Reisetagebuch (6): No Time to Die
Donnerstag, 05. Juni 2025
Heute morgen wartet Nadia persönlich am Fuß der Treppe. Wir haben recht viel Kontakt über Instagram. Sie ist die älteste der Schwestern, die das Colledisisto führen, und geht begnadet mit Social Media um. Auf ihrem Instagram-Kanal kann man immer wieder sehen, wie in der Küche tolle Dinge zubereitet werden, oder wie der Gastraum und der Außenbereich des Restaurants für Feiern dekoriert ist.
Eine frische Iris liegt auf meinem Teller, das ist ein fluffiges Gebäck gefüllt mit sämiger Vanillecreme. Zuckerschock, aber geil!
Als ich vor das Gebäude trete, merke ich, wie heiß es schon wieder ist. 35 Grad sollen es heute werden, und weit weg davon können wir schon jetzt nicht mehr sein. Aber egal, heute oder nie – es geht nach Matera.
Ich gehe zurück ins Haus und ziehe meine Motorradsachen an. Das volle Programm, Jacke, Airbag, Stiefel, Hose. Das Bisschen Hitze ist keine Ausrede, um auf irgend etwas davon zu verzichten. Ich will nicht zu denen gehören, die man mit appem Fuß aus der Leitplanke puhlt und stammeln “Normalerweise trage ich IMMER Stiefel, nur heute war ich in Schlappen unterwegs”.
Es geht von Pomaricos Bergrücken hinunter und Richtung Nordosten, durch die verbrannten Felder und auf die inoffizielle Hauptstadt der Basilikata zu: Matera.
Schnell kommt man hier nicht voran, dazu sind zu viele Autos unterwegs. Viele mit ausländischem Kennzeichen, vermutlich Touristen. Matera ist schon seit Jahren eine Sehenswürdigkeit, aber seit dem der letzte Bondfilm dort spielte, ist die Stadt völlig überlaufen.
Die Fahrt zieht sich, und als die Blase drückt, suche ich mir einen Straßenrand mit einem schönen Busch.
Als ich nach der Erleichterung zum Motorrad zurückkomme, ist das von einer Wolke eingehüllt. Kriebelmücken! Tausende davon!
Bloß weg hier! Ich schwinge mich in den Sattel, lasse den Motor an und beschleunige so heftig, dass die Traktionskontrolle der V-Strom wild blinkt. In meiner Vorstellung schieße ich damit aus der Wolke der Kriebelmücken heraus und lasse sie hinter mir. Leider sieht die Realität anders aus. Einige der Viecher haben sich auf mir niedergelassen und fahren einfach mit. Und nicht nur das: Sie haben den weg in den Helm gefunden. Ich merke, wie es auf meinem Kopf, da wo die Lüftung endet, krabbelt. Noch schlimmer: Mindestens eine der Mücken dringt gerade in mein linkes Ohr ein!
Das ist ein abscheuliches Gefühl. Als wenn es ganz fürchterlich juckt, man sich aber nicht kratzen kann – nur tausend Millionen mal schlimmer! Ich kann auch gerade nicht einfach anhalten, und so muss ich weiterfahren und spüren, wie das Insekt immer tiefer in mein Ohr hineinkrabbelt. Ich schreie durch zusammengebissene Zähne und schneide Grimassen, aber das hilft natürlich nicht.
Da! Eine Lücke in der Böschung neben der schmalen Straße! Ich latsche auf die Bremse, und die V-Strom kommt in einer Staubwolke zum Stehen. Sofort reiße ich mir den Helm vom Kopf und stecke den Finger ins Ohr. Tut das gut!!!
Erleichtert klopfe ich die restlichen Mücken aus meinen Klamotten und aus dem Helm. Puh, was war das eklig. Wobei mir das in letzter Zeit sehr, sehr häufig passiert. Die Ohren liegen im Nolan N100-6 frei, und meine Gehörgänge sind sehr weit. So weit, dass Standard-Ohrenstöpsel zu klein sind und einfach rausfallen, weshalb ich jetzt angepasste habe. Die trage ich tatsächlich häufig, als Schutz gegen Lärm und gegen Insekten. Heute morgen allerdings nicht.
Egal, weiter jetzt.
In dem Moment hupt es laut und wütend hinter mir, und ein Traktor rumpelt Zentimeter an mir vorbei. Ja, mi dispiace, sorry das ich in deiner Einfahrt stehe! War ja klar, hier ist die totale Einöde, aber wenn ich irgendwo anhalte, muss genau in dem Moment jemand hier durch.
Gleich wieder losfahren geht aber nicht, weil jetzt eine Szene wie aus einem Clownsfilm folgt: Ein Auto nach dem nächsten rollt an mir vorbei. Der Trecker hat anscheinend fünf Kilometer Autos hinter sich eingesammelt. Ich stehe da gefühlt 5 Minuten, in denen ein Wagen nach dem nächsten an mir vorbeirauscht. Dabei meine ich zu spüren, wie schon wieder Insekten in alle möglichen Öffnungen eindringen. Widerlich!
Endlich verebbt der Strom der Fahrzeuge, und ich kann die Suzuki wieder auf die Straße bringen. nächsten Kilometer führen wieder durch eine Wüste, aber an ihrem Rand kann ich schon die Silhouette einer Stadt auf einem Bergkamm sehen. Das ist Matera.
Der Stadtverkehr an diesem Morgen ist bereits heftig, aber ich finde auf Anhieb wo ich hinwollte: Den zentralen Park rund um die alte Burg.
Parken ist in Matera nicht einfach. Auch dann nicht, wenn man bereit ist, Geld dafür zu bezahlen. Manche der eingetragenen “Parkhäuser” sind kleine Hinterhöfe mit fünf Stellplätzen, wo der Besitzer mit Autos Tetris spielt und die für einen ein- und ausparkt. Manche sind auch Touristenfallen – wie das Parkhaus, dessen Einfahrt 20 Meter hinter dem Beginn einer Zona Traffico Limitato liegt. Der Besitzer von dem Ding lügt nachfragenden Touris die Hucke voll und behauptet, wer bei ihm parkt, würde die ZTL-Regelung nicht verletzen – und wer dann dort parkt, bekommt noch ein Knöllchen über 80 Euro.
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber theoretisch dürfen Motorräder wohl sogar in die ZTL und damit in die Altstadt von Matera.
Direkt an der breiten Panoramastraße parken, das ist schon ein verlockender Gedanke, besonders bei der Hitze. Ich habe sogar eine Route dafür in Annas Speicher, will die aber nicht fahren – wer schon einmal in Matera war weiß, dass es keine Freude ist, mit einem Fahrzeug durch die engen und steilen Gassen zu holpern.
Entlang der Straße an der Burg habe ich drei Parkplätze ausgemacht, die für Moppeds geeignet sind. Mein Favorit ist aber auch bei anderen beliebt und leider schon zugestellt, von Vespas und einer Ape der Stadtreinigung.
In der Anfahrt habe ich aber einen anderen Parkplatz gesehen, am Straßenrand, frei uns kostenlos. Ich wende die V-Strom und sause zurück zu der Stelle, und tatsächlich ist die Lücke noch frei! Ich stelle die Morrigan hinein und steige aus dem Sattel.
Ein Autofahrer hält neben mir, hupt und gestikuliert. Es ist klar, was er will – parken, und das ein Motorrad einen ganzen Autoparkplatz in Beschlag nimmt, ärgert ihn. Ich gestikuliere zurück, dass mir das egal ist, und er verabschiedet sich mit einem freundlichen “Minchia!!”, Arschloch, was ich mit einem gutgelaunten “Imbecille!”, Knalltüte, beantworte.
Heute trägt die V-Strom das volle Reiseornat mit Koffern und Topcase. In den einen Koffer kommen Jacke und Airbagweste, in den anderen die schweren Daytona-Stiefel. In denen kann ich nämlich nicht weit laufen, wie das Blut am Mont-Saint-Michel bewies. Stattdessen schlüpfe ich in Trekkingschuhe, dann geht es in Richtung Westen.
Schon nach knapp 10 Minuten erreiche ich die hässlichen Neubauten, die am Rand der Altstadt gewuchert sind. Ganz schön hässlich hier, aber das wird gleich besser. Die Piazza San Francesco, der zentrale Platz zwischen Neu- und Altstadt, liegt schon aufgeheizt in der Sonne. Er ist gesäumt von barocken Kirchen und moderner Kunst.
Hingucker ist die Weihnachtsdeko, die die Touris so schön fanden, dass man sie jetzt einfach das ganze Jahr aufgebaut lässt.
Etwas nördlich liegt ein zweiter großer, aber älterer Platz. Hier ist auch der Einstieg zum Palombaro Lungo, einer unterirdischen Zisterne. Rumlaufen in unterirdischen Gewölben liebe ich ja, aber bei meinen ersten Besuchen in Matera war das hier völlig überlaufen. Heute ist es kein Problem ein Ticket zu kaufen und über ein System aus verschachtelten Metalltreppen und Laufstegen in die Unterwelt hinab zu steigen.
Das ganze ist gar nicht mal so groß, in 10 Minuten ist man durch. Interessant ist es aber trotzdem, dieses Gefühl tief in die Historie und die Eingeweide der alten Stadt hinabzusteigen.
Vor allen Dingen ist es kühl. Wunderbar kühl. Wie kühl merke ich sofort, als ich wieder an die Oberfläche komme und mich die Gluthitze sofort wieder voll trifft. Selbst für Süditalienische Verhältnisse ist es gerade viel zu heiß, das Thermometer pendelt schon wieder über 30 Grad hinaus.
So, Pflichtprogramm erledig, jetzt kann ich verschütt gehen. Ich laufe blind in das Gewirr der Gassen und Straßen und gucke mal, wo die mich hinbringen. Etwas anders hat in Matera eh keinen Sinn, die Stadt ist verwinkelt und eng und die Häuser sind teils übereinander gebaut.
Bei solchen Kontruktionen funktioniert GPS schlecht. Das ganze verwirrt selbst Google Maps, das für einen guten Teil der Zeit nicht in der Lage ist, einen dort zu lokalisieren, wo man sich gerade befindet. Ist natürlich keine Entschuldigung dafür, dass ich heute meinen kleinen Trip Recorder vergessen habe, aber der würde hier in der Tat nicht viel aufzeichnen.
Über Treppen und durch Gassen komme ich an der breiten Promenade heraus. Die führt am Rande der Schlucht entlang, an der Matera liegt.
Ich muss grinsen. Die Route, die mich direkt zum Parken hierher geführt hätte – sie endet an Treppen, fünf Meter vor der Promenade. Gut, dass ich nicht versucht habe, hier lang zu fahren.
Gegenüber der Altstadt liegt ein Berg, der durchzogen ist von Höhlen und mit einem Parkplatz oben drauf. Im Bond-Film war dort der Friedhof, auf dem James Bond das Grab von Vespa Lynd besucht, aber den gibt es dort nicht.
Hinter mir beklagt sich jemand auf schwäbisch über die Hitze. Ist klar, egal wo man hinkommt, die Schwaben sind schon da und beschweren sich beim Manager.
Es ist aber auch wirklich heiß. Mir läuft der Schweiß über den ganzen Körper. Anders als Heinz und Annegret mit ihren luftigen Klamotten trage ich immer noch die fette Motorradhose. Die ist nicht nur schwer, ich habe auch das Gefühl ich zerfließe darin. Wenn ich hier kollabiere, wie kommen dann Sanitäter in die engen Gassen? Geht ja nur zu Fuß, oder hieven die zusammengebrochene Touristen mit einem der großen Kräne am Rand der Altstadt hier raus?
Besser, ich probiere das nicht aus. “No Time to Die”, sage ich zu mir selbst, kichere blöd und kämpfe mich weiter die Treppen hinauf.
Ich würde gerne zum Dom, erreiche den aber nicht. Aus der Ferne sehe ich ihn immer mal wieder, aber wenn ich in seine Richtung laufe, wird das Labyrinth aus Treppen und Gassen so dicht, dass ich an einer anderen Ecke rauskomme und ihn wieder nur aus der Ferne sehe.
Fast eine Stunde wandere ich so durch Matera und sehe dabei verwundert, wie hier gebaut wird (indem Minibagger und Minikipper über Holzbalken die Treppen hoch- und runterfahren) und muss zwei mal Influencerinnen aus dem Weg schubsen, die in langen Kleidern und mit Strohhüten auf dem Kopf die Treppen hochschlawenzeln, während hinter ihnen ein schwitzender, dicklicher Mann mit einem Handy herläuft. So entstehen also diese Videos!
Immerhin finde ich die kleine Kirche “San Pietro Caveoso” (St. Peter in der Höhle). Die ist putzig.
Dann, endlich, komme ich am Dom heraus. Hier sprang Bond mit dem Motorrad auf den Vorplatz.
Und hier ist der Platz, wo er mit dem Aston Martin rumgemacht hat.
Puh, reicht jetzt. Es ist wirklich unfassbar heiß, und nun füllen sich die Gassen mit Massen an Touristen. Bloß weg hier!
Unterwegs finde ich noch weitere Baumskultpuren des Künstlers Andrea Roggi.
Zurück an der V-Strom saufe ich erst einmal einen halben Liter Wasser, dann ziehe ich am Straßenrand wieder Stiefel und Jacke an. Natürlich steht dabei schon die ganze Zeit ein Auto neben mir und blinkt. Tja, muss sich gedulden. Bei der Hitze bin ich nicht der schnellste. Wen man von Schweiß durchnässt ist, kleben die Klamotten beim Anziehen, und dann dauert das nunmal.
Nicht weit von Matera liegt Gravina in Puglia. Noch so eine schönes Barockstädtchen an einer tiefen Felsenschlucht.
Hier ist die Brücke, über die Bond gejagt wird und von der er sich schließlich abseilt.
Erinnerung an einen Steinmetz:
Alter ist das HEISS. Ich schlappe zurück zum Motorrad und kann spüren, wie der Schweiß in den Stiefeln Quatsch-Geräusche macht.
Ich sterbe fast vor Hitze. Mir ist nur noch danach, zurück ins Colledisisto zu fahren und mich auf´s Bett zu legen.
Und GENAU DAS mache ich dann auch!
Heute ist keine Zeit zu Sterben – ich verpenne den restlichen Tag mit seiner Backofenhitze im seligen Luftzug der Klimaanlage.
Abends gibt es dann “Pasta e Cicerchie dello Chef”, Nudeln mit Kichererbsen…
…und “Bocconcini arrosto”, Saltimbocca mit geräuchertem Schinken…
…gefolgt von einem Pistazientartufo.
Freitag, 06. Juni 2025
Statt Nadia oder der schlafmützigen Tante von gestern ist heute morgen Heside am Start. Das ist die junge Frau mit dem ägyptischen Namen, die am ersten Tag hier annahm, ich würde gar nichts verstehen und die nie lächelt. Ich muss nicht nur nicht nach einem Caffé fragen, ich bekomme auch ein Warmes Croissant mit Schinken und Käse. Das Frühstück scheint zu variieren, je nachdem welche der Damen des Hauses sich um die Frühschicht kümmert.
Mein letzter Tag im Colledisisto. Für großartige Aktionen, wie ein Besuch im nahegelegenen Monopoli oder dem hybschen Küstenstädtchen Polignano al Mare, ist es zu heiß. Darum fahre ich noch einmal an das 50 Kilometer entfernte Meer und verdödele ich noch einen Tag in der Strandmuschel. Warum auch nicht? Ich habe immerhin Urlaub!
Abends gibt es wieder “Bruschetta nach der Fantasie der Köchin” und eine Pizza, dieses Mal eine “Contadina” mit Tomaten, Mozzarella, Kartoffeln, Zwiebeln und Bacon.
Man, von Essen verstehen die hier wirklich was!
“Tutto a Posto?”, fragt Heside und ich nicke glücklich und erkläre dann, dass das hier mein Lieblingsrestaurant ist. “Davvero?”, fragt sie ungläubig. “Certo”, sage ich. “Per l’ottimi cibi e per il servizio eccellente!” Immerhin war ich jetzt schon drei mal hier. “Sono già stato qui a tre volte, e verrei più spesso se non fosse a 1.800 chilometri di distanza”.” – ich wäre viel öfter hier, wenn es nicht 1.800 Kilometer weit weg wäre.
Jetzt lächelt sie. Ein wenig zumindest.




























































4 Gedanken zu „Reisetagebuch (6): No Time to Die“
Eine kleine Anmerkung: Die “Weihnachtsbeleutung” ist tatsächlich eine spezielle Beleuchtung für diverse Feste in Apulien, genannt Luminarie. Das größte Luminarie-Fest ist hier tatsächlich im Juli, das Festa patronale di santa Domenica und das Herz der ganzen Sache findet sich in Scorrano und angeblich wurde da auch diese Form der Beleuchtung gefunden.
Hier gibt es ein paar Infos dazu: https://www.puglia.plus/veranstaltungen-salento/luminarie-festbeleuchtung-apulien/
Das Ganze ist tief beeindruckend (unbedingt das Video auf der Seite ansehen oder mal nach anderen Video suchen) weil hier inzwischen Tradition und moderne LED-Technik zusammen kommen und gerade in langen Straßenzügen sehr räumliche Lichtkunstwerke entstehen.
Zu Weihnachten bauen sie das gar nicht auf, dafür aber wohl andere recht hübsche Dinge mit Licht.
Das wusste ich noch nicht! Vielen Dank!
Als ich mit meiner Frau in der Toskana war, habe ich auch immer die volle Bekofferung dran gehabt. Wir haben uns dann immer am Parkplatz komplett umgezogen mit kurzer Hose und Sandalen und konnten uns mit leichter Kleidung super durch die Orte bewegen. Ich habe dann immer die biker bedauert, die in vollem Ornat die Orte besichtigt haben.
Das Anziehen danach war aber auch immer eine Qual.
Alles ist besser, als in vollen Klamotten bei der Hitze durch die Gegend zu laufen. Ich hatte mal ganz wundervolle Alpine Stars Stiefel, mit denen konnte ich auch gut durch Städte laufen. Aber die waren immer relativ schnell kaputt und auch nicht wirklich sicher.