Reisetagebuch (8): Das Bielefeld von Italien
Montag, 09. Juni 2026, Tropea
Die Sonne knallt vom Himmel, und schon um 08:00 Uhr ist es bereits wieder über 25 Grad warm.
Nachdem ich die Koffer zum Motorrad getragen habe, bin ich schon das erste Mal schweißgebadet und froh, als ich endlich losfahren kann.
Natürlich sucht sich exakt diesen Moment ein Papa mit Kinderwagen aus, um in den Weg zu springen. Das Kind guckt scheel, als ob es sich nicht entscheiden kann, ob es das Motorrad vor seiner Nase nun cool oder unheimlich findet.
Nachdem ich einmal durch die neuen Vororte von Tropea und damit um das Felsplateau mit der Altstadt drauf herumgefahren bin, schwenke ich die Morrigan auf die Küstenstraße ein. Südlicher wird diese Tour nicht mehr, jetzt geht es gen Norden.
Ach, kalabrische Ortsnamen sind so schön! An der Küste liegen Dörfer mit Namen, die von der Zung perlen. “Acconia”, “Briatico” “Amantea”, “Paola” und auch “Pizzo”. An denen fahre ich leider nur vorbei. Kurz vor Nocera geht es wieder in die Berge und über wunderbar kurvige Straßen an denen entlang. Hier kommt man nicht schnell voran, aber das ist ja auch gar nicht Sinn der Sache.
Hinter der Stadt Cosenza wird die Landschaft ganz flach und die Straße verliert alle Kurven und führt über eine Ebene. Die Straße ist nun vierspurig und schneidet wie eine Autobahn durch die Landschaft. Langweilig zu fahren, aber völlig Okay, denn mittlerweile ist die Temperatur wieder auf fast 35 Grad. Je schneller ich aus diesem Umluftbackofen rauskomme, desto besser.
Ein kleines Bißchen kühler wird es, als sich die E45 in die Berge zwischen Kalabrien und der Basilicata erhebt, aber drei Grad mehr oder weniger machen den Kohl auch nicht mehr fett, und kurz hinter Buonabitacolo (diese Namen!) geht es eh wieder auf Meeresniveau runter.
Das ewig breite Tal ist voller Felder und gesäumt von Bergen – vermutlich war das hier früher auch mal ein See.
Wieder auf kleineren Straßen geht es Stunde um Stunde durch die gelblich-trockene Landschaft gen Norden, bis plötzlich die Strada Statale gesperrt ist. Dummerweise ist das die einzige Verbindung, und so muss ich einen riesigen Umweg fahren um weiterzukommen. Aber egal, ich habe Zeit und zumindest weisen mir jetzt Wegweiser nach Campobasso die Richtung.
Das Beste: Es geht in Richtung Westen. Das ist deshalb gut, weil im Osten, hinter einer Bergkette, Apulien liegt. Das ist flach wie Ostfriesland und ähnlich spannend zu fahren.
Wirklich, flach wie ein Brett und endlos groß ist die Region, und alle sinnvollen Straßen führen einfach schnurgerade auf einer der Städte zu, die wie Sterne über die staubige Ebene verteilt sind.
Nein, Apulien ist langweilig, zumindest was Moppedfahren angeht. Da lob ich mir die Hügel und kleinen Bergausläufer, über die ich hier kurven darf. Es geht durch Kalabrien und dann ins Molise.
Das Molise ist die zweitkleinste Region Italiens, nach dem Aostatal, und sowas wie das Bielefeld Italiens. “Das Molise existiert nicht! Ich kenne niemanden, der schonmal dort war!”, ist ein Scherz, der gerne immer wieder an Stammtischen in Norditalien gemacht wird.
Das tut der kleinen Region unrecht. Sie existiert nicht nur, sie ist auch unheimlich abwechslungsreich. Das Basso Molise, das niedrige Molise, mündet in einem kurzen, aber sehr schönen Küstenstreifen um die Stadt Termoli und ist bekannt als Costa dei Trabocchi, nach den traditionellen Fischerhütten auf Stelzen. Ich war dort schon einmal, hier ein Bild aus 2018:
Das Alto Molise, das Hochmolise mit den beiden Provinzhaupstädten Campobasso und Insernia, ist aber noch ungleich spannender. Es liegt in den Ausläufern des Appenin und ist nicht nur bergig, sondern auch sehr grün.
Dabei ist es dünn besiedelt: Im gesamten Molise leben gerade mal 290.000 Menschen. Berge, wenig Menschen und viel Landschaft – klingt ideal für mich! Und deswegen bin ich nun hier. Die ersten Ausläufer grüßen mit grünen Wiesen und Bergen. Heidi-Romantik.
Nach acht Stunden und 544 Kilometern rollt die V-Strom durch einen Ort, der nur aus Gewerbebauten zu bestehen scheint. Tatsächlich ist hier alles völlig zersiedelt. Man hat halt Platz, im leeren Molise, und die Wohnhäuser stehen weit auseinander irgendwo in der Landschaft.
Anna führt mich von der Straße weg auf einen Bröckelweg und unter einer Schnellstraße hindurch und dann durch ein Wäldchen, bis ich endlich am heutigen Ziel ankomme.
Ich parke das Motorrad vor einem dreigeschossigen Wohnhaus, steige aus dem Sattel und strecke die Glieder. Dann sehe ich mich um.
Ein kleiner Mischlingshund knurrt mich mißtrauisch an, verwandelt sich aber nach dem Kennlernritual (Hand ausstrecken, schnüffeln lassen, hinterm Ohr kraulen) in meinen besten Freund und weicht nicht mehr von meiner Seite, als ich nach einem Eingang schaue. Davon hat das Haus mehrere, und alle sind offen. Sie führen aber entweder in eine Küche mit einem großen, gemauerten Brotofen oder in Abstellräume voller Kartons.
Außer dem Hund und mir ist kein Mensch hier. Na, super. Ich setze mich auf die Treppenstufen vor dem Haus und kraule den Hund.
Dreißig Minuten später rumpelt ein Audi in die Auffahrt. Eine ältere Dame steigt aus. Sie ist in den 80ern, klein, aber von kräftiger Statur und bekleidet mit einer dieser Kittelschürzen, die sie als Nonna, als Oma, kennzeichnet.
“Hallo! Sind sie Nonna Vincenza?”, will ich wissen.
“Si”, grummelt die Frau und setzt hinzu “Gast?”
“Äh, ja”, sage ich und denke: Das geht ja super los, wenn die Besitzerin von “Nonna Vincenzas B&B” nicht weiß, ob und wann sie Gäste hat.
“Komm mit”, sagt Nonna und steigt eine Treppe ins Haus hinauf. Eine Padre-Pio-Figur beäugt mich dabei grimmig.
“Das ist mein Haus”, sagt die Frau. Nun, das ist nicht zu übersehen. Häkeldeckchen und Kitschfiguren bedecken jeden freien Zentimeter, und an der Wand hängt eine Karte: “Hier lebt die beste Oma der Welt”.
“Das ist Dein Zimmer. Badezimmer ist den Flur runter, haste aber für Dich allein. Frühstück machste Dir selbst wann de willst, Küche sind wir gerade durchgekommen.” ich nicke.
“Documenti”, sagt sie, und es klingt wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage.
Ich reiche ihr meinen Personalausweis. Sie beäugt ihn, als würde er sie gleich beißen, und schüttelt dann den Kopf.
“Ich will den nicht”, sagt si, “Mach mal Fotos davon und schickste mir dann auf´s Handy, Nummer steht auf Booking.com steht. Essen kannste was bei Da Netta, vorne an der Straße. Schönen Tag noch”, sagt sie, dreht sich um und wackelt davon.
Für einen Moment stehe ich mit meinem Perso in der Hand in dem dunklen Flur voller Häkeldeckchentiere und überlege.
Dann hole ich die Koffer rein, schäle mich aus den schweißgetränkten Klamotten und nehme erstmal eine Dusche. Danach setze ich mich auf´s Bett. Das Zimmer ist karg – ein Bett, ein Schrank. Keine Klimaanlage, aber auch keine Häckeldeckchen. und mache mein halbes Whatsapp auf. Ich habe nur ein halbes Whatsapp, weil ich ihm keinen Zugriff auf mein Adressbuch gebe. Dadurch kann ich viele Funktionen nicht nutzen. Bis vor Kurzem konnte ich auch keine Chats starten, sondern nur antworten, wenn jemand mich angechattet hat. Immerhin geht das nun, auch wenn ich die Nummer per Hand eintippen muss.
Als ich das getan habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass das die falsche Nummer ist. Entweder das, oder Nonna Vincenza firmiert im Netz als zwei junge Frauen. Die werden nämlich als Profilbild angezeigt und machen Kussmünder in die Kamera. Whatsapp weist den Anschluss als “Marina 💝” aus.

“´Tschuldigung, das hier ist nicht die Nummer vom B&B von Nonna Vincenza, oder?”, schreibe ich. Die Antwort kommt fast augenblicklich.
“Hallo, wenn Du es sagst”, schreibt “Marina 💝”.
Was ist das denn? Bin ich jetzt hier in einem Erotikchat gelandet, nach dem Motto “Ich kann alles sein was Du willst, Süßer, auch Nonna Vincenza”?
Ich versuche es noch einmal.
“Ist das hier die Nummer von Nonna Vincenza? Sorry, mein italienisch ist nicht sehr gut”, schreibe ich.
“Ja”, kommt es nun zurück.
Nicht sehr vertrauenserweckend. Und da soll ich jetzt meine persönlichen Daten hinschicken? Ach egal.
“Ok, ich soll dir meinen Perso senden”, schreibe ich, hänge Bilder davon an und stecke das Telefon weg. Erstmal was essen.

Natürlich hat “Da Netta” heute Ruhetag, klar. Im Umkreis gibt es auch kein anderes Restaurant. Aber Anna findet was anderes, und kurz darauf hält die V-Strom vor einem LÜDL.
Als Abendessen gibt es dann eine Focaccia mit Oliven und getrockneten Tomaten auf Nonna Vincenzas Terrasse.
Als es dunkel wird, zieht ein voller Mond über den Himmel.
Vor dem Haus bellt der kleine Hund konzentriert in Richtung einer Wiese. Das Gras steht hoch, und im Dunkel meine ich Buckel auszumachen, die über die Grasspitzen ragen und sich langsam und unter gelegentlichem Grunzen fortbewegen. Wildschweine! Kein Wunder, dass der Hund respektvollen Abstand hält und nur große Klappe markiert.
Tour des Tages: Von Tropea nach Norden durch Kalabrien, dann einmal ganz durch Kampanien bis ins Molise, 544 km.
Dienstag, 10. Juni 2025
“Frühstück machste Dir selbst” ergibt schlagartig Sinn, als ich am nächsten Morgen in den großen Raum komme, der gleichzeitig wohnzimmer, Kaminzimmer, offene Küche und Esszimmer ist. Auf dem Esstisch steht ein angefangener Topfkuchen, in der Küche steht Kaffee neben einer Bialetti.
Als ich gerade meinen Caffé schlürfe, marschieren zwei Handwerker durch die Szenerie. “Wir sollen hier eine Klimaanlage einbauen”, sagt der eine. Ich zucke mit den Schultern und die beiden verschwinden irgendwo im Haus.
Kurz darauf schlängelt sich die V-Strom aus der abgelegenen Ecke heraus, in der Nonna Vincenzas Haus liegt, und brummt über Landstraßen in Richtung der Bergkette, die ich gestern Abend gesehen habe. Das ist die Westgrenze des Alto Molise, und auf Satellitenbildern sieht das mal mindestens interessant aus.
Schon unmittelbar hinter den öden kleinen Gewerbegebieten, die hier ähnlich uninspiriert in der Landschaf herumliegen wie die weit zerstreuten Häuser, geht es eine schön zu fahrende Serpentinenstraße hinauf…
…die dann unvermittelt in Schafen endet. Warum müssen es immer Schafe sein?
Zumindest trauen sich diese Schafe an der V-Strom vorbei. Vielleicht, weil sie nur nicht mehr so nach Raubtier aussieht wie die Vorgängerin mit den beiden “Raubtieraugen”, vielleicht, weil Molise-Schafe unerschrockener sind als ihre Kolleginnen aus dem Veneto.
Nach den Schafen öffnet sich ein weites Tal mit einem Stausee. Alles ist sehr grün, nichts erinnert mehr an die Wüstenlandschaft der vergangenen Tage.
Die Straße schlängelt sich zwischen den grünen Bergen hindurch und führt über ein Bergkette. Von oben kann ich auf einen See hinabblicken, aus dessen blauen Wasser grüne Insel mit kleinen Sandstränden hervorlugen.
Das ist der Lago di Gallo, der Hahnensee. Die Straße führt daran entlang und dann wieder hinauf in die Berge und über kleine Pässe. Immer wieder gibt es fantastische Ausblicke. Meine Güte. Das Molise existiert nicht nur, es ist auch wunderschön!
Es ist auch ein Motorradparadies. Abgesehen von ein paar Baufahrzeugen bin ich ganz allein auf Straßen unterwegs, die in einem Motorradmagazin sicherlich als “Kurvenparadies” beschrieben würden.
Nach zwei Stunden bin ich einmal durch die Bergkette durch und fahre wieder nach Osten. Zurück aus der Wildnis in die Zivilisation, und bei einem zufällig vorbeiziehenden LÜDL jage ich mir mein nächstes Abendessen. Dann überlege ich kurz nach Termoli zu fahren, der Hafenstadt. Aber die ist hundert Kilometer weit weg, und es ist schon wieder erschöpfend heiß. Vielleicht stattdessen nach Campobasso? Das ist nur dreißig Kilometer weg. Kurzentschlossen folge ich den Wegweisern.
Als ich dann aber an der Hauptstadt des Molise ankomme, habe ich spontan überhaupt keine Lust mehr aus dem Sattel zu steigen. Bei der Hitze in einer aufgeheizten Stadt herumlaufen, deren Appeal dem von Hannover gleicht? Nein. Noch ein wenig Motorradfahren, das ist es, was ich jetzt will. Oder schlafen. Oder beides, in der Reihenfolge.
Ich fahre zurück zu Nonna Vincenzas Haus, parke die V-Strom, dusche und lege mich dann ins Bett. Nebenan betreiben die Handwerker den Einbau der Klimaanlage wohl als Kraftsport, anscheinend versuchen sie das Gerät nur unter Zuhilfename von schweren Fäusteln in eine Wand zu kloppen. Mir egal, ich bin so müde, dass ich trotzdem einschlafe.
Tour des Tages: Einmal um den Pudding und dann bis Hinter Campobasso und zurück, 201 Kilometer.
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Nächste Woche: Tödliche Geschwindigkeit















































6 Gedanken zu „Reisetagebuch (8): Das Bielefeld von Italien“
Wo es hier um schöne Namen geht…..warum hat das Motorrad eigentlich verschiedene und nicht nur einen?
Ich glaube, ich frug das schon mal….sorry, ich bin alt , erschöpft und vergesslich. 🙂
Was meinst du? Das Motorrad hat nur einen Namen.
V-strom, Morrigan….und da war noch was. 😄
Ah! Suzuki ist der Hersteller. V-Strom 800 ist das Modell. Und Morrigan ist ihr Name.
Hmm, hätte es denn auch eine Mail-Adresse gegeben?
Ich hätte keine Fotos vom Ausweis schicken können. 🤔
Nee. Whatsapp oder draußen schlafen 🙂