Reisetagebuch (15): Oj oj oj oj am Stelvio

Reisetagebuch (15): Oj oj oj oj am Stelvio

Sommertour mit der Morrigan. Heute gucken wir mal, ob auch wir am Stelvio umfallen und dabei jemand “Oj oj oj!” ruft.

Donnerstag, 19. Juni 2025, Bormio
Der gestrige Tag war nicht doll, und auch die Nacht war unruhig. Klappt also nicht ganz mit “Ruhe finden”, ist aber auch egal.
Ich wollte eh´ früh los.

Schon um 05:30 Uhr ist die V-Strom wieder fertig beladen. Bormio liegt auf 1.300 Metern. Hier sind nur 12 Grad, und gleich geht es noch 1.400 Meter höher, da wird es ungefähr zwei Grad haben. Zeit für die dicken Handschuhe.

Ich steuere die Suzuki auf die Straße hinaus. Am Straßenrand stehen “Stealthcamper” herum. Glauben die Würstchen eigentlich wirklich, dass niemand merkt, dass sie in ihren rollenden Fickelbuden pennen?

Egal. Ich ziehe die V-Strom in die Berge hinein, und gleich wird die Straße steil und kurvig.

Die Sonne geht gerade erst auf und küsst die ersten Berggipfel.


Es hatte einen Grund, dass ich in Bormio übernachtet habe: hier beginnt die Straße zum Passo dello Stelvio, zum Stilfser Joch. Bei vermutlich jedem Motorradfahrer inkl. mir waren die Social Media Feeds im vergangenen Jahr voll mit Videos von Kanyarfoto. Das ist eine Firma, deren Fotografen in Kurven an vielbefahrenen Pässen sitzen und Fotos von verbeikommenden Fahrzeugen zu machen. Später können die Fahrer dann diese Fotos auf der Website kaufen.

Daniel “Dani” Gazsy arbeitet als Fotograf für Kanyarfoto und ist berühmt geworden mit Kompilationen von umfallenden Motorrädern. Die werden in den steilen Kurven des Passes zu langsam und fallen um, einer nach dem anderen.

Sieht Dani das, ruft er mit einem ungarischen Akzent laut “Oj Oj Oj!”, dann hilft er den Gestürzten auf, gibt ihnen Tips (“Du hast eine GS; mach den Notruf aus!”, “Die springt erst wieder an, wenn du die Zündung ausmachst und zehn Sekunden wartest”), beruhigt geschockte Fahrer (“Jetzt hast Du den Umfaller hinter dir, ab jetzt wird es besser”) und klebt bunte Pflaster auf verschrammte Motorräder.

Mittlerweile fahren viele nur zum Stelvio, um Dani zu sehen und mit ihm zu schnacken. Damit trägt er zu dem bei, was er gelegentlich anprangert: Das am Stelvio einfach zu viel los ist.

Ich fand diese Videos nicht witzig, sondern habe die immer mit einem unheimlichen Gefühl geschaut. Würde es mir genauso gehen? Können die Umfallenden nicht fahren? Ist die Straße wirklich so abartig schwer? Würde ich das besser machen?

Im Lauf der Zeit bekam ich großen Respekt vor dem Stelvio und beschloss, mich der Herausforderung zu stellen. Deshalb bin ich jetzt hier: Ich will sehen, ob ich die schwierige Straße fahren kann. Und ich möchte sie möglichst allein erleben, deshalb habe ich in Bormio genächtigt und bin früh am Tag auf der Straße.

Links und rechts der Straße erheben sich schroffe Felswände. Ein Wasserfall stürzt donnernd in die Tiefe.

Hinter mir donnert und röhrt ein AMG. Was will der denn hier, um Viertel vor sechs? Ich lasse mich nicht auf eine Wettfahrt ein, sondern den Drängler vorbei und bewundere weiter die Landschaft.

Das ist er also, der berühmte Stelvio. Bislang alles noch gut machbar. Wann wohl die gefährlichen Kehren kommen?

Erstmal kommt eine Ebene mit grünen Wiesen. Mittendrin steht eine kleine Kirche, und in genau dem Moment, wo die Morrigan über die Ebene fährt, schiebt sich ein Lichtfinger über den Berggrat und fällt auf das Gebäude, als werde es göttlich erleuchtet.

Hinter der Ebene geht es noch drei Kehren hoch. In denen steht eine Dreiergruppe älterer Herren, alle so um die 70, alle mit Caps und Sonnenbrillen, vor ihren Porsches und schaut sich den Sonnenaufgang an. Ja, wenn man so alt ist, dass man Porsche fährt, braucht man nicht mehr so viel Schlaf.

Nicht ausgeschlafen hat anscheinend auch Anna, die empfiehlt jetzt links abzubiegen. Was soll das denn? Ich mache den Helmlautsprecher aus.

Etwas weiter stehen Wohnmobile. Natürlich.

Und dann ist er plötzlich schon da, der Pass. Der Stelvio. Das Stilfser Joch.

Ich halte die Morrigan an und mache ein Erinnerungsfoto, oder auch drei.

Dann geht es gleich weiter. Ist frisch hier oben.
Auf der Passhöhe liegen Vergnügungsbuden, Restaurants und Hotels. Alle noch leer, zum Glück. In der Hochsaison, herrscht hier ein Gedränge wie auf der Kirmes. Habe ich zumindest auf Youtube gesehen.

Jetzt geht es auf der anderen Seite wieder hinab. Hier ist die Sonne schon ganz wach und malt meinen Schatten an die Felswände. Ein ruhiger und freundlicher Begleiter.

Ach guck an, HIER sind die gefährlichen Kehren. Da ist Nummer 10, in der der Fotograf von Kanyarfoto immer sitzt.

Okay, die sind wirklich nicht ohne, aber auch weit davon entfernt Mörderkuven zu sein. Ich fahre die gerade von oben nach unten, das ist einfacher als umgekehrt, aber ich bin mir sehr sicher, dass ich das auch ohne Probleme hinbekommen würde.

Als es wieder unter die Baumgrenze geht, ist es kurz nach Sieben und jetzt ist die Welt auf den Beinen. Lieferverkehr zum Stelvio kommt mir genauso entgegen wie Gruppen von Motorrädern und Sportwagen. Was ist denn hier los? Heute ist Donnerstag! Wie mag denn das erst am Wochenende aussehen?

Und dann fällt der Groschen. Es sind gar nicht in erster Linie die Kurven oder mangelndes Können, die zur großen Anzahl an Stürzen am Stelvio führen.
Es ist der Rummel!
Hier oben ist einfach viel zu viel los! Die Alpenpässe, und besonders das Stilfser Joch, sind so eine Art Abenteuerspielplatz für Besserverdienende, die hier mit ihren Spielzeugen langschrubben. Und wenn dann in den engen Kehren Wohnmobile, Porsches, Ferraris, Oldtimer, Mörder-Geländewagen, Traktoren, amerikanische Ambulanzfahrzeuge und Motorräder begegnen, vielleicht noch Gruppenzwang oder Übermut oder etwas Unsicherheit hinzukommen – DANN kommt es zu Umfallern Galore.
Ja, jetzt habe ich es begriffen.

Was ich nicht begreife ist, warum der Abzweig in die Schweiz auf sich warten lässt. Wo bin ich hier eigentlich? Ist das noch Italien? Irgendwo hier müsste doch jetzt eine Abbiegung in die Schweiz sein, oder nicht? Ich halte an und tippe auf Annas Display herum.

Urgh. Mist. Um in die Schweiz zu kommen, hätte ich vor dem Stilfser Joch links auf den Umbrailpass abbiegen müssen. Aber dann hätte ich den Pass selbst und die Nordseite nicht gesehen. Alter, ich habe mich so verfahren, dass ich im falschen Land gelandet bin? Das ist ein neuer Rekord, selbst für mich. Und nu? Stelvio wieder hochfahren?

Ich beäuge misstrauisch den mittlerweile durchgehenden Strom an Fahrzeugen, die sich zum Stilfser Joch hinaufschieben, und beschließe, dass ich darauf keine Lust habe. Ich habe meine Mission hier erfüllt – ich KÖNNTE die Kurven der Nordseite fahren, mehr wollte ich nicht wissen. Anna soll sich mal was ausdenken, wie wir von hier nach Freiburg kommen. Da wollen wir nämlich hin. Kann ja nicht so schwer sein, nach Freiburg zu finden.

Erst einmal finde ich jede Menge Orte, die ich vom Namen her kenne. Graun im Vinschgau, wo Jürgen Theiners von Motoprosa aufgewachsen ist. Oder Fis, wo Julia von Mädchenmotorrad heute lebt. Schade – hätte ich gewusst, dass ich mich hier hin verfahre, hätte ich angefragt, ob wir uns auf einen Kaffee treffen wollen.

Den Reschensee kenne ich auch vom Namen, da wollte ich auch schon immer mal hin. Der See ist künstlich und wurde angelegt für das Kraftwerk Glurns (hihi). Für seinen Bau wurden die Dörfer Graun und Rechschen geflutet, und der Kirchturm guckt immer noch aus dem Wasser.

Jeder Motorradfahrer muss diesen Turm mindestens einmal im Leben fotografieren, so will es das Gesetz. Ich habe dieses Soll jetzt erfüllt – und weiß nun auch, wie es links und rechts vom Kirchturm aussieht!

Immerhin ist hier auch ansonsten die Landschaft hybsch.

Wie kommen wir jetzt nach Freiburg, und das ohne Plakette, Anna?
“Nicht möglich”, sagt das Navi, und ich glaube, es hat sich verrechnet. Das kann doch nicht sein!

Ich ziehe das Handy zu Rate, aber Google Maps sagt ähnliches. Und dann meldet sich per Whatsapp noch Ali, sinngemäß mit “Mutig, am Feiertag in den Alpen rumzukurven”.

Hä? Was für ein Feiertag?
“Happy Kadaver!”, kommt es zurück.
WAS? HEUTE ist Fronleichnam? Oh man, das wusste ich nicht. Aber klar, das erklärt das hohe Verkehrsaufkommen hier. Also doch Autobahn? Mei, warum nicht, denke ich, hole mir eine Autobahnvignette an einer Tankstelle.

Mit der fahre ich auf die A6 – um nach zwei Kilometer wieder abzufahren, weil da Stau ist.

Anna führt und nun über Imst nach Tarrenz, aber auch dort kommen wir nie an – vor dem Ort ist auf der Landstraße ebenfalls Stau, weiter vorne ist anscheinend ein Wohnmobil verunfallt und die gesamte Straße gesperrt.

Genervt drehe ich um und fahre die Strecke zurück. Unterwegs denke ich angestrengt nach. Ich bin hier schon oft unterwegs gewesen, aber weil mich die Orte hier nicht interessieren, habe ich mir nie eine innere Landkarte gemalt. Aber Moment, DAS da kenne ich, das ist das Ötztal, an dessen Ende Sölden liegt. dann muss es in DIE Richtung nach Obsteig (hihi) gehen und dahinter geht es…

Kurze Zeit später rauscht die Morrigan den Fernpass hinauf. Hier kann man wirklich zügig fahren, es ist die Gegenrichtung, die gerade völlig zu ist. Alle wollen in die Alpen. Aus ihnen heraus und nach Deutschland will niemand. Außer mir.

So. Das waren die Alpen. Der Fernpass ist unten links auf der Deutschlandkarte, Freiburg auch, dass kann ja soweit nicht auseinander sein, sagt mein neuentdeckter Orientierungssinn selbstbewusst. Bestimmt bin ich gleich da. Oder?

“Noch 4 Stunden und 11 Minuten”, meldet Anna. WHAT?! Tatsächlich… Über 300 Kilometer ist das weg. Umrailpass und Schweiz wäre viel Kürzer gewesen, so habe ich einen gigantischen Umweg eingefahren. Mist.

Hilft ja nichts. So geht es erst per Autobahn nach Memmingen, dann zum Bodensee und dann… In den Stau. Natürlich hat auch hier der Fronleichnamswahnsinn in Tateinheit mit gutem Wetter zugeschlagen, dementsprechend ist ganz Bayern in seine SUVs gehüpft und hat sich in die Sonne auf die Straße gestellt. Nichts geht mehr, auch Nebenstrecken sind verstopft, und die vielen Baustellen tun ihr übriges.

Hier und da regelt die Polizei den Verkehr, aber am Ende brauche ich Sieben Stunden, bis ich endlich, ENDLICH in Freiburg ankomme und die V-Strom in einem Hostel abstellen kann, das auf Fahrräder spezialisiert ist.

Die Innenausstattung macht unmissverständlich klar, dass das hier der Schwarzwald ist.

Ich bin entsetzlich genervt, und mein erster Reflex ist: Ich will hier nicht bleiben. Ich will hier sofort wieder weg. Ich will NACH HAUSE! Wenn ich morgen um sechs Uhr losfahre, bin ich Mittags daheim. Ja, das will ich!

“Krieg Dich wieder ein”, sagt ein andere Teil von mir und argumentiert, dass erstens eine Motorradtour nicht mit so schlechten Gefühlen enden darf und ich zweitens nur so schlecht drauf bin, weil mir Schlaf und was zu Essen fehlen. Und drittens kann ich nicht einfach abhauen, weil ich eine Verabredung habe!

Die Verabredung ist Suse, die in Freiburg lebt. Nach einem gemeinsamen Abendessen und einem Bier sieht die Welt schon wieder ein Bißchen besser aus. Nicht viel, aber ein wenig.

Zumindest bis ich zurück zur Unterkunft komme, da verfinstert sich meine Laune schlagartig wieder. Nicht nur ist die V-Strom von einem Kombi zugeparkt, nein, im Garten unter meinem Zimmerfenster feiert eine Gruppe Radfahrer ausgelassen und gröhlt dabei rum wie eine Horde Primaten. Schönen Dank auch, ihr Penner.

Tour des Tages: Von Bormio über das Stilfser Joch und den Fernpass bis Memmingen, dann über den Bodensee nach Freiburg. 547 Kilometer in ca. 11 Stunden.

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12 Kommentare zu „Reisetagebuch (15): Oj oj oj oj am Stelvio

  1. Wenn ich so früh am Abzweig gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht auch zum Stelvio statt zum Umbrail hinreißen lassen. Aber als ich da gegen 9 Uhr war, hab ich die Massen schon gesehen, da nach rechts abfuhren.

  2. Umbrailpaß wäre landschaftlich auch schön gewesen.
    Mit Koffer im Stau durchschlängeln…..da habe ich ein gaaanz schlechtes Gefühl dabei.
    Bei der Aufzählung Fahrzeuge sind noch Busse erwähnenswert die gar nicht langsam hochfahren. Bei vielen Radfahrern setzt auch der Selbsterhaltungstrieb aus.

  3. Für mich ist die reizvollste Variante: sehr früh morgens den Umbrail hoch, an der Tibethütte die Bialetti anwerfen und dann gemütlich nach Bormio herunter (wo übrigens auch Kanyar–Fotos geschossen werden :-)). Die Rampe nach Trafoi finde ich auch landschaftlich nicht sooo ansprechend, dass sie sie ein zweites Mal fahren müsste.

  4. Lieber Silencer,

    Du weißt ja, dass ich deinem Blog gerne Folge und mich auf jeden neuen Tagesbericht freue!
    Dass die Fahrt zum Reschensee keine Absicht sondern ein Versehen war, stimmt mich gnädig und ich freue mich, wenn wir uns irgendwann einmal so auch immer zum Kaffee treffen…

    Aber eine Frage zieht sich durch deine Berichte: warum brichst du nicht die Brücken ab und wirst Italiener…. eine Namensvetterin von mir würde sich sehr freuen…

    1. Kaffee schaffen wir auf jeden Fall irgendwann!

      Die Frage der Fragen stelle ich mir des Öfteren. Aber ach, Verpflichtungen. Andere Menschen brauchen mich in Deutschland, und vermutlich wird das, was ich als Skills mitbringen kann, in Italien eher wenig gebraucht…

  5. Ich bin beim lesen deines Berichtes froh, dass ich die Gegend und die Pässe schon in den 80/90ern, außerhalb der Saison noch ohne den großen Rummel kennenlernen und fahren durfte. Damals war ich gerne dort unterwegs, später dann lieber in Frankreich.

  6. »Großer Andrang« – das fasst es gut zusammen. Ich war letzte Woche an 6 Tagen hintereinander unterwegs. Montag bis Freitag ging problemlos, hat richtig Spaß gemacht.

    Dann der Samstag. Ich fahre nicht mal einen bekannten Pass, sondern nur ein paar kleine Straßen, die etwas mehr Kurven aufweisen. Weißer Golf TDI peinlich schief montiertem Sportauspuffklöten (vermutlich beim Rückwärtseinparken beim Aldi Süd gegen den Bordstein gefahren?) drängelt erst von hinten, ist dann an den nächsten drei Ampeln exakt vor mir. Der ganze Stress und Radau hat sich gelohnt (Tempo 30 innerorts war ihm zu langsam).

    Die nächste kleine Steige hoch, ich bugsiere zwei Motorräder mittels Rechtsblinken und Handbewegung der Linken an mir vorbei. Es wird runtergeschaltet und beschleunigt. Ich bin mit der Tiger im 5. Gang bei gemütlichen 90 km/h unterwegs.

    In den Kurven bin ich eigentlich langsam. Sie sind langsamer. Ich habe sie wieder vor mir. In jeder Kurve. Ich komme mir da veralbert vor und wundere mich überhaupt nicht über Stürze oder schweißgebadete Geschichten über Mörderkurven.

    Würde man sich weniger stressen, wäre alles nicht so mörderisch. Ich fahre dann meine Tiger wohl weiter als hätte ich eine 350er oder 125er? Muss mir nur die Schriftzüge besorgen und gut sichtbar aufkleben. Dann ist es auch legitim nicht schnell zu sein. 😉

    Stelvio? Schaue ich mir täglich an. Der Nachbar hat ‘nen Alfa wo das hinten draufsteht. Ich glaube das ist für mich schon Aufregung genug. Ich muss da nicht zwingend hin.

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