Reisetagebuch (9): Tödliche Geschwindigkeit

Reisetagebuch (9): Tödliche Geschwindigkeit

Mit der V-Strom durch Italien. Heute vom Molise in die Abruzzen.

Mittwoch, 11. Juni 2025
Der Topfkuchen ist von allein und über Nacht schon wieder kleiner geworden. Egal. Für mich reicht´s noch, denke ich, als ich wieder allein, im Halbdunkeln von Nonna Vincenzas Wohnzimmer sitze, unter den Blicken von unzähligen Puppen und Keramikfiguren. Ich bin nicht unfroh, dass ich heute Nacht woanders verbringen werden – bei Freuden, die sich schon auf mein Kommen freuen.

Die Morrigan rauscht über perfekt ausgebaute Straßen durch das grüne Molise und überholt nur gelegentlich mal einen Lieferwagen oder vereinzelte Radfahrer.


Ansonsten ist die Fahrt angenehm ereignislos. Es geht nach Norden, und als ich Schilder zum Ort Castel di Sangro sehe und dahinter hoch aufragende Berge, weiß ich auch, wo ich genau bin: Ich habe gerade die Grenze zwischen Molise und Abruzzen gequert.

Typisch für die Abruzzen sind die Schilder mit Bildern von Bären an den Straßen mit Hinweisen wie “La velocità uccide” – die Geschwindigkeit tötet. Weiter oben in den Bergen steht das sogar auf englisch, damit es auch die Touristen verstehen: “Speed Kills Bears”. Und nicht nur die, denn in den Abruzzen, eine der am wenigsten besiedelten Regionen Europas, gibt es neben Braunbären auch Wölfe und Hirsche.

Das Örtchen Popoli ist die letzte Station vor den Bergen. Das Hotel Tremonti, in dem ich 2018 eine unruhige Nacht verbracht habe (weil die Zwischentür aus Pappe war und die Zimmernachbarn schnarchten wie die Beamten) gibt es sogar noch.

Die Straße führt aus dem grünen Tal von Popoli hinaus und hinein in sandiges und staubiges Terrain. Das ist geprägt von knotigen Büschen und Olivenbäumen. Die heiße Luft steht über der Landschaft, das Thermometer zeigt schon wieder 35 Grad an.

Die Straße kämpft sich in Serpentinen das ehrfurchterregende Bergmassiv hoch, von dem man einen fantastischen Blick über die Ebene am Fuß der Berge hat.

Über dem Ort Calascio thront die mächtige Festung Rocca Calascio. Die zu besuchen lohnt heute nicht, schon der Weg dahin ist vollgeparkt mit Campern und Wohnmobilen. Ich möchte mich nicht mit anderen Reisenden da hochschieben, ich möchte lieber einfach weiterfahren.

Auf dem Weg nach Castel del Monte, das Dörfchen in dem “The American” gedreht wurde, übe ich Haarnadelkurven fahren.

Ich erinnere mich lebhaft daran wie ich hier das erste mal gefahren bin. Das war 2013, damals noch mit der ZZR, und ich bin vor ANGST FAST GESTORBEN. Es ging nur darum, IRGENDWIE oben anzukommen. Mein Gott, war das ein Gestochere. Aber nun. Damals fuhr ich gerade zwei Jahre wieder Motorrad.

Heute ist das anders. Heute bereiten mir die Kurven überhaupt keine Schwierigkeiten, ich feile lediglich an der Ideallinie. Richtig zufrieden bin ich nicht, aber die Straße ist auch wirklich schmal. Dafür sind die Ausblicke wieder grandios.

Kurz hinter Castel del Monte wird die Straße zu einer der schönsten der Welt und führt über die Hochebene Campo Imperatore am Massiv des Gran Sasso entlang.

Ich blicke auf die Uhr. Ach, noch viiiiiel Zeit – dann kann ich jetzt auch einfach noch 50 Kilometer bis zur Tankstelle fahren und danach 50 Kilometer wieder zurück. Völlig egal ob das sinnfrei ist, es ist auf jeden Fall sinnlich durch diese Landschaft zu fahren. Jetzt kann man auch endlich wieder frei atmen, hier oben auf 1.800 Metern sind 22 Grad. .

Nach dem Tankstopp im Dorf Cermone, am Fuß der Berge, fahre ich von Westen aus wieder in sie hinein. Dabei werde ich von rasenden Moppedfahrern überholt. Die fahren ohne Reserve – würde ich nicht machen, ich bin vom Dorf und rechne immer damit, das die nächste Kurve zuzieht, oder das Rollsplit dort liegt, oder Kuhscheisse, oder eine Kuh. Außerdem muss ich immer damit rechnen das ein Moppedfahrer in meiner Spur entgegenkommt.

Ich habe hier oben sogar schon eine Lieblingsstelle zum Anhalten. Ein mächtiger Baum spendet hier Schatten, und eine kleine Quelle gluckert vor sich hin und speist einen Viehtrog. Ein ruhiger und friedlicher Ort.

Ja, ich mag die Landschaft hier WIRKLICH gerne.

Allerdings ist hier in Teilen doch recht viel los. Das “Muccianto”, eine Schlachterhütte mit Metallrinnen zum Selbstgrillen am Ende der Hochebene, ist kein Geheimtip mehr, sondern Kult. Es ist überlaufen, selbst heute, an einem Mittwoch im Juni. Dutzende Camper stehen hier oben, und unzählige Motorräder. Zum Glück kann ich einfach an denen vorbeifahren und dann nach Norden abbiegen und der Straße einen Berghang hinauffolgen und auf der anderen Seite durch einen Wald wieder hinunter vom Campo Imperatore.

Neblig ist es im Wald. Anscheinend hängen Wolken in ihm fest, überlege ich noch, und nehme dabei krachend einige echt tiefe Schlaglöcher mit.
Schiet.
Nicht umsonst war das hier die Teststrecke für die V-Strom 800.

Eine halbe Stunde vom Gebirge weg biegt die Morrigan in eine enge Einfahrt und rumpelt dann eine Ansammlung von Schlaglöcher hinab, die nur noch mit viel gutem Willen als ehemals asphaltierter Weg zu erkennen ist. Vor mir huscht ein Fuchs über die Straße.

Am Ende des Hangs geht es ebenerdig weiter, aber auch hier ist der Weg nicht gut. Gleich kommt die Stelle, wo er den Hang hinabgerutscht ist. Oder auch nicht – wow, ein Bagger ist mit Reparaturen beschäftigt! Sowas! Der Fahrer grüßt freundlich.

Jetzt ist es nur noch ein kurzes Stückchen bis zum Gästehaus von “La Vecchia Fontana”, dem Agriturismo hier oben. Hausherrin Anna ist gerade mit Gartenarbeit beschäftigt. “Schlüssel steckt”, ruft sie, als ich an ihr vorbeifahre.

Eine kurze Begrüßung später nehme ich mein Zimmer in Beschlag und dusche erst einmal. Hier sieht alles noch so aus wie in den 70ern, und der Lüfter im Bad hat immer noch einen Lagerschaden. Aber das ist mir völlig egal, das hier ist MEIN Zimmer in den Abruzzen!

Aber ich bin ja auch nicht wegen des Zimmers hier oder nur wegen der Landschafts, sondern vor allem wegen der Menschen. Anna ist einer davon, ein anderer kommt gerade auf einem Moped angeknattert. Es ist Mauro, Annas Sohn. Wir sind ungefähr in einem Alter, und er schmeisst nicht nur die Landwirtschaft des Agriturismo, sondern gemeinsam mit seiner Mutter auch den Gästbetrieb.

“Come stai”, ruft er.
“Gut, ich bin heil angekommen”, sage ich und deute den Weg hinunter zum Bagger. “Es ist ja unglaublich! Endlich wird was am Weg gemacht!”

Mauro verzieht das Gesicht. “Ja, endlich. Musste aber erst was Schlimmes passieren. Seit Jahren rede ich, dass das hier gemacht werden muss, mit dem schlechten Weg am Hang und dem Erdrutsch hier. Da darf ich ja nicht einfach selbst ran, ist ja ein kommunaler Weg. Im lezten Frühjahr sind dann zwei Motorradfahrer böse gestürzt. Ein Ehepaar auf einem großes Motorrad. Die sind auf dem Schlamm gerutscht, gestürzt und dann ist das Motorrad auf die draufgefallen. Die haben dann die Kommune angezeigt, und jetzt passiert endlich was!”

“Ein Wunder!”, sage ich.
“Hm”, macht Anna, die hinzugekommen ist. “Bist Du schonmal mit dem Motorrad gestürzt?”, will sie dann wissen. Ich versuche zu erklären, dass ich bislang nur im Stand umgefallen bin. Zum Glück.

Mauro grinst und wechselt das Thema. “Hast Du gesehen! Die Brombeeren sind reif! Und die Kirschen schon fast”, sagt er und flitzt davon.
Ich muss grinsen. Er kann wirklich keine Minuten still stehen.

Ich nehme an einem Außentisch neben dem Pfauengehege Platz und klappe das Notebook auf, als Mauro schon wieder da ist. “Brombeeren!” sagt er stolz und verschwindet wieder.

Zwei Minuten später steht er wieder neben dem Tisch. “Aprikosen”, sagt er und legt mir drei frisch gepflückte Früchte hin. Ich bedanke und freue mich.

Zwei Minuten später steht er wieder neben dem Tisch und drückt mir ein Eimerchen in die Hand. “Kirschen!”

Ich muss lachen und rufe “Mauro! Stopp! Sonst habe ich beim Abendessen keinen Hunger mehr!! Und das macht die Köchin wütend!”

Friedlich ist es hier draußen. Hofhund Billy hat die Morrigan markiert, sich dann zu ihren Reifen niedergelassen und bewacht sie nun.

Nebenan stehen zwei Esel und schnuppern neugierig, ob ich vielleicht eine leckere Karotte oder sowas dabei habe. Habe ich nicht.

Wenig später ruft Anna zum Abendessen, und ich nehme an einem Tisch mit einer wild gemusterten Decke Platz. Wieder und wieder geht die Schwingtür zur Küche, und Mauro schleppt Teller um Teller in den kleinen Gästeraum.

Als Vorspeise gibt es Antipasti und einen Ricotta. Wie alles andere auch handgemacht, hier auf dem Agriturismo, von Anna und Monia, Mauros Frau.

Der Primo, der erste Gang, ist heute Lasagne. “Mag jeder”, murmele ich lächele in mich hinein. Giulies Lieblings-Personalmanagement-Spruch ist nämlich “Non puoi piacere a tutti. Non sei lasagna” – “Du kannst nicht von jedem gemocht werden. Du bist keine Lasagne.” Für Mauro sieht es so aus, als ob ich glücklich in meine Lasagne hineinlächele und ja, die ist auch wirklich gut.

Als Secondo gibt es heute Huhn mit Kartoffeln…

…und als Dolce ein Stück Apfelkuchen. Hmmmm, Apfelkuchen!

Nach dem Caffé bin ich kaum noch in der Lage ins Bett zu rollen, auch wenn das nur eine Tür weiter ist. Anna und Mauro setzen sich an meinen Tisch.

Anna seufzt. “Sono stanco, sagt sie und macht mit dem Arm eine Geste, die das ganze Haus umfasst. “Da seis alle venti-Tre!”

Ich verstehe. Von 06:00 Uhr morgens bis 23:00 Uhr in die Nacht arbeitet sie. “Und bei Dir?”, fragt sie.
Ich schüttele den Kopf und sage “Fragen sie nicht”. Aber dann erzähle ich aber doch von zuhause, von meiner Familie und wie es da gerade aussieht.

Mauro springt auf und kommt mit einem Glas hausgemachter Kirschkonfitüre wieder. “Hier, für deine Familie! Die mögen sie bestimmt und die macht gesund!”
Ich lächele dankbar.

Über den Bergen geht ein oranger Mond auf. In der Nähe quaken jede Menge Frösche, und hunderte Grillen veranstalten ein Konzert in den Feldern. Die Nacht ist ohrenbetäubend laut, und doch so friedlich.

Tour des Tages: Vom Molise in die Abruzzen. Dort einmal am Campo Imperatore hin- und her, dann zu Anna und Mauro. Rund 355 Kilometer.

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Nächste Woche: Hundstag

7 Gedanken zu „Reisetagebuch (9): Tödliche Geschwindigkeit

  1. Das mit den Schilder für die Bären (Wölfe und Co) finde ich interessant. Hier wird auf die Tiere im mMn positiven Sinne geachtet. In Kroation wird eher davor gewarnt anzuhalten, wegen der Bären. So unterschiedlich sind die Sichtweisen.

    1. ….Kroation” meintest du Kroatien? Eher da nicht.
      Aber wenn in Rumänien insbesondere am Transfalgarasan Bären anfüttern angesagt ist, wäre es angebrachter, das in der Dose sitzend zu tun als vom Möpp
      aus.
      @Silencer – ich vermisse in der Rutschaufzählung das Ackergold, insbesondere im Frühjahr und Herbst wenn noch das Nass hinzukommt.
      Das ist eine ziemlich softe Gegend im Stiefel. Oder?

      1. Da habe ich mich tatsächlich vertippt und meine natürlich Kroatien.
        Habe dort selbst die entsprechenden Schilder gesehen, in denen davor gewarnt wurde, auf freier Strecke zu halten und man solle dies nur an ausgewiesen Parkplätzen tun.

  2. Interessante Gendanken, aber absolut richtig. Gibt nicht viele Touristen in den Abruzzen, vielleicht richten sich die Schilder eher an die Einheimischen – und die sind nicht so dumm Bären zu füttern?

    Ali, was für Ackergold? Bei uns in Niedersachsen sind das Rüben.

  3. Mit “Ackergold” ist der/die Erde gemeint, welche oft genug von z.B
    einem Traktor auf die Straße gebracht wird. Weltweit.
    Von Gesetz her vom Verursacher wegzumachen, aber Landwirte haben meist zu wenig Geld – oder es wird nicht subventioniert – sich einen Besen zu kaufen. ☺️

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