Reisetagebuch (4): Slow Horses
Tagebuch einer Motorradtour mit der V-Strom 800 längs durch Italien. Heute aktiviere ich meine geheime Superkraft: Ich kann mich überall verfahren!
Montag, 02. Juni 2025, Maièra, Kalabrien
Völlig vollgefressen vom gestrigen Abend fühlt sich mein Magen an, als müsste er durch die Matratze in Richtung Erdmittelpunkt sinken. Dementsprechend unruhig war die Nacht. Aber gut, ich schlafe ohnehin schlecht in den vergangenen Wochen. Es war so viel los, dass ich nun völlig erschöpft bin. So erschöpft, dass Ich zu müde bin um zu schlafen, so seltsam sich das auch anhört.
Nach dem Aufstehen schleppe ich mich auf die Terrasse des Restaurants, nehme aber nur einen Espresso Doppio und ein Stück Melone, an dem ich unmotiviert herumnage.
Man, bin ich müde müde müde…
Was mache ich nun, so müde wie ich bin?
Ich bleibe noch eine weitere Nacht hier im Hotel “Bellavista” und ich könnte einfach… nichts machen!
Ja!
Das ist doch eine gute Idee!
Ich öffne den zweiten Koffer der Suzuki und hole ein längliches, rundes Päckchen heraus. Es ist kaum größer als eine Dauerwurst und wiegt nur 850 Gramm, ist aber genau für Tage wie diesen gemacht. Es handelt sich um eine ultraleichte Strandmuschel. Die bietet Schutz vor Wind, Sand und Sonne, ist aber viel leichter zu transportieren als ein Sonnenschirm. Die wandert direkt in den kleinen Rucksack, genau wie Sonnenschutzspray und eine Badehose.
Wenig später steuere ich die Morrigan die steile Bergstraße von Maièra hinab zum Meer.
Im Küstenort Grisolia findet sich eine Zufahrt zum Meer. Ich lasse die V-Strom am Anfang des Strandes stehen und stapfe in vollen Motorradklamotten bis zum Wasser.
Mit wenigen Handgriffen ist die Strandmuschel zusammengesteckt und aufgebaut, und ich kann mich aus den Klamotten pellen und den warmen Morgen genießen.
Ah, Nichtstun ist super. Zu was anderem wäre ich heute auch kaum in der Lage.
Ich bin ein Nichtsnutz.
Das Wasser ist erstaunlich kalt. Das ist erfrischend, lange aushalten tue ich es darin aber nicht.
Der Wechsel von “lange in der Strandmuschel liegen und lesen”, “kurz ins Meer springen, eine Runde im kalten Wasser schwimmen und wieder zurück auf das Badetuch im warmen Sand” ist trotzdem schön, und gegen Mittag döse ich sogar kurz ein, ohne aber richtig schlafen zu können.
Der letzte Ausflug ins Wasser wird dann ein sehr heißer – der Strand hat sich mittlerweile so aufgeheizt, dass ich mir die Fußsohlen verbrenne, als ich einen Schritt von der Strandmuschel weg mache.
Au Au AU!
Meine Güte, wie dumm! Meine letzte Aktion vor der Abreise war, die Badelatschen wieder aus dem Gepäck zu nehmen, weil ich dachte, ich bräuchte die nicht. Nun muss ich in die Motorradstiefel schlüpfen und in denen bis zum Wasser stapfen – ein seltsames Bild, so ein Mann in Badehose und dicken Stiefeln, wie auch ein Kind lautstark anmerkt, das mit seiner Mutter unter einem Sonnenschirm in der Nähe spielt.
Am frühen Nachmittag wird es dann endgültig zu warm, und ich fahre in den Nachbarort Diamante. Der soll eine entzückende Altstadt und einen wunderschönen Lungomare (eine Flaniermeile direkt am Meer) haben. Zu sehen bekomme ich beides leider nicht, die Brücken zur Innenstadt sind gerade eine aktive ZTL – Zona Traffico Limitato.
Fährt man in eine ZTL rein, wird man gefilmt und es gibt einen Strafzettel und MAN, die sind richtig teuer – Siena nimmt von Touristen gerne mal 450 Euro für so einen Verstoß. Eine Bekannte ist dort auf der Suche nach dem richtigen Weg drei Mal durch ein ZTL-Tor gefahren . kann man sich vorstellen, was das für eine Rechnung war.
Außerhalb der Altstadt einen Parkplatz zu suchen und bei mittlerweile 28 Grad in vollen Motorradklamotten in die Stadt zu laufen, darauf habe ich aber auch keine Lust. Stattdessen fahre ich zurück in die kühlen Berge und lege mich im “Bellavista” auf´s Bett, finde aber immer noch keine Ruhe.
Ich bin zu müde um Schlaf zu finden.
Am Abend gibt es wieder ein grandioses Essen auf der Terrasse des Hotels. Dieses Mal bin ich schlauer. Um mich nicht wieder zu überfressen bitte ich darum, den zweiten Primo wegzulassen. Ein Paar am Nachbartisch tut es mir gleich – zwei Gänge mit Pasta sind einfach einer zu viel.
Während die Sonne im Meer versinkt, erfreue ich mich an einem Teller Antipasti Mista…
…einem Riesenteller Pennette al Sugo (eine Art lokaler Tagliatelle mit Bohnen)…
…Brasato di Carne Locale und Fagioli con Patate dello Chef (Schmorfleisch aus heimischer Produktion mit Kartoffeln und Bohnen nach Art des Hauses)…
…und als Dolce gibt es heute frisch geerntete Aprikosen und den grandiosen Blick auf das nächtliche Maiera. Großartig!
Dienstag, 03. Juni 2025
Signora Olimpia hat immer noch eine feste Stimme, mit der sie die wenigen Gäste an den Frühstückstresen dirigiert und ihnen Cornetti auf die Teller schaufelt.
Auf der Terrasse genieße ich bei einem Espresso Doppio ein letztes Mal den Ausblick über das wundervolle Panorama aus Bergen und Meer.
Dann verabschiede ich mich von Gastwirt Antonio und sattele die V-Strom, die wenig später über die Küstenstraße braust.
Es geht nach Süden, immer an den Sandstränden der kalabrischen Küste entlang. Gleißend hell liegen die weißen Strände in der Sonne, und trotz der frühen Uhrzeit ist es bereits wieder fast 30 Grad heiß. Eine Hitzewelle, ungewöhnlich für diese Jahreszeit, selbst in Süditalien.
Eigentlich wollte ich heute morgen nach Cosenza, einer größeren Stadt hier in der Nähe, aber bei der Hitze habe ich direkt mal keine Lust darauf. Stattdessen biege ich kurz vor Guardia Piemontese ins Landesinnere ab und fahre über eine toll geschwungene Straße in die Berge hinauf.
Die gut ausgebaute SS283 führt auf einem Berggrat entlang und durch einen Nadelwald. Hier ist es merklich kühler als an der Küste, dafür liegen überall dicke Kiefernzapfen auf der Straße. Es sind so viele, das es an manchen Stellen wie ein Teppich aussieht. Anscheinend ist die Straße nicht viel befahren, und so malmen sich die Reifen der Morrigan eine eigene Spur durch die Baumabkömmlinge.
Einige Dutzend Kilometer weiter wird der Wald spärlicher und geht in Bergwiesen über.
Eine unglaubliche Menge an gelbem Ginster säumt jetzt die Straße.
Das wird erst weniger, als die Bergwiesen in eine Kulturlandschaft aus sommerlich-goldenen Getreidefeldern übergeht. Kalabrien, stelle ich fest, ist wahnsinnig abwechslungsreich und überrascht hinter jeder Biegung mit neuen Ausblicken.
Ich genieße die Fahrt über eine staubige Strada Pronvinziale, die sich durch Orte ringelt, von denen ich noch nie was gehört habe. Ich kenne mich in vielen Teilen Italiens so gut aus, dass ich tatsächlich ohne Hilfe eines Navis meinen Weg finden würde, aber das hier ist alles Terra Incognita und schon deshalb so aufregend, dass es in meiner Magengrube kribbelt. Was auch auffällt: Es ist sauber. Kein Vergleich zu den dichter besiedelten Regionen Süditaliens, wie Apulien, wo alles links und rechts voller Müll liegt.
Die Suzuki rollt an einer Reihe Häuser vorbei, die sich wie Außenposten eines Feldlagers auf abgeschliffen wirkenden Bergen befinden. Dann gibt Anna plötzlich die Anweisung, von der gut ausgebauten Strada Provinciale auf eine kleine Ortsstraße abzubiegen.
Ich bin bei sowas immer sehr misstrauisch, weil diese plötzlichen Abbiegungen auf seltsam aussehende Wege meist die sehr speziellen Spezialabkürzungen des Garmins sind, die meist nichts bringen außer Problemen – mal geht es durch winzige Gassen, mal über unbefestigte Feldwege führen und häufig enden sie dann in einer Treppe oder einem Erdrutsch.
Ich halte kurz an und checke auf Google Maps das Satellitenbild. Die Straße sieht klein aus, eine Single Track Road, aber sie wirkt befestigt und gut ausgebaut, und anscheinend habe ich selbst den nächsten Navpunkt gesetzt. Also alles gut. Ich stecke das Handy weg und fahre weiter.
Die schmale Straße windet sich fröhlich um einen, mit Olivenbäumen bewachsenen, Berghang herum und führt mal in eine kleine Senke, mal eine schwache Steigung hinauf. Häuser stehen hier nicht mehr, und als ich um eine Biegung komme, hängen Bäume und Büsche im Weg – ein deutliches Zeichen, das hier schon lange niemand mehr langgefahren ist. Auch der Asphalt wird bröckeliger, und hier und da sind große Schlaglöcher.
Egal. Wird schon wieder besser werden.
Ich habe den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, als das Sträslein eine scharfe Kurve macht und plötzlich hart einen Berg hinaufführt. Das sieht jetzt eher aus wie ein lange nicht mehr benutzter Wirtschaftsweg als wie eine Straße.
Der Teil, der nicht zugewachsen ist, ist in Längsrichtung durchzogen von Abbruchkanten. Mein Vorderrad würde bis zur Radnabe darin verschwinden. Hm.
Umdrehen ist hier keine Option mehr – die Straße ist schon lange schmaler als die V-Strom lang ist und hat zudem ein Gefälle. Also gut, denke ich und fahre an den Abbruchkanten entlang den Berg hoch und bin fast erleichtert, als die Asphaltreste von grobem Schotter abgelöst werden. Der wird auch von tiefen Auswaschungen durchzogen, aber das kann ich problemlos fahren.
Im Stehen steuere ich die V-Strom langsam, aber stetig den Berg hinauf, vorbei an einer Weggabelung und um eine Kehre und – Whathef… Was ist das denn hier? Vor mir hebt der Schotterweg geradezu ab.
Die Steigung nimmt binnen weniger Meter rapide zu, und der Weg steht fast wie eine Wand vor mir. Ich kann sehen, dass der Hang weiter oben nur noch schlechter wird und aus groben Steinen besteht, und weiter oben sehe ich einen Baum mindestens auf der Hälfte des Wegs liegen. Will ich da hochfahren? Das kann ich schnell beantworten: Nein!
Aber die relevante Frage lautet: Muss ich da hochfahren?
Anna zeigt schon lange nur noch Unfug an und ist keine Hilfe, laut des ZUMOs schweben wir in der Luft im Nirgendwo. Was der Wahrheit recht Nahe kommt.
Ich stelle den Motor aus und lasse das Motorrad gegen den ersten Gang laufen, damit steht es sicher im Hang. Dann hole ich das Handy raus, um auf Google Maps mit der Satellitenkarte zu gucken, ob das der richtige Weg ist oder eine Sackgasse.
Kein Empfang.
War ja klar.
Das ist einer der Gründe, warum ich immer noch ein Extra-Motorradnavi verwende – es funktioniert auch Offline. Meistens. Annas Nachfolger haben sogar Offline-Satellitenkarten, aber den Trick beherrscht das 13 Jahre alte Zumo 590 nicht.
Mist. Und nun?
Ich drehe mich im Sattel um und blicke zurück auf die Weggabelung, die ich gerade noch sehen kann. Im harten Boden sind Spuren von Traktorreifen zu sehen, die den anderen Weg entlangführen. Und dieser andere Weg ist keine senkrechte Wand, sondern führt um den nächsten Berg herum. Okay.
Ohne den Motor wieder zu starten ziehe ich die Kupplung bis kurz hinter den Schleifpunkt, um sie zusammen mit der Vorderradbremse als Bremse zu benutzen, und lasse die V-Strom langsam rückwärts den Hang hinabrollen. Das ist ganz schöne Arbeit – ich muss aufpassen, dass das schwere Reisemotorrad auf dem Schotter nicht ins Rutschen kommt, gleichzeitig muss ich das Gleichgewicht am Berg halten und Aufpassen, wo die Auswaschungen sind, um nicht plötzlich ins Leere zu treten.
In der glühenden Sonne fuhrwerke ich die Suzuki Zentimeter um Zentimeter rund 50 Meter rückwärts, bis sie wieder kurz vor der Weggabelung steht.
Okay. Jetzt bloß noch den Motor starten und am Berg anfahren und gleichzeitig um die Kurve und durch die Auswaschung und über die Bodenwelle und… ach, wird schon.
Beherzt fahre ich an, und die Morrigan hüpft über die Unebenheiten uns befindet sich nun auf einem Sandtrack, der befahrener aussieht und nicht nur um den Berg herumführt, sondern auch etwas Gefälle hat. Gut!
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht weiß: Wäre ich den senkrechten Weg hochgefahren wäre er nach dem steilen Stück wieder flacher geworden, und nach einer Kehre und weiteren 300 Metern wäre ich zu einem Haus und kurz dahinter zu einer Landstraße gekommen.
Aber das weiß ich nicht, genauso wenig wie, dass der Weg auf dem ich jetzt bin, nur befahrener aussieht, weil dort ein Olivenbauer ab und an mit seinem Traktor langfährt. Denn der eingeschlagene Weg führt in einen Olivenhain hinauf.
Shit, der Weg führt in einen Olivenberg! denke ich mit einer Mischung aus Entsetzen und Amüsement. Entsetzen, weil der Weg nach einigen Biegungen wieder genauso steil ansteigt wie der andere Weg vor der Gabelung und hier nicht mehr aus Schotter besteht, sondern aus Erde und Sand, manchmal fein wie Staub.
Amüsement, weil ich jetzt mal gespant bin wie ich HIER wieder rauskomme und dann wenigstens eine gute Geschichte habe. “Damals, als ich mich in Kalabrien in einem Olivenahin verfahren habe. Und dann ist die V-Strom umgekippt und ich musste da übernachten und mich drei Tage von Oliven ernähren bis mich jemand gefunden hat”.
Ach was sollen denn diese Gedanken. Ich KANN doch diese Art Gelände fahren, auch mit dem voll bepackten Motorrad!
Ich gebe Gas und steuere langsam, aber souverän um die sandigen Kehren, immer weiter den Berg hinauf. Irgendwann hören die Kehren auf und ein gerades Stück Sandweg liegt vor mir, und jetzt habe ich Zeit mal den Kopf zu heben und zwischen den Olivenbäumen hindurch einen Blick auf die Berglandschaft zu werfen. Wow, Kalabrien ist schön!
Und dann ist der Sandweg zu Ende, und eine Schotterdecke beginnt, und dann kommt bröckeliger Asphalt hinzu, und dann führt der Weg eine Rampe hinauf und endet an einer Strada Statale. Puh!
Die Morrigan hüpft über die Kante der Rampe und federt etwas ein, als sie auf dem guten Asphalt landet, dann gebe ich richtig Gas und schalte das erste Mal seit einer halben Stunde in einen höheren als den zweiten Gang. Man, tut das gut wieder zu fahren!
Gut, das ich keine Ahnung habe, das ich mir das alles hätte sparen können, wäre ich den steilen Weg weitergefahren. Dann wäre nach 5 Minuten und wenigen hundert Metern alles vorbei gewesen, so bin ich Kilometerweit durch den Olivenberg gefahren.
Die weitere Fahrt verläuft ohne ungewollte Ausflüge ins Gelände, aber trotzdem spektakulär. Die SS177 führt quer durch Kalabrien, windet sich über bewaldete Berge und Pässe mit mit wunderbaren Kehren und endet in einem engen Tal, das sich ein Fluß tief in den Fels gegraben hat.
Das Tal weitet sich kurz vor der Küste, und wenig später geht es entlang der Küste nach Norden, nur um kurz vor der Stadt Rocca Imperiale wieder ins Landesinnere abzudrehen. Die Straße führt durch eine Landschaft aus trockenen Feldern, um dann wieder über Ausläufer des Apennin zu klettern, bis sie auf einen großen See trifft. In einem unwirklichen Hellblau liegt der mitten in der trockenen Landschaft.
Das ist der Diga di Monte Contugno, ein Stausee aus den Siebzigern. Tatsächlich ist es sogar der größte Erdamm Europas. Eine 1.850 Meter lange und 60 Meter hohe Staumauer hält hier bis zu 530 Millionen Liter Wasser. Früher wurde hier nur der Fluss Sinni gestaut, aber um das Riesenwerk voll zu bekommen werden jetzt auch weitere Flüsse eingeleitet.
Der See ist gut gefüllt, was beruhigend ist. Er ist nämlich für ganz Südostitalien wichtig, Wasser von hier versorgt die Menschen mit Trink- und Gießwasser nicht nur in der Umgebung, sondern auch Städte wie Matera und sogar die verrufene Stahlfabrik in Taranto, und das ist beides 120 Kilometer weiter weg.
Das es hier Wasser gibt, ist auch an den Palmen zu merken, die die Straße säumen.
Wieder ändert sich die Landschaft. Sie sieht nun aus wie gebrannter Lehm, aus dem sich seltsam geformte Hügel erheben. Statt grün ist nun alles ockerfarben und vertrocknet. Stellenweise gibt es gar keine Vegetation, nur Sand. Das sieht sehr nach Wüste aus. Dazu passt der Name eines Ortes, durch den ich fahre: “Fornace”, Brennofen. Dies ist das Herz der Basilikata, eine der am wenigsten bekannten Regionen Italiens.
Hier lugen nur die äußeren Gebäude des Ortes Oriolo über eine Felskante. Dass der eigentliche Ort recht groß ist, ist von der Straße aus nicht zu sehen. Ein strategischer Vorteil.
Über eine schmale Landstraße steuert die V-Strom auf eine Bergkette.
Ein kleiner Wald liegt hier, was nett ist, spendet er doch ein wenig Schatten. Hinter dem Wald führt die Straße auf dem Bergkamm entlang bis zu dem Ort Pomarico, der auf einer Felszunge am Ende der Berge liegt und von dort die Landschaft der Basilikata überblickt.
Aber bis in das Dorf fahre ich jetzt nicht, ich biege am Ortseingang ab und steuere die Morrigan durch ein großes Tor und über eine lange, staubige Einfahrt. Neben dem steht ein Schild mit einem stilisierten Pferd und dem Namen “Colledisisto”.
Am Ende der Einfahrt liegt ein Parkplatz und dahinter ein weiteres Tor. Es ist kleiner, weil für Fußgänger.
Auch dort fahre ich das Motorrad hindurch, drehe es in einem Rondell um ein Blumenbeet um und stelle es rückwärts vor einem Gebäude ab. Das hier ist das Colledisisto, ein Restaurant, das aber auch Zimmer vermietet.
Das Haus ist zweigeschossig, aber ausladend mit Haupthaus, einem Anbau für Festgesellschaften und einem Außengelände, das mit Kalksetein in verschiedene Sitz- und Flanierzonen gestaltet ist. Es gibt sogar eine Tanzfläche für Außen.
Heute liegt aber alles verlassen dar. An der Tür hängt ein Zettel mit zwei Telefonnummern. Die erste kann ich nicht lesen, bei der zweiten geht niemand ran. Ich rate was die erste sein könnte und wähle die, aber ohne Landesvorwahl.
“Pronto!”, Bereit! meldet sich ein Mann mit der landestypischen Begrüßung, aber ohne Namen. “Entschuldigung, ist da das Ristorante Colledisisto?”, frage ich auf italienisch und ernte als Antwort einen Schwall schneller und verschliffener Sätze, die ich nicht verstehe. Ich versuche es nochmal. “Ich stehe gerade vor dem Colledisisto, ich habe eine Reservierung für ein Zimmer. Bin ich bei Ihnen richtig?”
Wieder folgt ein Schwall Schnellfeueritaliensch. “Langsam!”, sage ich resigniert, aber mein Gesprächspartner rabbelt weiter und ich verstehe: Null. “Danke, schönen Tag noch”, sage ich und lege auf.
Und nun? Das Haus wird von Frauen geleitet, und jede Frau in Italien ist auf Insta. Auch Nadia, die den Laden hier schmeisst. Ich schreibe sie an und bekomme binnen Sekunden eine Antwort, und wenige Minuten später kommt eine Frau und ein Mann an die Rezeption und öffnen mir die Tür.
“Haben wir telefoniert?”, frage ich den Mann und er Antwortet mit einem Schwall italienisch, den ich ich nicht verstehe. Also anscheinend schon.
“Er versteht nichts”, sagt er zu der Frau und DAS verstehe ich.
“Ey! Capisco quasi tutto, se parli lentamente e usi parole semplici”, sage ich, “Ich verstehe fast alles, wenn man langsam mit mir spricht und einfache Worte wählt”.
“Hm”, macht die junge Frau und holt ihr Handy raus, aber natürlich ist das wieder einer der Momente, in dem Google Translate wieder mal nicht funktioniert. Sie sucht nach Worten auf Englisch. “You´re Room… isse key…”
“Per favore, provi in italiano”, sage ich. Sie guckt skeptisch, wagt es dann aber doch und zack, klappt auch die Verständigung.
Nachdem sie und der Mann gegangen sind hole ich das Gepäck von der V-Strom, die auf dem gerade Vorplatz steht. Hm. Sie steht gerade. Selten genug, und gute Gelegenheit mal den Ölstand zu checken. Ich bocke die Suzuki auf den Hauptständer und schauen ins Ölglas an der Seite des Motors. Dort befinden sich zwei Striche, einer für das Minimum, einer für das Maximum und irgendwo dazwischen sollte der Ölstand sein.
Ist der aber nicht.
Das Schauglas ist bis zu Oberkante und darüber hinaus voll. Hm. Sollen ditte? Steht sie vielleicht doch nicht gerade? Ich steige nochmal in den Sattel und fahre auf dem Bergrgat zurück bis zu einem Gewerbegebiet. Dort finde ich einen Parplatz, der gerade und eben aussieht. Ich stelle die Maschine ab und warte 10 Minuten, dann gucke ich wieder auf das Schauglas. Selbes Bild: Die V-Strom ist viel zu voll. Verdammter Mist. Die einzige Möglichkeit wie das Möglich ist: Irgendeine andere Flüssigkeit, vielleicht Benzin, ist ins Öl gelaufen. Ich schraube die Einfüllkappe ab und halte die Nase über das Loch, kann aber kein Benzin im Öl riechen.
Seufzend und blicke auf die Uhr. 18:15 Uhr. Vermutlich hat er schon Feierabend gemacht, aber… ich ziehe ich das Handy raus und wähle eine Nummer. Nach zwei Mal klingeln knackt es in der Leitung, und mein Suzuki-Händler in Deutschland ist dran.
Was für ein Glück!
“Jürgen! Ich brauch mal Deine Hilfe.”
“Sil! Wo treibst Du Dich denn rum?”, fragt er.
“Basilicata”, sage ich.
“Wo ist das denn?”
“Spielt keine Rolle. Sag mal: Wenn sich das Öl auf wunderbare Weise vermehrt, woran liegt das?”
Jürgen ist einen Moment still, dann sagt er “Das vermehrt sich nicht. Bei den neuen Maschinen ist nur das Schauglas völlig unbrauchbar. Es reicht wenn die Maschine minimal schief steht, dann kann man da nichts mehr vernünftig ablesen. Wir müssen in der Werkstatt sogar mit einer Wasserwaage rumhantieren, um den exakten Füllstand abzulesen.”
“Mir geht es auch nicht um Millimeter bei der Strichhöhe, ich will es nur ungefähr ablesen, und mein Schauglas hier ist bis Unterkiefer Oberlippe voll, selbst wenn sie gerade steht”, beharre ich.
“Liest Du auf dem Haupständer ab?”, fragt Jürgen.
“Ja?”, sage ich.
“Das macht man nicht. Nie! Du brauchst eine zweite Person und eine Wasserwaage.”
“Öh. Aha. Also, in meiner Garage geht das super auf dem Hauptständer, da ist alles exakt eben und der Strich immer knapp über der Mitte”, sage ich.
“Dann ist das vielleicht Zufall, machen soll man das jedenfalls nicht. Läuft denn der Motor rund? Und da wo Du jetzt bist, bist Du Hundertprozentig sicher, dass da alles bis auf den Millimeter gerade ist?”, fragt Jürgen.
Ich sehe mich um. Die Straße hier hat vielleicht dich ein minimales Gefälle. “Nee”, sage ich.
“Dann hör auf Dir Sorgen zu machen und genieß die Fahrt. Und wenn Du wieder hier bist, kommste mal vorbei und dann gucken wir danach. Mit Wasserwaage”, sagt Jürgen auf seine väterliche Art.
“Okay, danke”, sage ich und lege auf.
Das hat mich jetzt beruhigt. Ich kann eh nichts machen – die einzige Möglichkeit wäre, eine Werkstatt zu suchen, denen von vermeintlich wunderbarer Ölvermehrung zu berichten und dann vermutlich ausgelacht zu werden. Also beschließe ich, das Problem zu ignorieren. Die V-Strom hat ohnehin noch Garantie, falls wirklich etwas mit ihr nicht stimmt, darf Suzuki das in Ordnung bringen.
Ich fahre zurück zum Colledisisto, wo ich in meinem Zimmer auf´s Bett falle. Es ist das selbe Zimmer wie bei meinem ersten Besuch hier.
Es ist geräumig und schön, führt aber zum Hof hinaus – gerade am Wochenende, wenn hier gefeiert und getanzt wird, ist das sehr laut. Aber genau deswegen bin ich auch nicht am Wochenende hier, sondern unter der Woche. Das Erlebnis auf Sizilien, wo ich eine schlaflose Nacht über einer Hochzeitsgesellschaft verbrachte, wirkt heute noch nach.
Ich bin völlig fertig und müde. Es war ein langer Tag, und es ist heiß – auch das Gebäude hier ist so aufgeheizt, dass die Klimaanlage erstmal gar nichts zu bringen scheint. Ich mache die Augen zu, kann aber wieder nicht einschlafen.
Gegen 20 Uhr begebe ich mit hinunter in den Gastraum. Satide sieht mich kommen und schaut grimmig.
“Seguimi”, sagt sie, “Follow”.
Sie geht vor und führt mich zu einem Tisch am Rande des großen Gästeraums. “Besteht die Möglichkeit draußen zu sitzen?”, frage ich und deute in Richtung des Festvorbaus. “Nicht heute”, sagt Satide und legt die Karte auf den Tisch.
Die ist umfangreich, aber nicht unrealistisch oder überbordend. Es gibt Meeresfrüchte (iieh), Pizza und traditionelle Gerichte der Region. Und natürlich ist alles, alles hier ist hausgemacht. Nach ausführlichem Studium der Karte entscheide ich mich für einen Klassiker:
Oriechiette con Polpette, handgemachte Pasta in Form kleiner “Öhrchen” in Tomatensoße und mit Hacklfleischbällchen…
…als Secondo dann Roulade aus Pferdefleisch.
Nadja, die gemeinsam mit Schwestern und Schwägerin Satide das Restaurant führt, hat mir mal ein Video davon geschickt wie sie die machen. Die Rouladen sind rund 40 Zentimeter lang und werden vorab zubereitet und in großen Töpfen ganz langsam gegart, und dann für den Verzehr in ganz dünne Scheiben geschnitten und in einer Form in den Ofen geschoben.
Köstlich! Später falle ich müde ins Bett – und kann prompt wieder nicht schlafen, weil WIEDER völlig überfressen bin.
Tour des Tages: Von Maìera nach Pomarico, 387 Kilometer.
Zurück zu Teil 3: Sssseisse! Kaputte! Verdamme!
WEiter zu Tel 5: Braking Bad





























































5 Gedanken zu „Reisetagebuch (4): Slow Horses“
Ich gebe ja zu, auf sowas warten wir hier: “Damals, als ich mich in Kalabrien in einem Olivenahin verfahren habe. Und dann ist die V-Strom umgekippt und ich musste da übernachten und mich drei Tage von Oliven ernähren bis mich jemand gefunden hat.” Das wollen wir lesen, während wir gemütlich mit einem Kaffee an einem winterlichen Samstagmorgen eingekuschelt das Tagebuch lesen.
Wir fiesen Lesenden.
Exakt das! 😁
Pffffh! 🤣
Richtiges Essen – ich kann es immer noch nicht gauben.
Danke @Modnerd *kichert
Moin Silencer, ich muss gerade schmunzeln. Das mit dem Feldweg ist mir hier in Kreta gerade vorgestern auch passiert – mit Beeline und Google Maps als Unterstützung hat leider auch nicht geholfen. Mit einem Leihmotorrad wollte ich sowas nicht riskieren. Mit meiner Yamaha XT600 wäre ich da schon langgebrettert und so bin ich umgekehrt und habe mir eine passende Strecke mit klassischer Papierkarte rausgesucht.
Gruss Lupo