Reisetagebuch (10): Hundstag
Samstag, 12. Juni 2025
“Mamma, ich habe Dir doch gesagt, er bleibt nur einen Tag. Ja, er fährt wirklich gleich wieder los!”, höre ich Mauro in der Küche.
“Aber warum macht er denn sowas!”, entrüstet sich Anna.
Ach, schon schön, wenn die Gastwirte traurig sind, wenn man abreist. Aber das war hier halt nur eine Zwischenstation auf dem Weg weiter in den Norden. Hmm, selbstgemachte Konfitüre. Und Kuchen!
Anna streckt den Kopf aus der Küche “Warum fährst Du heute schon wieder?”, fragt sie.
“Ich habe versprochen, einem Bekannten in Arezzo zu treffen”, nuschele ich mit Kuchen im Mund.
Sie schüttelt den Kopf und verschwindet wieder.
Draußen steht bereits die fertig bepackte V-Strom. Die wird heute morgen belagert. Von Gigi…
…Fioretta…
…und von Jack.
Jack ist mein Lieblingshund hier, und ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Als ich mich Jack nähere, bekomme ich ein kurzes, aber sehr aggressives Bellen.
Ah, Okay, Message angekommen: Anders als Fioretta ist Jack definitiv kein Streicheltier. Er ist ein abruzzesischer Schäferhund. Als solcher patroulliert er die Grenzen der Farm, manchmal tagelang und immer auf eigene Faust. Die Abruzzeser sind extrem loyal, kräftig und unglaublich mutig – die nehmen es sogar mit Bären auf.
Ich winke dem Team der Vecchia Fontana zu, dann rollt die Morrigan zwischen den Hunden hindurch und den steilen und kaputten Weg hinab, um sich dann über die Bröckelstrecke zur Straße hochzukämpfen.
Aus den Abruzzen rauszukommen dauert EWIG, das vergesse ich jedes Mal wieder. Hier gibt es nur kleinste Sträßchen, die in maximal komplizierter Streckenführung in die Berge geklebt sind. Schnell kommt man darauf nicht voran, und schon gar nicht, wenn man an jeder Ecke die irren Ausblicke in sich aufsaugt.
Hier zum Beispiel links die Rückseite des Gran Sasso…
…oder hier ein Blick wie über eine Modellbahnanlage.
Enge Straßen bedeutet natürlich nicht, dass hier gar nichts los ist. Das merke ich, als vor mir ein LKW um eine Kurve gerauscht und mir in der Mitte der Straße entgegenkommt. Um gerade 10 Zentimeter rast der Lastwagen am linken Seitenkoffer der V-Strom vorbei.
Puh.
Nicht ungefährlich, trotzdem bin ich zufrieden: Ich haben den LKW registriert, ihn aber nicht mal angesehen – stattdessen suchten meine Augen den Weg an ihm vorbei, und das gelang dann auch. Man fährt immer dahin, wo man hinblickt. Haarscharf und mit beiden Reifen auf der der Asphaltkante, aber es hat gepasst.
Bei Ascoli Piceno scheinen Schwaden von Hitze über die Straße zu wehen, zumindest bilde ich mir das ein. Meine Güte ist das heiß hier, an manchen Stellen scheint der Asphalt zu schmelzen.
Es wird sogar noch heißer, als ich als ich aus den Bergen der Abruzzen ganz raus bin und in den Marken auf Macerata zufahre. Schon nach zwei Stunden bin ich weichgekocht und muss mal Pause machen. Das geht aber nicht, denn die Gegend hier ist auch fürchterlich zersiedelt. Alle hundert Meter steht irgendwo ein einzelnes Haus an der schmalen Straße ohne Seitenstreifen, dazwischen Felder und Wiesen ohne Einfahrten.
Keine Chance hier mal kurz anzuhalten, Pause zu machen und vielleicht mal unbeobachtet Wasser zu lassen ohne jemandem in die Einfahrt zu pissen, und das macht man ja nicht. So halte ich eisern durch, bis ich nach 30(!) Kilometern endlich eine halbwegs geeignete und schattige Stelle finde.
Eigentlich würde ich gerne die Stadt Macerata ansehen, aber: Zu heiß um anzuhalten. So fahre ich nur auf der einen Seite rein und auf der anderen Seite wieder raus. Nach einer kurzen Extrarunde in der Innenstadt, weil ich mich verfahren habe.
Ich sehe lieber zu, dass ich an meinem Tagesziel ankomme. Es hilft nicht, dass ich völlig genervt bin. Die langsam fahrenden Lastwagen sind noch das geringste Problem, aber die Baustellen hier zünden mir echt den Hut an.
Schilder weisen darauf hin, dass diese Ampel bis zu 15 Minuten rot sein kann und JA, DIE MEINEN DAS IM ERNST.
Dazu kommt die drei-Sekunden-Regel. Schaut man länger als drei Sekunden nicht in den Rückspiegel, hängt einem irgendein Penner fünf Zentimeter hinterm Nummernschild, auch wenn die Straße vorher meilenweit leer war. Keine Ahnung wie die das machen, vermutlich spawnen die einfach direkt an meinem Heck.
Der Verkehr bei Urbino ist auch schon wieder eine Schau…
…und kurz vor dem Ziel ist wieder eine Straßensperrung und ich fahre einen Umweg von 30 Kilometern.
Gleichermaßen erschöpft wie ungehalten komme ich am späten Nachmittag auf La Fenice an, dem Gasthof von Marco und Grazia.
Marco ist ein weltgewandter Abenteurer und selbst Moppedfahrer. Der Schweizer und mit seiner Pension hier so erfolgreich, dass sie fast eine deutschsprachige Exklave ist. Auch heute sind außer mir noch weitere deutsche Gäste hier.
Ich dusche und gehe dann wieder zur V-Strom. “Ich fahr´erstmal was essen”, rufe ich Marco zu. “Ich war den halben Tag genervt, mich hat nur die Aussicht auf eine Pizza im Dorf zusammengehalten”. Marco schmunzelt belustigt und sagt “Dann habe ich aber keine guten Nachrichten für Dich…”
“War. Ja. klar.”, denke ich, als ich die V-Strom an der Stadtmauer der kleinen Festung von Mondaino abstelle. NATÜRLICH hat die Pizzeria jetzt gerade Betriebsferien, wann denn auch sonst!?
Missmutig stapfe ich durch das Burgtor.
Oh, im Säulenrund am zentralen Platz ist die neue Bar, die Marco erwähnt hat.
Ich lasse mich an einem der Tische nieder und bestelle einen Burger. Der ist erstaunlich gut.
Dann schiebt sich eine Hundnase über die Tischkante. „Oh, ein Schwanzhund“, denke ich belustigt und mustere den Möchtegern-Mitesser, der mir nun jeden Bissen in den Mund guckt.
Als er so nahe rückt, dass er mir auf den Teller atmet, sage ich scharf “Aus! Runter!”. Die Gespräche der älteren Herrschaften an den umliegenden Tischen verstummen schlagartig, aber der Hund gehorcht – es kommt eben nur auf die Tonart an, in der man mit den Tieren spricht. Dann versteht ein italienischer Hund auch deutsch.
Wieder etwas versöhnt mit der Welt bummele ich noch ein wenig durch Mondaino. Ein kleines, ruhiges, sehr gepflegtes Festungsdörfchen.
Tour des Tages: Aus dem Herzen der Abruzzen bis kurz vor San Marino, rund 343 Kilometer.
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Nächste Woche: Yogagleiter






























Ein Gedanke zu „Reisetagebuch (10): Hundstag“
Hunde – Hunde.
Ich hab’s mit den Katzen.
Wenn ich das Gefühl habe, daß die nicht verlaust ist, dürfte die während des Essens sogar auf dem Schoß sitzen.
Gilt nur für 4-beinige.
Meine Holde denkt für die Goldhochzeitsreise recht intensiv über Zielland im Stiefel nach wegen schöner Landschaft.