Reisetagebuch (7): Tropea

Reisetagebuch (7): Tropea

Eine sommerliche Fahrt mit der Morrigan durch Süditalien. Heute mit Tartufo-Eis und Zwiebelkonfitüre.

Freitag, 07. Juni 2025
Das war leider bereits meine letzte Nacht im Colledisisto. Heute morgen hat Nadia wieder Frühschicht, und sie war schon beim Bäcker – es gibt eine Quarktasche mit FEIST Quark drin, da brauche ich heute den Rest des Tages nichts mehr zu essen.

Als Nadia nach dem Frühstück mit geübten Handgriffen die Rechnung zusammenschreibt, fragt sie nebenbei “Und, kommt Du wieder?”
“Auf jeden Fall!”, sage ich, “Aber ich weiß nicht wann – Pomarico ist nicht um die Ecke.”
“Dann sage ich jetzt “Bis zum nächsten Mal”, sagt sie.
“Bis zum nächsten Mal”, erwidere ich.

Draußen steht die V-Strom, schon fertig bepackt, im Schatten des Wirtshauses. Gott, ist es schon wieder heiß!

Als ich das Motorrad anlasse, meine ich ein seltsames Tickern aus dem Motor zu hören. Was ist das denn jetzt? Die Ventile? Doch zu viel Öl, das irgendwo rausdrückt? Ich verdrehe die Augen über mich selbst. Nein, ich WILL MIR JETZT KEINE SORGEN MACHEN, sage ich mir und schiebe das Problem, wenn es denn eines ist, in eine staubige und dunkle Ecke meines Hinterkopfs.

Kurz darauf kurvt die Morrigan die Strecke vom Bergrücken Pomaricos hinab und in den Glutofen der Basilikata. Auf einer Landstraße geht es nach Süden, auf´s Meer zu, und dann daran entlang und nach Westen. Das hier ist die Sohle des italienischen Stiefels.


Ganz viel sehen tut man nicht, aber links zieht das Meer vorbei und rechte staubige Hügel mit Olivenbäumen.

Man sieht, dass diese Strecke viel befahren ist. Hier sieht es aus wie in Apulien.

Bei Trebesacci führt uns Anna von der Strada Statale ab und… ja, wohin eigentlich? Der Asphalt endet an einer Baustelle. Die Straße, über die das Navi uns führen will, gibt es hier noch gar nicht.

Also umdrehen, zurück auf die Strada Statale und ein paar Kilometer weiter abbiegen ins Landesinnere. Hier kurve ich auf dem Mittelfuß des Stiefels herum, der von Bergen bedeckt ist und man, da sind einige wirklich tolle Strecken mit dabei. Wunderbar kurvig, häufig durch kühlende Wälder, und ab und an sieht es hier sogar aus wie in den Alpen, dabei ist es Kalabrien.

Ah, da ist Cosenza. Die Stadt würde ich gerne auch mal sehen. Aber jetzt, bei 35 Grad, geht das einfach nicht, und so fahre ich an ihr vorbei.

Überhaupt, diese Hitze. Die V-Strom trägt nur das Standard-Windschild, keine große Reisescheibe, und trotzdem habe ich gefühlt zu wenig oder gar keinen Fahrtwind. Immer öfter richte ich mich auf und fahre auf den Fußrasten stehend, damit zumindest etwas Luft durch die Jacke geht und an den Körper kommt.

Wirkliche Kühlung gibt das aber nicht, es fühlt sich eher so an, als ob mir jemand einen Föhn unter die Jacke gesteckt hat. Als ich an die Küste komme, wird es noch einmal heißer. 38 Grad zeigt nun das Thermometer, und JETZT fühlt sich der warme Wind an, als ob meine ganze Kombi mit warmem Badewasser gefüllt ist. Das ist ekelig und kräftezehrend.

Beim Ort Pizzo lenke ich die V-Strom von der Strada Statale auf ein kleines Sträßchen, das in Kurven den Beginn einer Felsklippe hinabführt und dann an einem Parkplatz endet. Ich stelle das Motorrad auf einen Parkplatz, steige aus dem Sattel und nehme den Helm ab, und in dem Moment ist es, als ob ich mir einen Eimer Wasser über den Kopf schütte – unter dem Helm quillt der Schweiß hervor und pladdert in Strömen über Gesicht, Brille, Jacke. Ich nehme das Handtuch aus dem Topcase und wische mich halbwegs trocken. Alter, ist das HEISS. Seufzend marschiere ich einen steilen Weg hinauf Richtung Dorf.

Das Dorf trägt den Namen Pizzo. Wie Pizza, nur mit O am Ende. Es ist aber fast genauso berühmt wie Pizza, zumindest bei den Italienern. Hier wurde nämlich etwas ganz berühmtes erfunden. Darauf wies mich Optimisc vor einigen Tagen auf Mastodon hin, als ich schon hier in den Gegend unterwegs war:

Das muss ich natürlich angucken! Oder besser noch: Probieren!

Pizzo schmiegt sich an die steile Küste von Kalabrien. Von oben kann ich auf das Meer hinabblicken.

Der steile Fußweg endet in einer kurvigen Straße, und die führt dann noch steiler hinab ins Dorf. Wie eine Treppe, so stark ist das Gefälle. Runter ist leicht, aber nachher muss ich die ja wieder hoch, und das bei der Hitze und natürlich in Motorradklamotten…

Die Straße endet nach einigen hundert Metern am großen Marktplatz von Pizzo. Der ist heute ein Gewirr aus Baustellen, Autos und Motorrädern. Sogar V-Stroms sind unterwegs! In dieses Gedrängel wollte ich übrigens absichtlich nicht und habe deshalb ein wenig außerhalb geparkt. Ich hasse es, in Motorradpulks festzustecken.

Man ist hier was los. Aber: In der Bar Ercole sind Plätze frei. Ich setze mich an einen Tisch und beobachte das Treiben.

Wenig später steht ein Caffé Doppio vor mir und etwas, das aussieht we ein Teigrohling, den man in Schokoladenpulver gewälzt hat. Formschön ist definitiv anders. Ob das Ding innere Werte hat?

Die hat es! beim Anstechen der zähen Eismasse quillt Schokoladensoße aus dem Inneren, dass sich als Nocciola-Eis herausstellt.

Hmm. Meine Güte, schmeckt das toll. Schokoladig bis zum geht nicht mehr. Da schmeckt man jeder der guten Zutaten heraus.

Die verunglückte Form ist übrigens Programm. Das Tartufo-Eis entstand 1952, als einem Konditor bei der Vorbereitung auf eine Hochzeit die Eisformen ausgingen. Kurzerhand formte er mit der Hand eine Kugel Haselnusseis (Nocciola) und knetete Schokoladeneis drum herum und füllte dann Schokoladensoße hinein. Das schlug er in Papier ein und ließ es wieder abkühlen. Nach dem Auspacken dann noch in Kakaopulver gewälzt, Zack, fertich: Ein sizilianischer Arancini – nur statt aus Reis und Ragout aus Eis und Schokosoße. Trüffel sind übrigens nicht im Eis. Das heißt nur “Tartufo”, weil die Form an einen Trüffel erinnert. Entfernt. Wenn man die Augen zukneift und den Kopf schieflegt.

Bild: Wikipedia

Das ganze entstand hier, am Marktplatz von Pizzo, in der Gelateria Dante. Die Neffen des ursprünglichen Konditormeisters lernten von einer Kellnerin der Gelateria Dante die Kunst der Eisherstellung, und Mitte der 60er übernahm einer der beiden das “Dante” und der andere eröffnete gegenüber das “Ercole”. Beide beanspruchen für sich, das sie nach Originalrezept arbeiten.

Einen Vergleich, ob das Tartufo des Ercole oder des Dante besser ist, werde ich heute nicht vornehmen. Das Zeug ist so gehaltvoll, ich habe vermutlich gerade genug Kalorien für den Rest des Monats konsumiert.

Der Caffé und der Genuss des Eises haben mir einen kurzen Moment der Ruhe geschenkt, wie in einer kleinen Blase der Glückseligkeit. Es heißt ja immer “Schokolade macht glücklich”, worauf ein Arzt in der Zeitung mal antwortete “Schokolade besteht aus Zucker und Fett. Zucker macht aggressiv und Fett macht dick, wo ist da das Glück?”.
Der Typ hat noch nie ein Tartufo-Eis in Pizzo gegessen.

Als ich den Löffel beiseite lege, holt mich die Hitze des Tages und die Hektik und Lautstärke des Markplatzes wieder ein. Ich zahle, dann trete ich den langen Weg den Berg hinauf und zurück zum Motorrad an.

Wenig später brummt die V-Strom wieder über die Küstenstraße nach Süden. Weit habe ich es nun nicht mehr, nur noch eine halbe Stunde, sagt Anna.

Das stimmt auch, so ungefähr zumindest. Nach einer halben Stunde steuert das Motorrad zwischen kleinen Steinmauern und verwunschen aussehenden Gärten hindurch. Seltsam, ich hatte die Anfahrt anders in Erinnerung.

Ich möchte nach Tropea, diesem kleinen Küstenort der über dem Meer auf einem Plateau liegt. Ich muss an den Fuß dieses Pateaus, und…. AH FUCK! Das Navi hat uns mitten in den Ort hineingelotst. Hier herrscht nicht nur süditalienisches Vor- und -Zurück und verknoten mit Autos…

…nein, eigentlich ist auch die ganze Innenstadt Fußgängerzone und Zona Traffico Limitato. Nun, zumindest die ist anscheinend gerade nicht aktiv. Und so rollt die Morrigan durch eine Fußgängerzone und vorbei an kleinen Geschäften.

Okay, die Ecke da kenne ich. Wenn ich jetzt 110 Stufen einer Treppe hinunterfahre, dann bin ich direkt am Ziel. Geht natürlich nicht.

Ein Schweizer Wohnmobil quetscht sich vor das Motorrad. Der Laffe kann in Kurven nur Schrittempo, und so schleicht die Suzuki in Zeitlupe die Kehren von der Altstadt hinab zum Meer hinter dem Schweizer her.

Jetzt bin ich auf der richtigen Straße! Links thront über mir Tropea, rechts liegt das Meer und eine kleine Kirche auf einem Felsen.

Palmen säumen einen Parkplatz. Hinter dem biege ich in eine kleine Gasse, nachdem ich einen Kinderwagenfahrer aus dem Weg gehupt habe, der Mitten im Weg steht und gestikuliert, und fahre dann durch ein Tor.

In der Einfahrt hocken einige Leute auf Plastikstühlen im Schatten eines Feigenbaums. Ich halte an und mache den Motor aus. Die V-Strom pustet aus ihrem Kühler aus allen Öffnungen. Kein Wunder, bei der langsamen Fahrt am Arsch des Schweizers ist sie richtig heiß geworden.

“Salve”, grüße ich die Plastikstuhlhocker, “Ho una prenotatione per sta notte”.
Eine Frau erhebt sich, und zusammen gehen wir zu einem kleinen Container und erledigen die Formalitäten.
“Ich freue mich, wieder hier zu sein”, sage ich nebenbei.
“Sie waren schon einmal hier?”, fragt die Frau. Ich nicke.
“Dann wird ihnen hoffentlich gefallen, was wir hier in der Zwischenzeit gemacht haben”, sagt sie.

Ah, sie haben modernisiert. Okay, das erklärt vielleicht den exorbitanten Preissprung. Vor 6 Jahren kostete hier die Übernachtung 42,50 Euro, und das war für eine Nacht in einem versifften Bungalow mit verstopfter Dusche okay. Heute kostet mich die Nacht 90 Euro, und das ist schon der Sonderpreis, der Bungalow von damals geht jetzt für 125 bis 160 Flocken die Nacht. Und das wäre alles andere als Okay, wenn der immer noch so ist wie damals.

“Sie können DA das Motorrad parken und DORT ist ihr Zimmer”, sagt die Frau und deutet auf mit dem Finger nach oben, über die Reihe von eineinanderklebenden Bungalows. Zimmer? Habe ich keinen Bungalow? Hm. Anscheinend nicht. War aber auch im Vorfeld schwer zu sehen, auf der Website heißt jede Unterbringung nur “Residenza”. Der einzige Unterschied ist immer der Preis.

Ich stelle das Motorrad auf die Betonfläche, die die Frau mir gezeigt hat, dann klippe ich die Koffer ab und schleppe die einmal über die ganze Länge der Bungalows, dann eine Treppe hinauf und dann nochmal die ganze Länge auf einer Außenterasse zurück, weil mein Zimmer natürlich ganz am Ende liegt.

Als ich die codegesicherte Tür öffne, stehe ich in einem modernen Raum. Alles weiße Möbel, helles Vinyl in Holzoptik, ein Doppelbett und ein Etagebett. Am Allerbesten: Eine Klimaanlage. Und die funktioniert! Was leider nicht wirklich funktioniert ist die Toilette. Keine Ahnung was mit der nicht stimmt, aber sie schafft es einfach nicht mit einem großen Geschäft fertig zu werden. Italienische Sanitärinstallationen, immer wieder ein Abenteuer.

Die V-Strom steht direkt unterm Fenster.

Sogar einen kleinen Balkon mit Sitzgelegenheit gibt es, und der blickt auf die Kirche hinaus.

Ich hole noch das Topcase und die Satteltasche, dann pelle ich mich aus den triefend nassen Motorradklamotten und falle erst unter die Dusche und dann auf´s Bett. Zwanzig Minuten liege ich mit geschlossenen Augen da und merke, wie ich beginne zu träumen, aber vom richtigen Schlaf immer wieder abpralle wie ein Kieselstein, der über das Wasser hüpft.

Schnell stehe ich wieder auf, packe ein Handtuch und ein paar Sachen in einen Rucksack und gehe zum Strand.

Der liegt im Schatten des Felsens mit der Kirche drauf, und dort ist es erstaunlich kühl. Ungemütlich ist es auch. Der Sand ist voller ausgedrückter Kippen, überall liegen leere Flaschen und direkt neben den Leuten, die noch auf Handtüchern dort liegen, bolzen Jugendliche aggressiv mit einen Fußball herum. Das gucke ich mir ein paar Minuten an, dann packe ich meine Sachen wieder zusammen und gehe. Ich wäre gerne noch ein wenig ins Meer gesprungen, aber nicht an diesem Strand gerade.

Stattdessen steige ich die Treppe hinauf, die direkt gegenüber von meinem Zimmer vom Meer zur Altstadt von Tropea hinaufführt.

Schon auf dem ersten Absatz kann ich mein “Zuhause” von oben sehen. Das flache weiße Gebäude ist es, und mein Zimmer ist die Tür ganz links.

Je höher ich steige, desto mehr kann ich von der Anlage sehen.

Sogar die V-Strom ist zu sehen!

Genau da:

Die Treppe ist wirklich lang und steil, aber die Aussicht und die Bögen sind schon toll.

“Ho bisogno di te e non so nemmeno chi sei” steht in diesem Bogen, “Ich brauche Dich, und ich weiß nicht mal, wer Du bist”.

In der Altstadt angekommen schlendere ich ein wenig durch die Fußgängerzone, die nun wirklich eine Zona Traffico Limitato ist. Keine Autos.

Überall werden die rote Zwiebeln angeboten, für die Tropea berühmt ist. Sogar Marmelade aus Zwiebeln gibt es.

Über einen Fußweg hängt malerisch ein Oleander.

Und hybsche Autos gibt es hier.

Und unnötig komplizierte Firmennamen.

In einem kleine Lebensmittelladen kaufe ich zwei Brötchen, Mortadella und eine Flasche Wein, und in einem Touristenladen nehme ich tatsächlich ein Glas Zwiebelmarmelade mit. Dann schlendere ich weiter durch die Altstadt.

Die Sonne geht langsam unter, und die Italienerinnen und Italiener beginnen mit der Passeggiata, dem abendlichen Spaziergang die Straßen hoch und runter und im Kreis über den zentralen Platz. Dabei wird geplauscht und vor allem geschaut, auf andere Leute. Deshalb ziehen sich auch alle so fein an. Sehen und gesehen werden, darum geht es hier.

Ausländische Touristen gibt es wenige, und die sind daran zu erkennen, dass sie in Shorts und Sneakers durch die Straßen laufen. Ich bin, wie immer, richtig gekleidet: Lange dunkle Hose, halboffenes, schwarzes Hemd. Damit kann ich die Passeggiata genauso begehen wie in die Oper.

Vor einem Süßigkeitenladen zeigt eine Konditorin, wie sie Mandelmasse zubereitet. Mit schnellen Bewegungen zieht sie Messer und Spachtel durch die Masse und schneidet so mundgerechte Stücke.

Dunkelheit senkt sich über die Stadt, aber noch immer sind es 26 Grad.

Ich genieße das Herumlaufen mit offenem Hemd in der warmen Luft, merke aber auch, wie ich am Ende meiner Kraft ankomme. Ich bin müde, und so gehe ich relativ früh die Treppe wieder hinab zu meinem Zimmer. Vom Strand Wummern Bässe hinüber. Klar, heute ist Samstag, natürlich findet eine Strandparty statt. Im “Colledisisto” wäre es aber auch nicht ruhig, dort findet heute eine Familienfeier statt.

In der kühlen Brise der Klimaanlage fallen mir die Augen zu, und kaum lege ich mich auf´s Bett, bin ich augenblicklich eingeschlafen – die Flasche Wein bleibt ungeöffnet auf dem kleinen Tischchen stehen.

Tour des Tages: Von Pomarico nach Tropea, 334 Kilometer.

Samstag, 08. Juni 2025
Das erste mal seit… ach ich weiß gar nicht, wie lange… schlafe ich wirklich durch. So richtig. Ohne um 4:30 aufzuwachen und mich über die Arbeit zu ärgern oder Sorgen an die Zukunft zu wälzen. Das erste Mal, dass ich wirklich lange ausschlafe. Ich bin um 8 Uhr mal kurz wach, dann um 10, dann um 12. Und DANN stehe ich ganz langsam auf. Und bin trotzdem müde, merke ich.

Auf der kleinen Terrasse meines Zimmers frühstücke ich mit löslichem Kaffee, Mortadellabrötchen und… also, diese Zwiebelmarmelade, die ist schon speziell. Schmeckt süß und trotzdem zwiebelig, aber nicht zu krass.

Ich packe meine Sachen und schaue zum Strand, der nur 100 Meter entfernt ist. Natürlich ist der um die Mittagszeit schon mehr als gut belegt. Der Strand ist nur ein ganz schmaler Sandstreifen am sonnig-blauen Wasser, und dementsprechend eng liegen die Leute.

Die Atmosphäre ist entspannt, aber auf eine laute Art. Bluetooth-Speaker plärren, Leute schreien in ihre Handys, Eltern brüllen nach ihren Kindern. Unschlüssig stehe ich einen Moment am Strand. Viele Menschen, laut ohne Ende und entsetlich heiß…

Ich drehe auf dem Absatz um und laufe die paar Schritte zurück zu meiner Unterkunft. Nach dem Staub die letzten Tage könnte ich die Kette mal… Oh! Die ist sauber, stelle überrascht. Der Staub der letzten Woche wurde schon abgeschleudert. CLS als Kettenöler ist echt sehr gut! Hmm. Nur die Auslassdüse ist fast weggeschliffen. War wohl zu nahe dran am Kettenrad.

Ich habe einen Ersatz dabei und überlege den zu montieren, bin dann aber doch zu faul für alles und gehe lieber auf mein Zimmer, falle auf´s Bett und schlafe wieder ein.

Tief und fest, schlafe ich, ohne Träume von zuhause und so erholsam wie seit Wochen nicht mehr. Das Zimmer ist kühl, und mit Ohrenstöpsel bekomme ich nicht mal was von der Straße direkt vor der Tür etwas mit, und so schlafe und schlafe und schlafe ich, als ob er der Körper alle Strapazen auf einmal austherapieren und den Schlafmangel der letzten Monate auf ein Mal ausgleichen will.

Als ich wieder aufwache, geht die Sonne bereits unter und taucht Tropeas Fundamente in goldenes Licht.

Der Strand ist nun leer, die Italiener sind zum Abendbrot oder zur Passeggiata aufgebrochen.

Ich steige die 110 Stufen hinauf in die Altstadt.

Hellwach und mit mehr Energie als gestern laufe ich durch die Gassen. Tropeas Altstadt ist echt winzig, aber wirklich schön. Überall hängt Deko – meist bestehend aus roten Zwiebeln.

Bei einer Zuckerbäckerin hole ich mir ein Cannoli, die sizilianische Spezialität mit dem Gebäckröllchen, das innen mit einer sahnigen Masse gefüllt und dessen Enden in z.B. Nüsse oder Pistazien getaucht werden.

Schmeckt leider nicht besonders, weil es aus Fertigzeugs aus dem Eimer gemacht ist.

In einem kleinen Feinkostladen entdecke ich Nudelgewürzmischungen. “Spaghettata di Mezzanotte”? Mitternachtsspaghetti? Klingt lustig, nehme ich mal mit. Und was ist das hier? Ein Barren Pistazienmarzipan mit einem Lebendgewicht von einem halben Kilo?!? WTH?

“Ist das zum backen oder kann man das auch so essen?”, frage ich, und die Verkäuferin hinter dem Tresen lacht und sagt “Natürlich können sie das auch so essen, wenn sie anschließend sooooo aussehen wollen”, sagt sie und deutet mit beiden Armen einen stattlichen Leibesumfang an.
“Eigentlich macht man damit Kekse und Desserts. Ist ganz einfach, sie nehmen etwas Mehl…” und dann zählt sie mindestens drei Backrezepte auf, in atemberaubendem Tempo, und ich verstehe kaum etwas.

“Oder sie weichen das Marzipan in Wasser auf und frieren es ein, das ist auch eine schöne Erfrischung im Sommer”, endet sie.

Jetzt höre ich schlagartig wieder zu. “Habe ich das gerade richtig verstanden”, frage ich, nur um sicher zu gehen, “Pistazienmarzipaneis??
“Ja”, sagt die Verkäuferin.
“Nehm´ ich”, sage ich und lege noch eine Nduja, eine kalabrische Streichmettwurst, zu dem grünen Barren und den Mitternachtsspaghetti.

Die Stadt ist voller elegant gekleideter Menschen, die die Passeggiata machen oder schon in Restaurants sitzen und sich angeregt unterhalten. In jeder Ecke und jedem Hinterhof lassen sich Kleinigkeitenentdecken. Hier eine kleine Katze, der irgend jemand ein Schälchen Milch rausgestellt hat. Dort der ältere Herr, der nach dem dritten Parkversuch sein Auto einfach irgendwie hinstellt, aber die Handbremse gelöst lässt.

Eine entspannte, angenehme Atmosphäre, und ich könnte noch ewig durch die kleinen Gassen driften. Aber jede schöne Nacht hat mal ein Ende. Als ich die Stufen der langen Treppe hinabsteige denke ich melancholisch “Tschüss, Tropea!”.

Es ist schon fast Mitternacht, als ich zurück in meinem Zimmer bin. Auf dem Balkon sitzend genieße ich die warme Nacht – und heute auch ein Glas Wein.

Nächste Woche: Das Bielefeld von Italien

Zurück zu Teil 6: No Time to Die

2 Gedanken zu „Reisetagebuch (7): Tropea

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

 


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.