Eisregen 1994

Eisregen 1994

Heute: Alle Mitarbeiter der Firma im Homeoffice. Wir haben uns eingegraben, die Order ist: Nicht vor die Tür gehen, auch nicht als Fußgänger.

Das wird gerade ein wenig belächelt, weil: Ein Bißchen Niesel auf nassen Boden, wie schlimm kann das schon sein? Und tatsächlich scheint der richtige Regen gerade an Götham vorbei zu ziehen.

Trotzdem: Lieber belächelt werden als die volle Wucht eines echten Eisregens aushalten. Ich unterschätze dieses Phänomen nicht, denn ich habe schonmal einen echten Eisregen mitgemacht. Das war 1994, vermutlich im Februar.

Ich hatte am Abend noch unsere Abi-Vorbereitungsgruppe zu Gast, und als wir uns am späten Abend auflösen wollten, stellte sich raus: Es hatte geregnet. Und das nach wochenlangem, niederschlagsfreiem Frost mit einstelligen Temperaturen unter Null.

Am späten Abend war die Straße so glatt, dass meine Klassenkamerad:innen nicht mehr mit dem Auto nach Hause wollten. Ein weiser Entschluss, denn mein Elternhaus lag auf einem Berg, mit steilen Straßen nach allen Seiten. Kam man da ins rutschen, hatte man nur noch eine Möglichkeit: Den Wagen irgendwie schräg gegen die hohen Bordsteine zu lenken und so vorsichtig wie möglich daran ins Tal gleiten. Damals ging das noch, weil die Felgen stabil, nicht alles vollgeparkt und die Bordsteine frei waren. Ein Vergnügen war es trotzdem nicht.

Es regnete weiter, die ganze Nacht durch. ich hatte nun zwei Probleme: 1. Ich musste um 5:00 Uhr Zeitungen austragen, 2. Steffi.

Steffi war in mich verschossen und hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich unbedingt beim Zeitungen austragen zu begleiten und ließ sich das auch nicht ausreden.

Ich hatte im Keller eine komische Konstruktion aus der Zeit meines Großvaters gefunden: Lederriemen, die Ketten und Metallfedern zusammenhielten. Schnallte man sich die über die Schuhe, hatte man die Federn und Ketten unter der Sohle. Wie Schneeketten für die Schuhe. Problem: Davon gab es nur ein Paar, und ihr Nutzen war beschränkt.

Als Steffi und ich mitten in der Nacht vor die Tür traten, lag sie praktisch sofort auf der Nase, ich musste mich am Zaun entlang bis zur Gartenpforte hangeln.

Alles, alles war mit einer dicken Schicht Eis überzogen. Die Straße, Treppen, Zäune, Häuser… einfach alles. Steffi zog sich noch tapfer ein paar Socken über die Schuhe, aber das brachte nichts. Es war praktisch unmöglich, sich auf der dicken Eisschicht und den abschüssigen Wegen und Straßen am Berg fortzubewegen.

Ich schaffte es gerade noch, mich mit den Schuheisen und der schweren Zeitungstasche über der Schulter von Haus zu Haus zu hangeln, hinter mir plumpste Steffi praktisch pausenlos zu Boden. Das manche Dinge voll hybsch aussahen, wie mit Eis überzogene Laternen oder in einen Eispanzer gehüllte Krokusse und Schneeglöckchen, war zwar faszinierend, die Strapazen aber nicht wert.

Wir sprechen hier wirklich von so einem Kaliber an Fuck-Up:

Irgendwie schafften wir es es die Zeitungsrunde zu Ende zu bringen, ohne uns etwas zu brechen. Dann stand nur noch eine Herausforderung an: Wieder zurück zu meinem Elternhaus zu kommen, das ganz oben auf dem Berg lag. Um dorthin zu gelangen, mussten wir uns wirklich an den Gartenzäunen hochziehen, weil fester Stand unmöglich war.

Während wir uns also Meter für Meter den Berg hochkämpften, hörten wir Knack-Laute. Das ungute Geräusch von knackenden Ästen, die dabei waren zu brechen.

Als der Tag anbrach, war die Welt ein vereistes Wunderland, Steffis Hinterteil blitzeblau, ein Apfel- und zwei alte Sauerkirschbäume in unserem Garten unter der Eislast auseinander gebrochen und ich um eine Erfahrungg reicher, die mich lehrt: Unterschätze nie, NIEMALS Eisregen. Lieber ein Mal zu oft zu Hause bleiben als noch einmal in so einen Mist hinein zu geraten.

Das Erlebnis war offensichtlich sehr prägend. Seit diesem Tag liegt unter dem Fahrersitz von jedem Auto, das ich besessen habe, ein kleines Päckchen. Darin: Spikes, die man sich über die Schuhe ziehen kann.

4 Gedanken zu „Eisregen 1994

  1. Ich erinnere mich an einen Eisregen in meiner Kindheit, da sind wir bei uns in der Straße mit Schlittschuhen herumgefahren 😎
    Aber auch später gab es spannende Momente. Blitzeis auf der Autobahn mit dem Motorrad z.B. – in den 1990er Jahre, ging sturzfrei gut 😊

  2. Schöne Geschichte.
    Meiner persönlichen Meinung nach wird heute aber wirklich unglaublich viel Geschiss nicht nur um Blagen sondern überhaupt um jede Unwägbarkeit gemacht. Erst „Schneesturm“, dann „Blitzeis“. Und was war in Hannover? Winterwetter halt. Wie haben wir nur die 70er und 80er überlebt? Ich habe keine Zeitungen ausgetragen sondern Werbezettel, um mein Taschengeld aufzustocken. Bei Regen, Schnee, Eis – zusammen mit meinem Kumpel, jeder auf seinem Fahrrad – unverzichtbar im sog. ländlich geprägten Raum – ca. 2,5 bis 3,5 Stunden, halt je nach Witterung – für 15 Mark pro gefrorener Nase – Come hell or high water…

    Um sich einen schönen Aygo zerdengeln zu lassen, braucht‘s übrigens auch keinen Eisregen. Nur ein bisschen Pech 😉

  3. Ach, dafür habe ich jetzt einen viel schöneren Yaris 😉

    Ja, ich habe neben Tageszeitungen noch Fernsehzeitungen und Illustrierte ausgetragen und abkassiert, jeden Donnerstag 4 Stunden, für in Summe max. 20 Mark. Hat Null Spaß gemacht – aber ich war REICH!!!

    There is no Glory in Prevention. Hätte gestern auch wirklich echtes Blitzeis geben können, seien wir froh, dass es nicht passiert ist.

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