Reisetagebuch Motorradherbst (1): Die Insel
Samstag, 27. September 2025
GrrrBrflhm?
Ach Mensch, da bin ich gerade eingeschlafen, da geht schon der Wecker. Es ist fünf Uhr.
Es ist fünf Uhr, und ich bin SEHR motiviert. Motiviert hier weg zu kommen!
Schnell drehe ich mir ein Marmeladenbrötchen rein und gucke dabei auf den Wetterbericht.
Hm.
Das sieht ja schon wieder interessant aus. Schneeregen in den Alpen.
Egal.
Sorgfältig lege ich Schicht um Schicht der Motorradklamotten an.
Merino-Baselayer, darüber die Airbagweste, dann die Außenschicht. Auf die Regenkombi verzichte ich vorerst – bis zum Mittag ist kein Wölkchen in Sicht, und mit 13 Grad ist es auch nicht soooo kalt.
In der Garage steht die Morrigan. Fertig gepackt, mit neuen Reifen, neuem Windschild und vor allem: Sauber.
Ich checke nochmal alles kurz durch, dann schiebe ich die Maschine auf die Straße und ziehe das Garagentor zu.
Ohrenstöpsel rein, und dann geht´s los. Die Dorfstraße runter, auf den Zubringer und ab auf die A7 nach Süden.
Herrlich, wieder auf Tour zu sein. Die Sommerfahrt ist zwar erst drei Monate her, aber die Wochen dazwischen waren gefüllt mit sehr, sehr viel Arbeit. Noch einmal weg zu fahren, das habe ich mir hart verdient.
Hart ist auch das Wetter. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und ich bin noch keine 70 Kilometer von zu Hause weg, da macht es plötzlich runter wie nichts Gutes. Wie war das? Kein Regenwölkchen bis zum Mittag? Gelächter! Bis ich endlich unter dem Dach der Tankstelle Hasselberg Zuflucht finde, bin ich schon einmal Klitschnass geworden.
Fluchend winde ich mich in Regenjacke und -Hose, Handschuhe und Stiefel sind ohnehin Wasserdicht. Das wird mir eine Lehre sein – in Zukunft ziehe ich IMMER gleich die Regenklamotten bei dieser Art Fahrt an.
Der Regen begleitet mich, aber das ist mir egal. Ich bin oft und lange genug im Regen gefahren um mich davon nervös machen zu lassen.
144 Kilometer: Stop bei Hummelskopf West,
267 Kilometer: Stop bei Wolfsgraben West,
305 Kilometer: Tanken bei Ohrenbach West
Der ideale Reisezustand ist: Fahrer leer, Motorrad voll.
532 Kilometer: Stop bei Rottachtal
Hey, es hat aufgehört zu regnen! Und jetzt sind wir schon bei Füssen. Hier geht es über die Grenze zu Österreich. Aus der A7 wird die 179, und hinein geht es in die Alpen und ab über den Fernpaß.
An Telfs gehts über die Dörfer, dann nach Innsbruck hinein. Die Stadt bring mich heute mit zahllosen Baustellen, Staus, Ampeln und Brückensperrungen an die Geduldsgrenze, aber schließlich finde ich doch einen Weg über den Inn und über die Bahn und dann ins Stubaital.
Die 182 ist wunderbar kurvig und führt über Matrei am Brenner an Orten mit lustigen Namen vorbei, wie “Mauern”, “Wolf” oder “St. Jodok”. Letzteres klingt wie ein klingonischer Priester.
Die alte Brennerstraße ist gut zu fahren, und schon wenig später bin ich in Sterzing und damit am heutigen Etappenziel.
Als ich vor dem Hotel Larch anhalte, den Helm abnnehme und den Gehörschutz entferne höre ich – nichts. Auf dem rechten Ohr herrscht Todesstille, dann fängt es leicht an zu fiepen. Ach Du Scheiße, was ist DAS denn? Ist am Ende der Gehörschutz, eine angepasste Otoplastik, so tief in den Gehörgang gerutscht, das sie auf dem Trommelfell auflag? Dann wären alle Vibrationen und Geräusche direkt darauf übertragen worden.
Ach schiet. Hoffentlich gibt sich das wieder. Taub durch Gehörschutz, dass muss man auch erstmal hinbekommen.
Nunja, ist jetzt nicht mehr zu ändern.
Mißmutig trage ich die Koffer zum Haus.
Oh, erst 15:30 Uhr – etwas zu früh, Check-in im “Larch” ist erst um 16:00 Uhr. Neun Stunden für 710 Kilometer. Nicht schlecht.
Na dann, gucke ich mir halt die Landschaft an. Mir wird ja nie langweilig. Oh, auf den Bergen liegt schon Schnee!
Das Zimmer ist dieses Mal klein und unterm Dach. Macht aber nichts, hier laufen wenigstens nicht viele Leute vorbei – gerade ist eine Busladung französischer Renter angekommen.
Vor zwei Jahren hatte sie exakt einen Tag geschlossen, genau an dem, an dem ich hier war. Jetzt ist es wieder offen: Die V-Motor-Bar.
2023 ist hier eine Schlammmuräne durchgerauscht und hat das ganze Grillrestaurant verwüstet.
Davon ist nichts mehr zu sehen.
Darf ich hier eigentlich noch einkehren? Immerhin fahre ich jetzt keinen V-Twin mehr, die neue V-Strom hat einen Parallelmotor. Ach, egal. Der Smokehouse Burger schmeckt fantastisch!
Abends, im Bett, lausche ich dem Trommeln des Regens auf dem Dachfenster und meine, immer noch den Fahrtwind im Gesicht zu spüren.
Tour des Tages: 710 Kilometer in neun Stunden.
Sonntag, 28. September 2025
Spannend wird es bei dieser Art Tour immer erst am zweiten Tag. Aber das auch erst am Abend. Morgens ist noch alles easy, sieht man von den französischen Rentnern und der anhaltend hohen Luftfeuchtigkeit ab. Besser gleich in die Regenklamotten steigen. Die schützen auch gegen die klammen 8 Grad.
Um schnell durch die Alpen zu komme, nehme ich die Brennerautobahn. Das kostet Maut, aber das ist mir heute egal. Ich möchte nur gemütlich über die Bahn cruisen und möglichst schnell Strecke machen. Deshalb fahre ich auch nicht bei Mantua ab, sondern folge der bis Modena und mache erst dort den Schlenker auf die Landstraße und dann in die Berge. Das hat jetzt fünf Euro mehr gekostet, aber eine ganze, langweilige Stunde durch die Po-Ebene gespart.
Kurz überlege ich, Giulietta zu überraschen. Das wäre problemlos möglich, ich müsste nur etwas weiter nördlich in die Berge einfahren, dann läge ihre Farm auf dem Weg.
Ich entscheide mich dagegen – sie wollte nicht auf die Tour mitkommen, und wenn ich jetzt nur auf einen Caffé vorbeifahre, ist das irgendwie doof.
Also fahre ich eine andere Tour durch die Berge. Die ist etwas zippelig und führt über kleine Bergstraßen, aber immerhin kenne ich die noch nicht, und schön zu fahren ist sie auch. Es geht einmal rund um den Monte Cima, den größten Berg der Region, den man auch von der Fischfarm seht. Hier im Appennin ist schon zu bemerken, dass der Herbst näher kommt.
Bei Pistoia, nördlich von Florenz, kommt die Straße aus den Bergen heraus. Hinter Empoli schwenke ich nach Westen, auf die Küste zu und vorbei an Pisa.
Endstation für heute ist in Livorno, wo die V-Strom gegen 17:00 Uhr beim LÜDL ankommt. Der liegt in der Näge des Hafens und zwischen gigantischen Flächen voller Autos, die zum Export bestimmt sind oder Importiert wurden.

Was ist bloß mit diesem Auto passiert? Aufgebrochen, Spritztour gemacht und dann hier stehen lassen?
Möwen hüpfen um die Abfallbehälter herum und schauen gierig dabei zu, wie ich mich an dem Fertiggebäck aus der Convenience-Theke satt esse und dann die gekauften Wasserflaschen in leichte und aufrollbare Wasserschläuche umfülle.
Nicht weit entfernt, in der Viale Mogadiscio, liegt unter einer Schnellstraße die Zufahrt zum Dock von Grimaldi.
Gerade ist das noch geschlossen, aber als gegen 17:50 das große Tor geöffnet wird, verkeilen sich sofort Autos und Wohnmobile vor der Einfahrt. Ich habe es nicht eilig und stehe trotzdem als einer der Ersten vor den Damen, die die Boardingaufkleber verteilen. Meine ist nett und pappt den nicht auf den Windschild der V-Strom, sondern pfriemelt den sorgfältig um den Spiegel. Das ist gut, so geht der wenigstens ohne Rückstände ab.
Als erstes Motorrad steht die Morrigan vor dem Terminal, hinter dem gegen kurz nach 18 Uhr schon langsam die Sonne untergeht.
Das Licht schwindet, die Zahl der Ankommenden steigt. Motorräder aller Marken und Sorten trudeln ein. Ein Tscheche fährt eine große Goldwing neben die Morrigan, Deutsche Gruppen kommen mit ihren unvermeidlichen GSen an, und sogar ein paar V-Stroms sind dabei.
Ich sitze auf der einzigen Bank am Motorradparkplatz und lese, die anderen Fahrer (und es sind nahezu ausschließlich Männer) vertreiben sich die Zeit mit Benzinreden.
Ein Mann um die 65 ist in ein Gespräch vertieft und hält sich dabei am Griff der Morrigan fest, fummelt unbewusst daran und fängt schließlich sogar an, daran eherumzuknibbeln, bis sein Gesprächspartner ihn darauf hinweist, dass er das lassen soll, weil “der schon böse guckt” und damit mich meint und damit vollkommen recht hat.
Als es dunkel ist, ist der Platz vor dem Terminal voll mit Motorrädern.
Um 19:30 Uhr kommt endlich die Cruise Europe, dreht bei und legt rückwärts an.
Eine junge Frau mit einem kleinen Hund will sofort zu Fuß auf das Schiff zustürzen, wird aber von einem Wachmann zurückgepfiffen und gebeten zurück zu bleiben, damit erstmal alle Passagiere und Fahrzeuge von der Fähre an Land können. Anstatt das einfach zu tun, beginnt die Frau rumzudiskutieren und immer lauter zu werden, bis der Hund vor lauter Aufregung zwei dicke Würste mitten auf den Fußweg kotet. Das löst die Anspannung, die Wachposten lachen und jetzt hat die Frau erstmal was zu tun.
Um 20:30 beginnt die Verladung. Die Motorräder dürfen als erstes auf´s Schiff. Sofort lassen alle die Motoren an und keilen richtig Rampe. Ich lasse mir Zeit und winke im Sattel sitzend die anderen vor. Ich kenne ja mittlerweile diese Fähre und wie hier verladen wird. Die Motorräder werden frontal vor die Bugwand gestellt. Wer jetzt als erster ins Schiff fährt, kommt morgen als letzter raus. Umgekehrt ist die Chance recht hoch, morgens als erstes vom Schiff zu kommen, wenn man als letztes ins Schiff fährt.
Als eine der letzten Maschinen kommt die Morrigan an Bord. Routiniert steuere ich sie die steile Rampe hoch, parke in einer Reihe hinter den anderen Maschinen und stelle bei eingelegtem Gang den Motor ab.
Jetzt noch ein Klettband um den Bremshebel…
…und ein Handtuch auf den Sattel und damit ist die V-Strom schon reisefertig. Vertäuung macht die Deckcrew, oder auch nicht, bei Grimaldi weiß man das nie so genau. Zumindest besteht dieses Mal auch niemand darauf, dass der Hauptständer genutzt wird. Hätte das wer getan, hätte ich schlicht behauptet der sei kaputt. Kein Bock auf so einen Quatsch.
Ich hole den kleinen Rucksack mit meinen Bordsachen aus dem Topcase und schließe dafür den Helm ein, dann laufe ich in Richtung Treppenhaus und präge mir dabei Decknummer und Parksektor ein und später, wo genau dieses Treppenhaus endet.
An der Rezeption auf Deck 7 gibt es die magnetischen Pappkarten, die die Kabinenschlüssel sind. Die bloß nicht in die Tasche mit dem Handy packen, sonst sind sie gleich kaputt.
Meine Kabine ist eine mit zwei Betten. Das ist gut, so kann ich mich ausbreiten und erstmal was zu Abend essen. Kaltes Cevapcici aus der Alu-Schale. Fähren-EPA. Hmmm, lecker. Qualitativ genauso gut wie das, was hier auf der Fähre serviert wird, aber wesentlich günstiger.
Auf Deck ist es ganz schön windig. Trotzdem tanzt hier gerade eine Gruppe, vermutlich aus Vorfreude auf den Urlaub.
Der Rest des Oberdecks ist in kaltes blau getaucht.
Um 22:30 Uhr legt das Schiff ab, und gleitet langsam aus dem Hafenbecken von Livorno hinaus in die Nacht.
Montag, 29. September 2025
Irgendwas brabbelt durch die Gänge. Die Lautsprecheranlage des Schiffs ist qualitativ aus dem Jahr 1938, zu verstehen ist praktisch nichts.
Ich blicke auf die Uhr. 05:45? Gehts dennen noch gut?
Ich drehe mich nochmal auf die Seite. Nicht, dass ich die Nacht viel geschlafen hätte – in der Kabine war es fürchterlich heiß.
Um 06:00 Uhr folgt eine zweite Durchsage, ebenso um 06:15, 06:30, 06:45 und um 07:00.
Die letzten erlebe ich schon gar nicht mehr in der Kabine, weil ich auf dem Oberdeck im kalten Wind stehe und zuschaue, wie aus dem ersten, zarten Licht um 06:45 ein Sonnenaufgang wird, während sich die Cruise Europe Sardinien nähert.
Das Schiff dreht bei, und nach einer elendig langen Wartezeit dürfen um 07:45 endlich alle das Schiff verlassen. Zu meinem Erstaunen waren die Moppeds dieses Mal wirklich gesichert, die Deckcrew löst gerade die Spanngurte.
Das Ausschiffen geht dieses Mal einigermaßen geordnet, und kurz darauf rollt die Morrigan von Deck, zirkelt vorsichtig aus dem Hafen raus und rauscht dann über die Schnellstraße über die Stadt Olbia hinweg und hinaus ins Hinterland.
Die Sonne scheint, und ich folge meinem ersten Reflex und fahre an den Strand bei Punta di Volpe, um mich dort in die Morgensonne zu legen.
Dooferweise ist der ganze Strand von einer dicken, pelzigen Schicht trockener Algen bedeckt. Nee, hier will ich mein Handtuch nicht ausbreiten!
Ich dudele langsam (geht ob des hohen Aufkommen an deutschen Wohnmobilen auch nicht anders) gen Norden.
Ich finde sogar den Toilettenbaum wieder, der erstaunlich zugewachsen ist. Als ich an dem halte, zieht auch noch ein anderes Fahrzeug in die Parkbucht. Ein älteres Ehepaar steigt aus und fotografiert den Strand, den man vorn hier aus sieht.
Ich warte, dass die endlich abhauen, aber sie lassen sich Zeit mit der Bewunderung der Landschaft. Na dann halt nicht, denke ich, und betrete den Toilettenbaum. Ich muss mal!
Aus dem Inneren des hohlen Gewächses höre ich, wie die Frau sich wundert, wo der Motorradfahrer abgeblieben ist, der hier doch gerade noch war. Tja, Zauberei, der ist vom Erdboden verschwunden!
Nach der kurzen Pause geht es noch einmal vierzig Kilometer weiter, bis die V-Strom zum ersten Mal eine kleine Rampe hinabrollt und vor einem Condominio, einer Wohnanlage, zum Stehen kommt.
Also, DIESE V-Strom rollt hier das erste mal vor. Ihre Vorgängerin war schon drei Mal hier, und hat dabei ordentlich gelitten. Der Parkplatz liegt nämlich über dem Meer, und bei Sturm ist die Luft hier so voller Salz, dass die Aluteile der Suzuki anfangen weiß zu blühen.
Ich bin noch nicht ganz aus dem Sattel, als mir etwas Rothaariges entgegenfliegt, und ehe ich es mich versehe, werde ich fest umarmt und abgebusselt. Es ist Mariella, Besitzerin des kleinen Appartements, das in den kommenden Tagen mein Zuhause sein wird.
“Schlüssel steckt”, ruft sie noch, springt in ihren schwarzen Citroen und zischt davon. Ich greife meine Koffer und steige die Treppen zum Appartment “Gli Ulivi” hinauf. Ach guck an, seit meinem letzten Besuch im vorvergangenen Jahr hat Familie Schwalbe angebaut – in die Höhe!
Als ich die Wohnung betrete, muss ich das nächste Mal schmunzeln. Auf dem Küchentisch liegt eine Melone, daneben steht ein Glas mit selbstgemachter Pflaumenkonfitüre und ein Päckchen in Alufolie, das verdächtig nach Kuchen aussieht.

Bevor ich mich dem widme, fahre ich aber erst noch schnell einkaufen. Zehn Kilometer von Gli Ulivi entfernt ist ein Eurospin, wo es Lebensmittel gibt, und daneben ein China-Shop. In Italien bedeutet das: Eine Lagerhalle, angemietet und betrieben von einer chinesischen Familie oder Organisation, die Containerweise importiertes Zeug da reinpacken. Und zwar wirklich ALLES.
In einem guten Chinashop gibt es alles, von Reizwäsche über Handykarten und Abendkleidung bis hin zu Eisenwaren und Spielkonsolen. Ich kaufe hier nur ein Mittel gegen Stechmücken, bewundere aber die Auswahl.
In der warmen Abendluft genieße ich die Ruhe und die Gewissheit, dass ich vom Radar verschwunden bin. Ich mache mir ganz bewusst:
Ich bin weg.
Ich bin ab jetzt für nichts verantwortlich außer dafür, dass es mir gut geht.
Ich muss an nichts denken.
Ich muss nichts machen.
Ich kann tun und lassen, was ich will und wann ich es will.
Mit diesem Mantra koche ich mir ein wenig Pasta und mache es mir auf dem Balkon bequem.
Tour des Tages: Von Olbia nach Castelsardo, ungefähr 150 Kilometer.
Nächste Woche: Weg



















































































Ein Kommentar zu „Reisetagebuch Motorradherbst (1): Die Insel“
China City. 😂