das von einem weiteren Hupkonzert, das aber zum Glück nur von einer Ape veranstaltet wird. Dann fahre ich wieder richtig rum, gebe Gas und nehme die erste Ausfahrt. Im Rückspiegel sehe ich, das hinter der Ape nichts mehr kommt. Der Verkehr im Kreisel hat so abrupt geendet wie er aufgetaucht ist.

Jetzt habe ich Zeit zu reflektieren, was hier los ist.
Der Kreisel ist groß. So groß, das seine Biegung kaum zu sehen ist. Zudem hat er ein Gefälle und er verläuft zur Hälfte unter der Überführung und die Ränder sind völlig zugewachsen – wenn man an der Einfahrt steht, durch die ich reingekommen bin, sieht das wirklich aus wie sich kreuzende Straßen. Es gibt auch kein Hinweisschild auf einen Kreisel, nur ein normales Kreuzungsschild. Das alles hat in Summe dazu geführt, dass ich die Situation gerade völlig falsch eingeschätzt habe.
Hier nochmal das Bild aus Streetview. Sieht DAS aus wie ein Kreisel?

Ja, na gut, VON OBEN sieht man den Kreisel.

Man man man, das war echt knapp. Ich wende und fahre dann richtig herum durch den Kreisel.

Das hier ist jetzt der Süden Italiens. Hier ist manches etwas anders – Hinweisschilder fehlen, kleine Transporter rumpeln schonmal ohne Kennzeichen durch die Gegend und jetzt gerade kommt mir ein Motorroller entgegen, dessen Fahrer keinen Helm und keine Schuhe(!) trägt.

Das fühlt sich ein wenig nach wilder Westen an. Dazu passt die Landschaft: Zwar gibt es auch hier noch die hohen Berge des Apennin, aber es sieht alles anders aus. Das saftige Grün der Abruzzen ist den dunkleren Farbtönen von dornigen Büschen und zähen Bäumen gewichen. An manchen Stellen ist der Boden ockerfarben oder sogar rot. Und die Straße kurvt nicht mehr um und durch kleine Ortschaften, sondern führt oft schnurgerade durch die wenig besiedelte Landschaft.

An vielen Stellen ist die Straße exzellent ausgebaut. “EU-Mittel bei der Arbeit”, denke ich, als die Suzuki fast allein über die teils vierspurige und fast neue Fahrbahn cruist. Allerdings passen die Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht recht zum lockeren Süden. Gerade auf den Teilstücken, die besser ausgebaut sind als deutsche Autobahnen. Ich kann doch nicht auf einer vierspurigen, schnurgerade Straße die ganze Zeit Tempo 60 fahren! Das ist doch unmöglich!

Normalerweise ist es in Italien so: Es gibt JEDE MENGE quatschiger Regelungen. Im Motorradbereich ist eine solche Regelung zum Beispiel, dasss man keine Hand vom Lenker nehmen darf. Intention dieses Gesetzes aus der Berlusconi-II-Ära: Damit sollten die Handtaschendiebstähle von Vespas aus eingedämmt werden. Für die Erreichung diesen Zwecks ist die Regelung natürlich nicht tauglich – Kriminelle halten sich nicht an Gesetze, sonst wären sie ja nicht kriminell. Das Gesetz ist aber ein Hebel für die Polizei, um jeden Motorradfahrer der nur die Hand zum Gruße hebt, vom Fleck weg eine Geldbuße aufzudrücken.

Die gute Nachricht: Regelungen, bei denen sich ALLE, inklusive der Polizei, einig sind, das sie offensichtlich Quatsch sind, werden von der Polizei meist nicht verfolgt. Das Problem: Was als Quatsch betrachtet wird ist regional unterschiedlich und letztlich auch von der Laune eines Polizisten abhängig. Im Süden Italiens ist das Fahren ohne Helm ein Kavaliersdelikt, im Norden wird es sofort geahndet. Wenn dazu der Polizist im Norden schlechte Laune hat oder er Touristen hasst (was in der Region rund um den Gardasee beides der Fall ist), kann er sofort das Moped beschlagnahmen.

Tempo 60 auf einem schnurgerade Highways ist Quatsch, da bin ich mir mit mir selbst einig. Vermutlich stammt das Tempolimit noch aus der Zeit, als das hier eine bröckelige Landstraße war und nicht das perfekte Asphaltband, als das sich die Strada Statale jetzt präsentiert. Die Fahrbahn wurde bestimmt ausgebaut, aber das Tempolimit nie angepasst, das wird es sein.

Alle anderen Verkehrsteilnehmer sehen das genauso wie ich – ich werde gelegentlich von Autos und sogar LKW überholt, letztere sind auch gerne mal mit saftigen 120 unterwegs, während ich mit gemütlichen 90 durch die Gegend dödele.

Wenn sich also alle einig sind, das man hier schneller fahren MUSS – warum stehen dann bitte alle paar Kilometer Blitzer herum? Und zwar nicht diese leeren Gehäuse, sondern wirklich Videostationen, an deren Seite “Attivo” steht?

Hier wird sogar das volle Programm aufgefahren – die klassischen grauen Blitzkästen stehen genauso am Straßenrand wie brandneue Videokameras, Stationen für eine “Vergilius”-Streckenmessung und sogar Geräte, die ich noch nie gesehen habe – sie sind ungefähr fünf Meter hoch und sehen aus wie Knochen, die an ihren Endpunkten große, übereinander angeordnete Augen haben. So wie das Ding hier auf dem Bild, aber viel größer:

Strange.

Später lese ich, dass das eine “AutoBox”‑Einheit des Herstellers Sodi Scientifica ist, ausgestattet mit einem „Autovelox“‑System – unten sitzt der Sensor, oben die Blitzerkamera. In mindestens eine fahre ich auch hinein, obwohl Anna mich davor warnt – ich penne schlicht in dem Moment. Ob ich geblitzt worden bin, kann ich nicht sagen, allerdings stand “Attivo” auf der Anzeige.
(Noch später lese ich, das etliche der Geräte sich als zugelassen, aber nicht geprüft herausgestellt haben, und deswegen der Kassationshof entschieden hat, das die Aufnahmen dieser Blitzer seit April 2025 nicht geahndet werden dürfen. Vielleicht habe ich Glück. Wir werden sehen).

Immer öfter ragen jetzt neben der Straße Berge auf, die verdächtig nach einem vulkanischen Ursprung aussehen.

Kein Wunder: Ich nähere mich Neapel. Das hier ist der Süden Italiens, und ähnlich wie etwas weiter nördlich alle Wege nach Rom führen, führen hier alle Wege nach Neapel, und ich muss aufpassen, dass mich Anna nicht erst in den Moloch hineinzieht und anschließend auf der Amalfiküstenstraße wieder ausspuckt – alles, bloß das nicht!

Die SS7 führt über Alvignano, Benevento und Lioni sicher und in weiter Entfernung vorbei am Golf von Neapel und immer weiter nach Süden.

Am Straßenrand wachsen jetzt riesige Schachtelhalmgewächse, und es stinkt nach Qualm, weil überall Abfälle verbrannt werden – beides Dinge, die ich mit “typisch Süditalien” assoziiere.

Aus einer letzten Schlucht heraus öffnet sich plötzlich die Landschaft.

Die Berge ziehen sich auf die linke Seite der Straße zurück, während sich rechts der Blick auf das Meer weitet.
Die Morrigan schwenkt auf die Küstenstraße südlich von Maratea ein. Das ist der nächste große Golf der unterhalb des Salernos liegt.

Maratea ist übrigens bekannt für eine 21 Meter hohe Christusstatue, die auf einem Berggipfel über dem Ort steht – Statue und Landschaft sind imposant, wie diese Drohnenaufnahmen zeigen:

Wenn Italien ein Stiefel ist, dann liegt das am Übergang vom Schienbein in den Vorderfuß und damit schon südlich von Neapel, Amalfiküste und dem Golf von Salerno mit ihren ganzen Ballungsgebieten und Verkehrsinfarkten und den wahnsinnigen Baustellen.

Die Küstenstraße am Rand der Berge ist wundervoll. Von oben kann ich auf kleine Orte und weiße Sandstrände hinabblicken. Es ist Sonntag, die Küste ist voller Sonnenschirme.

Dafür sind die Straßen voller Oppas, die darauf entlangschleichen. Es ist halt Sonntag, und das klassische “wir fahren Sonntags spazieren” – woher der Ausdruck Sonntagsfahrer kommt – wird hier noch inbrünstig zelebriert.

Leicht genervt ziehe ich irgendwann raus und halte an einer Tankstelle mit Betankungsservice.
Kommt aber keiner. Der Benzinaio, ein junger Mann mit schwarzem Lockschopf und fünf-Tage-Bart, steht ein Stück weg und hat beide Hände in den Hosentaschen vergraben.

“Non c´è servizio?”, will ich wissen.
Er nickt mit dem Kinn in Richtung der Zapfsäule, an der ich gehalten habe. “C´è fai da te. Servizio solo qui”, sagt er und deutet mit dem Kopf auf die Zapfsäule neben ihm.

Seufzend schiebe ich die V-Strom gegen eine leichte Steigung rückwärts, halte neben der Service-Säule und sage “Pieno, per favore”.
Der Tankwart nimmt die Hände aus den Taschen und beginnt die Suzuki zu betanken.

“Sei francese?”, fragt er.
“Io?”, antworte ich erstaunt. Man hat ja schon viel in meinem Akzent vermutet, aber das ich Franzose sei noch nie.
“No no no, sono tedesco. Da Germania”.

Plötzlich grinst der junge Mann. “Aus Deutslande! Gute Tag!”
Ich muss lachen und sage “Sehr gut! Guten Tag!”

Er strahlt und ruft fröhlich “Sssseisse! Kaputte! Verdamme!”
Ich kann mich kaum noch im Sattel halten vor Lachen.
“Wieso kennen Sie solche Wörter?”, will ich wissen.
“Habe iche eine… come se dice…”, er sucht nach Worten. “Famiglia?”, versuche ich zu helfen. “Si, ho una zia in germania!” Eine Tante also.
“In Rottweil. Kennste Du Rottweil?”
“Nee”, sage ich wahrheitsgemäß. Ich kenne nur den Hund, nicht die Stadt.
“Isse in Bade-Würteberg. Eine Male in Jahre besuche ich Taaante”.
“Dafür sprechen Sie SEHR gut!”, sage ich. Dann verabschieden wir uns, und er ruft mir noch ein fröhliches “Tssssüssss! Ssseissse!” hinterher, als ich vom Hof fahre.

Es geht weiter die Küstenstraße entlang. Die Strände werden breiter und weißer und leerer, je weiter ich nach Süden komme.
Dann ziehe ich die V-Strom von der Hauptstraße herunter und steuere sie in die Berge. Die Straße windet sich in Kurven und Kehren und überwindet binnen kürzester Zeit 300 Höhenmeter. Der Unterschied ist Bemerkbar, die Luft ist frischer und ein wenig kühler als auf der Küstenstraße.

Kurz vor dem Ort Maiera, der auf einem Berggipfel thront, biege ich ab und steuere wenige hundert Meter weiter eine steile Einfahrt hinab und halte vor einem Restaurant. Das sieht auch aus, als hätte es schon seit Jahren geschlossen, aber der Eindruck täuscht.
Hoffe ich.
Es ist sechs Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war.

Ich betrete die weitläufige, aber leere Gaststube und sehe an einem der hinteren Tische einen alten Herrn mit Zetteln herumwurschteln. Oh, das ist der Hotelbesitzer! Meine Güte, ist er alt geworden.

Wenn man Jung ist, kann man ja das Alter anderer Menschen schlecht schätzen. Erst wenn man selbst älter wird, kann man zumindest das Jahrzehnt einer Person schätzen. Antonino, so wird der Mann genannt, hat sich in den vergangenen sechs Jahren stark verändert. 2019 muss er Anfang 70 gewesen sein, jetzt ist er Ende 70. Aber die Veränderung ist heftig, er hat alles an Muskeln und Fett verloren und sieht jetzt ein wenig aus wie ein vertrocknetes Pflaumenmännchen.

Geistig ist Antonio aber noch voll auf der Höhe, wenn er auch seinen Verwaltungsprozesse seit Jahren nicht mehr angepasst hat. Ich muss Papierzettel um Zettel ausfüllen, und am Ende fotokopiert er meinen Personalausweis.
Dann führt mich ein Mann in den Vierzigern, vermutlich der Sohn, zu meinem Zimmer. Auch er kann kein Englisch, aber das ist zum Glück kein Problem.

Auch der Sohn spult das Programm des Hotels ab. Er führt mich in den dunklen Raum, dann reisst er mit einer schnellen Bewegung den Vorhang zur Seite und sagt theatralisch “Und hier: DER AUSBLICK!!”

Ich blicke auf die fantastische Szenarie. Vor mir liegt links das Meer mit einem weißen Sandstrand, dahinter die Küstenort und danach erheben sich die Berge, auf dessen Kuppen Maiera thront.

“Es ist so schön, wie ich es in Erinnerung habe”, murmele ich.
“Sie waren schon einmal hier?”, fragt der Mann.
“Certo”, sage ich.
Ich war schon einmal hier, und dieser Ort hat mich nicht losgelassen. Schön, das ich ihn noch einmal sehen kann.

Jetzt kann ich die Regenkombi zum Trocknen aufhängen. Mit etwas Glück werde ich sie in den kommenden Wochen nicht brauchen.

Das Zimmer ist tatsächlich das, was ich beim letzten Mal hatte. Nice. Es Überblick auch die Terrasse.

Das Hotel ist aber auch eine merkwürdige Konstruktion. Das Kerngebäude ist gedreht wie eine Muschel, mit einer Rezeption auf Höhe des Erdgeschosses. Die wird aber schon lange nicht mehr benutzt, am Eingang hängt ein Zettel mit der Bitte, am 28. August dort nicht zu parken. Am 28. August 2024.

Was sich auch nicht geändert hat, ist das Abendessen. Immer noch wird hier bodenständig, aber auf hohem Niveau für die Hotelgäste gekocht, weshalb alles andere als Halbpension hier gar keinen Sinn ergibt. Die Tische sind so angeordnet, dass man einen wahnsinnigen Blick über das Meer hat.

Die Bedienungen sind ein schlacksiger junger Mann und eine sehr junge Frau. Sie, bzw. ihre Uniform, duftet nach frischer Bügelwäsche ud ist hochprofessionell, er riecht nach Pubertät und stolpert etwas ungelenk herum. Dazwischen geht Olimpia, die Herrin des Hauses, von Tisch zu Tisch. Auch sie ist binnen weniger Jahre alt und gebeugt geworden. 2019 schwebte sie noch im Abendkleid wie eine Operndiva auf der Terrasse herum, jetzt hält sie sich vorgebeugt an den Tischen fest.
Die Zeit verschont niemanden.

Zwischendurch gucke ich auf´s Handy und finde wütende Reaktionen vor auf meinen Mastodon-Post mit der Katze von heute morgen. Ich hatte da eine Scherzchen draus gemacht…

…und stellt sich raus, dass einige Leute denken, ich hätte WIRKLICH die kleine Katze ins Topcase gestopft und mitgenommen. “Du hast nicht einfach eine fremde Katze hunderte Kilometer aus ihrem Revier gefahren?!” ist noch eine nette Reaktion, andere DMs beschimpfen mich als Katzenquäler. Wer hätte gedacht, das Katzenbesitzer so wenig Humor haben? Als ob ich, als Hundemensch, eine Katze auch nur anfassen würde!

Egal. Ich stecke das Smartphone weg und genieße den Ausblick.

Dann kommt auch schon das Essen. Man kann sich das nicht aussuchen, dass Hotel entscheidet, was auf den Tisch kommt. Heute Abend gibt es als Antipasti und Amuse Geulle Arrostino Misti und Reste von Gestern…

…als Primo Nr. Uno Spaghetti Aglio & Olio und als Primo Nr. Due (?) Pasat al Forno di Majeraioto, eine Art Lasagne…

…dann Huhn und dazu Salat und Bratkartoffeln…

…und als Dolce Cantuccini und dazu einen Capo Amaro.

Was für eine Völlerei!

Im Dunkel der Nacht glühen die Orte entlang der Küste, und auch Maiera strahlt von seinem Berg herab.

Tour des Tages: 489 km.

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Nächste Woche in Teil 4: Slow Horses

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