Reisetagebuch (11): Yogagleiter
Reisetagebuch mit der Morrigan durch Italien. Heute mit mehr Text als Bildern, weil ich vor lauter Action vergesse Fotos zu machen.
Sonntag, 13. Juni 2025, Mondaino
Auch wenn er gerade alles in allem einen ziemlich frustrierten Eindruck macht, seinen Sinn für Humor hat Marco noch nicht verloren. “So kann sich jeder ein Stück in einer Größe nehmen die ihm zusagt” – er hat den Frühstücks-Karottenkuchen auf unnachahmliche Art geteilt.
Wenig später braust die V-Strom durch das neue Tor des Gasthofs und verschwindet in den Bergen westlich von Mondaino.
Es geht stramm nach Westen, auf den Appenin zu und in ihn hinein. Ich möchte heute einen Deutschen besuchen, der in der Nähe von Arezzo haust, im wahrsten Sinne des Wortes. “Jörg Yogagleiter” nennt er sich selbst, auch wenn ich bezweifele, dass das sein echter Nachname ist.
Jörg ist ein skurriler Typ. Wir haben zusammen einen italienischkurs an der Volkshochschule besucht. Der Italienischkurs wurde online abgehalten, von einer jungen Frau aus und in Palermo. Gerade in den Wintermonaten, wo in den überheizten Klassenräumen der Volkshochschulen gerne Grippe- und Corona-Infektionen ausgetauscht werden, schien ein Onlinekurs eine gute Idee zu sein.
Außer mir nahmen noch vier Frauen daran teil, und eben Jörg. Der meldete sich in Zoom immer mit dem Namen “Yogagleiter” an, denn er ist ein Yogalehrer-Lehrer. Also jemand, der andere Yogalehrer ausbildet und dazu auch Klangschalen streichelt, handauflegt und Tantrasachen und sowas macht, und dafür auch mal durchs Land fahren muss.
Das führte dazu, dass man im Hintergrund von Jörgs Webcam mal ungemachte Betten sah, mal kleine Hotelzimmer, und einmal saß er mit einer Stirnlampe auf dem Kopf in seinem VW-Bus an einer Autobahnraststätte und nahm so am Kurs teil. Häufig hockte er aber in einer Pension mitten im Wald hinter Arezzo, in der Nähe “seines” “Häuschens”.
Dieses “Häuschen” war der Grund, weshalb er den Kurs mit großer Disziplin durchzog, weil er unbedingt italienisch lernen MUSSTE, um mit Anwälten und Behörden klar zu kommen. Jörg hatte nämlich ein “altes Bauernhaus mit Grundstück in der Toskana” von einer Bekannten gekauft. Klingt wildromantisch, aber was er so nebenbei erzählte, klang nur noch wild.
Zum einen bestand das “Häuschen” wohl nur aus ein paar groben Steinmauern mit einem baufälligen Dach darüber.
Zum anderen stellte Jörg fest, dass er das nicht einfach in Eigenregie und wie er es wollte renovieren durfte. Sobald er anfing an der Hütte rumzuschrauben, standen Herren vom Bauamt auf der Matte und erklärten ihm, dass es sehr wichtig für die kulturelle Identität Italien sei, dass er sein Haus wieder EXAKT so aufbaute wie es früher war.
Als ich Marco gestern Abend die Story erzählt habe, lachte er und meinte: Ja, das kenne er von seinem eigenen Bauprojekt. Die Behörden hatten ihm Fotos von 1936 vorgelegt und betont, dass es SEHR wichtig sei, dass alles, vom Dach bis zu den Fensterrahmen, wieder exakt so aussehen sollte wie auf den schwarz-weiß-Aufnahmen.
Ähnlich war es bei Jörg, auch ihm erklärten die Beamten, dass das alles seine Ordnung haben muss. Dann erklärten sie das ganze noch einmal in sehr rudimentären Englisch. Dann engagierte Jörg einen Dolmetscher, aber das Ergebnis blieb dasselbe: Einfach nach Lust und Laune irgendwas zurechtrenovieren war nicht, alles musste exakt festgelegt und genehmigt werden, und für wichtige Dinge wie das Dach mussten Handwerker aus der Region engagiert werden.
Die ersten Handwerker, die Jörg engagierte, kassierten im Vorfeld 10.000 Euro Anzahlung, bauten schon wenige Tage später ein Gerüst auf – und ließen sich danach nie wieder blicken. Mittlerweile hatte Jörg noch mehr Besuch von Beamten bekommen und erfahren, dass er ja ein Bauernhaus gekauft hatte, steuervergünstigt, weil er sich damit einverstanden erklärt hatte, das zugehörige Land wieder zu bewirtschaften. Dummerweise war das Land schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewirtschaftet worden und bestand nur noch aus einem Quadratkilometer Dornsträucher, Disteln und Steinen.
Jetzt arbeitete Jörg in ganz Deutschland, um die Sanierung bezahlten zu können, und wohnte im Sommer in einer Pension in der Nähe seines “Häuschens”, um dann… ja, was machte er da eigentlich?
Was er so erzählte klang ein wenig nach “Na, da rupfe ich hier mal ein paar Disteln und dann trage ich da ein paar Steine”. Schon aus wissenschaftlichem Interesse muss ich mir das angucken und Jörg mal persönlich kennenlernen. Oder anders gesagt: Ich muss mir die Situation – die nach Vollkatastrophe klingt – selbst angucken.
Ja, ich weiß, was sie jetzt denken. Und sie haben recht. Ich fühle mich gerade auch selbst ein wenig wie ein Gaffer bei einem Autounfall. Verachtenswert. Das ist mir auch klar, aber die Neugierde ist stärker als die Moral. Und im Kern bin ich halt auch kein guter Mensch.
Deshalb ist die V-Strom jetzt unterwegs zu Jörg, mit dem ich einen Kaffee trinken will.
Im Januar diesen Jahres war der Kurs vorbei, und ich verabschiedete mich von Jörg mit den Worten “Ich bin am 13. Juni gegen 10:00 Uhr bei Dir”. Heute, fast ein halbes Jahr später, ist der 13., es ist kurz nach acht, und die V-Strom ist auf dem Weg.
Eine Stunde vor Arezzo rappelt plötzlich das Handy los. Ich halte an und sehe, das Jörg mir was auf Whatsapp geschickt hat: Drei Sprachnachrichten und vermutlich mehrere Bilder. Hören oder Sehen kann ich davon nichts. Ich bin tief in den Bergen, in einem engen Tal. Hier gibt es keinen Empfang. Was immer Jörg will muss warten, bis ich aus den Bergen raus bin.
Außerhalb des Tals ist der Empfang aber nicht viel besser. Ich halte im Dorf Tavernelle vor einer Müllsammelstelle und stelle den Motor ab. Der Signalbalken am Handy springt immerhin irgendwann von “E” auf “LTE”, aber zeigt nur einen Strich. Das reicht für ungefähr 10 Sekunden Sprachwiedergabe, danach stockt die und ich muss warten bis die nächsten zehn Sekunden geladen sind. Ich kann Sprachnachrichten ohnehin nicht leiden. Wieso ist es so populär, sich gegenseitig auf den Anrufbeantworter zu quatschen? Und manche Leute sind da ja auch extrem ausufernd, 10 bis 20minütige Monologe sollen ja keine Seltenheit sein.
Also um wirklich ehrlich zu sein: Ich HASSE Sprachnachrichten.
Inbrünstig.
Die sind ein Unding!
Was soll dass denn bitte?! Entweder man ruft an, oder man schreibt oder diktiert einen Text. Aber eine Sprachnachricht, das ist einfach unverschämtes monologisieren gegen jemanden, der sich nicht wehren kann.
Wenn MIR jemand Sprachnachrichten schickt, höre ich die schlicht nicht ab, sondern sende immer sofort ein 👍 zurück und lösche sie.
Hat sich noch nie jemand beklagt, aber manche Leute haben aufgehört, mir Sprachnachrichten zu schicken.
Gut, da ich Jörg heute treffen will, muss ich glatt eine Ausnahme machen und mir sein Gesabber anhören, wie Gundi jetzt gesagt hätte. Gundi kam aus dem Osten und war etwas eigen in ihrer Wortwahl, aber “Gesabber” trifft die Konsistenz der Jörg´schen Nachricht sehr gut.
Natürlich fasst sich Jörg nicht kurz. Ich ahne Schlimmes, als der Anfang der Aufzeichnung durch die Helmlautsprecher kommt und beginnt mit “Ja… …meiner Lieber…” und er dann erstmal ausführlich erzählt wie es ihm so geht und das er ja ganz “busy” sei und die Handwerker nun mit seinem Dach anfangen wollen usw. usf.
Er erzählt das alles seeeehr langsam und mit vielen Pausen zwischen Halbsätzen, die lediglich eine lose Verbindung zueinander haben.
Ich stehe in der knallen Sonne und öle aus allen Poren, und der Typ erzählt mir hier seine Lebensgeschichte. In 10 Sekunden-Häppchen.
“Man, Komm zum Punkt!!”, raunze ich. Eine Nonna in Kittelschürze schleicht um die Mülleimer und mustert mich mit einer hochgezogenen Augenbraue. Für Sie sieht es so aus, als ob ich mit aufgeklapptem Helm hier stehe und einfach die Straße runter starre. “Tutto a posto”, sage ich freundlich und lausche weiter Jörgs Gesabbel.
“naja… …Bist Du schon auf Sansabai?… tja… ich bin ja gerade noch busy… auf der Nachbarfarm… wo ich ein Zimmer habe. Hier bin ich noch bis 11 Uhr. Oder bis 12 Uhr… muss noch Sachen online erledigen. Du könntest auch hier her kommen und wir wandern dann… So über den Berg… und zu meiner Farm rüber… das ist nur ein Mal durchs Tal.”
Keine Ahnung wo Sansabai sein soll, den Ort kennt auch Google Maps nicht. Und ja klar, auf Wanderungen in vollen Motorradklamotten bei 35 Grad durch ein Tal voller Dornbüsche habe ich gerade voll Lust.
Schön auch, dass Monsieur aus der Verabredung um 10:00 Uhr mal eben “11:00 oder 12:00 Uhr” gemacht hat. Imbecille. Ist ja nicht so, dass ich heute nicht noch mehr vor hätte. Ich drücke die Sprachnachricht weg und höre die zweite ab, wieder in 10 Sekunden Häppchen mit einer Minute Ladepause dazwichen.
Ich werde hier noch irre. Die Nonna guckt auch immer mißtrauischer.
Auch die zweite Sprachnachricht ist ein mäandernder Monolog. Sie beginnt beim Wetterbericht, führt weiter in Klagen drüber wie “busy” alles sei und kommt einfach nicht zum Punkt. Aus Gründen der Lesbarkeit gebe ich das hierextrem gerafft wieder, die Originalnachricht geht sagenhafte vier Minuten. Ich höre mit vielen Wartepausen nur die erste Minute, und die enthält als Kern:
“Ist eigentlich gut wenn Du da bist, dann können wir mal den einen Wohnwagen da aus den Büschen ziehen. Der ist gar nicht so groß, aber das macht man besser zu Dritt.”
WTF? Jetzt auch noch Arbeitseinsatz?!
Meine Laune wird immer besser.
Immerhin haben jetzt die Bilder geladen, es sind Satellitenaufnahmen der Gegend. Auf einer sind Straßen durchgestrichen, auf einer anderen wilde Kringel gemalt. Keine Ahnung was das soll. “…Naja… ….viel Zeit hab ich… aber nicht… ich bin halt busy und -” die Aufzeichnung bricht wieder ab, und ich mache mir nicht die Mühe zu warten, bis die nächsten 10 Sekunden eingetröpfelt sind.
“Ich habe auch nicht viel Zeit und deswegen Deine erste Nachricht jetzt nur zur Hälfte gehört. Ich komme zum Treffpunkt, den wir ursprünglich ausgemacht haben”, tippe ich, ohne Hoffnung das Jörg die kleine Stichelei verstehen wird. Dann stecke ich das Handy weg und starte den Motor.
Keine Experimente was den Treffpunkt angeht, nicht so kurzfristig. Der ausgemachte Treffpunkt liegt mitten im Nirgendwo, aber davon habe ich die zumindest Koordinaten im Navi, das ist tausendmal besser als wage Beschreibungen und irgendein Gekrickel. Ich habe heute tatsächlich nicht ewig Zeit. Ich will noch 400 Kilometer weiter, bis hinter Genua. Ich wollte Jörg nur kurz Hallo sagen, mir seine Ruine angucken, einen Kaffee trinken und dann weiterfahren. Nix wandern oder arbeiten.
Ich gebe der V-Strom die Sporen. Schon nach 45 Minuten führt uns Anna von einer Dorfstraße ins Hinterland. Den Weg habe ich vorher genau anhand von Google Maps festgelegt, denn auch hier möchte ich keine Experimente eingehen.
Umso erstaunter bin ich, als plötzlich der Asphalt aufhört und Schotter beginnt. “Na, das kann ja interessant werden”, denke ich, mache mir aber keine Sorgen. Schotter kann ich, und der Weg hier sieht gut aus.
Das bleibt aber nicht so. Bis zu einem letzten, alleinstehenden Haus ist der Weg noch passabel, aber dann.
Mit einer ordentlichen Steigung und etlichen Kehren zieht sich der Weg den Berg hinauf. Was auf dem Satellitenbild aussieht wie ein schöner, breiter Schotterweg…
…ist von jetzt auf gleich eine Geröllhalde. Hier oben ist der Schotter und der Sand der Deckschicht vom Regen weggewaschen. Übrig geblieben sind kindskopfgroße Steine und tiefe Rinnen, mal schräg, mal quer zum Weg.
“Shit”, fluche ich, gehe aus dem Sattel und steuere die V-Strom im Stehen über diese Buckelpiste. Ich kann das fahren, Spaß macht es aber nicht. Die Morrigan ist eine toughe Lady, aber für sowas hier nur bedingt geeignet. Sie hat Straßenreifen drauf, die zudem für diese Situation viel zu viel Druck drauf haben. Außerdem hat sie nicht genug Bodenfreiheit. Das wird immerhin zum Teil durch den fetten Motorschutz kompensiert, der sich gerade wieder bewährt: Ein ums andere Mal schrappt er über die Geröllbrocken auf dem Weg. Meine Güte, das hier ist die Strafe dafür, dass ich ein schlechter Mensch bin und mich an Jörgs mutmaßlicher Katstrophenbaustelle weiden wollte.
Bilder gibt es von diesem Elend übrigens nicht. Die kleine PRISM-Helmkamera habe ich vorhin bei einem ultrakurzen Regenschauer abgenommen, und auf die Idee die OSMO am Rahmen des Motorrads einzuschalten komme ich gerade nicht, weil oben bleiben und weiterfahren Priorität hat. Aus mir wird nie ein guter Influencer.
Ich höre einen scharfen, kurzen Pfiff, konzentriere mich aber weiter auf´s fahren. Wenige Minuten später ertönt der Pfiff erneut. Ich sehe mich vorsichtig um, sehe aber niemanden. Wer pfeift denn hier? Ein Schafshirte?
Nach 10 Minuten auf der Felsenpiste führt der Weg in einen kleinen Wald, und dort gibt es einen Ebenen Platz. Offensichtlich die Einfahrt zu einer anderen Farm. “Casella Omomorto” steht darauf, “Des toten Mannes Häuschen”. Ja kein Wunder das der tot ist, wenn der ständig diesen Scheißweg fahren muss.
Ich stelle die V-Strom ab, und noch bevor ich den Motor ausstellen kann, höre ich wieder den Pfiff und dann springt der Lüfter der Suzuki an. Es ist mein Motorrad, das pfeift! Dem ist einfach zu heiß!
Ich lasse die Zündung an und damit den Lüfter laufen, während ich um die V-Strom herumlaufe und versuche Jörg anzurufen. Wenn ich den jetzt rankriege, ziehe ich ihn durch Telefon.
Zu seinem Glück geht er nicht ran. So, und jetzt? Ich stehe an einer Weggabelung. Die eine Richtung ist der Weg zum toten Mannes Häuschen, wo ich nicht hin will, in der anderen Richtung setzt sich die Scheiße aus der Hölle fort: Geröll auf dem Boden, aber zusätzlich noch tiefhängende Äste. Sieht aus, als wäre da seit Jahren niemand langgefahren. Als ob der Weg mitten in den Urwald führt.
Ich betrachte nochmal Jörgs Krickeleien. Es sind Google-Maps Screenshots, und wenn ich die richtig deute, soll ich den verwaisten Weg weiterfahren. Der Weg, den ich jetzt laut Navi weiterfahren müsste, den hat er durchgestrichen.

Ich höre doch die zweite Sprachnachricht ab. Die ist mit 19 Sekunden tatsächlich sehr kurz.
“Najaaaa… Google ist hier oben ja so eine Sache… Das zeigt da eine Straße an…. aber die gibt´s nicht mehr”
Ach! Weggespülte Straßen! Na sowas!
“Wenn de´ da den anderen Weg langfährst… dann kommt nach 600 Metern eine Kette, die sieht aus als wäre sie abgeschlossen. Isse aber meistens nicht, wenn man da nur feste genug dran zieht dann…”
Ich habe genug gehört. Ich soll Wege fahren, die es nicht gibt, wo doch die Wege DIE es gibt schon Rotze aus der Hölle sind? Und dann riskieren dass der Weg gesperrt ist und ich bergrunter vor einer Kette stehe die dann heute vielleicht oder vielleicht auch nicht abgeschlossen ist? Nein Danke!
“Komm, wir gehen”, sage ich zur Morrigan und schwinge energisch das Bein über den Sattel.
Langsam, Meter für Meter, bugsiere ich das schwere Motorrad die Schlaglochsteinpiste wieder den Berg hinab. Bloß nicht zu schnell werden, bloß nicht zu heftig bremsen, bloß nicht mit dem Vorderrad ins Rutschen kommen. Anders als das 800DE-Modell hat die Morrigan als 800SE kein Gravel-ABS, und ABS auf losem Untergrund ist mal ganz schnell ganz doof.
Als wir wieder Asphalt unter den Rädern haben, jubele ich kurz auf. Als wir im nächsten Dorf sind, klingelt es im Helm. Ich halte an und gehe ran. Es ist Jörg.
“Sorry… war busy. Bist Du schon an der Kette”?”, fragt er.
“NEIN, BIN ICH NICHT”, sage ich. “Ich bin schon wieder weg! Aus Deinen last-Minute-Beschreibungen von Schrödingers Treffpunkt bin ich nicht schlau geworden, und der Weg da hoch ist ja wohl SCHEISSE AUS DER HÖLLE. Ich war FAST da, aber als ich Dich dann nicht erreicht habe, bin ich umgedreht.”
“Ja Mensch… das ist ja schade”, sagt Jörg, vermutlich mit dem Gedanken im Hinterkopf, wie er jetzt den Wohnwagen aus den Disteln bekommt. “aber hast Recht… der Weg ist fresh… Mit nem Pickup kann man den noch halbwegs fahren, aber mit nem großen Motorrad würde ich das nie im Leben machen. Von der anderen Seite ist einfacher, da fährt man nur 100 Meter über Schotter und dann ist man da”.
“JA UND WARUM SAGST DU MIR DAS NICHT VORHER??!”, rufe ich.
Eine Nonna in Kittelschürze lugt über den Zaun des Hauses, vor dem ich angehalten habe. Warum ist IMMER eine Nonna in der Nähe?
“Ich habe da nicht dran gedacht”, nuschelt Jörg.
Was für verpeilte Leute es gibt! Zwei Wege, einer direkt vor Ort und easy as pie, der andere nur erreichbar mit einer halben Stunde Umweg und unfahrbar, WIE KOMMT MAN DA AUF DIE IDEE DEN UNFAHRBAREN ZU EMPFEHLEN!?!
Jörg lacht und sagt “Ja, war doof jetzt, ne. Kommste noch auf einen Kaffee rum?”
“NEIN!”, rufe ich.
Wir verabschieden uns, ich drücke den schweißnassen Helm auf den noch nasseren Kopf und weiter geht´s.
Es ist wirklich unerträglich heiß, und ich kann wirklich spüren wie mir Tropfen über den Körper rinnen und sich sogar in den Stiefeln sammeln. Keine Zeit jetzt mehr für romantische Umwege, ich werde Autobahn fahren und damit zwei Stunden Zeit sparen, damit ich hier nicht kollabiere – denke ich, und stehe erst einmal vor einer Umleitung. Statt schnell Richtung Arezzo weiter zu fahren, muss ich auf Nebenstraßen einmal um Jörgs Berg herumfahren.
Als das endlich geschafft ist, atme ich auf – und stehe im Stau auf der Schnellstraße. Das GIBT es doch nicht!
Immerhin geht es irgendwann weiter, und trotz vieler Stauwarnungen fließt der Verkehr. Mit fällt ein, dass ich kein Bargeld mehr im Portemonnaie habe. Deshalb halte ich an und hole welches aus einem der Koffer. Man weiß nie, ob die nächste Mautstation Karten akzeptiert.
Aufmunitioniert geht es weiter, über die Autobahn an Florenz vorbei und an Pistoia und Lucca und dann ab Viareggio die Westküste entlang nach Norden, vorbei an Carrara und dann in die Berge im Landesinneren. Vorher stoppe ich an einem Supermarkt und suche Febreze. Ich rieche nämlich.
Unangenehm.
Stechend.
Ja, Merinoklamotten sind antibakteriell, aber nach wer-weiß-wieviel Litern Schweiß verströmen sie eine Note, obwohl ich sie in Pomarico und Tropea ausgespült habe. Auch der Rest der Klamotten riecht der sehr deutlich, und die Sachen kann ich nicht unterwegs waschen. Normalerweise habe ich dafür ein Fläschen Febreze dabei – dieses Mal nicht. Wie ich schnell lerne, gibt es das in Italien auch einfach nicht. Vermutlich hält man das für Schweinerei. Nur eine Variante gegen Tiergeruch ist erhältlich.
Gegen 17:00 Uhr komme ich in einem kleinen Ort mitten im Apennino Tosco-Emiliano an, den Bergen auf der Grenze zwischen Toskana und Emilia-Romagna, und kurz darauf steuert die V-Strom in eine Einfahrt, die versteckt in einer Hecke liegt.
Das Motorrad rollt einen kleinen Berg hinab, bevor ich sie neben einer Blockhütte wende und abstelle.
Einen kleinen Anstieg hinauf steht eine weitere Holzhütte mit einem Tresen, eine kleine Bar. Das ist italienisch für ein Café.
“!!!”, höre ich meinen Vornamen, und im nächsten Moment stürmt eine blonde Frau hinter dem Tresen hervor und aus der Tür der Bar.
Die Zeiten von zaghaften Begrüßungsküsschen links und rechts sind vorbei, heute ist die Mitte das Ziel, und ehe ich noch ganze begreife was los ist, finde ich mich in einer festen Umarmung wieder, werde dann nochmal heftig gedrückt und schließlich blicken mich diese strahlenden grauen Augen aus wenigen Zentimetern Entfernung an.
Giulietta strahlt und lächelt dieses Lächeln, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Sie strahlt auch von Innen heraus, wie es nur ganz wenige Menschen tun, die wahre Schönheit in sich tragen. Dieses Strahlen wirkt sich um alles um sie herum aus. In Giuliettas Gegenwart wird alles besser, um sie herum alles heller, Menschen werden durch ihre bloße Anwesenheit freundlicher. Alles schon erlebt.
Vor mir steht die schönste Frau, die ich in Italien kenne. Sie sieht ein wenig aus wie Gillian Anderson, und gerade umarmt sie mich nochmal und legt den Kopf auf meine Brust.
“Achtung, ich bin schmutzig und rieche”, sage ich. “Anch´io”, nuschelt aus Brusthöhe, “ich auch. Ich war gerade in der Küche, frittieren”.
“Ich brauche eine Dusche”, sage ich.
“Anch´io”, sagt sie und grinst.
Kurz darauf marschieren wir gemeinsam zur Hütte hinab.
“Du singst wieder,” sage ich. Wir haben viel Kontakt per Messenger, und das hatte sie mir geschrieben und es freut mich ernsthaft
“Sì, e poi piove.” – Ja, und dann regnet es, sagt Giulietta und lacht.
“Gibst Du mir ein Konzert?”, frage ich.
“Eeeeeeh…. quando tornerai la prossima volta” – Wenn Du das nächste Mal wiederkommst, sagt sie und grinst schief.
Eine Stunde und eine Dusche später laufe ich wieder den Berg hinauf, dieses Mal aber zu einer anderen kleinen Hütte mit einem Tresen. Das ist das Reich von Nonna Annamaria, Giulies Mamma. Die alte Dame hat einen äußerst schrägen Humor, den sie auch ihrer Tochter vererbt hat.
Sie backt von morgens bis abends, und wenn sie nicht am Ofen steht, macht sie Eis. Erstklassiges Eis. Gerade macht sie aber beides nicht, sondern sitzt mit geschlossenen Augen in einem kleinen Sessel hinter der Eistheke.
Ich lehne mich über den Tresen und rufe laut “AIUTO! EMERGENZIA!” – Hilfe, ein Notfall!
Annamaria schreckt hoch und fällt dabei fast aus dem Sessel, reisst die Augen auf, blickt mich an und ruft nach einer Sekunde der Irritation “STUPIDO! Mi hai spaventato!”, Blödmann! Du hast mich erschreckt!
“Ich wollte Dich nicht erschrecken, aber ich bin WIRKLICH ein Notfall, ich brauche DRINGEND ein Eis!”, sage ich, als Annamaria um den Tresen herumwackelt, sich vor mir aufbaut und mich mustert. Dann boxt sie mir in die Rippen, umarmt mich, lacht und ruft “Caro! Wann bist Du angekommen?!”
“Gerade eben”, sage ich. Machst Du mir bitte ein Pistazieneis in der Tüte für mich und einen kleinen Coppa Nocciola für…” Ich deute mit dem Kopf in Richtung der Bar, hinter deren Tresen Giulie gerade die Schrankgroße Espressomaschine zerlegt. Nocciola ist ihr Lieblingseis.
“Sorpresa?”, fragt Annamaria, Überraschung?
“Si”, flüstere ich.
“Per la Giulietta?”
“Si-hi”, sage ich leise.
“Okay. Aber dann nehmen wir nicht nur Nocciola sondern auch….”
Mit dem Eis in der Hand schlendere ich hinüber zum Café.
“Eispause gefällig?”, frage ich lässig und schiebe Giulie den Bescher mit ihren Lieblingssorten über den Tresen. Sie freut sich, und zusammen mit Annamaria und einer Aushilfsbarista setzen wir uns an einen Tisch auf die Terrasse.
Mein Eis in der Tüte stellt sich dabei als keine gute Idee heraus. Selbst hier oben in den Bergen ist es heute so heiß, dass das Eis schneller schmilzt, als ich es wegbekomme. Ich lecke gegen die Eisströme an, werde ihnen aber nicht Herr. Dabei reden geht erst recht nicht.
“Erzähl von deiner Tour”, sagt Giulietta, aber ich komme kaum hinterher. Während Giulie elegant ihr Becherchen auslöffelt, tropfe ich mich voll und schmiere mir sogar Eis an die Nase, bis Annamaria die Barista losschickt, um zusätzliche Servietten zu holen.
Peinlich.
Aber lecker.
Zusammen mit der Barista, die gelegentlich auf dem Umweg über Englisch dolmetschen muss, plaudern wir noch ein wenig über Gott und die Welt.
Dann fragt Annamaria “Quanto tempo rimani, caro?”, wie lange bleibst du?
“Fünf Tage”, sage ich und sie strahlt erst und guckt dann wieder böse und sagt “nicht lange genug!”.
Auch jetzt kann ich nur nicken.
Später Abendessen gibt es als Abendessen einen Fischburger auf der Terrasse. Alles hier ist mit Fisch. Immerhin ist das hier eine Fischfarm.
Die Berge rings herum werden vom Licht der untergehenden Sonne angestrahlt. Eigentlich war ein guter Tag. Die Morrigan und ich haben einen Ausflug in echt undankbares Gelände ohne Schäden gemeistert, und jetzt bin ich zu Hause angekommen.
Tour des Tages: Von Mondaino Richtung Arezzo, einmal um den Berg des Yogagleiters, dann bis in den Apennino Tosco-Emiliano. 428 Kilometer.
Weiter zu 12. P wie Piacenza (oder wie Pfau)
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Ein Gedanke zu „Reisetagebuch (11): Yogagleiter“
So einen Jörg kenne ich auch. 😂