Reisetagebuch (14): Unausgeglichen
Sommertour mit der V-Strom 800 Morrigan. Heute tanke ich Diesel und bin auch ansonsten leicht unkonzentriert.
Mittwoch, 18. Juni 2025
Ein letztes Mal sitze ich vor der Hütte und genieße Annamarias Kuchen. Ich kann mich nicht zwischen Choccolino und Arancia entscheiden, und nehme einfach beide.
Rosanna pinselt in der Nähe an der Holzfassade der Hütte herum.
“Cosa fate per l´annoversario?”, frage ich.
“Welches Jubiläum?”, fragt Rosanna?
“Naja, ihr habt den Gästebetrieb auf der Farm 2015 aufgemacht, und jetzt haben wir 2025…”, sage ich
“OMG wir haben 10jähriges! Ich muss das gleich La Giulietta sagen!”
“Kann ich auch”, sage ich.
“Es kann sogar dieser Monat sein! Ich muss Giulie fragen!”, ruft Rosanna, ganz aus dem Häuschen über diese unverhoffte Entdeckung, und rennt weg.
Nachdem der Kuchen amtlich vernichtet und die V-Strom gepackt ist, laufe ich den Weg zur Bar hinaus. Als ich dort ankomme, schreit jemand laut meinen Namen, während gleichzeitig Annamaria aus der Tür torkelt. Sie presst eine Hand an die Brust und ruft “Giulie! Non Spaventarmi! Mio cuore!” – Erschreck mich doch nicht so! Denk an mein Herz!
“Scusa, Scusa, Scusa”, sage ich und hebe die Hände, aber Annamaria deutet schon in Giulies Richtung und ruft
“Non tu! Ich meine SIE! Mi porterà alla tomba!” – die bringt mich noch ins Grab.
Giulie sieht heute Morgen aus wie eine Erscheinung. Sie trägt eine schwarze Bluse zu einer weiße Hose, was so elegant wirkt, als ob sie gleich ausgehen würde. Und sie strahlt – die schönste Frau der Welt.
“Ma lui Parte!!”, bringt Giulie als Entschuldigung vor, und Annamaria schaut erst überrascht, dann böse.
“Du reist schon wieder ab? Warum?! Du bist doch nicht mal eine Woche hier!”, sagt sie und macht die typische “Was soll das denn?” Geste.
Ich grinse Annamaria über Giulies Schulter an, die mich gerade an sich zieht und lange und fest umarmt. Dann hebt Sie den Kopf und flüstert “Mi raccomando stare attento. Mit deinem Moto und so. Du sollst wiederkommen. Irgendwann will ich da nochmal mitfahren”.
“Sei davvero unico”, erwidere ich, “Stammi Bene e… ci vediamo presto”. Du bist echt einzigartig. Pass auf Dich auf und… wir werden uns schon bald wiedersehen.
Giluie nickt und hat ein Grinsen im Gesicht, dass in Deutschland vermutlich nach § 183a StGB geahndet würde.
Es wird nicht wieder ein Jahr dauern, bis wir uns wiedersehen.
Das ist gut. Die letzten Abschiede haben mich immer emotional ein wenig mitgenommen. Aber heute nicht.
Kurz darauf treibe ich die Morrigan über die Bergstraßen nach Osten, leicht wütend auf irgendwie alles. Warum schleicht der Traktor da so rum? Wie beschissen fährt der Fiat Panda da eigentlich? Und warum fahre ich hier eigentlich weg? Warum bleibe ich nicht einfach hier? Achja, Erwerbsarbeit und Familie, da war ja was.
Hinter Parma geht es in die Po-Ebene, und wie immer ist die fürchterlich langweilig zu fahren. Schnurgerade ziehen sich die Straßen durchs platte Land.
Alle fahren hier wie Scheiße: Telefonierende Radrennfahrer dödeln in Schlangenlinien über die Straße, LKW und Kleinwagen schleichen wie die Schnecken durch die Gegend. Aus Frust und vor Langeweile begehe ich eine Geschwindigkeitsübertretung nach der nächsten und ziehe an den Pennern vorbei.
Die Supermärkte unterwegs sind auch doof. Ich bin ja nun quasi auf der Heimreise, und so lange ich noch in Italien bin, würde ich gerne noch noch die gute Marvis-Zahnpasta zu kaufen. Aber die ist überall aus oder gar nicht erst im Sortiment. Dödel, diese Supermärkte.
Meine Laune wird nicht besser, als die Alpen in Sicht kommen und ich mich in der Waffenstadt Brescia (Beretta) erstmal gepflegt verfahre und einige Kilometer in die falsche Richtung unterwegs bin. Als es wieder in die richtige Richtung geht, habe ich wieder Pennbrüder vor mir, die mit knapp über 60 über die Landstraße zuckeln.
Am Eingang der Alpen liegt der Lago d´Iseo, und daran der Ort Pisogne.
Der geht mir sofort schwer auf den Keks, weil das so ein piekfeiner Kurort für ältere Herrschaften zu sei scheint. Von der Sorte “Oppa mit Anzug und Sonnenhütchen, im Schlepptau Papa mit rosa Poloshirt mit hochgeklapptem Kragen und Enkelin im Blümchenkleid”, also ganz fürchterlich.
Dennoch muss ich hier anhalten, Madame V-Strom gelüstet es nach Treibstoff. Ich halte an einer Zapfsäule, steige ab, schalte die an einem zentralen Terminal, das vier Säulen auf einmal verwaltet, mit meiner Kreditkarte frei, setze mich dann wieder auf´s Motorrad und greife mir die Zapfpistole.
Der Schlauch hängt auf der Rolle fest und lässt sich nur superschwer rausziehen. Ich fluche und reiße an dem doofen Ding rum, bis er endlich weit genug abgerollt ist, dass ich die Zapfpistole in den Tank bekomme. Die passt noch nichtmal richtig. Was für ein Wurstladen!
Immerhin ist sie lustig gelb, denke ich noch, als ich den Abzug drücke und plötzlich Diesel rieche.
WTF?
Ich blicke auf die Säule und… SCHEIßE!! Ich tanke gerade Diesel! Sofort lasse ich den Abzug los. Wieviel war das jetzt? Ein Schnapsglas? Ein Wasserglas?. Hm. Ich habe ja nicht hingeguckt. Ein Limoncello-Glas vielleicht? Auf jeden Fall nicht genug, dass ich der V-Strom jetzt den Magen auspumpen müsste.
Vermutlich.
Oder?! 😬
Ach KACKE!!
Ich hänge die Dieselpistole weg und greife mir die für Benzin. Da kommt aber nichts raus. Vermutlich weil die Dieselleitung freigeschaltet war. Mist.
Ich steige wieder ab, um die Säule noch einmal von Neuem freizuschalten. Dummerweise steht jetzt ein Hütchenoppa vor dem Terminal und erklärt seiner Blümchenomma, wie man sowas bedient. Das er selbst bei jedem Schritt erst die Brille hochschieben muss und dann den Bildschirminhalt vorliest, dann Omma ebenfalls nochmal laut liest, dann überlegt wird und erst dannach und nach reiflicher Pause mit spitzen Fingerchen eine Auswahl getroffen wird, macht die Sache nicht besser. Herrgott, NUN MACHT HINNE!
Als ich nach gut fünf Minuten Gerontenbingo ENDLICH an der Reihe bin, lässt sich meine Säule aber nicht auswählen “belegt” steht auf dem Terminal. Ja klar, WEIL ICH DIE MINDESTABNAHMEMENGE AN DIESEL NICHT ERREICHT HABE.
Okay, jetzt schlag ich hier gleich um mich.
Ich ziehe die Schultern hoch und stapfe auf das Tankstellenhäuschen zu, jeder Schritt verstärkt mit dem wütenden Gewicht von Daytonas mit Stahleinlagen. Der Tankwart sieht mich von Weitem und winkt und gestikuliert, dass er die Zapfsäule freigegeben hat. Er hat das Trauerspiel wohl aus der Ferne verfolgt, aber jetzt erst begriffen, das Motorräder MEISTENS kein Diesel tanken. Geht doch, Arschloch.
Ich drehe um, schalte die Säule frei und kann jetzt endlich, endlich Benzin tanken. Verficktewurst was für ein Scheißtag.
Dampfend vor Wut, in erster Linie über mich selbst, fahre ich weiter und horche dabei auf den Motor. Der scheint keine unnormalen Geräusche zu machen, anscheinend hat der Diesel-Limoncello der V-Strom nichts getan.
Der Verkehr ist sehr, sehr dicht und ich bin sehr, sehr genervt. Es ist null spaßig, wenn man entweder hinter einem Betonmischer hängt oder von einem laut heulenden LKW gejagt wird oder beides gleichzeitig.
Im Dorf Abränke (wassen das für ein Scheißname bitte?) stehen alle paar Meter Leute in Warnwesten am Wegesrand. Sie halten Fahnen in der Hand und wedeln damit, aber sehr unmotiviert und jeder anders, einer zuckt sogar nur kurz.
Warum? Was wollen die mir sagen?
Ich weiß das nicht und beschließe, das Fahnenwedeln zu ignorieren und einfach weiter zu fahren. An einer Kreuzung mitten im Ort hält das Auto vor mir, ohne ersichtlichen Grund, und fährt dann wieder an. Als ich das auch tun will, schiesst mit bestimmt 40 Sachen ein Radfahrer rechts an mit vorbei, zieht einen Meter vor dem Motorrad direkt über meine und die Spur des Gegenverkehrs und verschwindet links den Berg hoch.
“Alter” entfährt es mir als ich das Motorrad ausbalanciere, dass ich durch eine Vollbremsung sofort zum Stehen gebracht habe, da höre ich es neben mir von einem Mann auf dem Bürgersteig auf deutsch rufen “DER HAT VORFAHRT, DU DEPP” –
Wa?! IN WELCHER WELT HATTE DIESE ARSCHKRAMPE VORFAHRT??
Okay, vermutlich bin ich mitten in ein Radrennen geraten, das würde die Fahnenwedler erklären, aber wenn die ihre Straßen nicht vernünftig sperren, berechtigt das nicht die Radrenner sich wie Selbstmörder aufzuführen.
Meine Meinung.
Super, wieder ein Holz-LKW. Ich könnte hier über eine Bergstraße mit wunderschönen Ausblicken cruisen, aber NEIN, ich schleiche in wenig mehr als Schrittgeschwindigkeit hinter einem Laster her.
Als sich, endlich, ENDLICH in einem Ort auf einer Brücke die Möglichkeit zum Überholen bietet, nutze ich die natürlich – und prompt blitzt es erst, und DANN biegt der LKW an der nächsten Kreuzung in eine andere Richtung ab. Hat sich voll gelohnt, die Aktion.
Auf den Wecker gehen mir auch die Motorradhelden. Allesamt Gruppen von alten Männer auf dicken GSen, die allesamt fahren wie der letzten Müll. In einem Ort muss mich einer unbedingt haarscharf im Stau vor einer Baustelle überholen und fällt danach beinahe um und gegen einen Mercedes. Also DAS hätte ich ja gerne gesehen, wenn er dem eine Beule verpasst hätte.
Auf einer Strada Statale geht es tiefer in die Berge, die immer größer werden und immer enger heranrücken, bis das Tal so eng geworden ist, das die Schnellstraße durch Tunnel geführt wird.
Der letzte ist einen Kilometer lang und endet in Bormio. Das ist auch mein Ziel für heute. Gut so, drei Kreuze wenn dieser Tag vorbei ist.
Aber NOCH ist er das nicht, und er gibt sich nochmal richtig Mühe scheißig zu sein. Zwar finde ich meine Unterkunft, ein Skihotel, problemlos – aber da ist keine Rezeption oder ein Empfang!
Durch eine offene Tür gelange ich ins Haus und finde auch Schilder für eine Rezeption, die führen aber in einen dunklen Kellergang ohne Beleuchtung, der an einer Brandschutztür endet. Was für ein Mist.
Ich stiefele im Treppenhaus nach oben, aber auch hier ist nichts. Was soll das denn? Es muss hier doch einen Empfang geben! Ich laufe um das Haus herum, aber da ist auch nichts. Was für eine Scheisse ist denn das hier?
Die Tür, durch die ich reingekommen bin, liegt hinter dem Haus und im ersten Stock, weil das Hotel in den Hang gebaut ist und man von der Straße aus zum Parkplatz quasi hochfahren muss. Vielleicht ist ja an der Straße ein Eingang? Ich laufe hinunter und finde tatsächlich einen Eingang, aber der ist abgeschlossen und verwaist. Was SOLL das denn hier??
Kochend vor Wut und gleichzeitig leicht verzweifelt ob dieses Irrsinns stapfe ich wieder zum Haus hinauf und sehe dann, das ein Weg darum herumführt. Was von der Straße aus aussieht wie die bodentiefen Fenster von Gästezimmern sind auch solche – bis auf eines, das ist eine Tür, und dahinter ist ein Tresen, und dahinter sitzt im Halbdunkel ein Mädchen und guckt auf ihr Handy.
Als ich im Türrahmen stehe guckt sie hoch, grüßt unmotiviert und sagt “Ausweis”.
Nachdem sie den fotografiert hat, nuschelt sie “Ich zeig ihnen ihr Zimmer” und verschwindet durch eine Tür ins Innere des Hauses.
Ich folge ihr, und dann folgt wieder ein Aufstieg durchs Treppenhaus bis in die oberste Etage und dort ins aller letzte Zimmer am Ende eines langen Gangs. War ja klar, vermutlich bin ich der einzige Gast heute, aber ich muss meine drei schweren Koffer die weiteste Strecke schleppen, die es überhaupt in diesem Haus gibt.
“Kann ich ein Zimmer in einem der unteren Stockwerke haben?”, frage ich.
“Nö”, sagt das Mädchen.
“Wann macht die Pizzeria auf?”, frage ich. Das ist das einzige, was an schönen Gedanken während der Fahrt da war: Heute Abend gibt´s lecker Pizza im hoteleigenen Restaurant.
“Gar nicht. Ruhetag”, nuschelt das Mädchen, “Nächste Pizzeria ist im Nachbarort.”
Okay, sage ich und mache die Zimmertür zu.
Immerhin ist das “Zimmer” eine echte Schau. Das ist nicht nur ein Zimmer, das ist ein kleines Appartement mit Wohnzimmer, Küche, Bad und Schlafzimmer. Alles schön mit Holz verkleidet, aber verfickt nochmal, das BRAUCHT KEIN MENSCH! Ich will keine Küche, ich will nur ein Zimmer, und zwar nicht eines wo man erst Kilometerweit laufen muss!
Unter großem Stöhnen und Ächzen und mit ganz viel Selbstmitleid schleppe ich die Motoradkoffer in den vierten Stock, dann checke ich auf Googlemaps die umliegenden Restaurants. Die Hälfte davon hat heute Ruhetag, der Rest ist arschteuer und/oder macht erst in drei Stunden auf.
Aus Protest beschließe ich, nicht im Restaurant zu essen. Ich kann mir vorstellen, wie hier Gastronomie aussieht: Horden von Motorradhelden hocken zusammen und fressen Pizza für 26,80 Euro das Stück.
Neenee.
Ich seufze und ziehe die Jacke wieder an.
LÜDL gibt´s in Bormio nicht, aber immerhin einen Supermarkt, schön volkstümlich mit Holzadler.
Mit Fertigkkram aus dem Supermarkt mache ich es mir im Appartement bequem, gucke den Nachbarn in die Hinterhöfe und versuche, durch die Ruhe der Berge auch selbst Ruhe zu finden.
War eine Scheißidee hier her zu kommen.
I got a BAD Feeling.
Auf der Straße knattert sonstwas rum, und dann beginnt es auch noch zu stürmen.
Tour des Tages: 356 beschissene Kilometer.
Nächste Woche: Oj Oj Oj am Stelvio




























Ein Kommentar zu „Reisetagebuch (14): Unausgeglichen“
LKW vor mir ohne Möglichkeit zum Überholen nerven mich. Noch mehr aber Fahrer/innen meist älteren Semesters, welche ängstlich und gedankenlos dahinschleichen, auf der Geraden dann urplötzlich Gas geben wie ein Fahranfänger am 1. Tag.
Verkehrte Pistole hatte ich noch nicht, aber verunreinigten Sprit.
Die Bocksprungfahrerei ist auch nicht lustig, besonders im Ausland.